Syrische Provinz Idlib: Unterwegs mit versteckter Kamera im Al-Kaida-Land

Syrische Provinz Idlib: Unterwegs mit versteckter Kamera im Al-Kaida-Land
Propagandabotschaft an einem Checkpoint der Nusra-Front.
Wenn es um die syrische Provinz Idlib geht, sprechen hiesige Medien zumeist von "Rebellen" oder der "syrischen Opposition". Doch versteckt gedrehte Filmaufnahmen belegen, dass Dschihadisten die Provinz fest im Griff haben. Die dominante Kraft heißt Al-Kaida.

Die an die Türkei grenzende syrische Provinz Idlib zählt zu den vier Deeskalationszonen, deren Einrichtung die Konfliktparteien im Rahmen der Gespräche von Astana beschlossen haben. Wie eine heimlich gefilmte Reportage zeigt, haben in der Provinz Dschihadisten das Sagen. Insbesondere der syrische Al-Kaida-Ableger, die Al-Nusra-Front, führt dort das Kommando.

Alle Welt rede über Idlib, aber niemand berichte aus Idlib, moniert die libanesische Journalistin Jenan Moussa. Sie arbeitet für den arabischen Sender Al Aan TV und berichtet seit Jahren aus den Konfliktregionen im Nahen Osten.

Moussa und ihr Team, das dem nicht-extremistischen Spektrum der syrischen Opposition nahesteht, waren angetreten, das zu ändern:

Es ist nahezu unmöglich, als Journalist in die Provinz Idlib zu gelangen. Reporter werden entführt oder getötet. Auch Aktivisten der Opposition leben unter ständiger Bedrohung durch die Dschihadisten. Also gab es nur eine Option: Undercover nach Idlib zu gehen, um zu sehen, was wirklich vor sich geht",

so Moussa zur Einleitung der gut 20-minütigen Dokumentation, die am Dienstag veröffentlicht wurde.

Drei unserer Mitarbeiter – die alle aufseiten der Opposition stehen – haben die gefährliche Reise angetreten. Die folgenden Aufnahmen wurden alle heimlich gefilmt.

Es war ein lebensbedrohlicher Job: Mit ihren Handys filmten die drei Reporter heimlich den Alltag in der Provinz. Ständig lebten sie in der Angst, dass der Inhalt ihrer Mobiltelefone beim Passieren von Checkpoints kontrolliert wird. Um die Aufnahmen an ihren Sender weiterleiten zu können, mussten sie sich in die Nähe der türkischen Grenze begeben, da dort die Verbindung besser ist. Anschließend löschten sie das Material von ihren Handys.

Über einen Zeitraum von drei Monaten waren sie im Einsatz. Dabei entstanden erstmals Aufnahmen, etwa jene eines offiziell nicht existenten Grenzübergangs zur Türkei oder von dem Gefängnis Al-Oqab, wo die Nusra-Front politische Gegner einsperrt und foltert.

Die Macht der Nusra-Front

Wohin man bei der Fahrt durch die Provinz Idlib und ihre gleichnamige Hauptstadt auch schaut: Al-Kaida-Fahnen wehen an den Straßenmästen, Symbole und Slogans der Terrororganisation zieren Häuserwände und Fahrzeuge. Neben Zitaten des Al-Kaida-Führers Aiman az-Zawahiri stehen Parolen wie "Schiiten sind Feindes des Islam" oder "Demokratie ist die Religion des Westens" an den Wänden. Es sind tausende Losungen, die alle laut Moussa "die extremistischen Tendenzen aufzeigen und klarmachen, wer hier die Macht hat".

Großflächige Propagandatafeln halten Frauen dazu an, das Gebot zur Vollverschleierung einzuhalten, oder fordern die Bewohner dazu auf, das Land nicht über das Mittelmeer in Richtung Europa zu verlassen. So heißt es dazu auf einer Tafel: "Welche Weste wollt ihr am Tag der Abrechnung tragen?" Daneben sind eine Schwimmweste und eine militärische Schutzweste abgebildet.

Welche Weste darf es zum "Tag der Abrechnung" sein?

Die Nusra-Front betreibt Versorgungszentren für die Bevölkerung, unterhält Rekrutierungsbüros und überwacht die Einhaltung der islamischen Rechtsvorschriften (Scharia) mithilfe einer eigenen Religionspolizei. Wer sich "unsittlich" verhält, muss sich vor den Scharia-Gerichten der Nusra-Front verantworten. Die Terrororganisation betreibt darüber hinaus auch Gefängnisse für "gewöhnliche Kriminelle".

Neue Heimat für Dschihadisten aus Zentralasien

Häuser von politischen Gegnern und Christen werden konfisziert, der beschlagnahmte Hausrat anschließend von der Nusra-Front meistbietend versteigert. Die große Mehrheit der Christen hat die Provinz verlassen. Zumeist sind ausländische Kämpfer in ihre leerstehenden Häuser eingezogen.

Von Al-Kaida gelobt und im Westen mit Preisen überhäuft: Weißhelm-Chef Raed al-Saleh bei der Entgegennahme des Right Livelihood Awards in Stockholm.

Deren Präsenz ist allgegenwärtig. Turksprachige Uighuren aus der chinesischen Provinz Xinjiang und andere Dschihadisten aus Zentralasien sind zahlreich vertreten. So zeigt die Reportage Frontaufnahmen einer Einheit aus Usbekistan, die an der Seite Al-Nusras kämpft und in der Stadt Idlib ihr Hauptquartier bezogen hat.

Stärkste ausländische Kraft ist die uighurische Turkestan Islamic Party (TIP). In der Provinz Idlib "war sie an der Seite der Dschabhat al-Nusra und anderer Al-Kaida-naher Gruppierungen an der Eroberung von Teilen der Stadt Jisr ash-Shughur im April 2015 beteiligt", berichtet der Bundesnachrichtendienst (BND) über die Terrororganisation.

Jisr ash-Shughur ist von den Kämpfen schwer gezeichnet. Die meisten der ursprünglichen Bewohner haben die Stadt verlassen. Dort regiert jetzt die TIP. Während der BND die Anzahl der TIP-Kämpfer in Syrien auf insgesamt 900 schätzt, gehen die Macher der Reportage von zehn- bis zwanzigtausend Kämpfern – einschließlich Familienangehörigen – alleine in der Provinz Idlib aus.

Vom Aussterben bedroht: "Moderate" Kampfgruppen

Selbst in Orten wie der Kleinstadt Kafranbel, von denen lange Zeit angenommen wurde, sie würden von so genannten moderaten Kräften beherrscht, finden sich überall die Parolen Al-Kaidas an den Wänden. Nur in der Stadt Maarat an-Numan wurden die Undercover-Journalisten Zeuge von Protesten gegen die Nusra-Front.

Sie zählten auch die Checkpoints entlang der drei wichtigsten Straßen in der Provinz durch, die die Machtverhältnisse verdeutlichen. Ergebnis: 26 der insgesamt 38 Kontrollpunkte werden von Al-Nusra betrieben, sechs weitere von Verbündeten wie der Turkistan Islamic Party. Zehn Checkpoints befinden sich in den Händen der islamistischen Ahrar al-Scham, die ebenfalls von deutschen Behörden als Terrororganisation eingestuft wird. Lediglich zwei Checkpoints betreibt demnach die so genannte Freie Syrische Armee.

Wo einst eine Statue der Mutter Jesu stand, weht nun eine Al-Kaida-Fahne.

Das Verhältnis zwischen den beiden größten Dschihadistengruppen beschreibt die Dokumentation als weitestgehend spannungsfrei. Bilder von Kämpfern der Nusra-Front, die in eine von Ahrar al-Scham kontrollierte Stadt gehen, um dort Eis zu essen, verdeutlichen den problemlosen Austausch zwischen beiden Seiten. Ein solcher findet auch auf ideologischer Ebene statt. So gehört eine von Ahrar al-Scham produzierte Broschüre zum Umgang mit weiblichen Sklaven zum Lektüre-Repertoire der Nusra-Kämpfer.  

Ebenso verstörend wie die in der Türkei produzierte Anleitung zur Sklavenhaltung sind die Bilder, die Nusra-Mitglieder bei ihrer Freizeitgestaltung zeigen. Zur eigenen Erheiterung imitieren sie an sich selbst Foltermethoden. Ein Kämpfer sagt:

Wir haben Männer, die Blut trinken und sich daran erfreuen, von Leichenteilen umgeben zu sein.

Symbolbild - FSA-Kämpfer schleifen die Leiche eines syrischen Regierungssoldaten während einer Offensive zur Eroberung von Aleppo durch einen Straßenzug; 26. August 2013.

Jenan Moussa zieht nach Sichtung des Materials drei Schlussfolgerungen: Erstens ist die Anzahl der Kämpfer der Turkestan Islamic Party viel größer als gedacht. Zweitens gibt es in der Provinz Idlib noch eine Anzahl "moderater" Kräfte, aber die kontrollieren kaum mehr als ihre eigenen Hauptquartiere. Und drittens wurde die Rebellion in Syrien völlig von islamistischen Extremisten gekapert, auf deren Seite zahlreiche ausländische Kämpfer stehen.

Täuschungsmanöver mit Folgen

Im Anschluss an die Sendung weist Moussa darauf hin, dass alle Aufnahmen entstanden, nachdem sich die Nusra-Front Ende Juli 2016 in Dschabhat Fatah asch-Scham umbenannt und sich in diesem Zusammenhang offiziell von Al-Kaida distanziert hatte. Dennoch war die alte Bezeichnung des Al-Kaida-Ablegers überall im Alltag präsent, selbst auf offiziellen Dokumenten der Gruppe oder an den Eingängen zu ihren Scharia-Gerichten.

Doch im Februar dieses Jahres – nachdem die Filmaufnahmen entstanden waren – erfolgte ein neuer Namenswechsel. Der Al-Kaida-Ableger firmiert nun unter dem Namen Hai'at Tahrir asch-Scham. Offiziell handelt es sich dabei um ein Bündnis verschiedener islamistischer Kampfgruppen, das aber von Kommandeuren der Nusra-Front befehligt wird.

Wie die libanesische Journalistin berichtet, hat sich seitdem einiges im Alltagsbild der Provinz geändert. So werden die von der Nusra-Front betriebenen Checkpoints nicht mehr als solche gekennzeichnet, die Al-Kaida-Symbole sind im Straßenbild weniger präsent. Das Täuschungsmanöver hat sich für die Dschihadisten bereits bezahlt gemacht: Die USA setzen den syrischen Al-Kaida-Ableger nach seiner jüngsten Umbenennung nicht mehr auf ihre Terrorliste.

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