"Syrischer Adler" – handgefertigte Zigarren aus Latakia

"Syrischer Adler" – handgefertigte Zigarren aus Latakia
Arbeiterinnen in der Zigarren-Fabrik in Latakia
Der Krieg in Syrien hat vielen Frauen die Ehemänner, Väter und Söhne genommen. Die staatliche Tabakorganisation hat ein ehrgeiziges Projekt in Angriff genommen, um die Betroffenen von wirtschaftlicher Not zu befreien.

von Karin Leukefeld

Der Tabak von Latakia ist Rauchern von Zigarren und Pfeifen weit über die syrischen Grenzen hinaus ein guter Bekannter. "Schwarz, rauchig nach verschiedenen Hölzern duftend und manchmal mit orientalischen Kräutern verfeinert" – so exportiert die Region ihren Tabak seit dem 17. Jahrhundert. Die Farmer hängen die Blätter in kleinen Bündeln auf, trocknen ihn und räuchern ihn über einem Holzfeuer, was dem Tabak seinen kräftigen Geschmack verleiht. Verschiedene Sorten werden auch im Libanon oder auf Zypern angebaut und dienen - als Latakia Tabak - weltweit als Aromat und Zutat für Zigarren- und Pfeifentabak.

In der nordwestsyrischen Hafenstadt Latakia steht die staatliche Zigarettenfabrik, die Allgemeine Organisation für Tabak, wie sie offiziell heißt. Auf rund 1.000 Quadratmetern stellen etwa 2.000 Arbeiter fünf syrische Zigarettensorten her, die alle guten Absatz finden, berichtet Geschäftsführer Shadi Mouallah im Gespräch mit der Autorin. Der frühere Präsident Hafez al-Assad habe die lokale Zigarettensorte Al Hamra geraucht, die bis heute vor allem bei der älteren Rauchergeneration sehr beliebt sei. Dessen Sohn Baschar - der heutige Präsident - sei hingegen "kein guter Werbeträger", schmunzelt Mouallah: "Er raucht nicht!"

Wie in vielen europäischen Ländern galt vor dem Krieg auch in Syrien in öffentlichen Einrichtungen, aber auch in Hotels, Cafés und Restaurants ein Rauchverbot. "Wagen Sie nicht einmal, hier über eine Zigarette nachzudenken", stand bedrohlich beispielsweise auf Schildern, die Hotels ausgehängt hatten. Rauchfreie Lobbys und Hotelzimmer waren die Regel. Doch wie vieles, was den Alltag und das Zusammenleben der Menschen in Syrien früher in sinnvoller Weise geregelt hatte, ist auch das öffentliche Rauchverbot dem Krieg zum Opfer gefallen. Und obwohl sich die Preise für manche Zigarettensorten verzehnfacht haben, rauchen viel zu viele Syrer viel zu viel.

EU hat das Tabakunternehmen nach Kriegsbeginn mit Sanktionen belegt

In der Allgemeinen Organisation für Tabak in Latakia gelten für das Rauchen andere Maßstäbe. Die millionenschwere Firma exportierte in alle Welt, bis die Europäische Kommission sie kurz nach Beginn des Krieges 2012 unter Sanktionen gestellt hat. Sie fror das Geschäftsvermögen außerhalb des Landes ein, verhängte Reiseverbote und verbot den Handel, weil die Firma angeblich dem syrischen Präsidenten dabei helfe, das eigene Volk "blutig zu unterdrücken".

Auch die innersyrische Produktion litt, weil Kämpfe und terroristische Elemente, die weite Teile des Landes unsicher machten, die Ernte der Tabakpflanzen behinderten. Doch inzwischen können die Bauern wieder ernten, die Arbeiter haben wieder Arbeit und ihre Familien profitieren auch davon, meint Shadi Mouallah und blickt aufmunternd hinüber zu Ingenieur Nader Abdullah: "Er hatte eine wirklich gute Idee…"

Zurückhaltend erzählt der Ingenieur, dass er überlegt habe, wie man den vielen Opfern des Krieges helfen könne. So viele Frauen hatten ihre Ehemänner, Brüder, Söhne verloren, sie wollten keine Almosen, sie wollten Arbeit. Die Organisation für Tabak entschied sich schließlich für ein neues Projekt: den "Syrischen Adler". Die Frauen sollen handgefertigte Zigarren aus Latakia produzieren. Gesagt, getan. Seit 2015 arbeiten nun 400 Frauen und zehn Männer ausschließlich in der handgefertigten Zigarrenproduktion, und noch befindet diese sich in der Entwicklungsphase.

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Produktion der Zigarren erfolgt ausschließlich in Eigenregie

"Gute Zigarren müssen mindestens ein Jahr reifen", erklärt Geschäftsführer Mouallah. Die Zigarren würden "ohne ausländische Hilfe produziert. So unterstützen wir nicht nur die Frauen, sondern auch die syrische Ökonomie". Das sei die beste Art, dem "westlichen Wirtschaftskrieg gegen Syrien" in Form der Wirtschaftssanktionen zu begegnen, fügt Mouallah hinzu.

Und nein, Kuba habe nicht bei der Entwicklung der Zigarrenproduktion geholfen, nimmt er eine Frage vorweg, die ihm offenbar immer wieder gestellt wird. Alles an der Zigarre sei syrischen Ursprungs: der Tabak, der übrigens ohne Chemikalien und damit 100-prozentig naturbelassen verarbeitet werde, die Arbeitsgeräte und natürlich die Arbeiterinnen.

Diese brauchen Geschick, Geduld und Fingerspitzengefühl und mussten in der Kunst des Zigarrenrollens zunächst geschult werden. Doch was ihre geschickten Hände mit Weinblättern in der Küche kreieren können, gelingt ihnen auch mit dem Tabak. Die Produktionshalle ist eine hell erleuchtete Fabrikhalle, in der die Frauen an langen Tischen sitzen und in verschiedenen Produktionsschritten arbeiten. An einer holzgeflochtenen Zwischenwand, die die Arbeitshalle von anderen Räumen trennt, hängt ein großes Foto von Baschar al-Assad in jungen Jahren, der etwas schüchtern in den Raum lächelt. Ihm gegenüber an der Wand hängt ein Bild von Hafez al-Assad, seinem Vater.

Nachfrage auch aus Russland und mehreren Golfstaaten

In großen Kartons lagern die zerkrümelten Tabaksorten, die zum Befüllen der Zigarren dienen. Daneben liegen die Tabakblätter, die noch ihrer Bearbeitung harren. Zunächst wird der Tabak handverlesen und Unbrauchbares aussortiert, anschließend wägen die Arbeiterinnen ihn in kleinen Plastikschalen ab und portionieren ihn. Am nächsten Tisch bearbeiten sie die Tabakblätter, in die sie später den gebröselten Tabak einrollen. Die Frauen ziehen und glätten die Blätter und entfernen den Blattstiel. Dann feuchten sie die Blätter an, rollen sie aus und schneiden sie mit einem Spezialmesser zurecht.

Die emsigen Damen füllen den Tabak in eine Drehmaschine, rollen ihn in ein Blatt ein und legen die so entstandene Zigarre auf eine hölzerne Trockenleiter. In weiteren Schritten pressen sie die Zigarre, umwickeln sie mit zwei weiteren Blättern und pressen sie wieder. Sie schneiden überstehende Teile ab und legen die Zigarren schließlich auf einem Backblech aus. Der Trockenprozess beginnt.

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Am Ende schmücken die Frauen die Zigarren mit einer Bauchbinde, die den Syrischen Adler zeigt. Danach lagern die begehrten Stücke aber noch bis zu einem Jahr, bevor sie in den Handel gehen. In kleinen Kartons à fünf Stück sollen die Zigarren zunächst auf dem syrischen Markt verkauft werden, sagt Geschäftsführer Mouallah. Es gäbe aber auch Nachfrage aus dem Libanon, Russland, Kuwait und selbst in den Vereinigten Arabischen Emiraten zeige man sich interessiert.

Tabakerzeugung als Hoffnungsschimmer  

Stimmengewirr erfüllt unterdessen die Hallen. Manche Arbeiterinnen unterhalten sich miteinander, während sie die Blätter putzen und glätten, beim Rollen und Wickeln der Zigarren allerdings ist Konzentration erforderlich. Die meisten der Frauen sind jung und haben mit der Arbeit erst 2015 begonnen, als die Zigarrenproduktion aufgenommen wurde. Obwohl schon Feierabend ist und die Busse warten, die sie nach Hause bringen werden, kommen noch einige der Frauen in ihren blauen Kitteln und erzählen ihre Geschichte.

Sie heißen Hala, Lama, Maram, Isma und alle haben Angehörige in dem Krieg verloren, der so viele Opfer gekostet hat. Ihre Brüder, Väter, Ehemänner dienten in der Armee und starben gleich zu Beginn des Krieges, der nun kein Ende nehmen will. Sie wurden in Hama, in Aleppo oder in Damaskus getötet. Eine Arbeiterin verlor zwei Brüder und ihre Mutter, als bewaffnete Kämpfer ihr Dorf im Umland von Latakia überfielen. Sie selber konnte fliehen und wurde nur leicht verletzt. Eine andere Arbeiterin verlor drei Brüder im Krieg, ihre Kollegin verlor ihren Ehemann und muss ihre Tochter nun allein aufziehen. Sie spricht nur zögernd und sagt leise, wie gut es sei, diese Arbeit zu haben:

Wir müssen stark sein und Syrien verteidigen, damit wir endlich wieder in Frieden miteinander leben können.