Exklusiv-Interview: "Russland will Syrien als Mediator befrieden und al-Kaida-Ableger zerschlagen"

Exklusiv-Interview: "Russland will Syrien als Mediator befrieden und al-Kaida-Ableger zerschlagen"
Nach der Befreiung von Deir ez-Zor ist die Region Idlib noch in der Hand von Terroristen. RT Deutsch sprach mit dem Nahost-Analysten Samuel Ramani vom "Russischen Rat für Internationale Angelegenheiten" über die neuesten Entwicklungen im Syrien-Konflikt.

von Ali Özkök

Die syrische Armee hat die ostsyrische Stadt Deir ez-Zor vom "Islamischen Staat" eingenommen und könnte sich bald der Region Idlib widmen. Dort agiert die Terrorgruppe Al-Nusra-Front. Ob eine Offensive erfolgt, ist von mehreren Faktoren abhängig. RT Deutsch sprach mit dem Nahost-Analysten Samuel Ramani vom "Russischen Rat für Internationale Angelegenheiten" über die neuesten Entwicklungen und seine Prognosen für den Syrien-Konflikt.

Die syrische Armee hat die ostsyrische Stadt Deir ez-Zor von der Terrormiliz "Islamischer Staat" eingenommen. Ist damit der Krieg für Präsident al-Assad und Russland gewonnen?

Die Einnahme von Deir ez-Zor stellt einen wichtigen Sieg für die syrische Armee dar. Aber ob die Rückeroberung bedeutet, dass Assad einen kompletten Sieg in Syrien erreicht hat oder nicht, ist davon abhängig, wie Sieg definiert wird.

Bildquelle: Russisches Verteidigungsministerium

Von einem russischen Standpunkt betrachtet ist die Einnahme ein Zeichen, dass Moskaus Ziele in Syrien erreicht wurden. Russlands Militärkampagne in Syrien seit September 2015 diente dazu, den Sturz von Baschar al-Assad zu verhindern. Der Erfolg in Deir ez-Zor sichert dieses Ziel vollständig ab.

Dieser Sieg wird auch dafür sorgen, dass die Verhandlungsposition von al-Assad in den nachfolgenden syrischen Friedensverhandlungen stark gestärkt wird, was ebenfalls ein wichtiges russisches Ziel ist. Für die syrische Regierung jedoch definiert sich der Sieg in Syrien darüber, wieviel Territorium zurückerobert werden kann. Diese Mission hört nicht mit der Einnahme von Deir ez-Zor auf. Damit sich al-Assad wirklich siegreich fühlen kann, müssen die Rebellen-Regionen in Idlib und andere im Westen unter seine Kontrolle fallen. Ich denke, dass der militärische Sieg in Deir ez-Zor insbesondere ein Erfolg für Russland ist, aber ein unvollständiger aus al-Assads Perspektive.

Die USA erklärten, dass sie die "Demokratischen Kräfte Syriens" bei einem Vorstoß auf die Provinz Deir ez-Zor unterstützen. Inzwischen rückten die kurdischen Truppen auch auf die Provinzhauptstadt vor. Könnte das Spannungen zwischen den USA und Russland auslösen?

Ich glaube nicht, dass die US-Unterstützung für die so genannten Demokratischen Kräfte Syriens (SDF) große Spannungen mit Russland auslösen wird. Die SDF sind größtenteils nördlich und östlich des Euphrat-Flusses stationiert. Die syrische Armee operiert hauptsächlich südlich und westlich des Euphrat-Flusses. Die geografische Differenz sorgt dafür, dass es kaum unmittelbare Konfliktmöglichkeiten gibt. Beide Seiten versuchen, den "Islamischen Staat" zu schwächen. Das ist für Russland und die USA gleichermaßen vom Vorteil.

Für die russischen politischen Entscheidungsträger könnten sich Fragen entwickeln, sollten die USA die kurdische Sache der SDF zu sehr stärken. Das würde aber unweigerlich für alle Seiten zu einem unvorhersehbaren Rückschlag in den Beziehungen zur Türkei führen. Aber dieses Szenario ist noch weit weg, da das Ausmaß der US-Unterstützung für die SDF noch unklar ist.

Was kommt für die syrische Armee nach der Eroberung von Deir ez-Zor?

Der nächste Schritt der syrischen Armee ist schwierig vorherzusagen, aber die Bekämpfung der al-Kaida-nahen Al-Nusra-Front, auch als Hayat Tahrir al-Scham bekannt, in der Provinz Idlib ist wahrscheinlich das nächste Ziel. Die Zurückdrängung von al-Nusra und anderen islamistischen Netzwerken aus Idlib und die Übernahme der Kontrolle über die Provinzhauptstadt ist von großer Bedeutung für al-Assad. Al-Nusra wurde vom Westen bisher nicht so aggressiv ins Visier genommen wie der "Islamische Staat".

Es könnte allerdings eine kurze Pause oder Verlangsamung im Tempo der Aktionen der syrischen Armee geben. Damaskus müsste zunächst seine Hauptverbündeten Russland und Iran davon überzeugen, dass ein territorialer Angriff gegen al-Nusra in Idlib ohne massive Verluste gelingen könnte. Ich denke, ein Einmarsch in Idlib ist unvermeidlich.

Was glauben Sie, wie Syrien in zwei Jahren aussehen wird?

In zwei Jahren könnte sich in Syrien ein so genannter Frozen Conflict einstellen. Bis dahin wird al-Assad seine Kontrolle über Damaskus, Aleppo und andere große syrische Städte zementieren. Der "Islamische Staat" wird bis dahin wahrscheinlich völlig besiegt sein. Sein Gebiet wird von der syrischen Regierung und der kurdischen YPG-Miliz eingenommen. Die Präsenz der syrischen Armee und der Kurden-Miliz machen Syrien künftig geopolitisch wesentlich vorhersehbarer, als es das heute ist.

Die Kurden-Miliz YPG, die hinter der SDF steht, könnte allerdings gegenüber al-Assad aggressiver werden. Sunnitische Extremisten wie der IS oder al-Nusra könnten ihre Strukturen im Untergrund weiter aufrechterhalten. Auch von dieser Position aus dürften sie die Stabilität des Landes weiter angreifen. Diese Situation hat das Potenzial, in eine vorübergehende Wiederbelebung von Feindseligkeiten überzugehen, ähnlich wie wir es im Irak über das gesamte letzte Jahrzehnt hinweg erlebten.

Was möchte Russland strategisch in Syrien erreichen?

Ein T-72-Panzer der Republikanischen Garde Syriens an der Frontlinie eines Außenbezirks von Deir ez-Zor.

Russlands Ambitionen werden von zwei Zielen bestimmt. Das erste ist die Wiederherstellung der politischen Stabilität in Syrien. Das erfordert die Zerstörung des "Islamischen Staates" in Syrien und den Wechsel hin zur politischen Beilegung der Konflikte zwischen syrischer Regierung und Oppositionskräften. Wenn der Krieg in die Phase eines Frozen Conflicts übergeht, wird Russland seine Fähigkeiten als wirksamer Mediator gegenüber der internationalen Gemeinschaft beweisen. Das wird auch die Glaubwürdigkeit seiner diplomatischen Initiativen in Libyen, Afghanistan und im Jemen stärken. Der zweite große Treiber für Russland ist die Bedrohung durch den Terrorismus, ausgehend von Syrien. Das Risiko einer Überflutung mit Terrorismus ist auch infolge der Lage in Afghanistan gestiegen. Dort verzeichneten die Taliban in den letzten Monaten entscheidende Territorialgewinne. Der Terrorismus kann schnell auf Zentralasien und dann Russland überschwappen. Mit Blick auf den Kaukasus möchte Moskau den Einfluss extremistischer Gruppen in Syrien unbedingt limitieren.

Warum könnte Russland Interesse an der Situation in der Region Idlib haben?

Russland will idealerweise, dass die Al-Nusra-Front in Idlib besiegt wird. Es hat al-Nusra noch lange vor den USA als terroristische Organisation gelistet. Russland würde einer Offensive der syrischen Armee aber nur zustimmen, wenn es eine hohe Gewissheit eines Sieges gibt. Die Rekrutierungsbemühungen des syrischen Militärs zeigen die Grenzen der Armee trotz der jüngsten Territorialgewinne. Schätzungen lassen vermuten, dass die Truppenstärke der syrischen Armee seit 2011 halbiert wurde. Eine Offensive im Stile von Aleppo würde wahrscheinlich umfassende militärische Unterstützung aus Russland erfordern. Diese ist Moskau zum jetzigem Zeitpunkt nicht bereit, zu geben.

Was ist die Position des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad mit Blick auf die kurdische YPG-Miliz im Norden des Landes? Wird Damaskus die Autonomie der YPG akzeptieren?

Al-Assads offizielle Position ist, dass er alle verlorenen Gebiete in Syrien zurückerobern will. Trotz der faktisch kaum vorhandenen Machnbarkeit einer Wiederherstellung des politischen Status von vor 2011 hat sich der Präsident geweigert, die Idee öffentlich aufzugeben.

Abgesehen davon wird al-Assad wahrscheinlich am Ende dazu gezwungen sein, die kurdischen YPG zu akzeptieren. Zwar hat die syrische Armee eine große Widerstandsfähigkeit, aber immer noch zu wenig menschliche Ressourcen, um die kurdischen Territorien in ihrer Gesamtheit zurückzuerobern.

Russische Politiker signalisierten wiederum Interesse an einer Förderung der kurdischen Autonomie. Außerdem sind sie bereit, den Kurden in den syrischen Friedensgesprächen eine größere Bedeutung zuzugestehen. Das bevorstehende Kurdistan-Referendum im Nordirak hat auch dazu geführt, dass die russischen Entscheidungsträger zum ersten Mal Offenheit bezüglich einer kurdischen Unabhängigkeit ausdrückten. Das könnte dazu führen, dass al-Assad die YPG-Herrschaft im Norden widerwillig akzeptieren muss, auch wenn sich seine Rhetorik anders äußert.

Zuletzt besuchte der iranische Generalstabschef die Türkei und beide Staaten einigten sich auf ein pragmatisches Kooperationsverhältnis. Was bedeutet das für Syrien?

Die zunehmende Kooperation zwischen der Türkei und dem Iran in der kurdischen Frage hilft dem politischen Interesse von al-Assad enorm. Die Türkei hat das rhetorische Interesse an aggressiven Angriffe gegen die YPG in Syrien zum Ausdruck gebracht. Erdogans Erklärung am 2. August über die "Ausweitung des Dolches, den das türkische Militär mit der Euphrat-Schild-Operation hineinrammte", auf das YPG-Gebiet unterstrich seine militante Opposition gegen eine kurdische Autonomie. Die syrische Regierung betrachtet eine kriegerische Haltung gegenüber der YPG als eine Möglichkeit, ein Friedensabkommen mit der Türkei zu zementieren. Hinzu kommt, dass die Türkei damit von ihren Regime-Change-Ambitionen in Syrien Abstand nehmen könnte.

Wenn der Iran zum Schluss kommt, dass die Zusammenarbeit mit der Türkei im Rahmen einer militärischen Kampagne gegen die YPG Erdogan dazu veranlasst, das Überleben von al-Assad zu akzeptieren, könnte auch die iranisch-türkische Partnerschaft überleben und zu einem gemeinsamen Handeln gegen die YPG führen.

Kurzfristig ist eine erfolgreiche türkisch-iranische Niederschlagung der YPG unwahrscheinlich, da das den Rückzug der USA aus Syrien erfordern würde. Aber eine Offensive gegen das von der YPG gehaltene Afrin, das nicht von den USA beschützt wird, ist in jedem Fall auf dem Tisch. Das könnte ein Präzedenzfall für nachfolgende militärische Interventionen gegen die YPG darstellen.

Israel fordert von Russland Hilfe gegen den Iran. Was steht Moskau zu diesen Forderungen?

Bildquelle: Press Service of the President of Syria

Moskau sucht ein heikles Gleichgewicht zwischen Israel und dem Iran in Syrien. Die russische Seite versucht zu vermeiden, eine der beiden Seiten bedingungslos zu unterstützen. Um Israel zu beschwichtigen, wird es seine diplomatischen Beziehungen zum Iran und der Hisbollah nutzen, um diese Akteure davon zu überzeugen, ihre militärische Aufmerksamkeit auf sunnitisch-extremistische Gruppen und nicht auf Israel zu fokussieren.

Dennoch werden die russischen Entscheidungsträger darauf achten, die israelischen Ziele in Syrien nicht zu sehr öffentlich zu unterstützen. Russland will den Iran nicht bekämpfen.

Das Verhältnis zu Israel wurde konstruktiver, als sich Israel schließlich dazu entschied, seinen alten Feind al-Assad den sunnitisch-syrischen Oppositionsgruppen vorzuziehen. Letztlich wird sich Moskau trotzdem entscheiden müssen, wer sein präferierter regionaler Partner werden soll. Wenn der Moment der Entscheidung kommt, wird Russland wahrscheinlich zum Iran tendieren. Das liegt aber auch an den schwierigen Beziehungen, die Russland zu Saudi-Arabien hat, und der verstärkten US-Allianz mit Israel unter Präsident Donald Trump.