Wegen Unterstützung von Rebellen durch Israel: Aufständische in Syrien wechseln zur Regierungsseite

Wegen Unterstützung von Rebellen durch Israel: Aufständische in Syrien wechseln zur Regierungsseite
Israelische Artilleriegeschütze auf den besetzten Golanhöhen. Immer wieder greift Israels Militär zugunsten der Aufständischen in den Konflikt in Syrien ein.
Der Konflikt in Syrien ist geprägt von der Einmischung ausländischer Mächte. Nachdem sie feststellen mussten, dass Israel auf ihrer Seite kämpft, sagte sich eine Einheit der Freien Syrischen Armee von dem Aufstand los, um fortan auf Seiten der Regierung zu kämpfen.

Wechselnde Allianzen und Einflussnahme ausländischer Mächte: Die Komplexität des Konflikts in Syrien verdeutlicht einmal mehr eine auf AlterNet erschienene Reportage von Rania Khalek über die Entstehungsgeschichte der sogenannten Golan-Brigade. Die Kampftruppe gehört den paramilitärischen Nationalen Verteidigungskräften (NDF) an, die auf Seite der Regierung kämpfen. Sie besteht aus vier Bataillonen mit insgesamt 1.500 Kämpfern.  

Ich habe Veteranen der Golan-Brigade getroffen und ihre Geschichten gehört. Sie zeichneten ein Bild, das sich so gar nicht in den Narrativ einfügen will, wie er die westlichen Mainstream-Medien beherrscht. Das ist vielleicht auch der Grund, warum sie so wenig Aufmerksamkeit bekommen“, schreibt Khalek.

Geführt wird die im Jahr 2014 gegründete und im Grenzgebiet zu Israel aktive Brigade von dem 28-jährigen Ahmad Kaboul. Sein Vorgänger Majed Hamoud wurde im Juni von einem Selbstmordattentäter Al-Kaidas getötet. Beide Männer gehörten einst der syrischen Armee an. Aus Verdruss über die dort herrschende Korruption und erfasst von dem „revolutionären Fieber“, das sich in der Region breitmachte, liefen sie im Jahr 2011 zur Freien Syrischen Armee (FSA) über und schlossen sich dem Aufstand an.

Russische Soldaten auf dem Militärflugplatz Hmeimim in der syrischen Provinz Latakia. Erstmals sollen russische Soldaten die Einhaltung der Feuerpause in zwei Deeskalationszonen vor Ort überwachen.

Zwei Jahre lang kämpften sie dann in der FSA-Einheit „Liwa al-Mutassim Bilaa“ entlang der Demarkationslinie in den von Israel besetzen Golanhöhen gegen die Regierungstruppen. Wie sie bald enttäuscht feststellen mussten, grassiert auch in den Reihen der FSA die Korruption. Als sie zudem erkannten, dass die Aufständischen logistisch-militärische und medizinische Unterstützung von Israel erhielten, fassten sie den Entschluss, erneut die Seiten zu wechseln - denn das widersprach ihrem patriotischen Selbstverständnis.

Zuerst haben wir davon nichts mitbekommen. Aber dann boten die Israelis an, den Grenzzaun bei Khan Arnabah für uns zu öffnen. Hamoud stellte die FSA-Kämpfer zur Rede, die mit den israelischen Offizieren zusammenarbeiteten und machte klar, dass wir mit niemanden gemeinsame Sache machen, der mit Israel kooperiert. Anschließen versuchten die Rebellen, ihn zu töten. Wir hatten keine andere Wahl, also entschieden wir uns, zurück nach Khan Arnabah zu gehen und uns dort an das Versöhnungskomitee zu wenden“, berichtet Ahmad Kaboul.

Erste „echte Versöhnung“ im syrischen Konflikt

Khan Arnabah mit seinen rund 7.000 Einwohnern ist der Heimatort von Hamoud und Kaboul. Im Jahr 2014 söhnte sich die von der Opposition kontrollierte Ortschaft mit der Regierung aus und gliederte sich wieder in das Gefüge des syrischen Staates ein. Die Umsetzung des Vorhabens der beiden Männer, angesichts der israelischen Einmischung wieder auf Seiten der Regierung zu kämpfen, gestaltete sich verständlicherweise schwer. Schließlich handelt es sich bei ihnen um Fahnenflüchtige, die zwei Jahre lang die Armee bekämpft hatten.

Die Angehörige der russischen Streitkräfte am 9. Mai 2017 während der feierlichen Parade zum Tag des Sieges.

Hamoud nahm Kontakt mit einen hochrangigen NDF-Kommandeur auf, um die Lage auszuloten. Acht Monate lang kommunizierten sie miteinander per Telefon und bauten dabei eine Vertrauensbasis auf. Kein leichtes Unterfangen: Hamouds Bruder wurde von der Regierung inhaftiert, der Bruder des NDF-Kommandeurs hingegen von der FSA getötet.

„Es war die erste echte Versöhnung im ganzen syrischen Konflikt. Es war ein völlig organischer Prozess“, erklärte der namentlich nicht genannte NDF-Kommandeur. Gemeinsam mit vierzig weiteren Männern liefen Hamoud und Kaboul zu dessen Einheit über, nachdem Damaskus ihn allen eine Amnestie gewährt hatte. Hamoud übernahm infolge das Kommando der neu gegründeten Golan-Brigade.

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Hand in Hand in Syrien: Israel und Al-Kaida

„Nachdem sie auf die Seite der syrischen Regierung gewechselt waren, wurden sie Zeuge, wie Israel die gegen sie gerichteten Angriffe Al-Kaidas aus der Luft unterstützte“, schreibt Khalek. Zwei Mal habe Israel laut den Kämpfern der Brigade versucht, ihren Anführer mit gezielten Luftschlägen zu töten. Was Israel nicht gelang, bewerkstelligte im Juni ein Selbstmordattentäter der Nusra-Front – syrischer Ableger Al-Kaidas – , der sich zusammen mit Hamoud in die Luft sprengte.

Fünf Tage später unternahm die Nusra-Front, die heute unter dem Namen Hay'at Tahrir al-Sham firmiert, gemeinsam mit Einheiten der Freien Syrischen Armee eine Offensive auf Madinat al-Baath, Hauptstadt der Provinz Quneitra. Die israelische Luftwaffe unterstützte die Offensive mit Angriffen auf Stellungen der syrischen Armee und ihren NDF-Verbündeten. Nach zehntägigen schweren Kämpfen wurde die Offensive abgewehrt.

„Das ist das erste Mal, dass die Israelis die Nusra-Front offen unterstützen“, sagte der NDF-Kommandeur. Laut ihm betreibe Israel „ein schmutziges Spiel“. „Wenn du an deiner Grenze die Nusra unterstützt und es zulässt, dass die mit ihren Panzern an der Demarkationslinie auffahren, dann spielst du mit dem Feuer“, so der Kommandeur. „Wir haben aufgehört zu zählen, wie oft Israel uns angegriffen hat“, erklärte auch der Anführer der Golan-Brigade, Ahmad Kaboul. 

Soldaten der syrischen Armee. Archivbild.

Israel weitet Unterstützung für Aufständische aus

Die Nusra-Front unterhält mehrere Kommandozentralen entlang der Grenze der von Israel besetzten Golanhöhen. Eine medizinische Einrichtung zur Versorgung ihrer Kämpfer befindet sich gleich in der Nähe einer Einsatzzentrale der United Nations Disengagement Observer Force (UNDOF). Das Truppenkontingent der Vereinten Nationen soll den Waffenstillstand zwischen Syrien und Israel auf den Golanhöhen überwachen.

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„Wir können sie nicht angreifen, weil unsere Waffen nicht präzise genug sind. Wir können es nicht riskieren, die UN-Einsatzzentrale zu treffen“, erläutert ein hochrangiger Angehöriger der syrischen Armee. Auf einer Landkarte zeigt er, welche Gebiete von Al-Kaida kontrolliert werden. Aber auch der Islamische Staat ist in der Grenzregion präsent. Das ganze Yarmouk-Tal werde von der Terrormiliz kontrolliert. „Das Hauptquartier der Dschihadisten befindet sich in Jamla, nur 300 Meter von der Grenze zu Israel entfernt. Wie wollen Sie mich überzeugen, dass Israel sie nicht unterstützt?“, fragte er. 

In den vergangenen Jahren hat UNDOF dutzende Fälle der Kooperation Israels mit Aufständischen – darunter Kämpfer Al-Kaidas – dokumentiert. Tel Aviv hat die Unterstützung für die syrischen Regierungsgegner in den letzten Monaten noch weiter ausgebaut. Ein UNDOF-Bericht vom Mai spricht von einer „signifikanten Steigerung der Zusammenarbeit“. In der Vergangenheit hatten Vertreter Israels offen bekundet, dass sie Al-Kaidas Präsenz in der Region der Anwesenheit syrischer Regierungstruppen vorziehen.

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