Ost-West-Achse durch Syrien in den Libanon: Wie der Iran zur mächtigsten Regionalmacht werden will

Ost-West-Achse durch Syrien in den Libanon: Wie der Iran zur mächtigsten Regionalmacht werden will
Bildquelle: Haschd Shaabi
Die irakische Haschd-Schaabi-Miliz hat die Grenze zu Syrien erreicht. Die Miliz mit engen Verbindungen zum Iran nahm diese Woche zwei wichtige Grenzübergänge ein. RT Deutsch sprach mit Analysten, die davon ausgehen, dass Teheran noch weitergehende Ziele hat.

von Ali Özkök

Die Haschd-Schaabi-Miliz führte am Freitag ihre Offensive gegen den IS westlich von Mossul fort. Sie nahm dabei am Freitag einen Grenzübergang nach Syrien in Dschayaf Ghalfas ein. Zuvor hatte die Miliz am Montag den Grenzübergang in der Stadt Um Dscharis unter ihre Kontrolle gebracht.

Sollte es Haschd Schaabi, was auf Deutsch Volksmobilmachung bedeutet, gelingen, die Stadt Baadsch vom IS einzunehmen, kann sie einen Vorstoß nach Süden vornehmen. In der Provinz Anbar möchte die Schiiten-Miliz die strategisch wichtige Stadt al-Qaim erobern, die an der syrischen Grenze liegt, berichtet das regierungsnahe syrisch-libanesische Nachrichtenportal al-Masdar am Freitag.

Der sogenannte Islamische Staat ist in Syrien und vor allem im Irak auf dem Rückzug. In Mossul ist der IS auf einen kleinen Streifen in der Altstadt zusammengeschrumpft. In der Turkmenen-Stadt Telafer, westlich von Mosul, hat die Schiiten-Miliz Haschd Schaabi den IS eingekesselt. Das entstehende Machtvakuum, das der IS hinterlässt, nutzt die mächtige pro-iranische Gruppe aus, um sich an der Grenze zu Syrien zu etablieren.

Präsenz an syrischer Grenze erlaubt neue Bewegung im Sindschar und Syrien

Der Nahost-Experte der Jerusalem Post, Seth Frantzman, erklärte gegenüber RT Deutsch, dass die Miliz Volksmobilmachung im Jahr 2014 entstand, um den "Islamischen Staat" zu bekämpfen. Im Dezember 2016 wurde die Einheit als paramilitärische Organisation in die irakische Armee aufgenommen. "Das weckt angesichts der Verbindungen der Gruppe zum Iran Sorge über den Einfluss, den diese nach dem Fall des IS im Irak ausüben könnte", bemerkte Frantzman.

Hashd Schaabi hat über die Einnahme von Um Dscharis eine direkte Verbindung in die spannungsgeladene Region Sindschar erlangt, wo PKK-nahe und Peschmerga-nahe Milizen miteinander um Einfluss unter den Jesiden konkurrieren. Das Peshmerga-nahe Nachrichtenportal Rudaw schrieb zuletzt:

Die Haschd Schaabi könnten schon bald zu einer irakischen Version der Hisbollah im Libanon werden oder ein Ableger der iranischen Revolutionsgarden.

Besorgt über eine mögliche Zuspitzung der Konflikte im Sindschar, behauptete ein Kommandeur der Peschmerga:

Sie sind gekommen, um mit den Peschmerga zu kämpfen, wenn der IS weg ist.

Die jüngsten Aussagen von Abu Mehdi Muhandis, Anführer der schiitischen Kataib-Hisbollah-Miliz und Mitglied der Volksmobilmachung, klingen in diesem Zusammenhang richtungsweisend. Irakischen Medien sagte er, dass Haschd Schaabi auch Jesiden-Dörfer befreien möchte. Die Miliz sei gekommen, um zu bleiben. Jesiden sollen jedoch vor Übergriffen in der Region beschützt werden.

Die jesidische Gemeinde im Sindschar ihrerseits scheint jedenfalls gespalten zu sein. Einige dienen bereits jetzt in den Reihen der Peschmerga unter Kurden-Präsident Masoud Bazani, andere hat inzwischen die PKK-nahe YBS rekrutiert. YBS kooperiert inzwischen mit der Haschd Schaabi.

Ost-West-Achse von Iran nach Libanon könnte Wirklichkeit werden

Seth Frantzman teilte RT Deutsch unter Berufung auf Analysten-Informationen mit, dass der Vorstoß der Volksmobilmachung Teil einer größeren Strategie des Irans sei. Die Regierung in Teheran möchte einen Landweg von Iran über Bagdad und Syrien bis zum Mittelmeer und Libanon aufbauen, wo der wichtige Verbündete Hisbollah organisiert ist. In diesem Zusammenhang stellt sich die iranische Regierung voll hinter den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad, der den IS und Rebellen aus Ost- und Süd-Syrien vertreiben will.

Am Rande des Syrienkonflikts eskalieren auch die Spannungen zwischen Israel und der Hisbollah. Eine Neuauflage des Szenarios vom Sommer 2006 erscheint denkbar.

Tallha Abdulrazaq, Forscher am Institut für Strategie und Sicherheit an der Universität von Exeter und Gewinner des Jungforscher-Awards von Al Jazeera 2015, sagte gegenüber RT Deutsch, dass die Haschd Schaabi schon lange zuvor angekündigt habe, dem syrischen Präsidenten Baschar al-Assad im Kampf gegen den IS in Syrien zu helfen.

Der Analyst Fabrice Balache vom Washington Institut für Nahostpolitik schrieb am 26. Mai:

Der syrische Krieg ist zu einem breiteren regionalen Wettkampf geworden, indem die auch syrische Regierung darum wetteifert, eine Ost-West-Achse von Iran nach Libanon aufzubauen.

Der nächste Schritt, den die schiitischen Milizen erwarten lassen, ist, nach Süden auf al-Qaim und dann auf al-Bukamal in Syrien vorzurücken, sagte Seth Frantzman und fügte hinzu:

Von dort könnten sich die pro-iranischen Schiiten-Milizen zu den syrischen Regierungskräften durchschlagen. Über Damaskus wäre der Weg frei nach Libanon und zum Mittelmeer."

USA wollen Keil zwischen syrische Regierungstruppen und irakische Schiiten-Milizen treiben

Saudi-Arabien unter König Salman ibn Abd al-Aziz und Israel unter Ministerpräsident Benjamin Netanjahu kommen sich näher - die USA begrüßen den Annäherungskurs.

Frantzman glaubt jedoch, dass der Erfolg einer echten Achse von Iran nach Libanon noch unklar ist. Regionale Widersacher wollen zusammen mit den USA einen Keil zwischen die Truppen der syrischen Armee und die pro-iranischen Milizen aus dem Irak treiben.

So baut das Pentagon an der Grenze zu Jordanien in der Region rund um die Ortschaft al-Tanf eine Rebellen-Miliz auf, informierte der Insider Adi Smajic RT Deutsch. In dieser Region könnten sich bereits 300 FSA-Kämpfer aufhalten, die von US-amerikanischen und britischen Spezialeinheiten gegen die syrische Armee und mit dieser verbündete Schiiten-Verbände unterstützt werden.

Der FSA-Kommandeur Muhannad al-Talla gab dem Fachportal Al-Monitor am Donnerstag ein Exklusiv-Interview. In diesem bestätigte der Kommandeur der sunnitisch-arabischen Miliz Maghawir al-Thawra, dass sich allein 150 US-amerikanische Soldaten in der Ortschaft al-Tanf aufhalten.

Iran könnte zur führenden Regionalmacht in Nahost aufsteigen

Sollte es Iran jedoch schaffen, sich vom Irak aus in Syrien zu etablieren, dann würde das zu einem echten Sicherheitsbedenken Israels, erklärt Frantzman. Die Hisbollah ist seit langem in Syrien aktiv und könnte künftig enger militärisch mit dem Iran gegen israelische Interessen zusammenarbeiten.

Der Sicherheitsanalyst Abdulrazaq glaubt, dass die Entwicklung im syrisch-irakischen Grenzgebiet auch sunnitische Staaten wie jene des arabischen Golfraums und die Türkei gegen den Iran aufbringen könnte. Er äußerte:

Iran könnte schon bald die wichtigsten Ressourcen, Energie- und Verkehrsknotenpunkte im Nahen Osten kontrollieren. Teheran wird eine stärkere Position als seine Nachbarstaaten haben. Diese wiederum könnten mit dem Ausbau ihrer Unterstützung für Ableger in Syrien reagieren."

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