Kriegsakt gegen Syrien: "Demokratische Kräfte Syriens" werden zum Einflussinstrument der USA

Kriegsakt gegen Syrien: "Demokratische Kräfte Syriens" werden zum Einflussinstrument der USA
Nach Meinung von Analysten und Experten, mit denen RT Deutsch exklusiv sprach, wollen die USA die Syrien-Friedensgespräche in Astana aus Gründen des Eigennutzes unterminieren und den militärischen Konflikt neu anheizen.
Die USA haben erstmals einen Kampfjet der syrischen Armee zum Schutz der YPG-geführten Demokratischen Kräfte Syriens abgeschossen. Russland sieht darin einen "Kriegsakt". RT Deutsch sprach mit Experten über die Konsequenzen der jüngsten Eskalation.

von Ali Özkök

Die US-Luftwaffe hat am Sonntag mit einem Kampfjet des Typs F-18 ein syrisches Kampfflugzeug vom Typ Su-22 südlich von Rakka abgeschossen. "Unser Flugzeug wurde abgeschossen, als es seine Mission gegen den Islamischen Staat ausführte", geht aus der offiziellen Stellungnahme der syrischen Streitkräfte hervor.

Eine F-18 der US-Navy im Einsatz

Nach dem Abschuss setzt Russland die Zusammenarbeit mit den Vereinigten Staaten im Rahmen des Memorandums zur Vorbeugung von Zwischenfällen im Luftraum über Syrien aus. Das gab das russische Verteidigungsministerium am Montag bekannt.

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USA wollen mithilfe der SDF die Garantiemächte unterminieren

Unter diesem Eindruck erklärte der Pressesprecher der Demokratischen Kräfte Syriens, Talal Silo, dass seine Einheiten auf jegliche "Regime-Angriffe" reagieren werden. Die SDF bestehen zu erheblichen Teilen aus Einheiten der Kurdenmiliz YPG ("Volksverteidigungskräfte"). Die syrische Regierung will angeblich die gemeinsam mit der US-geführten Anti-IS-Koalition betriebene Operation der SDF in und um Rakka unterminieren, berichtet die kurdische Nachrichtenagentur ANHA.

"Für das, was in Syrien am Boden geschieht, ist es notwendig, die Souveränität und territoriale Integrität des Landes zu respektieren, wie dies auch in der Resolution 2254 des UN-Sicherheitsrates und anderen UN-Dokumenten vorgesehen ist", sagte Minister Sergej Lawrow auch mit Blick auf die gemeinsamen Pläne der USA mit den YPG-geführten Demokratischen Kräften Syriens, kurz SDF.

Der Friedensprozess in Syrien, eingeleitet von den Garantiemächten Türkei, Iran und Russland, ist gegen die Interessen der USA. Daher werden die USA versuchen, die Lage durch Angriffe auf die syrische Regierung aufzuheizen", kommentierte der Politikwissenschaftler am Istanbuler Forschungsinstitut BILGESAM, Elnur Ismayil, gegenüber RT Deutsch.

Der stellvertretende Premierminister Russlands, Sergej Rjabkow, ging mit seiner Kritik noch weiter. Er nannte den Abschuss eines syrischen Kampfflugzeugs vom Typ Su-22 einen "Akt der Aggression und Unterstützung für den Terrorismus".  Der russische Parlamentarier Alexej Puschkow reagierte mit dem Kommentar:

Mit dem Abschuss einer Su-22 haben die USA einen neuen Kriegsakt gegen Syrien durchgeführt. Wiese reden die noch von Verteidigung? Rakka ist eine syrische Stadt und keine US-amerikanische.

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"Wie weit würde Russland gehen?"

Alexej Khlebnikow, ein Analyst mit Spezialisierung auf internationale Beziehungen von der Moskauer Denkfabrik Russischer Rat für Internationale Angelegenheiten, schätzt den Abschuss im Gespräch mit RT Deutsch als "Test der USA" ein, um einzuschätzen, "wie weit Russland bereit ist, zu gehen, um die syrische Regierung zu schützen". Khlebnikow ergänzte:

Zweitens betonen die USA ihre Ambitionen in Nord- und Nordostsyrien.

Der Kampfjet der syrischen Luftstreitkräfte MIG 21 startet seinen Einsatz am 8. April 2017 von der Luftwaffenbasis Schairat. Am 7. April wurde sie mit US-amerikanischen Tomahawk-Raketen beschossen.

"Die USA sind in Syrien schlechter gestellt als Russland. Sie wollen ihre Bereitschaft demonstrieren, das zu ändern", sagte der Experte aus Moskau. "Deshalb wirft man der syrischen Armee Steine in den Weg. Ich denke, Russland wird nicht überreagieren."

Ian Grant, der für das regierungsnahe syrische Nachrichtenportal Al-Masdar berichtet, erläuterte gegenüber RT Deutsch, dass es erhebliche Fragen zum tatsächlichen Hergang des Luftangriffs und dessen Berechtigung gibt. Er sagte:

Die US-Erklärung ist falsch, wonach die syrische Luftwaffe die SDF angriff. Zwar behaupten die USA, dass die SDF das Dschadin Dorf kontrolliert hätte. Das ist aber nicht richtig. Es gibt keinen offiziellen Bericht, der das belegt.

Washington wird bestehende Hochburgen von SDF und FSA schützen

Die syrische Armee hatte Dschadin um 17.30 Uhr für von der Terrormiliz "Islamischer Staat" zurückerobert erklärt. Gegen 20 Uhr schossen die USA den syrischen Kampfjet ab. Erst dann tauchten erste Berichte auf, wonach die syrische Armee SDF-Einheiten angegriffen hätte. Auch die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte, kurz SOHR, sowie die kurdische Nachrichtenseite ANHA schreiben, dass die syrische Luftwaffe keine SDF-Einheiten angriff, bemerkte Ian Grant.

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FSA-Kämpfer in al Tanf-Region, die von den USA unterstützt werden, bei einer Lagebesprechung. Bildquelle: Adi Smajic

Wie Khlebnikow glaubt auch Grant, die USA wollen "den Syrern, Russen und Iranern zeigen, dass sie die Gebiete unter Führung der SDF wie auch die der FSA in Südsyrien militärisch schützen werden".

Der politische Blogger Ali Khalefe, der die Seite Within Syria betreibt, ist sich sicher, dass die jüngsten Entwicklungen die Beziehungen von Damaskus zu den Demokratischen Kräften Syriens belasten werden. RT Deutsch teilte der Blogger mit:

Das war ein Versuch der USA, echte Feindschaft zwischen der syrischen Armee und den SDF zu schüren. Die USA benutzen die SDF als neuestes Machtinstrument gegen die syrische Armee, nachdem die FSA gescheitert ist.

Das kurdisch-syrische Nachrichtenportal NRT schrieb am Sonntag, dass sich politische Vertreter der kurdischen so genannten Volksverteidigungskräfte, kurz YPG, mit Vertretern aus den USA, Saudi-Arabien, Jordanien und den Vereinigten Arabischen Emiraten getroffen haben. Die Akteure, die allesamt auf die eine oder andere Weise in Syrien involviert sind, diskutierten dabei, wie die Demokratischen Kräfte Syriens die komplette syrische Grenze zum Irak unter ihre Kontrolle bringen könnten. Die Vertreter aus dem Westen und dem arabischen Golfraum sollen den SDF dafür militärische und finanzielle Unterstützung versprochen haben. 

Auf die Frage, ob die US-Allianz mit den SDF weitreichende Konsequenzen für Al-Assads Regierungstruppen hat, sagte Khalefe:

Nein, die syrische Armee und ihre Verbündeten werden unter allen Umständen auf Deir ez-Zor vorrücken.

Kooperation gegen US-Interessen? Türkei könnte Angriff auf YPG-Miliz in Efrin starten

Vermutlicher Einsatz von Munitionen mit weißem Phosphor in Rakka.

Noch am gleichen Abend des Jet-Abschusses veröffentlichte die populäre türkische Tageszeitung Sabah einen Artikel unter dem Titel "USA über türkische Machenschaften mit Russland besorgt, wollen Grund nicht nennen". Darin beruft sich die Zeitung auf Aussagen des US-Außenministers Rex Tillerson, der die wachsende Kooperation zwischen der Türkei und Russland anprangert. Nicht nur wirtschaftliche Fragen stehen im Fokus, sondern auch die Bereitschaft der Türkei, mit Moskau in Syrien eng zusammenzuarbeiten. Beide Staaten sind in Syrien in großem Maße auf gegnerischen Seiten involviert. Eine Kooperation könnte die Position der US-Seite deutlich schwächen.

Der Verfasser des Artikels, Ragip Soylu, der Washington-Korrespondent von Sabah, sprach mit RT Deutsch über die Aussichten einer türkisch-russischen Kooperation in Syrien:

In der Türkei herrscht mittlerweile das Verständnis, dass Al-Assad sehr wahrscheinlich den Krieg überleben wird. Damit fällt in Syrien den USA und Russland die Führung des Hauptkonflikts zu. Die Türkei will den beiden Akteuren und ihren Bewegungen zunächst zuschauen.

Seiner Meinung nach ist die NATO-Mitgliedschaft der Türkei zu stark, um in Ankara eine komplette Kehrtwende zu Russland zu erwägen. Soylu bemerkte aber:

Es gibt viele Zeichen, dass die Türkei eine Präsenz der syrischen Armee an ihrer Grenze bevorzugt. Die YPG will sie nicht haben. Was aber hinter Rakka, Deir ez-Zor oder Albukamal passiert, glaube ich, interessiert sie herzlich wenig.

Der syrische Analyst Shady Zahed, der für die regierungsnahe Denkfabrik SETA in Ankara arbeitet, sagte auf RT-Deutsch-Anfrage, dass Türkei am ehesten bereit wäre, die kurdischen YPG im nordöstlichen Kanton Efrin anzugreifen. Dieser ist isoliert vom YPG-Kerngebiet und unterliegt nicht dem Zugriff der USA.

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