"USA schaffen damit nur Al-Kaida 4.0" - US-unterstützte Miliz startet Offensive auf Rakka

"USA schaffen damit nur Al-Kaida 4.0" - US-unterstützte Miliz startet Offensive auf Rakka
SDF-Sprecher Talal Silo verkündet die Offensive auf Rakka. Erst vergangene Woche räumte Washington ein, schwere Waffen an die SDF zu schicken. Der ehemalige US-Botschafter zu Syrien, Robert Ford, fürchtet, die USA schaffen damit eine neue Al-Kaida.
Die US-unterstützten Demokratischen Kräfte Syriens haben am Dienstagmorgen erklärt, eine lang erwartete Offensive gegen die Terrormiliz IS in deren selbstgewählter Hauptstadt Rakka zu starten. RT Deutsch sprach mit Analysten über die Aussichten der Operation.

von Ali Özkök

Die Offensive auf Rakka hat begonnen, teilte der Pressesprecher der so genannten Demokratischen Kräfte Syriens Talal Silo mit, die von den kurdischen YPG ("Volksverteidigungskräfte") angeführt werden.

Der so genannte Islamische Staat nahm Rakka 2014 ein. Seitdem dient die Stadt der Organisation als De-facto-Hauptstadt. Nidal Gazaui, der über soziale Netzwerke Aktivitäten von dschihadistischen und anderen Rebellen-Bewegungen verfolgt, sagte RT Deutsch über die Offensive:

Das ist das erste Mal, dass die SDF eine Großstadt einnehmen werden. In dieser Schlacht wird es große Opfer geben. Das wissen die SDF. Diesmal geht es nicht um die Einnahme von kleineren Städten wie Schadadi oder Manbidsch.

Gazaui geht von einer langsamen Offensive unter enger Koordinierung mit der US-Armee aus. Er erläuterte:

Laut Talal Silo wollen die SDF von drei Seiten angreifen. Am schwächsten ist der IS im Osten und Nordosten. Dort werden die SDF ansetzen. Ähnlich wie in Mossul wird der eigentliche Kampf wohl erst tief im Zentrum der Stadt losgehen. Die Altstadt von Rakka ist wie West-Mossul dicht besiedelt.

Rakka wird fallen, die Probleme bleiben ungelöst

Der Syrien-Analyst Ömer Özkizilcik mit Sitz in Ankara gibt auf Anfrage von RT Deutsch die Einschätzung, dass der IS mittlerweile nach Kämpfen in al-Bab und Mossul geschwächt ist. "Die Terrororganisation befindet sich auf dem Rückmarsch", sagte Özkizilcik und bemerkte mit Blick auf die Zeit nach dem IS:

Worum sich alle Gedanken drehen, ist, wie die mehrheitlich sunnitisch-arabische Stadt Rakka beherrscht werden soll. Die PKK-nahen kurdischen YPG dominieren die SDF in allen Bereichen. Lokale arabische Einheiten zogen sich zwischenzeitlich deshalb sogar zurück und lieferten sich kleine Gefechte mit den YPG. Die größte lokale Gruppe, Liwa Thuwwar Raqqa, nimmt nicht mal an der Rakka-Offensive teil.

Die USA denken zu kurzfristig, während die syrische Armee, Russland oder die Türkei völlig vom Kampf ausgeschlossen werden. Der türkische Analyst erläuterte:

Die USA scheinen zwar einen Weg zur Eroberung von Rakka gefunden zu haben, aber ein Plan zum Regieren von sunnitischen Arabern scheint nicht vorzuliegen. Die linksgerichtete Ideologie des demokratischen Konföderalismus Abdullah Öcalans, die von den YPG verkörpert wird, wirkt im von Stammesstrukturen geprägten Rakka befremdlich. Neue Konflikte sind vorprogrammiert.

Kurdische YPG-Kämpfer neben einem US-Militärfahrzeug in der syrischen Stadt Darbasiya, 28. April 2017.

In einem Interview am Montag sagte der ehemalige US-Botschafter zu Syrien, Robert Ford, dass die Bewaffnung der SDF langfristig keinen Sinn macht. Er machte deutlich:

Wir werden Rakka heute einnehmen, aber wir werden es dafür mit einer 4.0-Version von Al-Kaida zu tun bekommen. Die 3.0-Version sehen wir heute schon in der syrischen Provinz Idlib.

Vergangene Woche erklärte das Pentagon, es habe damit begonnen, schwere Waffen an seine syrischen Verbündeten zu schicken. Diese wären notwendig, um die Stadt Rakka vom IS befreien zu können. Washington räumte aber auch ein, dass es den Demokratischen Kräften Syriens die Waffen nicht mehr abnehmen wird.

Die Waffen, die insbesondere an die kurdische YPG-Miliz gehen, umfassen Maschinengewehre und Sturmgewehre, sagte Pentagon-Sprecher Adrian Rankine-Galloway. Dem widersprach ein Bericht der Nachrichtenagentur Sputnik Anfang Mai. Demnach bewaffnen die USA die "kurdischen Elemente" mit Mörsern, Hitze suchenden Raketen, schweren Maschinengewehren, schweren automatischen Waffen und gepanzerten Fahrzeugen.

Deutliche Missbilligung aus Ankara

Die Türkei hat diese Entscheidung missbilligt. Ankara betrachtet die kurdische Miliz als syrischen Ableger der PKK-Organisation, die es als terroristische Vereinigung listet.

Die Rakka-Offensive wird von Kampfflugzeugen der US-geführten Anti-IS-Koalition unterstützt, bemerkte Talal Silo gegenüber Reuters. Außerdem werden US-amerikanische, französische und britische Spezialeinheiten den YPG am Boden beistehen.

Die Koalition nimmt eine wichtige Rolle beim Erfolg der Operation ein. Neben den Kampfflugzeugen gibt es Koalitionskräfte, die mit den Demokratischen Kräften Syriens arbeiten", sagte Talal Silo.

Bildquelle: Haschd Shaabi

Diese Kräfte operieren unabhängig von syrischen Regierungstruppen in Syrien und wurden anders als Russland nicht von der Regierung in Damaskus eingeladen.

Die staatliche syrische Nachrichtenagentur SANA berichtete unterdessen, dass Koalitionskampfflugzeuge am Montagabend 12 Zivilisten nahe Rakka am Ufer des Flusses Euphrat töteten.

Die Demokratischen Kräfte Syriens haben im vergangenen November damit begonnen, Rakka einzukesseln. Inzwischen steht die Miliz im Norden, Osten und Westen vor der Stadt. Verblieben ist ein offener Korridor im Süden der Stadt.

Am Dienstag bekräftigte der türkische Premierminister Binali Yildirim erneut seine Gegnerschaft zur Bewaffnung der SDF. Er warnte, dass die Türkei jeglichen Angriff vonseiten der US-unterstützten Gruppe mit größter Härte vergelten wird.

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