Experten zu Iran-Attentaten: Saudische Ideologie des Wahhabismus trägt Hauptschuld

Experten zu Iran-Attentaten: Saudische Ideologie des Wahhabismus trägt Hauptschuld
Der IS behauptet, den Doppelanschlag verübt zu haben, der mindestens 12 Menschenleben und Dutzende Verletzte forderte.
Experten mutmaßen, dass der IS hinter den Anschlägen auf den Iran stehen könnte, da dieser an einem sunnitisch-schiitischen Konflikt interessiert sei. Allerdings könne man auch eine Beteiligung anderer Gruppen und regionaler Akteure nicht ausschließen.

Mark Almond, der Direktor des Crisis Research Institutes, schließt nicht aus, dass der IS hinter den Angriffen steht. Es könnten aber auch andere terroristische Gruppen beteiligt gewesen sein.

Gegenüber RT schilderte Almond:

Der IS hat ein Interesse daran, einen sunnitisch-schiitischen Konflikt zu entfachen. Der Iran ist die große schiitische Macht in der muslimischen Welt. Es gibt große Spannungen zwischen dem Iran und seinen sunnitischen Nachbarn und vor allem Saudi-Arabien. Außerdem half der Iran der schiitisch-geführten Regierung des Irak, [...] gegen den IS im Nordirak und in Mosul zu kämpfen.

Aber auch die Rolle des Iran im Syrienkonflikt habe den den IS gegen Teheran aufgebracht:

Auch hilft [der Iran] Präsident Bashar Assad in Syrien, gegen diese Terrororganisation zu kämpfen. So hat der IS eine Agenda, die für ihn Sinn macht, denn er versucht, dem Iran Ärger zu bereiten, um dessen Aufmerksamkeit abzulenken und dadurch den Kampf mit dem Feind [Irak/Syrien] besser fortsetzen zu können.

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Der Experte erwähnte als möglichen Urheber des Anschlages auch eine anti-iranische Mudschaheddin-Gruppe, die sich auf irakischem Gebiet befindet. Diese würde von den USA oder deren kurdischen Verbündeten kontrolliert:

Einen anderen gefährlichen Konflikt im Zusammenhang mit den sunnitisch-schiitischen Spannungen ruft die Schuldzuweisung einiger Iraner in Richtung der Kurden im Nord-Irak in Erinnerung. So steht die Behauptung im Raum, dass die Angreifer im kurdischen Gebiet des Nord-Iraks ausgebildet oder unterstützt wurden. So haben wir widersprüchliche Behauptungen, aber sie sind Symptome von tiefen Antagonismen innerhalb der Region.

Katars Medien agitierten seit Jahr und Tag gegen Golfmonarchien

Ein weiterer potenziell beachtlicher Aspekt [hinter den Angriffen] sei auch, wie diese sich mit der aktuellen Krise zwischen Saudi-Arabien und Katar verknüpfen. Es offenbare sich darin ein Konflikt zwischen dem größten sunnitisch-fundamentalistischen Staat und dessen erdöl- und gasreichen Nachbarn, der sich daran entzündete, dass Katar gute Beziehungen zum Iran unterhält.

Saudi-Arabien, dessen Verbündete und US-Präsident Donald Trump erklärten, dass Katar seiner Beziehungen zum Iran und seiner Medien wegen ein Problem ist, denn sein Sender Al-Dschasira unterstütze radikale Kritiker der Golfmonarchien. Damit dürften vor allem Ableger der Moslembruderschaft gemeint sein.

Außerdem behaupten sie, dass Katar fundamentalistische terroristische Gruppen in Syrien und im Irak unterstütze, was allerdings, so Almond, nach einem Steinwurf im eigenen Glashaus aussieht: "Es ist eher so, dass Saudi-Arabien als, in gewissem Sinne, der Rechenmeister des Terrorismus dessen Quartiergeber beschuldigt, den Terrorismus zu unterstützen."

Die Nahost-Expertin Catherine Shakdam wiederum meint, dass es "zu erwarten" war, dass der IS die Verantwortung für die blutigen Ereignisse in Teheran beanspruchen würde.

Shakdam erläutert mit Blick auf mögliche Hintergründe des Anschlags:

Ich komme auf das zurück, was Prinz Salman erst vor wenigen Wochen in Washington angedeutet hat. Demnach komme es zum Verhalten des IS und zu Drohungen, die viele Radikale gegenüber dem Iran ausstoßen, weil dieser als Repräsentant des schiitischen Islam wahrgenommen wird, obwohl er sich selbst nicht als solcher präsentiert. Deswegen ist der Iran also zum Ziel geworden.

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Auch ist eine mögliche politische Agenda zu berücksichtigen, fügte sie hinzu.

Der Iran führte vor kurzem sehr erfolgreich seine Präsidentschaftswahlen durch. Alles ging nach Plan. Alles lief friedlich und zeitgemäß ab. Die Iraner entschieden darüber, welche Zukunft sie für ihr Land wollen: Sie wählten den Präsidenten [Hassan] Rouhani. Das Timing des Angriffs und die Tatsache, dass das Parlament zum Ziel wurde, macht deutlich, dass die Täter anstrebten, Angst zu verbreiten und bei den Menschen ein Gefühl der Unsicherheit zu verbreiten. Außerdem sollen die Menschen beginnen, an ihren Sicherheitskräften zu zweifeln und sich Sorgen um die eigene Sicherheit in ihrem eigenen Land machen", sagte die Expertin.

Wahhabismus ist conditio sine qua non für die Existenz des IS

Die Analytikerin ist sich sicher, dass es "mehr als eine Verbindung" zwischen den Angriffen und Saudi-Arabien gibt, und meint:

Wir müssen aufhören, uns um die Idee herumzuwinden, dass Saudi-Arabien nichts mit dem IS zu tun hat. Erst recht, während Saudi-Arabien den IS als eine Waffe verwendet, um weltweit seine Agenda zu fördern. Der Wahhabismus hat den IS hervorgebracht. Der Wahhabismus ist die Staatsreligion Saudi-Arabiens. […] Wir müssen dies deutlich machen und aufhören, wegzusehen, nur weil Saudi-Arabien eine Menge Geld hat und dieses Menschen und Medien bereitstellt, damit die Leute sich abwenden und schweigen.

Donald Trump hat in den eigenen politischen Reihen viel Lob erfahren, nachdem er Saudi-Arabien als Freund der USA präsentierte und wegen seiner Waffen-Deals mit dem Land. Trump erklärte dazu, dass diese den US-Amerikanern "Jobs, Jobs, Jobs" bringen würden.

Shakdam ist diesbezüglich skeptisch:

Ich weiß nichts in Bezug auf die 'Jobs, Jobs, Jobs'. Was ich aber weiß, ist, dass im Schatten dieses Deals das Manchester-Attentat und dann das Bagdad-Attentat stattfanden, bei dem Menschen ermordet wurden, gerade als sie draußen ein Eis aßen. […] Sie müssen erkennen, dass die Außenpolitik einen direkten Einfluss auf das hat, was in der heutigen Welt in Bezug auf Terrorismus und die Förderung des Terrorismus passiert.

Saudi-Arabien wurde, ihrer Meinung nach, eine Carte blanche angeboten. Dabei sind Saudis, so die Analytikerin, "die Ideologen des IS". Und waschen dabei noch ihre Hände in Unschuld:

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Jetzt versuchen sie es auf Katar abzuwälzen. Ich sage nicht, dass Katar hier eine unschuldige Partei ist. [...] Aber Sie können doch nicht einfach jemandem die Schuld für ein Übel zuweisen und nicht verstehen, dass dieses aus der gleichen Idee, aus der gleichen Ideologie und aus der gleichen Haltung der Ausgrenzung und des Sektierertum stammt [, der man selbst verpflichtet ist].

Die saudisch-wahhabitische Ideologie sei in jedem Fall für die Teheraner Angriffe verantwortlich, auch wenn die Saudis selbst nicht beteiligt waren, sagt Mohammad Marandi, ein politischer Analytiker an der Universität Teheran.

Terrorbanden in Syrien und Irak hätten auch den Iran heimgesucht

Er erinnerte daran, dass der IS versuchte, in den vergangenen Jahren verschiedene Angriffe im Iran durchzuführen. Die Attentäter seien aber immer rechtzeitig gefasst worden.

Ein Hauptgrund, warum die Iraner in Syrien und im Irak sind, ist die Tatsache, dass die [terroristischen] Gruppierungen in Syrien von Anfang an von außerhalb finanziert wurden und die Iraner wussten, dass, wenn Syrien und der Irak fielen, die Katastrophe, die wir in diesen beiden Ländern sehen, sich auch auf den Iran erstrecken würde. Ich denke, es ist sehr wahrscheinlich, dass der IS hinter [den Anschlägen steckt]. Aber letztendlich ist es die saudische Wahhabi-Ideologie, die die Hauptschuld trägt", unterstrich Marandi in einem RT-Interview.

Hamed Mousavi, Professor für Politikwissenschaften an der Universität Teheran, erwähnt, dass der IS vor wenigen Wochen ein Anti-Iran-Video veröffentlichte.

"In diesem Video machen sie deutlich, dass sie glauben, dass der Iran, Russland und Assad die IS-Streitkräfte in Syrien und im Irak bekämpfen. Im Grunde wollen sie Vergeltung. Sie haben offen gesagt, dass sie diese üben würden", erklärte er und fügte hinzu:

Gleichzeitig ist die Stimmung im Iran im Augenblick sehr anti-saudisch, da Saudi-Arabien in den vergangenen Wochen den Iran bei zahlreichen Gelegenheiten bedroht hat. Dies taten sowohl Mohammed Bin Salman, der stellvertretende Kronprinz, als auch Adel al-Jubeir, der Außenminister von Saudi-Arabien. Wenn sich herausstellt, dass es der IS gewesen ist, der hinter dem Anschlag steckt, dann werden die iranischen Behörden Saudi-Arabien als dafür verantwortlich ansehen.

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