"Hilfe für den Feind": USA erzürnt über Preisgabe von US-Stützpunkten durch türkische Presseagentur

"Hilfe für den Feind": USA erzürnt über Preisgabe von US-Stützpunkten durch türkische Presseagentur
US-Soldaten auf einer Patrouille in dem nordsyrischen Dorf al-Kherbeh in der Provinz Aleppo.
Die US-Unterstützung für Kurdenmilizen in Syrien im Kampf gegen den IS ist Ankara schon lange ein Dorn im Auge. Zum Ärger Washingtons hat eine staatliche türkische Presseagentur nun eine detaillierte Liste der US-Stützpunkte in Nordsyrien veröffentlicht.

Das ohnehin angespannte Verhältnis der Türkei zu ihren NATO-Partnern steht vor einer weiteren Belastungsprobe. Hintergrund ist die Unterstützung der USA für kurdische Milizen in Syrien im Kampf gegen den "Islamischen Staat", die Ankara schon seit langem mit Argwohn betrachtet. Nun hat die staatliche türkische Nachrichtenagentur Anadolu eine Liste der Militärbasen und Stützpunkte der USA in den von Kurden kontrollierten Gebieten im Norden Syriens veröffentlicht – und damit Washingtons Zorn heraufbeschworen.   

Für seine Entscheidung, an Anti-Assad-Rebellen in Syrien keine Waffen mehr zu liefern, steht US-Präsident Donald Trump auch in der eigenen Partei unter Beschuss.

Die Agentur stellte am Mittwoch einen sowohl in Englisch als auch Türkisch verfassten Artikel online, der eine Übersicht von zehn US-Militärposten in den von "terroristischen" kurdischen Milizen gehaltenen Gebieten enthält. Die Stützpunkte befinden sich in den Provinzen Aleppo, Hasaka und Rakka. Laut Mitarbeitern der Agentur gehen die Informationen auf eine eigene Vor-Ort-Recherche zurück.

Nur zwei der Stützpunkte waren bekannt

Laut einer Stellungnahme des US-Zentralkommandos gegenüber RT weiß das US-Militär nicht, auf welchen Quellen der Bericht beruht. "Wir wären aber sehr besorgt, wenn Beamte eines NATO-Verbündeten unsere Streitkräfte absichtlich gefährden, indem sie sensible Informationen herausgeben", so das US-Militär.

Die Standorte von zwei der genannten Stützpunkte waren bereits zuvor weithin öffentlich bekannt. Dabei handelt es sich um eine Basis im Bezirk Rmeilan in der Provinz Hasaka sowie um einen Stützpunkt im Dorf Harab Isk in der Provinz Aleppo, nahe der Stadt Kobane. Die anderen von der türkischen Agentur aufgeführten Stützpunkte waren hingegen zuvor völlig unbekannt oder fanden nur Erwähnung in Berichten Außenstehender ohne offizielle Bestätigung. Neben der Nennung der Standorte der Stützpunkte geht der Bericht auch auf Details wie Truppenstärke, Ausrüstung und Arbeitsabläufe ein.

Washington: Veröffentlichung nutzt dem Feind

Wie das US-Portal Daily Beast berichtet, war Washington über die Veröffentlichung so erzürnt, dass es versucht habe, US-Medien daran zu hindern, den türkischen Bericht aufzugreifen.

Die Diskussion über spezifische Truppenzahlen und -orte würde dem Feind sensible taktische Informationen liefern, die die US-Koalition und ihre Partnerkräfte gefährden könnten", sagte Oberst Joe Scrocca, verantwortlich für die Öffentlichkeitsarbeit der Operation Inherent Resolve, gegenüber Daily Beast.

Der Oberst bezeichnete die Veröffentlichung als "unverantwortlich", sie gefährde das Leben von Angehörigen der US-Koalition.

Mit Unterstützung der USA konnten kurdische Kämpfer in die Stadt Rakka eindringen. Die Rolle des US-Militärs bleibt dabei unklar.

Unterdessen nannte auch Pentagon-Sprecher Eric Pahon die Offenlegung der US-Basen eine "unnötige Gefährdung" der Koalitionskräfte. Diese habe das Potenzial, zu einer Unterbrechung der "laufenden Operationen gegen den Islamischen Staat" zu führen. Ankara ist schon lange verärgert über die US-Unterstützung der kurdischen Kräfte, die derzeit den Angriff auf Rakka, die selbsternannte Hauptstadt des "Islamischen Staates", führen.

Ankara will Kooperation mit PYD/YPG nicht hinnehmen

Am Montag verkündete der Nationale Sicherheitsrat der Türkei, dass es sich bei der in Syrien aktiven kurdischen PYD und der PKK um "dieselbe Organisation" handele. Die Partei der Demokratischen Union (PYD) und ihr bewaffneter Arm, die Volksverteidigungseinheiten (YPG), werden von den USA unterstützt. Sie gelten als Schwesterorganisationen der in der Türkei aktiven und als Terrororganisation eingestuften Arbeiterpartei Kurdistans (PKK).

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Türkische Beamte sagten, dass beide Gruppen untereinander Waffen austauschen. Faktisch beschuldigen sie damit Washington, "Terroristen" zu bewaffnen - sie sprechen von einem "Doppelstandard", dem "einige Verbündete" der Türkei anheimgefallen sein.

USA verwenden Wohngebiete, Ausbildungslager und Fabriken als Stützpunkte 

Laut der Agentur Anadolu unterhalten die USA in Nordsyrien Stützpunkte verschiedenen Typs. Bei einigen handele es sich eher um Feldlager-ähnliche Einrichtungen, die "aus Sicherheitsgründen meist versteckt und daher nur schwer auszumachen" seien.

Unter diesen sei der Stützpunkt in Rmeilan der bedeutendste, der im Oktober 2015 in der Provinz Hasakah errichtet wurde. Er umfasst eine Landebahn, über die der Waffennachschub für die US-gestützten Kämpfer gewährleistet wird. Laut dem Bericht handelt es sich dabei um eine der beiden wichtigsten Nachschubrouten der USA – neben einer Landverbindung über den Irak.

Eine weitere Basis soll sich in Harab Isk bei Kobane befinden. Diese verfüge über einen Hubschrauberlandeplatz und wurde im März 2016 in Betrieb genommen. Abgesehen von den diesen Einrichtungen, die eher traditionellen Stützpunkten entsprechen, nutze die US-geführte Koalition auch "einige andere Orte, die schwer zu erkennen sind", als Stützpunkte. Darunter "Wohngebiete, Lager der PKK/YPG und umgebaute Fabriken".

Acht der Einrichtungen seien mit Offizieren besetzt, die die Verantwortung für Luftschläge und Artillerieeinsätze sowie operative Planungen tragen. Anadolu schildert:

Die Ausrüstung in diesen Stützpunkten umfasst Artillerie-Batterien mit hoher Manövrierfähigkeit, Mehrfach-Raketenwerfer, verschiedenes mobiles Gerät zur Informationsgewinnung sowie gepanzerte Fahrzeuge wie den 'Stryker', die üblicherweise für Patrouillen genutzt werden.

Außenposten in Manbidsch soll Kurden vor FSA-Angriffen schützen

Die Agentur gab auch noch weitere Details bekannt: Im Verwaltungsbezirk Hasaka im Nordosten Syriens existieren demnach drei weitere US-Militärbasen. Eine soll sich in asch-Schaddadi befinden, auf ihr seien 150 Soldaten von US-Spezialkräften stationiert, eine weitere existiere in Tal Baydar mit 100 US-Soldaten sowie eine dritte in Tell Tamir, die "von ausländischen Soldaten der US-geführten Koalition" genutzt werde. 

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In Manbidsch, einer Stadt in der Provinz Aleppo, sollen sich zwei Außenposten des US-Militärs befinden, die vergangenes Jahr errichtet worden sind. Zweck dieser Stützpunkte sei, die kurdischen Kräfte vor Angriffen der von der Türkei unterstützten Freien Syrischen Armee (FSA) zu schützen.

Eine Basis in der Kleinstadt Ain Issa in der Provinz Aleppo soll zudem "rund 200 US-Soldaten und 75 Soldaten französischer Spezialeinheiten" beherbergen. Truppen beider Nationen sollen auch in unbekannter Stärke am Stützpunkt Mishtenur Hill nahe Kobane stationiert sein. Eine Schlüsselrolle soll der Basis in Sarrin zukommen, die ebenfalls bei Kobane liegt. Von dort aus werde die YPG mit militärischer Ausrüstung und Munition versorgt. Sie diene außerdem auch als "Kommunikationszentrum der Anti-IS-Koalition". 

Im Unterschied zur englischsprachigen Version des Artikels ergänzte Anadolu dessen auf türkisch verfasste Variante mit einer Landkarte, in der die US-Stützpunkte eingezeichnet sind.