Unheilvolle Allianz: Israel und Saudi-Arabien auf Annäherungskurs

Unheilvolle Allianz: Israel und Saudi-Arabien auf Annäherungskurs
Saudi-Arabien unter König Salman ibn Abd al-Aziz und Israel unter Ministerpräsident Benjamin Netanjahu kommen sich näher - die USA begrüßen den Annäherungskurs.
Es waren Stationen mit Symbolwert: Seine erste Auslandsreise als US-Präsident führte Donald Trump zuerst nach Saudi-Arabien, anschließend besuchte er Israel. Die historisch verfeindeten Länder haben sich jüngst einander angenähert – im Kampf gegen Iran und dessen Verbündete.

Während seines Aufenthalts in Riad erklärte Donald Trump Iran zur größten Quelle der Instabilität im Nahen Osten. „Vom Libanon über den Irak bis nach Jemen, Iran finanziert, bewaffnet und trainiert Terroristen, Milizen und andere extremistische Gruppen, die in der Region Chaos und Zerstörung verbreiten.“ Der US-Präsident rief die Länder der Welt dazu auf, Iran zu isolieren, bis das „Regime in Teheran gewillt ist, ein Partner des Friedens zu werden.“ Während seiner Visite in Jerusalem bekräftigte er diese Haltung. Iran müsse seine Unterstützung des Terrorismus beenden, forderte der US-Präsident erneut.

Mit seiner anti-iranischen Tirade rennt Trump in Tel Aviv und Riad offene Türen ein. Unterhalten Israel und Saudi-Arabien auch offiziell keine diplomatischen Beziehungen zueinander, so koordinieren sich die Geheimdienste beider Länder schon seit Jahren im Kampf gegen das persische Land und dessen Verbündete, insbesondere die syrische Regierung und die libanesisch-schiitische Hisbollah. An Israels Bestreben, das iranische Atomprogramm zu sabotieren, sollen sich die Saudis sogar finanziell beteiligen.

Am Rande des Syrienkonflikts eskalieren auch die Spannungen zwischen Israel und der Hisbollah. Eine Neuauflage des Szenarios vom Sommer 2006 erscheint denkbar.

Die Kooperation hat sich über die Geheimdienstebene hinaus vertieft. Im Juni 2015 gaben Unterhändler beider Staaten während einer Tagung des Council of Foreign Relations (CFR) in Washington erstmals öffentlich bekannt, dass sich Regierungsvertreter beider Seiten seit Anfang 2014 insgeheim treffen.

CFR-Mitglied Elliott Abrams empfahl damals der US-Regierung, diesen Prozess der Annäherung zu befördern. Der Neokonservative zeigte sich jedoch skeptisch, dass Präsident Barack Obama mit seiner Nahost-Politik dazu in der Lage sei. „Unser nächster Präsident sollte das hingegen zu einer Priorität erheben, um zu sehen, ob das Eis zwischen Israel und Saudi-Arabien weiter aufgebrochen werden kann“, so Abrams.

Donald Trump ist dem Wunsch des ehemaligen US-Diplomaten nunmehr nachgekommen. Kurz vor den iranischen Präsidentschaftswahlen letzten Freitag sprach sich Abrams für den konservativen Kandidaten und Hardliner Ebrahim Raisi aus – denn mit dem Reformer Hassan Rohani als Präsident der Islamischen Republik droht die anti-iranische Front im Westen zu bröckeln.

Im Falle Saudi-Arabiens und Israels ist eine solche Entwicklung kaum zu befürchten. Einhellig verurteilten Delegierte beider Länder im Februar auf der Münchener Sicherheitskonferenz Teheran für die Unterstützung der syrischen Regierung und anderer Verbündeter. Iran sei der „Hauptsponsor des Terrorismus in der Welt“, sagte der Saudi Adel al-Jubeir auf der Konferenz. Fast wortgleich übernahm er damit eine zwei Wochen zuvor erfolgte Äußerung von US-Verteidigungsminister James Mattis, der Iran als „größten staatlichen Sponsor“ des Terrorismus bezeichnet hatte.

Die Sorge über den gemeinsamen Feind, die von Israel, den sunnitischen Golfstaaten und der Trump-Regierung geteilt werde, eröffne die Möglichkeit einer „echten Koordination und Kooperation zwischen Israel und der arabischen Welt“, kommentierte kürzlich Dan Diker vom Jerusalem Center for Public Affairs die Annäherung der einst verfeindeten Kontrahenten.

Themenwechsel: Innermuslimischer Konflikt statt Besatzung Palästinas

Iran steht im Zentrum der sogenannten „Achse des Widerstands“, die Israel den Kampf angesagt hat, und der auch Syrien und die Hisbollah angehören. Saudi-Arabien sieht in dem Bündnis eine Gefährdung seines Hegemonialanspruchs innerhalb der Region.

Vor Ausbruch des „Arabischen Frühlings“ erfreuten sich die Vertreter der „Achse des Widerstands“ noch großer Beliebtheit in der arabischen Welt. In einer im Jahr 2008 in sechs arabischen Ländern vom Umfrageinstitut Zogby durchgeführten Befragung landeten Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah, Syriens Präsident Baschar Al-Assad und der damalige iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad auf den ersten drei Plätzen im Ranking der beliebtesten Staatschefs. Nur 7 beziehungsweise 1 Prozent der Befragten sahen im Iran respektive Syrien die größte Bedrohung. Spitzenreiter in dieser Kategorie war Israel (95 Prozent), dicht gefolgt von den USA (88 Prozent).

Mit Ausbruch des Krieges in Syrien sank die Zustimmung für Israels Gegner jedoch deutlich. So fielen die Sympathiewerte für Iran von 75 Prozent im Jahr 2006 auf unter 25 Prozent im Jahr 2012, wie eine erneute Zogby-Umfrage ergab.  

Ein junges Mädchen nach dem Anschlag von Manchester mit einem T-Shirt der Sängerin Ariana Grande. Ein Angriff auf die westliche Kultur? Manchester, 23. May  2017.

War der israelisch-palästinensische Konflikt über Jahrzehnte das bestimmende politische Thema in der arabischen Welt, so konstatierte das Brookings Institute bereits im April 2013 in einer Studie, dass dieser zugunsten der Auseinandersetzung zwischen Sunniten und Schiiten immer stärker in den Hintergrund trete.

Der laut Foreign Policy vor allem von den sunnitischen Golfstaaten geschürte sektiererische Konflikt werde der „zentrale mobilisierende Faktor im arabischen politischen Leben“, prognostizierte die US-Denkfabrik zutreffend.

Für Israel liegt der Vorteil auf der Hand, wenn die Besatzung Palästinas politisch nicht mehr im Vordergrund der öffentlichen Wahrnehmung steht. Der Kampf zwischen Sunniten und Schiiten „zerreiße“ die arabische Welt und eröffne damit Israel „einmalige Gelegenheiten, verschiedene Allianzen anzustreben“, erklärte der ehemalige Chef des israelischen Geheimdienstes Mossad, Meir Dagan, zwei Jahre nach Ausbruch des Syrien-Krieges.

Seitdem haben die Saudis das ihre dazu beigetragen, die Gräben zwischen den beiden muslimischen Glaubensrichtungen zu vertiefen. Und daran soll sich auch nichts ändern: „Wie können wir einen Dialog mit einem Regime führen, das auf einer extremistischen Ideologie basiert?“, fragte vor zwei Wochen der saudische Verteidigungsminister Mohammed bin Salman rhetorisch, und bezog sich dabei auf Teheran und den Schiismus.

Freilich unterschlägt der Kronprinz, dass Al-Kaida und der „Islamische Staat“ ihr geistiges Fundament auf dem Wahhabismus aufbauen. Die Verbreitung der extrem sektiererischen Auslegung des Islam wird vom saudischen Königshaus mit der milliardenschweren Finanzierung von Moscheen in aller Welt befördert. „Saudi-Arabien – und nicht Iran – ist heute der größte staatliche Sponsor von Terrorismus in der Welt, der Wahhabismus bildet weiterhin die Quelle für den radikalsten islamischen Extremismus“, stellte die Huffington Post vor zwei Monaten zurecht fest.

Kriegstreiber als Friedensstifter

Ausgerechnet Saudi-Arabien und sein neuer Partner Israel sollen nach dem Willen von US-Präsident Trump für Frieden und Stabilität in der Region sorgen. Deren Bilanz aus der jüngeren Vergangenheit ist verheerend: Während Israel in den letzten neun Jahren drei militärische Offensiven gegen den Gazastreifen führte und im Jahr 2006 den Nachbarn Libanon einen Monat lang bombardierte, führen die Saudis gegenwärtig einen verheerenden Krieg gegen den Jemen. Nicht umsonst warnte der Bundesnachrichtendienst im Dezember 2015 vor der destabilisierenden Rolle des Königsreichs im Nahen Osten.  

Diese offenbart sich nicht zuletzt in Syrien, wo die Saudis die mit Al-Kaida verbündeten Dschihadisten unterstützen. Auch Vertreter Israels haben in den vergangenen Jahren wiederholt erklärt, dass sie eher mit der Option leben könnten, wonach Syrien in die Hände Al-Kaidas fällt, als mit einer Fortsetzung der Assad-Regierung. Jüngst rief ein israelischer Minister zur Tötung des syrischen Präsidenten auf.  

Offenbar haben auch die USA ihre zwischenzeitliche Zurückhaltung bezüglich der Bewaffnung syrischer Dschihadisten mittlerweile revidiert. Wie Al-Jazeera Anfang April unter Berufung auf Rebellenkreise berichtete, liefert die CIA wieder verstärkt Waffen in den Norden Syriens – darunter die Provinz Idlib, die von Al-Kaida beherrscht wird.

Wenn sich die Achse USA-Israel-Saudi-Arabien anschickt, dem Nahen Osten Frieden und Stabilität zu bringen, dann ist mit einer Ausweitung der kriegerischen Konflikte und weiterem Chaos zu rechnen – alles andere käme Wunschdenken gleich.

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