Irak: Russland schließt vor Unabhängigkeitsreferendum Mega-Erdgasdeal mit Kurdenregion

Irak: Russland schließt vor Unabhängigkeitsreferendum Mega-Erdgasdeal mit Kurdenregion
Der russische Energiekonzern Rosneft hat am Montag ein umfangreiches Erdgas-Exportabkommen mit der Kurdischen Autonomieregion im Nordirak abgeschlossen. Der kurdische Politikexperte Diliman Abdulkader glaubt, Russland ist dem anstehenden Referendum gegenüber aufgeschlossen.

von Ali Özkök

Der russische Energieriese Rosneft hat am Montag ein umfangreiches Erdgas-Exportabkommen mit der Kurdischen Autonomieregion im Nordirak geschlossen. Investitionen des russischen Staatsunternehmens sollen dabei helfen, die Autonomieregion mit ihrer Hauptstadt Erbil zu einem bedeutenden Erdgas-Exporteur in die Türkei und nach Europa zu machen.

Die Kurdische Autonomieregion exportiert seit dem Jahr 2014 unabhängig von der Bagdader Zentralregierung Erdöl über die Türkei ins Ausland. Dieses Jahr stieg Rosneft auf dem kurdischen Käufermarkt ein, indem es Erbil ein millionenschweres Darlehen gewährte, dessen Tilgung durch künftige Ölverkäufe garantiert sei.

Ein C-17-Frachter der amerikanischen Luftwaffe auf dem Stützpunkt Ramstein, Juni, 2015.

Rosneft beschloss zudem, seine Investitionen in den kurdischen Erdgas-Sektor künftig noch auszuweiten. Das russische Energieunternehmen einigte sich nun auch mit der Kurdischen Regionalregierung in Erbil auf die Finanzierung von Erdgas-Pipelines, teilte Rosneft am Montag mit. Die New York Times zitierte Insider-Quellen, die angaben, dass das Abkommen rund eine Milliarde US-Dollar schwer ist.

Russland billigt eigenständigen Rohstoffverkauf

Für den 25. September ist in der Kurdischen Autonomieregion ein Unabhängigkeits-Referendum angesetzt. Deren Präsident Masud Barzani möchte mehr Selbstständigkeit für die Kurden-Region im Norden des Iraks. In den letzten Jahren hatte es immer wieder Debatten mit der irakischen Zentralregierung in Bagdad über die Verteilung von Etateinnahmen sowie die Aufteilung der Erdölexporte gegeben.

Mehr zum Thema:  Wenige Tage vor Kurdistan-Referendum – Irak droht: "Zweites Israel" lassen wir nicht zu

Der Experte für kurdische Studien bei der US-amerikanischen Denkfabrik EMET, Diliman Abdulkader, glaubt, dass Russland dem Unabhängigkeitsreferendum Erbils gegenüber aufgeschlossen ist. Der Kolumnist für das kurdische Nachrichtenportal NRTE sagte RT Deutsch:

Das Abkommen zwischen der Kurdischen Autonomieregion und Russland über die Gaspipeline zeigt die Unterstützung Russlands für das bevorstehende Referendum. Wenn wir zurückblicken, hat der russische Außenminister in der Vergangenheit erklärt, dass die irakischen Kurden das Recht haben, ein solches Referendum abzuhalten. Das bedeutet auch, dass Russland die Kurden darin legitimiert, die Ressourcen unabhängig vom Irak zu verkaufen.

Moskau setzt seine Hoffnungen darauf, dass der Wille des kurdischen Volkes friedlich zum Ausdruck kommen kann, wobei geopolitische, demografische und wirtschaftliche Aspekte berücksichtigt werden müssen, da "die Kurdenfrage die irakischen Grenzen weit überschreitet und auch die Nachbarländer umfasst", sagte der russische Außenminister Sergej Lawrow. Demnach müssen "die legitimen Bestrebungen der Kurden, wie auch anderer Menschen, im Rahmen des Völkerrechts umgesetzt werden".

Erbil braucht Geld für den Kampf gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat" und eine durch niedrige Ölpreise verursachte Haushaltskrise.

Die Kurden-Region hat sich bisher zur Verbesserung seiner Haushaltsposition auf Ölvorfinanzierungsabkommen verlassen. Zeitgleich versuchte Erbil alles, um seine großen Erdgasreserven zu erschließen, was langfristig gesehen allerdings noch mehr Investitionen erfordern wird.

Türkei wird aus wirtschaftlichem Eigeninteresse nicht militärisch intervenieren

Die Vereinbarung mit Rosneft beschleunigt noch einmal die Erdgas-Förderung im Nordirak. Bisher waren in diesem Sektor vor allem mittelständische Unternehmen präsent, schreibt die New York Times. Für Rosneft, das weltgrößte börsennotierte Erdölunternehmen, stellt das Abkommen einen wichtigen Schub mit Blick auf seine internationalen Erdgasambitionen dar.

Mehr zum Thema: Russischer Ölkonzern Rosneft bestätigt: Schröder ist Kandidat für Aufsichtsrat

Für die Türkei, durch die alle kurdischen Energieausfuhren gehen, bedeutet der Deal ein Mehr an Energiesicherheit für die eigene energiehungrige Volkswirtschaft und das Potenzial, indirekt mit russischer Hilfe zu einem wichtigen Zentrum für Erdgaslieferungen nach Europa zu werden.

In diesem Zusammenhang glaubt Abdulkader deshalb auch nicht, dass die Türkei einen harten Konfrontationskurs gegenüber Erbil fahren wird, weil die wechselseitigen Wirtschaftsbeziehungen mittlerweile zu bedeutend seien. Gegenüber RT Deutsch äußerte er mit Blick auf die türkischen Militärübungen, die am Montag an der Grenze zum Nordirak begannen:

Ich bezweifle sehr, dass die Türkei militärische Maßnahmen gegen Erbil ergreifen wird, was im Wesentlichen auf die starken wirtschaftlichen Bindungen zurückzuführen ist, zu denen auch ein Ölabkommen gehört, das die Türkei braucht. Auch jetzt, da Russland ein Gasabkommen unterzeichnet hat, kann der Kreml als Vermittler zwischen der Kurdischen Autonomieregion und Ankara fungieren, wobei die wirtschaftlichen Interessen für alle Beteiligten im Auge behalten werden.

Enormes Erdgasvorkommen harrt der Erschließung

Die Kapazität der neuen Pipelines soll dazu ausreichen, neben der Versorgung der einheimischen Verbraucher auch bis zu 30 Milliarden Kubikmeter Erdgas pro Jahr ins Ausland auszuführen. Auf dem Gebiet der Kurden-Region liegt eines der größten unerschlossenen Erdgasvorkommen der Welt.

Die New York Times glaubt, dass Rosneft große Mengen an Erdgas für den Export aufbereiten will. Die US-Zeitung berichtet, schon bald könnten bis zu sechs Prozent des gesamten europäischen Gasbedarfs aus dem Nordirak gedeckt werden. Das entspräche rund einem Sechstel des russischen Gasexports nach Europa.

Die Pipeline wird dem Plan zufolge im Jahr 2019 zunächst für den kurdischen Inlandsgebrauch errichtet. Die Exporte ins Ausland sollen im Jahr darauf beginnen. Erbil strebt an, die Ölexporte bis zum Ende dieses Jahrzehnts von derzeit 0,65 Millionen auf eine Million Barrel pro Tag zu steigern.

Mehr zum Thema:  Opec-Treffen in Sankt Petersburg: Förderbegrenzung scheitert an USA