Syrien: Al-Kaida übt vollständige Kontrolle über Idlib aus - Dank westlicher Beihilfe

Syrien: Al-Kaida übt vollständige Kontrolle über Idlib aus - Dank westlicher Beihilfe
Die Kämpfer des syrischen Al-Kaida-Ablegers haben inzwischen vollständig die Kontrolle über die Provinz Idlib übernommen.
Als einzige Provinz des Landes befindet sich Idlib vollständig in der Hand von Aufständischen. Schon lange war Al-Kaida die dominante Kraft unter den Regierungsgegnern. Inzwischen übt die Terrorgruppe vollständig die Kontrolle aus. Möglich wurde diese Entwicklung durch den Beistand von NATO-Staaten.

Wer die syrische Stadt Idlib jetzt regiert, machen die neuen Herrscher schon an den Zufahrtsstraßen deutlich. Dort haben die Kämpfer des syrischen Ablegers des Terrornetzwerks Al-Kaida Posten errichtet, um den Verkehr zu kontrollieren. Bewaffnete Männer mit ernsten Gesichtern überprüfen Taschen und Mobiltelefone: „Wo kommst Du her? Warum willst Du in die Stadt“, fragen sie jeden Passanten. Nur wenn die Antwort sie zufriedenstellt, geben sie den Weg frei.

Hisbollah-Kämpfer überwachen den Abzug von Dschihadisten aus Arsal. Zuvor wurde vereinbart, dass die Kämpfer und deren Familienangehörigen mit Bussen in die Provinz Idlib umquartiert werden.

Die Provinz Idlib im Nordwesten Syriens mit ihrer gleichnamigen Hauptstadt ist nach mehr als sechs Jahren Krieg das einzige Gouvernement des Landes, das noch vollständig unter Herrschaft von Aufständischen steht. Schon seit der Eroberung der Provinz im Frühjahr 2015 war Al-Kaida die dominante Kraft. Damals firmierte der syrische Ableger des Terrornetzwerks noch unter dem Namen Al-Nusra Front, bevor er sich inzwischen in Haiat Tahrir al-Scham (HTS) umbenannte.

Ende Juli übernahm er nach kurzen Kämpfen mit seinem radikal-islamischen Kontrahenten und einstigen Verbündeten Ahrar al-Scham die komplette Provinz. Sogenannte moderate Rebellen spielen auf dem syrischen Schlachtfeld praktisch keine Rolle mehr. Nur in wenigen Gebieten Syriens haben sie noch nennenswerten Einfluss.

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In Idlib gebe es keine Rebelleneinheit mehr, die den Extremisten die Stirn bieten könne, sagt Faris al-Bajusch, bis zum Frühjahr führender Kommandeur der zur Freien Syrischen Armee (FSA) gehörenden Gruppe „Freie Armee Idlibs“. Auch der in Beirut ansässige Syrien-Experte Sam Heller sieht den Al-Kaida-Ableger als „unangefochtenen Hegemon“ der Provinz: „Alle anderen kleineren Gruppen haben keine andere Chance, als auf den Zug aufzuspringen.“

Aufstieg Al-Kaidas in Idlib mit Hilfe der USA

Al-Bajusch machte für die Entwicklung auch die USA beziehungsweise den Westen verantwortlich. „Die Machtübernahme von HTS geschah unter den Augen der internationalen Gemeinschaft“, klagt er. „Sie hat keinen Finger gerührt.“

Die Darstellung entspricht allerdings nicht den Tatsachen. Denn der Eroberung der Provinz vor zwei Jahren ging die Gründung des Rebellenbündnisses Jaysh al Fateh („Armee der Eroberer“) voraus, das bereits damals schon von Al-Kaida dominiert wurde. Die tatkräftig von der Türkei unterstützte Offensive der Dschihadisten war vor allem dank moderner US-Panzerabwehrraketen von Erfolg gekrönt. Die CIA hatte die Waffen den Aufständischen vermittels der FSA-Einheit „Division 13“ zukommen lassen

Koordiniert wurde der Feldzug von dem von der CIA betriebenen Military Operations Center (MOC) in der Türkei. Wie das Brookings Institute seinerzeit berichtete, spielten US-Waffen nicht nur eine entscheidende Rolle bei der Vertreibung der Regierungstruppen. Laut der US-Denkfabrik habe das MOC zwar davon abgesehen, die Al-Kaida-Kämpfer direkt zu unterstützen, jedoch habe es die sogenannten moderaten Rebellen „ausdrücklich ermutigt, eine engere Kooperation mit den Islamisten einzugehen“. Schließlich stellten diese die mit Abstand schlagkräftigsten Kampfverbände, ohne die der Erfolg des Eroberungsfeldzuges ausgeblieben wäre. 

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Die Talibanisierung des öffentlichen Lebens

Idlibs Einwohner beobachten die Entwicklung mit Sorge. Es gibt unterschiedliche Berichte darüber, wie stark Al-Kaida sein radikale Lesart des Islams durchsetzt. Ein Aktivist aus dem Ort Kurin erzählt, die Extremisten kontrollierten Straßen und konfiszierten Tabak. „Das Leben ist jetzt sehr ähnlich dem Leben in Afghanistan unter den Taliban.“

In der Stadt Idlib aber sind Frauen ohne Gesichtsschleier weiter auf der Straße zu sehen, wenngleich sie auf Werbeplakaten ermahnt werden, sich der streng-islamischen Kleiderordnung zu unterwerfen. Noch dürfen auch Zigaretten in der Stadt verkauft werden, was beim „Islamischen Staat“ verboten ist. Im Juni richtete die Terrormiliz sechs Zigarettenverkäufer in Mossul hin.

Der Al-Kaida-Ableger HTS lässt zwar Zigarettenlieferungen nach Idlib beschlagnahmen und kündigte jüngst ein Verbot des Tabakkonsums an, sieht aber bislang von dessen Vollstreckung ab. Nicht nur, weil viele der Männer in den eigenen Reihen selbst Raucher sind. Vor allem fürchtet die Terrormiliz aber den Unmut der Bevölkerung.

Bevölkerung ist auf Hilfslieferungen angewiesen

Angst bereiten den Menschen auch mögliche Luftangriffe der USA und Russlands, die die Dschihadisten bekämpfen. Offiziell hat sich HTS zwar von Al-Kaida losgesagt, doch dabei handelte es sich nach Aussage ihres Anführers Abu Mohamed al-Jolani, der zuvor auch die Nusra-Front kommandierte, um ein taktisches Manöver. Damit sollte den Amerikanern und den Russen die Legitimation für Luftangriffe auf Idlib entzogen werden, wie Jolani freimütig erklärte. Neben Luftschlägen befürchten die Bewohner Idlibs zudem eine Offensive der syrischen Armee, sobald diese den sich abzeichnenden Sieg über den „Islamischen Staat“ errungen hat.

Viele der Syrer, die in Deutschland Schutz fanden, würden gerne wieder in ihre Heimat zurückkehren. Da die deutschen Behörden dies nicht unterstützen, verkaufen etliche Flüchtlinge ihre deutschen Dokumente an Schleuser im Internet, um so ihre Reise nach Syrien zu bezahlen.

Derweil zeigen sich Hilfsorganisationen alarmiert. Mit Idlib hat Al-Kaida zugleich einen Teil der Grenze zur Türkei und den Grenzübergang Bab al-Hawa übernommen, der zuvor von Ahrar al-Scham kontrolliert wurde. Al-Kaida nutzt die Zolleinnahmen als Geldquelle.

Über Bab al-Hawa kommen aber auch Hilfslieferungen, auf die Idlib dringend angewiesen ist. Fast eine Million Flüchtlinge haben in der Provinz laut UN-Angaben Zuflucht gefunden, von denen viele in Lagern ausharren. Insgesamt seien demnach 1,3 Millionen von zwei Millionen Menschen in dem Gebiet auf Hilfe angewiesen.

Wie mehrere Hilfsorganisationen berichteten, konnten sie bislang ungestört weiterarbeiten. Auch Lebensmittel und Medikamente kämen nach wie vor über die Grenze. Denn die Dschihadisten können kein Interesse am Ausbleiben der Hilfslieferungen haben. Eine hungernde Bevölkerung würde ihre Machtbasis destabilisieren.

Deutschland will weiterhin humanitäre Hilfsgüter für die Region finanzieren. Andere Projekte, die zivile Strukturen stärken und die Basisversorgung etwa mit Strom und Wasser gewährleisten sollten, seien jedoch „vorerst suspendiert“ worden, heißt es aus dem Auswärtigen Amt. Es sei nicht zu garantieren, dass die Hilfe diejenigen in vollem Umfang erreiche, für die sie bestimmt sei. Eine späte Erkenntnis, ist die faktische Herrschaft Al-Kaidas über Idlib doch schon lange eine bekannte Tatsache

(rt deutsch/dpa)

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