Mossul: Über 1.000 tote Zivilisten durch Luftangriffe der US-Koalition - Zahlreiche Kriegsverbrechen

Mossul: Über 1.000 tote Zivilisten durch Luftangriffe der US-Koalition - Zahlreiche Kriegsverbrechen
Zivilisten retten sich aus der vom Krieg gezeichneten Altstadt Mossuls.
Bei den Kampfhandlungen in Mossul wurden laut Beobachtern über 1.000 Zivilisten durch Luftangriffe der US-Koalition getötet. Kinder leiden besonders schwer unter den Kriegsfolgen. Die junge Generation ist traumatisiert - aber das ist nicht die einzige Bürde für die Zukunft.

Vor einer Woche verkündete das irakische Militär die Befreiung Mossuls. Die Metropole galt Iraks Vorzeige-Metropole des vom "Islamischen Staat" (IS) verkündeten Kalifats. Die Dschihadisten hielten zum Schluss nur noch die Altstadt, wobei sie tausende Zivilisten als Geiseln nahmen und sich hinter ihnen verschanzten, um den Vormarsch der Armee zu verzögern.

Neben der Altstadt ist vor allem der Westteil der Millionenmetropole von den Kämpfen schwer gezeichnet. Dort sind laut Angaben lokaler Behörden achtzig Prozent der Gebäude und der Infrastruktur zerstört. Laut der Plattform Airwars, die Luftangriffe – sowohl Russlands als auch der US-Koalition – gegen den IS in Syrien und Irak auswertet, starben "wahrscheinlich" 900 bis 1.200 Zivilisten in Mossul durch Luftangriffe der US-geführten Koalition während der Rückeroberung der Stadt. Die tatsächliche Zahl ziviler Opfer könne aber deutlich höher liegen:

Hunderte oder gar tausende Menschen mehr könnten bei den Einsätzen der Koalition getötet worden sein – in vielen Fällen ist es jedoch unmöglich, die Verantwortlichkeit genau zuzuordnen. Luftschläge wurden von den Vereinigten Staaten, Großbritannien, Frankreich, Belgien und Australien durchgeführt. Die USA und Frankreich unterstützten die irakischen Streitkräfte zudem mit schwerer Artillerie.

Noch 4.000 Leichen unter den Trümmern vermutet

Nach Angaben des US-Militärs gegenüber dem Nachrichtenportal Defense One hat die US-Koalition bei ihren insgesamt 1.300 Lufteinsätzen über 30.000 Bomben abgeworfen. Offizielle Schätzung irakischer Behörden gehen von bis zu 4.000 Leichen aus, die noch unter den Gebäudetrümmern verschüttet liegen und ihrer Bergung harren.

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Mitarbeiter des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (ICRC) sprechen von einem "massiven Anstieg ziviler Opfer während der letzten Wochen". Auch nach dem Ende der Kampfhandlungen träfen nach wie vor viele Zivilisten in den medizinischen Einrichtungen ein – die Hälfte davon Kinder. 

Sie kommen mit Schrapnellwunden an, mit blutigen Augen und Schusswunden am Kopf, nachdem sie unter Trümmern verschüttet waren – traumatisiert von den Luftangriffen, der Artillerie, den Scharfschützen, den Bomben. Oftmals haben sie ihre ganze Familie verloren, und häufig sterben sie noch bei der Ankunft", erklärte ICRC-Sprecherin Iolanda Jaquernet.

Laut einer aktuellen Stellungnahme von Save the Children leiden Kinder aus der Stadt besonders unter den Folgen der Gefechte. Befragungen von 65 Minderjährigen im Alter zwischen 10 und 15 Jahren in einem Flüchtlingslager bei Mossul hätten ergeben, dass die mentalen Schäden bei den Kindern immens seien.

"Sehr auffällig ist, wie introvertiert und verschlossen die Kinder sind. Als hätten sie die Fähigkeit verloren, Kind zu sein. Die Kinder werden nicht in wenigen Wochen oder Monaten wieder gesund werden. Sie brauchen Unterstützung über Jahre hinweg", sagte die Gesundheitsexpertin der Organisation, Marcia Brophy.

Nach eigenen Angaben hätten 90 Prozent der Befragten ein Familienmitglied verloren. Einige hätten darüber berichtet, wie Verwandte vor ihren Augen durch Bomben, Minen oder IS-Scharfschützen bei der Flucht getötet wurden. Die Mehrheit der Kinder hat demnach Albträume und Schlafstörungen.

Bürde für die Zukunft: Die Rache der Befreier

Eine Bürde für die Zukunft in Mossul liegt nicht nur in der Traumatisierung der jungen Generation. In der Vergangenheit kam es im Irak in Gebieten, die dem IS entrissen werden konnten, auch zu Rachefeldzügen durch die Befreier, denen willkürlich Menschen zum Opfer fielen. Durch die oftmals sektiererisch motivierten Übergriffe sind zukünftige Konflikte vorprogrammiert. Das auf Außenpolitik spezialisierte Onlinemagazin German Foreign Policy gibt in diesem Zusammenhang zu bedenken:

Die tiefe Spaltung der irakischen Gesellschaft, die das Erstarken des IS erst ermöglichte, droht nach dem Sieg über den Dschihadistenstaat zementiert zu werden. So wird immer wieder berichtet, Sunniten aus Mossul würden auf bloßen Verdacht harten Sanktionen ausgesetzt, sofern ihre Brüder, Söhne oder entferntere Verwandte für den IS gearbeitet oder gekämpft hätten. Auf Seiten der Regierung kämpfende Milizen - auch sunnitische - hätten mutmaßlich Dutzende Männer umgebracht, die sie verdächtigt hätten, dem IS anzugehören, berichtete etwa Human Rights Watch Anfang Juni.

Der irakische Fotograf Ali Arkady, der bei der irakischen Armee "eingebettet" war, hat erschreckende Szenen von Menschenrechtsverletzungen dokumentiert, die von den Soldaten begangen wurden. Sein Filmmaterial zeigt Misshandlungen, Folter und Mord. Gefoltert wurde nicht nur, um Geständnisse zu erzwingen, sondern teilweise zum reinen Vergnügen. Die USA unterstützen die betreffende Einheit der irakischen Armee.

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Wie die schwedische Zeitung Expressen berichtete, brüstete ein Angehöriger der irakischen Polizei sich gar damit, 130 mutmaßliche IS-Kämpfer getötet zu haben. Fünfzig der gefangenen Männer habe er eigenhändig enthauptet. Von der Zeitung veröffentlichte Aufnahmen zeigen den Mann, wie er – umringt von irakischen Soldaten – triumphierend einen abgetrennten Kopf in seinen Händen hält. 

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