Neue Konflikte stehen an: Auch nach der Befreiung Mossuls gleicht der Nord-Irak einem Pulverfass

Neue Konflikte stehen an: Auch nach der Befreiung Mossuls gleicht der Nord-Irak einem Pulverfass
Nach der Rückeroberung vom "Islamischen Staat" ist die nordirakische Stadt Mossul zerstört. Noch schlimmer ist die humanitäre Lage in der Region. Zudem brodeln neue Konflikte unter der Oberfläche. RT Deutsch sprach mit dem Entwicklungshelfer Severiyos Aydin.

von Ali Özkök

Severiyos Aydin ist Entwicklungshelfer und Gründer der humanitären Hilfsorganisation ARAMAIC RELIEF. Die Organisation mit Sitz in der Schweiz ist in den Kriegsregionen Syrien, Irak und Südsudan aktiv.

Wie bewerten sie die humanitäre Lage in den Teilen Iraks, in denen sie unterwegs waren? Woran mangelt es den Menschen am meisten?

In den stark umkämpften Gebieten mangelt es am meisten an medizinischer Notversorgung, Lebensmitteln und sauberem Trinkwasser. Zudem benötigen die Menschen, speziell Kinder, psychologische Hilfe und Traumata-Behandlungen. In den befreiten Gebieten sind die Menschen dringend auf Wiederaufbauprojekte und Rücksiedlungsprogramme angewiesen. Auch Entwicklungsprojekte sind von großer Bedeutung, damit die Menschen wieder unabhängig von internationaler Hilfe, auf eigenen Füßen stehen können.

Humanitäre Hilfe wird in al-Hamdaniye südlich von Mossul verteilt.

Was muss sich ändern, damit Menschen im Irak, eine Chance auf ein Leben in Würde kriegen?

Verschiedene Faktoren sind dafür verantwortlich. Das heutige Leid der Menschen begann nicht im Sommer 2014 sondern seit dem Einmarsch der USA im Irak im Jahr 2003. Dort begann eine stetig wachsende Christenverfolgung und Diskriminierung aller Minderheiten im Irak.

Zudem entstand ein vorhersehbares Vakuum und ein Nährboden für Terroristen, dessen Folgen wie Kriege, Terror, Verfolgung, Vertreibung und Zerstörung Heute zu sehen sind. Hinzu kommt die Benachteiligung und Diskriminierung von Minderheiten wie Christen und Jesiden in Gesetzen, Schulen, Medien und auf der Straße. Die Verfassung, die Gesetze und die Lehrpläne müssen überdacht werden, es muss eine Umgebung geschaffen werden, in der alle Bürger gleich sind und alle in Gerechtigkeit und Würde leben können. 

Wie ist die militärische Lage in der nordirakischen Stadt Mossul, die jüngst vom „Islamischen Staat“ befreit wurde?

In Mossul und Umgebung ist die Militärpräsenz sehr hoch. Es gibt sehr viele Checkpoints, die Kontrollen sind sehr streng. In der ganzen Stadt patrouillieren Soldaten und überwachen Zufahrten und öffentliche Plätze. Man erkennt unterschiedliche Milizen an verschiedenen Standorten.

Bilder von Mossul tauchten auf, wonach die ehemalige Metropolstadt weitläufig zerbombt sei. Stimmen diese Eindrücke?

Nicht die ganze Stadt ist zerbombt. Wir hatten die Möglichkeit, durch verschiedenen Viertel der Stadt zu fahren. Es gab auch Orte, die in denen auch ein eher normales Alltagsleben herrscht. Aber ja, es gab andere Teile wie die Altstadt, die nur noch einem riesigen Trümmerhaufen gleicht.

Mossul, Bildquelle: Severiyos Aydin

Wie ist die Stimmung unterhalb der Bevölkerung, die anhaltend konfessionelle Konflikte durchmacht?

Die Menschen scheinen, sehr nervös und unruhig zu sein. Die ungewisse Zukunft macht die Menschen ängstlich und unsicher.

Gibt es Spannungen zwischen den verschiedenen ethnischen und religiösen Gruppen mit der Zentralregierung in Bagdad? Medien sprachen von Forderungen nach Föderalismus. Auch die Kurden wollen ihre Unabhängigkeit.

Es gibt auf jeden Fall enorme Spannungen. Insbesondere der Nordirak gleicht einem riesen Pulverfass. Auch nach der Eroberung Mossuls geht der Kampf gegen den IS weiter. Zudem bahnen sich neue Konflikte an. Es drohen Anschläge aus dem Untergrund.

Mossul hatte ein besonderes christliches Erbe, auch die Region drumherum. Was ist davon übrig geblieben?

Fast alle Kirchen und Klöster wurden teils oder ganz zerstört. Der „Islamische Staat“ missbrauchte Kirchen als Schießübungsplatz, für den Bombenbau oder als Parkgarage. Die Häuser von Christen wurden zerbombt oder willkürlich verbrannt und fast alle Straßen vermint. Christen haben ihre gesamte Existenz über Nacht in Mossul verloren.

Kirche in Mossul, Bilquelle: Severiyos Aydin

Zahlreiche Christen sind aus dem Irak geflohen. Wollen sie zurückkehren?

Diejenigen, die innerhalb des Iraks vertrieben wurden, würden gerne zurück in ihre Heimatstädte. Sie haben schon mit der Rückkehr angefangen. Schätzungsweise sind inzwischen 500 bis 1.000 Christen zurückgekehrt. Es ist aber nicht einfach für sie, zurückzukommen, ihre Heimat wurde vom IS drei Jahre lang besetzt, ihre Häuser sind zerbombt oder abgebrannt. Die ganze Infrastruktur muss wieder hergestellt werden. Alleine schaffen sie das nie. Sie begleitet immer noch die Angst und Unsicherheit. Sie haben auch ihr Vertrauen in die Behörden und Regierungen verloren. Sie benötigen Sicherheit, Schutz und Hilfsprogramme.

Was tut ihre Organisation, um unmittelbare Hilfe zu leisten?

Seit dem Sommer 2014 unterstützt ARAMAIC RELIEF vertriebene christliche Familien mit verschiedenen humanitären Nothilfeprojekten, wie Lebensmittel- und Kleiderverteilungen, Obdach-Hilfe, Hygieneprogramme sowie medizinische Versorgung mit Medikamenten. Zudem unterhalten wir seit zwei Jahren einen eigenen Kindergarten für intern vertriebene Kinder. Seit kurzem versuchen wir uns vermehrt den Rückkehr-, Wiederaufbau- und Entwicklungsprojekten zu widmen.

Paket-Verteilung, Bildquelle: Severiyos Aydin

 

ForumVostok