Keine NATO-Integration: Türkei will Russlands Raketensystem S-400 mit Know-How-Transfer kaufen

Keine NATO-Integration: Türkei will Russlands Raketensystem S-400 mit Know-How-Transfer kaufen
Ankara und Moskau haben sich endgültig über den Verkauf des modernen Luft-Abwehrsystems S-400 geeinigt. Die Türkei wird 2,5 Milliarden für das Verteidigungssystem bezahlen. Die Lieferung umfasst zwei Batterien und einen Know-How-Transfer, den der Westen Ankara verwehrt hat. RT Deutsch sprach mit Experten aus Russland und der Türkei.

von Ali Özkök

Die Türkei und Russland, die seit November 2016 verhandeln, einigten sich auf die preislichen Konditionen des Mega-Rüstungsdeals. Demnach wird Ankara 2,5 Milliarden US-Dollar an Moskau überweisen, berichtete das Finanznachrichtenportal Bloomberg unter Berufung auf türkische Beamte am Mittwoch.

Es gibt keinen Zeitrahmen für die Unterzeichnung des Abkommens zur Auslieferung des S-400-Systems an die Türkei. Der türkische Beamte bemerkte, dass beide Seiten noch technische Aspekte diskutieren. Die Verhandlungen bis zum Vertragsabschluss dürften noch ein Jahr andauern.

Im Gespräch merkte Dmitri Stefanovich, Militärexperte der russischen Denkfabriken Russischer Rat für internationale Angelegenheiten und Eurasia Expert, an, dass noch nicht zu hundert Prozent gesagt werden kann, ob der der Deal durchkommen wird. „Man kann noch nicht sagen, ob das als Druckmittel genutzt wird. Während NATO-Alliierte der USA Patriot-Systeme geliefert bekamen, wurden diese in der Türkei nur temporär aufgestellt. Ankara könnte deutliche Zeichen setzen wollen“, erklärte der Analyst.

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„Sollte das Abkommen durchkommen, dann haben wir es mit einem bedeutsamen Faktor zu tun, der zur deutlichen Distanzierung der Türkei von der NATO beiträgt“, sagte der Wissenschaftler von Eurasia Expert. Mit Blick auf das bilaterale Verhältnis beider Staaten bemerkte Stefanovich:

Die Türkei kann noch nicht als absolut russland-freundlich oder als Alliierter beschrieben werden, aber wir haben gemeinsame regionale Interessen und Herausforderungen. Zum Beispiel könnte Ankara dafür ihre Position in Sachen Krim ändern. Die Wiedervereinigung wird von der Türkei mit besonderen Beziehungen zur Halbinsel nicht anerkannt.“

Auf Anfrage von RT Deutsch sagte Andrei Koschkin, Leiter des Lehrstuhls für Politikwissenschaften an der russischen Plechanow-Wirtschaftsuniversität und Mitglied des Kriegspolitologen-Verbands, über die russisch-türkische Militärkooperation:

Die Türkei ist die zweitgrößte Armee der NATO. Sie ist ein sehr wichtiger Bestandteil des Bündnisses. Und plötzlich ist sie bereit, anstelle mit den USA oder anderen NATO-Staaten mit Russland zusammenzuarbeiten. Das ist prinzipiell schon ein neuer Schritt der Militärkooperation.“

Der Militärwissenschaftler äußerte, dass die Zusammenarbeit mit Russland „für die Türkei sehr wichtig ist. Sie will nicht, dass ihre Hände weder von Washington noch von Brüssel gefesselt werden. Ankara brauch ein Luftabwehr-System, das nicht von den USA oder Brüssel kontrolliert wird.“

Einer der Eckpfeiler der Vereinbarung für die türkische Seite ist, dass es neben der Auslieferung der Batterien auch einen Transfer der Technologie an türkische Rüstungsingenieure gibt. Zusätzlich zum Verkauf von zwei Batterien erlaubt der vorläufige Vertrag der Türkei, zwei S-400-Systeme eigenständig zu produzieren.

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist unklar, im welchem Zeitraum Ankara die Rechte erwirbt, S-400-Raketensysteme selbst zu produzieren. Der Beamte aus der Türkei bemerkte, dass Moskau keine S-400 auf Lager hat. Das Waffensystem muss zunächst konstruiert werden.

Der türkische Regierungsvertreter sagte, dass Russland ein Raketensystem aus einer Charge für einen anderen Kunden abziehen könnte und dieses stattdessen an die türkische Armee liefern könnte. Auf diese Weise könnten beide Seiten die Lieferung beschleunigen. Der Beamte lehnte es ab zu sagen, welches Land gemeint ist.

Zuvor schloss Russland S-400-Verträge mit Indien und China. Eine Batterie könnte aus diesen Verträgen abgezogen werden. Der Analyst Stefanovich glaubt nicht, dass Ankara das S-400 System früher erhalten wird als Indien oder China. Er sagte RT Deutsch:

China soll seine Systeme im Juni 2019 erhalten. Indiens Lieferungen beginnen nicht früher als 2020. Es ist unwahrscheinlich, dass Russland seine S-400 aus Hmeimim in Syrien abzieht, um sie der Türkei zu verkaufen.“

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Das S-400 ist mit der in der Türkei stationierten NATO-Ausrüstung nicht kompatibel. Die Türkei gehört zu den ältesten NATO-Mitgliedern. In der türkischen Luftwaffenbasis Incirlik haben die US-Streitkräfte taktische Atomwaffen stationiert. Die Basis wird von NATO-Staaten als Ausgangspunkt für Operationen gegen die Terrormiliz „Islamischer Staat“ in Syrien und Irak genutzt.

Europäische NATO-Staaten äußerten zuvor ihre Bedenken über die Integration der russischen S-400-Batterien. Der türkische Verteidigungsminister Fikri Isik wies potenzielle Probleme mit dem russischen System zurück. Im März sagte der Minister, dass Ankara überhaupt nicht plant, das Raketensystem in die NATO-Infrastruktur zu integrieren. RT Deutsch sprach mit dem türkischen Raketen-Forscher Hakan Kilic, der das Luftfahrtmagazin Kokpit.aero betreibt. Der Experte sagte über das türkische Verhältnis zur NATO:

Nachdem die NATO lange den Kauf von S-400 abgelehnt hat, scheint sie das Abkommen zwischen Russland und der Türkei mittlerweile schweigend zu akzeptieren. Die Forderungen, die Türkei müsse aus der NATO austreten, sind verklungen.“

Mit Blick auf die Frage der Integration von S-400 in die NATO-Infrastruktur informierte Kilic unter Berufung auf die türkische Armee:

Die NATO erklärte lange zuvor, dass sie russische oder chinesische Systeme in ihren Raketenschirm niemals integrieren wird. S-400 kann nur dann wirklich erfolgreich integriert werden, wenn es mit dem Frühwarnsystem der Türkei integriert wird. Das ist vor allem wichtig bei der Bekämpfung von feindlichen Raketen.“

Nichtsdestotrotz wird die Türkei das System aus Russland erwerben und dieses mit einem eigenen System ergänzen. Kilic fügte hinzu:

Ich glaube, dass die Türkei das S-400 aus Russland kaufen wird. Zugleich baut die Türkei mit Europa, vor allem mit Italien und Frankreich, ein nationales indigenes Raketensystem, das in die NATO integriert werden kann.“

Vergangenen Monat sagte der russische Präsident Wladimir Putin, dass Moskau das S-400-Luftabwehrsystem nicht im Ausland produziert. Er schloss nicht aus, dass sich das in Zukunft ändern wird.

„Es gibt nichts Unmögliches“, sagte Putin am Rande des Sankt Petersburger Wirtschaftsforums. Er gab bekannt, dass Moskau „bereit ist“, das Raketensystem an die Türkei zu geben.

Anfang Juli teilte das russische Rüstungsunternehmen Rostec mit, dass es sich auf die technischen Details mit den türkischen Kollegen geeinigt hat. Es stehen lediglich finanzielle Fragen aus, die geklärt werden müssen.

Der Rostec-Vorsitzende Serge Chemezow informierte, dass Ankara ein russisches Darlehen zur Finanzierung des Systems möchte.

Der türkische Militäranalyst Yusuf Akbaba sagte gegenüber RT Deutsch, dass die Entscheidung Ankaras als deutliche Kritik an den doppelten Standards des Westens zu bewerten ist.

Die Türkei versucht seit langem, ein nationales Luftabwehrsystem zu bauen. Um das System aus eigenen Kräften zu bauen, fehlen Ankara die Möglichkeiten.

Der türkische Verteidigungsminister erklärte im Mai, dass der Grund für die Zusammenarbeit mit Rostec die „finanzielle Effektivität“ Moskaus ist.

Die türkischen Beziehungen zur NATO verschlechterten sich dramatisch im Zuge des vereitelten Putschversuchs vergangenen Juli in der Türkei. Die türkische Regierung wirft den USA und westeuropäischen Staaten wie Deutschland vor, sich nicht genug auf die Seite der türkischen Regierung gestellt zu haben. Hinzu kommt, Ankara ist davon überzeugt, dass der Westen die Gülen-Bewegung, die hinter dem Putsch stehen soll, gegen die AKP-Regierung unterstützt zu haben.

Ein weiterer Zankapfel ist die US-amerikanische Unterstützung für die Kurden-Miliz YPG, die Verbindungen zur PKK unterhält. Die PKK wird von der Türkei wegen ihrer politischen Ziele und militärischen Praktiken als terroristische Vereinigung gelistet. Die USA weisen die türkische Reserviertheit zurück, während Ankara seit 2015 im Südosten der Türkei mit der PKK einen Krieg führt. Der türkische Präsident Erdoğan forderte die USA wiederholt dazu auf, ihre Unterstützung für YPG-Kämpfer einzustellen. Im Kampf gegen den „Islamischen Staat“ bewaffnet Washington die YPG-Miliz und baut auf ihrem Territorium in Nordsyrien Militärbasen.

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