Aleppo atmet wieder: Wie die Syrer eine zerstörte Stadt wieder aufbauen

Aleppo atmet wieder: Wie die Syrer eine zerstörte Stadt wieder aufbauen
Die Ain-Jalut-Schule im Stadtteil Salaheddin in Aleppo wurde durch eine Sprengfalle der Dschihadisten komplett zerstört, August 2017.
Eine herausgeputzte Stadt Aleppo empfängt den Reisenden von Osten her. Lange Zeit gesperrte Straßen sind wieder geöffnet, der Verkehr verteilt sich, Staus nehmen ab. Die Zufahrt vom Flughafen ist neu asphaltiert, auf dem Mittelstreifen sind Palmen gepflanzt.

von Karin Leukefeld, Aleppo

Am Abend versammeln sich viele Aleppiner um die mächtige Zitadelle, die den vergangenen Kriegsjahren stoisch widerstanden hat. An der östlichen Mauer findet sich ein Einschlag, sonst ist die hoch über der Altstadt thronende Burg unbeschädigt. Paare und Freunde fotografieren sich gegenseitig und machen Selfies vor dem imposanten Eingangstor. Kinder toben herum, Händler bieten Popcorn und Süßigkeiten an.

Im Schatten der Altstadtruinen liegt ein kleines Café, das seinen Betrieb wieder aufgenommen hat. Mit der untergehenden Sonne werden Tische und Stühle auf dem großen Platz unterhalb der Zitadelle aufzustellen. Bald sitzen die ersten Paare, Familien, Freunde und genießen bei einem Tee oder kühlen Getränk den frischen Abendwind. Die Aleppiner nehmen ihr Leben wieder in die eigenen Hände.

Kehrt einer zurück, folgen die Nachbarn

Fast alle Straßen der Stadt sind von Kriegsschrott, Abfallbergen und Geröll weitgehend gereinigt. Dadurch tritt die Zerstörung in weiten Teilen der Stadt umso stärker hervor. Ausgebrannte, ganz oder halb zerfallene Häuserblocks liegen verlassen. In den Vororten Masaken Hannano oder Bani Zeid stehen leere Häusergerippe. Doch in andere Stadtteile sind die Menschen zurückgekehrt und organisieren ihr neues Leben inmitten der Ruinen.

"Wir können hier wieder atmen", sagt Jamal. Er hat seine Wohnung neben dem Krankenhaus in Sikari provisorisch wieder hergerichtet. Auch andere Nachbarn im Haus und in der Nachbarschaft sind zurückgekehrt. "Wenn einer anfängt, fassen die anderen Mut", meint Jamal. Doch von dem Leben, das sie einst kannten, könne nicht die Rede sein.

Jamal kam Ende 2016 zurück, gleich nach dem Abzug der bewaffneten Gruppen. Er setzt sich aktiv für die Versorgung in seinem Viertel ein. Die Nachbarn sammeln altes Brot, um es an die Tiere zu verfüttern. Sie haben einen Brunnen eingerichtet, der Wasser per Schläuchen in einen Wassertank pumpt. Jeder aus dem Viertel kann sich gratis bedienen. Der Staat hilft mit Schläuchen und Kabeln, den Rest schultern die Menschen selber.

Den Strom liefert der Generator einer kleinen Textilfabrik. Das Familienunternehmen hat erst vor wenigen Wochen die Arbeit wieder aufgenommen. Die Schule des Viertels, die von der Nusra-Front als Hauptquartier benutzt worden war, Gefängnis inklusive, wird renoviert. Nicht alle Nachbarn beteiligen sich an den Projekten, viele haben kein Geld, erklärt Jamal. Doch alle könnten davon profitieren.

Der Staat kann nur wenig für uns tun, wenn wir Strom und Wasser erhalten, ist das schon viel.

Terroristen hinterließen Sprengfallen in Schulen

Geduldig nehmen die Menschen die Mühen des Alltags auf sich. Sie warten darauf, dass die Bäckereien eröffnen, die Ärzte zurückkehren und der Strom wieder eingeschaltet wird. Die neue Stromtrasse zwischen Homs und Aleppo wurde in einer Rekordzeit von sechs Monaten errichtet, wartet jedoch noch auf die offizielle Inbetriebnahme. Im Zentrum von Aleppo sorgen Solaranlagen für erleuchtete Parks und Straßenkreuzungen. Der Rest der Stadt liegt nach Sonnenuntergang weitgehend im Dunkel.

Scheich Najjar in Aleppo: Die Firma Mashhadi stellt elastische Bänder und Gurte her, August 2017.

Der Stadtteil Salahedin bildete vier Jahre lang die Frontlinie, die Aleppo teilte. Hier fanden viele Menschen Zuflucht, obwohl sie sich damit ins Kreuzfeuer begaben. Als die Armee im November 2016 die ersten östlichen Stadtviertel wieder einnahm, gehörte auch Salahedin dazu. Die Bevölkerung kehrte zurück, um zu sehen, was von ihrem Viertel übrig geblieben war.

Als einige Nachbarn die Ain-Jalut-Schule betraten, lösten sie eine gigantische Sprengfalle aus, welche die Terroristen mit großen Mengen an Sprengstoff hinterlassen hatten. Viele Menschen starben. Die Trümmer der Schule liegen heute noch unverändert in der Gegend. Kleine Feuer flammen auf, hier verbrennen die Menschen ihren Abfall. Einige der Vorbeieilenden können sich auf Nachfrage der Autorin nicht mehr an den Namen der Schule erinnern.

So viel ist im Leben jedes Einzelnen geschehen, sie benötigen alle Energie, um ihren Alltag zu organisieren. Nur wenige Meter neben der Schule kachelt ein Mann konzentriert die Decke seines neuen Geschäftes. Das Leben soll weitergehen.

Das Sikari-Krankenhaus in Aleppo: Zwischen der Ruinen nehmen die Bewohner die alte Infrastruktur langsam wieder in Betrieb, August 2017.

In der ehemaligen Industriestadt Scheich Najjar

"Zwischen 2007 und 2010 ging es mit der Wirtschaft hier in Aleppo ab wie eine Rakete", erinnert sich Khaldoun Mashhadi. In nur drei Jahren hatten sich 3.700 Firmen in der Industriestadt Scheich Najjar etwa zehn Kilometer nordöstlich von Aleppo angesiedelt. Auch Khaldoun Mashhadi und seine Brüder Hassan und Mohamad entschlossen sich, die zu klein gewordene Werkstatt in der Altstadt aufzugeben und in eine Fabrik in die Industriestadt vor den Toren von Aleppo umzuziehen. Die Arbeit in der 1990 gegründeten Firma lief gut:

Wir arbeiteten damals mit 20 Arbeitern in zwei Schichten 24 Stunden am Tag.

Heute arbeiten sie mit fünf Arbeitern, darunter zwei Jugendlichen, acht Stunden am Tag. Wenn alles gut läuft, haben sie am Ende des Monats 1.000 US-Dollar in der Tasche. Vor dem Krieg war es ein Vielfaches. Im Jahr 2012 hatten bewaffnete Gruppen die Industriestadt überfallen und besetzt. Viele Betriebe plünderten die Söldner und Dschihadisten systematisch, das Diebesgut transportierten sie in die Türkei ab.

Die Industrie- und Handelskammer von Aleppo hat eine Klage gegen die türkische Regierung vorbereitet, die den Plünderern in der Türkei jedoch nicht das Handwerk legen konnte. Nachdem die Armee 2014 Scheich Najjar wieder unter Kontrolle gebracht hatte, kehrten die Brüder Mashhadi zurück. Vieles in ihrem Betrieb war zerstört, Wände von schweren Geschossen durchschlagen, sagt Mohamad. Glücklicherweise waren die Maschinen nicht gestohlen und auch nicht zerstört.

Im Stadtteil Scheich Najjar in Aleppo stehen die Brüder Mashhadi vor ihrer Firma in der Industriestadt, August 2017.

Die Mashhadis stellen elastische Bänder und Tragegurte in verschiedenen Breiten und Stärken her. Sie produzieren zumeist für den medizinischen Bereich. Die Bänder werden gewebt, das konstante Klappern der großen Maschinen erfüllt die schmucklose, hohe Halle. Vor dem Krieg exportierten sie ihre Produkte in den Libanon, nach Jordanien und in die Golfstaaten. Einer der größten Abnehmer war die Türkei.

"Heute sind alle unsere Arbeiter in der Türkei", erklärt Hassan Mashhadi, der Älteste. "Sie arbeiten in Gaziantep, Istanbul, Izmir und wenn etwas mit den Maschinen in ihren Betrieben nicht funktioniert, rufen sie hier an und bitten um Hilfe."

Die Brüder nehmen es gelassen. Wenn der Wiederaufbau in Syrien erst richtig an Fahrt aufgenommen habe, würden die Arbeiter schnell zurückkehren. "Syrien ist ein gesegnetes Land, wir werden wieder auf die Beine kommen."

Die Nachbarn organisieren in Sikari/Aleppo ihre Wasserversorgung mithilfe improvisierter Wassertanks, August 2017.