Nach Evakuierungsabkommen: USA bombardieren IS-Konvoi in Syrien - und kritisieren Moskau

Nach Evakuierungsabkommen: USA bombardieren IS-Konvoi in Syrien - und kritisieren Moskau
Kämpfer der Terrormiliz "Islamischer Staat" in einem von der syrischen Regierung bereitgestellten Bus.
Die USA haben mit einem Luftangriff versucht, einen IS-Konvoi an der Weiterfahrt zu hindern. Die Terroristen sollten nach einem Abkommen mit Damaskus nach Ostsyrien evakuiert werden. Kritik üben die USA in diesem Zusammenhang ausgerechnet an Moskau.

Mit einem Luftangriff haben die USA am Mittwoch einen Konvoi des so genannten Islamischen Staates (IS) blockiert, der Richtung Ost-Syrien unterwegs war.
Der Sprecher der US-geführten Anti-IS-Koalition, Ryan Dillon, erklärte dazu gegenüber Reuters:

Wir haben auf der Straße einen Krater hinterlassen und eine kleine Brücke zerstört, um den Konvoi daran zu hindern, weiter nach Osten zu gelangen.

Der Angriff erfolgte laut Dillon östlich der Ortschaft Humeima, die sich am Rande des von der syrischen Armee kontrollierten Gebietes befindet. Gestartet war der Konvoi aus dem libanesisch-syrischen Grenzgebiet, wo der IS noch eine kleine Enklave gehalten hatte. Nach einer vor zwei Wochen begonnenen Offensive auf die IS-Bastion, an der auf der einen Seite die libanesische Armee, auf der anderen Seite die syrischen Streitkräfte sowie die Hisbollah teilnahmen, stimmten die verbliebenen IS-Terroristen ihrer Evakuierung und der ihrer Familienangehörigen zu.

Vergangene Woche trafen sich Israels Ministerpräsident Netanjahu und Russlands Präsident Putin in Sotschi.

Laut Angaben der Hisbollah betraf das rund 300 Terroristen und ebenso viele Angehörige. Damaskus hatte die Busse für die entwaffneten Kämpfer zur Verfügung gestellt, die durch von der Regierung kontrolliertes Gebiet bis in die östliche Provinz Deir Ez-Zor fahren sollen. Die an den Irak grenzende Provinz wird weitestgehend vom IS beherrscht.

Das Evakuierungsabkommen stieß auf scharfe Kritik sowohl aus Bagdad als auch aus Washington. Der irakische Premierminister Haider al-Abadi sagte dazu am Dienstag:

Eine solche Anzahl von Terroristen über eine lange Distanz nach Ostsyrien in der Nähe der irakischen Grenze zu transportieren, ist inakzeptabel. Wir bekämpfen Terroristen im Irak. Wir schicken sie nicht nach Syrien, wir töten sie hier.

Ebenfalls am Dienstag erklärte Regierungssprecher Saad Al Hadithi gegenüber AP:

Alle Vereinbarungen zwischen verfeindeten Parteien in Syrien oder der Region müssen die Sicherheit des Iraks mit in Betracht ziehen und dürfen nicht zu einer Situation führen, die eine Bedrohung für unsere nationale Sicherheit darstellen.

Auch die US-Koalition bezog offiziell Stellung:

Die Koalition war nicht an der Vereinbarung zwischen der libanesischen Hisbollah, dem syrischen Regime und dem IS beteiligt. Die gegen den IS ausgesprochenen Worte Russlands und des Regimes klingen hohl, wenn sie mit Terroristen einen Handel eingehen und es diesen erlauben, das eigene Gebiet zu passieren. Der IS ist eine globale Bedrohung. Terroristen von einem an einen anderen Ort umzusiedeln, damit sich dann andere ihrer annehmen, ist keine nachhaltige Lösung. Das beweist einmal mehr, warum die militärischen Aktionen der Koalition notwendig sind, um den IS in Syrien zu besiegen. 

Der US-Sonderbeauftragte für die Anti-IS-Koalition, Brett McGurk, teilte per Twitter mit: "Unsere Koalition wird dabei helfen, sicherzustellen, dass diese Terroristen niemals in den Irak kommen."

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Raymond Thomas, Leiter des Kommandos für Spezialoperationen der Vereinigten Staaten von Amerika

Langjähriger Kampf um das Kalamun-Gebirge 

In den letzten drei Jahren war es den syrischen Streitkräften in Verbund mit der Hisbollah gelungen, das syrisch-libanesische Grenzgebiet fast vollständig zu sichern. Besonders schwer gestaltete sich der Vormarsch im Kalamun-Gebirge, wo die Regierungskräfte im Jahr 2013 erstmals größere Offensiven durchführten.

Freimütig beschrieb damals der Spiegel, dass dort Al-Kaida, der IS und die "Freie Syrische Armee" Seite an Seite kämpfen. Dennoch verwendete das Nachrichtenmagazin stets die Bezeichnung "Rebellen" - ein Spiegel-Mitarbeiter war gar mit einer Einheit der IS-Terroristen unterwegs.

Zuletzt konnten die Terroristen von Al-Kaida und dem IS nur noch zwei relativ kleine, aneinander angrenzende Enklaven im Kalamun-Gebirge halten. Im Juli hatten die libanesische und die syrische Armee sowie die Hisbollah zunächst die Bastion Al-Kaidas gestürmt, wo sich eine deutlich höhere Anzahl von Terroristen aufhielt als in der IS-Enklave.

Nachdem Al-Kaida schwere Verluste hinnehmen musste und das von ihr kontrollierte Gebiet immer weiter zusammengeschrumpft war, stimmten die verbliebenen Terroristen ihrem Abtransport in die syrische Provinz Idlib zu, die von Al-Kaida beherrscht wird. Rund eintausend Kämpfer, die sich überwiegend auf libanesischem Staatsgebiet befanden, sowie tausende Zivilisten wurden daraufhin mit Bussen abtransportiert. Mit dem Abzug der IS-Terroristen aus dem Gebirge ist die libanesisch-syrische Grenze erstmal seit Ausbruch des Krieges komplett gesichert.

Evakuierung von Terroristen: Militärstrategisch sinnvoll

In den letzten beiden Jahren gab es wiederholt ähnliche Abkommen zwischen der syrischen Armee und umzingelten Al-Kaida-Kämpfern, die dann nach Idlib verfrachtet wurden - beispielsweise im Zusammenhang mit der Befreiung Aleppos. Erstmals hat es nun eine ähnliche Vereinbarung mit IS-Kombattanten gegeben.

Der sich daraus für die Armee ergebende militärstrategische Vorteil liegt auf der Hand: Einige hundert Terroristen, die in ein Gebiet gebracht werden, in dem sich bereits Tausende davon befinden, binden kaum zusätzliche eigene Kräfte. Hunderte Aufständische, die im eigenen Hinterland operieren, hingegen schon. Für die syrische Armee geht es also um eine Begradigung beziehungsweise Verkürzung der Front, durch die eigene Kräfte frei werden. Wie die Entwicklung des letzten Jahres auf dem Schlachtfeld zeigt, ist diese Strategie aus Sicht der Armee aufgegangen.

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Der Vorteil für die eingekesselten Terroristen liegt auch auf der Hand: Mit ihrem Abtransport entgehen sie der unmittelbaren Eliminierung und bewahren Familienangehörige davor, als so genannte Kollateralschäden den Tod zu finden. Dennoch kommen diese Vereinbarungen aus der Sicht der Terroristen einer Niederlage gleich, schließlich sind alleine sie es, die Gebietsverluste hinnehmen müssen.

Auch Familienangehörige der IS-Terroristen wurden mit den Bussen evakuiert.

US-Kritik am Evakuierungsabkommen ist heuchlerisch

Die dahinterstehenden grundsätzlichen taktischen und strategischen Erwägungen sind natürlich auch dem US-Militär wohlbekannt. Zudem ist ihm bewusst, welch besonderer Gewinn sich aus dem jüngsten Evakuierungsdeal für den Libanon und Syrien ergibt: Ihre gemeinsame Grenze ist sicher. Die Situation an der syrisch-irakischen Grenze hat sich dadurch allerdings nicht verschlimmert. Der IS kann nach wie vor seine Einheiten über die Landesgrenzen hinweg hin und her bewegen – auch dank der Vereinigten Staaten. Erfolgreich haben die USA gegenüber Bagdad darauf insistiert, sich nicht auf die Grenzregion im Kampf gegen den IS zu konzentrieren.

Zudem hat das US-Militär selbst bei zahlreichen Gelegenheiten IS-Kämpfer abziehen lassen. Und das oftmals nicht, um damit die Verluste in den eigenen Reihen zu reduzieren, sondern um die Terroristen sozusagen an Frontabschnitte umzulenken, wo sie dann den Kampf gegen die syrische Armee fortsetzen können. Das auf US-Außenpolitik spezialisierte Blog Moon of Alabama führt in diesem Zusammenhang einige Beispiele an: 

Sowohl US-Präsident Obama als auch sein damaliger Außenminister John Kerry hatten erklärt, dass sie absichtlich den IS wachsen ließen, um den irakischen Premierminister Maliki und den syrischen Präsidenten Assad aus dem Amt zu befördern. Die USA ließen den IS aus Falludschah entkommen und protestierten, als die irakische Regierung den Konvoi der flüchtenden Terroristen bombardierte. Bei der Offensive auf Mossul hielt das US-Militär einen Korridor für die IS-Kämpfer Richtung Syrien offen. Als die von den USA unterstützten Kurden die Stadt Rakka angriffen, wurde der Frontabschnitt Richtung Palmyra für den IS offengehalten – Russland protestierte. Jüngst flüchteten 1.800 der 2.000 IS-Kämpfer aus dem irakischen Tal Afar nach Syrien, bevor die irakische Armee die Stadt stürmte. Aus diesem Grund dauerte die Eroberung der Stadt nur zehn Tage. Die Aktionen der USA zielten darauf ab, dem IS die Eroberung der Stadt Deir Ez-Zor zu ermöglichen.

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Die Verurteilung des Evakuierungsdeals seitens des US-Militärs ist daher heuchlerisch. Washington hatte gehofft, seinen Einfluss im Libanon durch die Unterstützung der libanesischen Armee im Kampf gegen den IS auszuweiten. Dieser Einflusshebel kommt natürlich abhanden, wenn der IS – wie nun geschehen – aus dem Zedernstaat vertrieben ist. Besonders schmerzlich für die USA ist zudem, dass der Erfolg der Anti-Terror-Operation im Kalamun-Gebirge auch der Einbindung der Hisbollah zu verdanken ist. Aufgrund der Kooperation der libanesischen Streitkräfte mit der schiitischen Miliz haben die USA ihre Militärhilfe für die Armee heruntergefahren

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