CIA-Analyst im Irak: Wir berichteten, was das Weiße Haus hören wollte, nicht die realen Fakten

CIA-Analyst im Irak: Wir berichteten, was das Weiße Haus hören wollte, nicht die realen Fakten
Der ehemalige irakische Präsident Saddam Hussein vor Gericht in Bagdad.
Er war der CIA-Offizier, der Saddam Hussein nach dessen Festnahme im Dezember 2003 verhörte. John Nixon schildert seine Eindrücke und Erfahrungen mit dem ehemaligen irakischen Alleinherrscher in Buchform. US-Führung, CIA und Medien kommen dabei nicht gut weg.

Jeder an Zeitgeschichte interessierte Beobachter erinnert sich noch gut an die Berichterstattung im Vorfeld der Irak-Invasion, angeführt von den Vereinigten Staaten im Jahr 2003. Die mediale Omnipräsenz des Potentaten Saddam Hussein wurde nur noch übertroffen durch die vermeintlich einmalige Bösartigkeit, mit der Saddam sein Volk knechtete, Kurden vergaste und nach Massenvernichtungswaffen strebte.

Was das Letztere betraf, deuteten bereits zu einem sehr frühen Zeitpunkt alle Indizien darauf hin, dass es diese ominösen Massenvernichtungswaffen nicht gab, die als offizieller Grund für die Invasion des Iraks dienten - die tatsächlich eher eine "Vergeltungsaktion" an Unbeteiligten für die Anschläge vom 11. September 2011 darstellten.

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Doch schenkt man den nunmehr auch in Buchform veröffentlichten Darstellungen John Nixons Glauben, hat auch der restliche Narrativ des ohne Zweifel oftmals mit fragwürdigen Methoden regierenden Saddam Hussein seine Schwächen. Möglicherweise entspricht das Zerrbild, das die Medien tagaus, tagein vom irakischen Langzeitherrscher gezeichnet hatten, eher einer wohl kalkulierten Räuberpistole als dem, was man als "Wahrheit" bezeichnen könnte.

Dämonisierung statt nüchterner Bestandsaufnahme

Zuletzt war John Nixon zu Gast bei Late-Night-Talker Markus Lanz, um über seine intensiven Begegungen mit Saddam Hussein zu berichten. Folgt man den Beschreibungen Nixons in seinem Buch "Debriefing the President: The Interrogation of Saddam Hussein" das bereits im Dezember des Jahres 2016 erschienen ist, war der irakische Alleinherrscher so ganz anders als es die Mainstreampresse hüben wie drüben gekonnt suggerierte. Der ehemalige CIA-Offizier Nixon, der als CIA-Analyst den Herrscher vom Euphrat fünf Jahre lang studierte, bevor er ihn nach dessen Festnahme durch US-Truppen im Jahr 2003 verhörte, erlangte einen deutlich davon abweichenden Eindruck.

Nach Angaben Nixons besaß Saddam Hussein eine "menschliche Seite". Selbst diese simple Feststellung mag einigen Zeitgenossen bereits als Frevel gelten. Doch laut Nixon handelte es sich bei Hussein um einen Herrscher, der allerlei positiv besetzte menschliche Eigenschaften auf sich vereinte:

Er war eines der charismatischsten Individuen, die ich jemals traf. Wenn er wollte, konnte er charmant, nett, lustig und höflich sein.

Soweit so gewöhnlich, auch für einen Diktator, mag man nun denken, doch Nixon geht weiter, um die jahrelang produzierten Geschichten über den Diktator vom Kopf auf die Füße zu stellen:

So viele Dinge, die ich über ihn von anderen Experten gehört hatte, stellten sich als falsch heraus. Bis hin zur Charakterisierung seines Stiefvaters. Mir war immer erzählt worden, dass dieser ihn gnadenlos malträtiert hätte und dass dies einer der Gründe war, warum Saddam zu jenem bösartigen Diktator wurde, der er war.

Dieses gefakte autobiografische Trauma, das die CIA lange gleichsam amtlich verbreitete, lässt Parallelen zu Josef Stalin erkennen, der ebenfalls auf diese Weise von seinem Stiefvater geprägt worden sein soll. Als Nixon Saddam nach dessen Verhältnis zu seinem Stiefvater fragte, antwortete dieser, dass er seinen Stiefvater "geliebt" habe und dass dieser "zu den liebenswertesten Männer" gehörte:

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"Er war die Person, die mich zu dem machte, der ich heute bin", so der ehemalige irakische Präsident. Nixon gewährt auch einige Einblicke in die emotionale Komponente der Gespräche und erklärt, dass ihm Hussein "leidgetan" habe:

Ich erinnere mich daran, an ihm hinabgeblickt, auf seine Sandalen geblickt zu haben und ich dachte: Du hast schreckliche Dinge getan und ganz sicher akzeptiere ich nicht deine Methoden, aber es war nicht an uns, hierher zu kommen und dich von der Macht zu entfernen. Es war an den Irakern, dies zu tun. Ich fühlte, dass es alles falsch gewesen war.

"Saddam hatte Großteil der Macht längst delegiert"

Nixon geht allerdings noch weiter und räumt mit politisch und medial vermittelten Zerrbildern über den, wie es stets hieß, "verrückten Diktator" auf, die offenbar dem Ziel dienten, diesen zu dämonisieren und dadurch den Boden für die vermeintliche Befreiung des Iraks zu bereiten:

Unsere Annahme, dass er sein Land mit eisernem Griff regierte, war einfach falsch. Aus den Befragungen ging hervor, dass Saddam meistens gar nicht wusste, was in den letzten Jahren im Irak passiert war.

Demnach hatte die Hussein die Regierungsgeschäfte bereits seit geraumer Zeit abgegeben. Die neu gewonnene Zeit verbrachte Hussein damit, einer bis dato der Weltöffentlichkeit verborgen gebliebenen musischen Ader Ausdruck zu verleihen: Der Diktator war drauf und dran, zum Romancier zu werden. Dazu Nixon:

Dieser Saddam wirkte eher wie ein Großvater, der kein großes Interesse mehr am Polit-Geschäft hatte. Er liebte das Schreiben. Er war stolz darauf, dass er all seine Reden selbst schrieb. Ich denke, dass Saddam zum Ende seines Lebens lieber ein Intellektueller sein wollte.

Nixons Erzählstrang folgend entbehrten selbst grundlegende Informationen über den irakischen Langzeitherrscher, der mithilfe der USA an die Macht gelangt war, jeglicher Substanz. Nixon räumt dabei ein, dass selbst er durch die CIA-Propaganda hinters Licht geführt wurde. Dieser bärtige alte Mann sollte der schlitzohrigste und gefährlichste Diktator des Erdballs gewesen sein? Nixon kommt auf seine Verblüffung zu sprechen:

Mich überraschte, wie schlecht er informiert war, wie unzureichend seine Kenntnisse in Bezug auf internationale Beziehungen und die Verhältnisse in der amerikanischen Politik waren.

Durch die Propaganda indoktriniert, vermochte Nixon dem Diktator zunächst nicht zu glauben, als dieser erklärte, dass seine Regierung nicht über Massenvernichtungswaffen verfügte, wie es vonseiten der US-Regierung so vehement behauptet worden war:

Er sagte, dass es keine gebe und auch seit längerer Zeit keine Programme existierten, um Atomwaffen zu entwickeln. Er machte es einem aber schwer, ihm zu glauben, weil er ein sehr misstrauischer Mensch war. […] Deshalb hatte ich immer das Gefühl, er würde mich anlügen. Erst als ich zurück im CIA-Hauptquartier war und mir meine Aufzeichnungen und andere Unterlagen anschaute, wurde mir klar, dass er doch die Wahrheit gesagt hatte.

Giftgasangriff auf Kurden 1988 war eigenmächtige Entscheidung eines Generals

Nixon beschreibt seine Verwunderung darüber, dass sich niemand für seine Erkenntnisse interessierte:

Es war wirklich ein eigenartiges Gefühl, vor dieser Masse an Fehlern zu stehen und mit einem solchen Misserfolg klarzukommen. Und noch viel eigenartiger war, dass niemand mit uns über unsere Erkenntnisse sprechen wollte.

In diesem Zusammenhang wollte der US-Verhörspezialist auch mehr über die Sicht des Diktators auf den nachgewiesenen Giftgasanschlag auf sein eigenes Volk im Jahr 1988 erfahren, der zum Ende des 1. Golfkriegs stattgefunden hatte. Bei dem entsprechenden Angriff der irakischen Luftwaffe starben zwischen 3.200 und 5.000 Menschen - hauptsächlich Kurden. Die folgenden Worte Saddams zählte Nixon zu den "interessantesten Erkenntnissen", die er aus der Befragungsreihe gewonnen hatte, und fasste die Erläuterungen des damaligen irakischen Präsidenten wie folgt zusammen:

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Nicht Saddam hatte den Befehl für den Gebrauch von chemischen Waffen erteilt. Es war die eigenständige Entscheidung eines irakischen Generals. Als Saddam im Nachhinein davon erfuhr, war er sehr enttäuscht – nicht wegen der Opfer, sondern weil dies auf dem Gebiet der Kurden geschehen war, die Verbindungen zum Iran hatten. Saddam fürchtete, dass die Iraner die Tat instrumentalisieren würden, um den Irak vor den internationalen Medien bloßzustellen.

Zu Recht, wie sich herausstellen sollte. Saddam Hussein selbst empfand sich als Freund der Kurden, da diese, wie er selbst, überwiegend Menschen vom Land seien und keine Städter. Mit diesen kam er weniger gut zurecht. Daher soll Saddam einen Wutanfall bekommen haben, als er vom tausendfachen Tod von Kurden durch den Einsatz von chemischen Kampfstoffen erfuhr.

In seinen Memoiren kommt Nixon auch auf die Arbeitsweise der Central Intelligence Agency (CIA) als solche zu sprechen. Seine Analyse erklärt dabei, warum die Informationen des Nachrichtendienstes oft wenig mit der Realität gemein haben und vielmehr den politischen und wirtschaftlichen Interessen der herrschenden Elite das Wort reden:

In den Jahren unter Clinton, Bush und Obama lernte ich, dass das Arbeitsprinzip in Wirklichkeit lautete: Mache alles so, wie es erwartet wird.

CIA arbeitet nicht für Erkenntnisgewinn, sondern gegen reduzierte Budgetmittel

So unterblieb eine Weiterleitung an den Präsidenten immer dann, wenn Informationen nicht dem Narrativ des "dämonischen Despoten" entsprachen. Diese fanden dann schlichtweg nicht statt. Demnach sah der Geheimdienst seine Aufgabe vielmehr darin, "sklavisch den Wünschen des Präsidenten zu folgen", und dies um

möglichst nahe an der Macht zu sein und das enorme Budget zu rechtfertigen. Das war der eigentliche Antrieb des Geheimdienstes.

Dabei stellt der CIA-Offizier klar, dass Saddam Hussein die USA keineswegs als Feindbild betrachtete, das es zu bekämpfen galt. Ganz im Gegenteil. Hussein betrachtete die US-Regierung vielmehr als Verbündeten im Kampf gegen den islamischen Fundamentalismus. Zeit seiner Herrschaft gelang es Hussein, diesen im damals säkularen Irak erfolgreich in Schach zu halten. Vor allem die mutmaßlich durch die absolutistische Führung in Saudi-Arabien finanzierten sunnitischen Extremisten hatte der irakische Präsident als Gegner ausgemacht.

Opfer der eigenen Propaganda, räumt Nixon ein, zunächst ein Anhänger der moralisch unterfütterten US-Politik des Regime Change gewesen zu sein:

Ich hatte seit Jahren fast täglich die Entwicklungen im Irak beobachtet und geglaubt, dass Saddam Hussein mit seiner Herrschaft ein sehr stolzes Land gebrochen hätte. Ich ging davon aus, ein Regimewechsel würde dem irakischen Volk helfen und einen Feind in einen Verbündeten verwandeln.

Nixon kommt ebenfalls auf die so fundamentale Erkenntnis zu sprechen, dass ohne den gewaltsamen Sturz des Langzeit-Diktators das Phänomen des so genannten Islamischen Staats, den die USA jetzt zu bekämpfen vorgeben, nicht existent wäre:

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Auch da gab es eine Überraschung für uns. Es gab höchstens Kontakte, aber keine Verbindungen. Die hassten sich gegenseitig und verfolgten unterschiedliche Ziele. Er konnte nicht verstehen, warum die USA versuchten, ihn mit den Anschlägen auf das World Trade Center und das Pentagon in Verbindung zu bringen. Saddam hatte gehofft, 9/11 würde den Irak und die USA einander näherbringen - angesichts eines gemeinsamen Feindes, des Terrors.

Saddam Hussein hatte wenig Ahnung von US-Politik

Nixon zufolge wandte sich Hussein schriftlich an die US-Zivilgesellschaft, um seine Anteilnahme mit den Opfern zum Ausdruck zu bringen und jegliche Verbindung zum Terrornetzwerk Al-Kaida von sich zu weisen, wohlwissend, dass der Verdacht der Terrorunterstützung unkalkulierbare Konsequenzen zeitigen könnte.

Ich weiß von zwei Briefen: Einer war an eine Friedensinitiative gerichtet, der andere an den Politiker und Aktivisten Ramsey Clark. Darin erklärte Saddam, er hätte mit den Attentaten nichts zu tun und würde mit dem amerikanischen Volk trauern. Dabei war er sich offenbar nicht bewusst, dass seine Adressaten für die öffentliche Meinungsbildung kein Gewicht hatten.

Nixon zieht aus den erläuterten Zusammenhänge seine Schlüsse und resümiert:

Ich möchte nicht nahelegen, dass Saddam unschuldig gewesen ist. Er war ein schrecklicher Diktator […]. Aber im Nachhinein wäre die Aussicht auf einen entwaffneten und alternden Saddam an der Macht weit besser gewesen als die Verschwendung des Lebens unserer Soldaten und der Aufstieg des IS, von den 2,5 Billionen Dollar Kosten ganz abgesehen.

Für Nixon war der dritte Irakkrieg jedoch keineswegs ein historischer Ausrutscher, basierend auf einer Kette unglücklicher Umstände:

Weil wir solche Fehler kontinuierlich begehen. Ich dachte lange Zeit, aufgrund der Vietnam-Erfahrung würden wir gewisse Fehler nicht wiederholen. Aber zwischen 2003 und 2009 verbrachte ich viel Zeit im Irak und beobachtete immer mehr Ähnlichkeiten mit Vietnam. Das ist eine der Lektionen, die wir gar nicht oft genug lernen können: Wir müssen unsere Fehler nutzen, um es beim nächsten Mal besser zu machen.

Auch für die US-Geheimdienste hat Nixon einen dringenden Ratschlag:

Für die Geheimdienste heißt diese Lektion, das Richtige zu tun und nicht unbedingt das, was das Weiße Haus für richtig hält. Sie müssen ihre Erkenntnisse vorlegen, wie sie sind, ohne sich für eine bestimmte Politik einspannen zu lassen.

Mehr "Saddam-Versteher" hätten viel Leid verhindert

Viele Menschen in den USA dürften irritiert vor allem auf die menschliche Beschreibung Saddam Husseins durch Nixon reagiert haben, war der irakische Herrscher doch tatsächlich ein allzu oft despotisch regierender Diktator. Abgesehen davon, dass die Vergabe des Labels "Diktator", "Despot" oder "Machthaber" je nach geopolitischen westlichen Interessen flexibel auslegbar zu sein scheint, gibt der ehemalige CIA-Offizier jedoch Folgendes zu bedenken:

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Sympathie kann es für einen Menschen mit solch einem Lebenslauf nicht geben. Aber so etwas wie Empathie schon. Meine Erfahrungen haben mir gezeigt, wie wichtig es ist, sich in andere Menschen einzufühlen, auch wenn man mit ihnen nicht übereinstimmt. Um nachzuvollziehen, warum sie gewisse Dinge taten.

Diese Weisheit mag so alt sein wie die Menschheit selbst. Doch angesichts einer oftmals gegenteiligen Politik und einer Berichterstattung, die die Fronten eher verhärtet als einen Brandt'schen "Wandel durch Annäherung" zu fördern, kann man die Worte Nixons wohl nicht oft genug wiederholen. Vor allem sollte man sie in gegenwärtigen weltpolitischen Konflikten vor allem beherzigen. "Saddam-Versteher" an entscheidenen politischen und medialen Positionen hätten den Aufstieg des IS wohl vereiteln und den hunderttausendfachen Tod von Soldaten und Zivilisten verhindern helfen können.

Über den ehemaligen US-Präsidenten George W. Bush hat Nixon seit seinen Erfahrungen hingegen eine klare Meinung:

Was für ein A****loch", lautet das Urteil Nixons.