IS-Hauptstadt Rakka: USA führen Krieg gegen Zivilbevölkerung

IS-Hauptstadt Rakka: USA führen Krieg gegen Zivilbevölkerung
Dichte Rauchwolken über Rakka: Bei der Offensive auf die syrische Stadt nimmt die US-Koalition kaum Rücksicht auf Zivilisten.
Bei ihrer Offensive auf Rakka nimmt die US-Koalition kaum Rücksicht auf Zivilisten. Wie schon bei der Eroberung Mossuls ist mit Tausenden getöteten Einwohnern zu rechnen. Menschenrechtler werfen den USA vor, im Kampf gegen den IS Kriegsverbrechen zu begehen.

Im Kampf gegen den „Islamischen Staat“ (IS) nimmt die US-geführte Koalition keine Rücksicht auf Zivilsten. Das zeigte sich schon bei der Eroberung Mossuls, bei der Schätzungen zufolge 40.000 Zivilsten getötet wurden. Der Großteil der Toten geht auf das Konto der irakischen Armee und ihrem US-Verbündeten. 

Amnesty International warf der Anti-IS-Koalition völkerrechtswidrige Angriffe vor. Die Menschenrechtsorganisation sprach von einem „Muster ausgeführter Angriffe“, die auf die „wiederholte Verletzung des Humanitären Völkerrechts“ hindeuteten, „wobei es sich in manchen Fällen um Kriegsverbrechen handeln kann“. In einem vor zwei Wochen veröffentlichten Amnesty-Bericht heißt es:

Die Streitkräfte der irakischen Regierung und der US-Koalition haben diese Gebiete unerbittlich mit Waffen unter Beschuss genommen, die eine großflächige Wirkung haben. Diese Angriffe richteten einen verheerenden Schaden an und töteten und verletzten tausende Zivilisten, die in der Falle saßen.

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Nach der Befreiung der irakischen Großstadt aus den Händen der Terrormiliz konzentriert sich die US-Koalition auf die sogenannte Hauptstadt des Kalifats im syrischen Rakka. Bei der unter dem Namen „Operation Zorn des Euphrats“ geführten Offensive auf Rakka handele es sich um die „präziseste Kampagne in der Geschichte der Kriegsführung“, behauptet der US-Kommandeur der Koalition, Generalleutnant Stephen Townsend.

Aber Berichte und Fotografien syrischer Journalisten und Aktivisten sowie Aussagen von Einwohnern, die in den von den USA bombardierten Gebieten leben, erzählen eine komplett andere Geschichte über die US-Offensive. Eine, die weniger nach einem Kampf gegen den Islamischen Staat klingt, als vielmehr nach einem Krieg gegen Zivilisten“, schreibt Laura Gottesdiener in einer am Donnerstag veröffentlichten Reportage über Rakka.

Die US-Journalistin zählt eine Reihe von Beispielen auf, die sie zu ihrem vernichtenden Urteilt über das US-Militär veranlassten. So habe die US-Koalition in den vergangenen Monaten mindestens 12 Schulen bombardiert, darunter Grundschulen und eine  Mädchenschule, außerdem ein Krankenhaus und ein Geburtsklinik, eine Hochschule, Wohnviertel, Bäckereien, Postämter, eine Autowaschanlage, mindestens 15 Moscheen, ein kulturelles Zentrum, eine Tankstelle, Wasserspeicher, mindestens 15 Brücken, ein provisorisches Flüchtlingslager sowie Fahrzeuge, die verletzte Zivilisten ins Krankenhaus bringen wollten. 

Gottesdiener zitiert Dr. Fadel Abdul Ghany, Vorsitzender des Syrian Network for Human Rights, nach dessen Ansicht "ein schneller Siege" für die US-Strategen im Vordergrund stehe:

Was wir wahrnehmen ist, dass die USA Ziele auswählen und angreifen, ohne die sich daraus ergebenden Vorteile für das Militär und die damit verbundenen zivilen Kollateralschäden zu berücksichtigen. Das kommt natürlich Kriegsverbrechen gleich.

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Flüchtlinge im Visier: „Wir schießen auf jedes Boot, das wir entdecken“

Zur Vermeidung ziviler Opfer dürften die Flugblätter kaum beigetragen haben, die die US-Koalition kurz vor der am 6. Juni gestarteten Bodenoffensive über Rakka abwarf. Darin wurden die Zivilisten aufgefordert, die Stadt zu verlassen: „Das ist eure letzte Chance. Wer nicht geht, riskiert den Tod.“

Obwohl der IS es bekanntermaßen den Einwohnern verbietet, aus der Stadt zu fliehen, und zu diesem Zweck mögliche Fluchtwege vermint hat, nahmen sich Dutzende Einwohner die letzte Warnung der US-Koalition zu Herzen und versammelten sich am 5. Juni am Flussufer des Euphrats an einem Bootsanlegeplatz, um die Stadt auf dem Wasserweg zu verlassen.

Bildquelle: FSA Maghawir

Doch es war nicht der IS, der ihre Fluchtpläne vereitelte. Die US-Koalition – deren Luftangriffe zu 95 Prozent von der US Air Force durchgeführt werden – bombardierte den Anlegeplatz. Berichten zufolge starben dabei 21 Menschen. Nach eigenen Angaben der Koalition wurden zwischen dem 4. und 6. Juni 35 Luftschläge durchgeführt, bei denen 68 Boote versenkt wurden. Gegenüber der New York Times prahlte Generalleutnant Stephen Townsend:

Wir schießen auf jedes Boot, das wir entdecken.

Diese Art der Kriegsführung habe zu einem atemberaubenden Anstieg ziviler Opfer geführt, so Chris Woods von der Plattform „Airwars“, die Luftangriffe sowohl Russlands als auch der US-Koalition gegen den IS in Syrien und Irak auswertet. Laut einer Analyse der Organisation wurden in den sechs Monaten der Amtszeit von US-Präsident Donald Trump bereits so viele Zivilisten von der Koalition getötet, wie in den zweieinhalb Jahren zuvor unter Trumps Vorgänger Barack Obama.

Gottesdieners Reportage endet mit einer Aussage von Wassim Abdo, dessen Eltern und 12-jähriger Cousin bei einem US-Luftangriff in Rakka getötet wurden. In den Augen von Abdo zielen die Angriffe der US-Koalition auf „Zivilisten und die Infrastruktur, um das Land zu zerstören“. Mit dieser Art der Kriegsführung werde der "Islamische Staat" jedenfalls nicht eliminiert.

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