Rotes Kreuz und UN zu RT: Jemen vor dem Kollaps - Schlimmste humanitäre Krise seit 1945

Rotes Kreuz und UN zu RT: Jemen vor dem Kollaps - Schlimmste humanitäre Krise seit 1945
Eine jemenitsche Krankenschwester mit einem Cholerapatienten.
Experten des Roten Kreuzes und der UN haben gegenüber RT die katastrophale Lage im Jemen geschildert. Derzeit greift die Cholera im Land um sich und Millionen Jemeniten droht der Hungertod. Vor allem die saudi-arabische Intervention sei dafür verantwortlich, so die Vertreter der Hilfsorganisationen.

Führende internationale Organisationen wie das Rote Kreuz und die UN haben die saudi-arabische Bombardierung und Blockade des Jemens als wichtigste Gründe für den Ausbruch der Cholerakrankheit angegeben. Die Epidemie forderte bereits 180 Menschenleben.

Dominik Stillhart, Einsatzleiter des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK), nannte im Gespräch mit RT die Lage „katastrophal“. Es gebe insgesamt 11.000 bestätigte Cholerafälle. Die Krankenhäuser, die er persönlich in der jemenitischen Hauptstadt Sanaa besuchte, seien überfordert. Patienten müssten sich Betten teilen. Ständig kämen weitere Patienten hinzu.

Müllberge in den Straßen Sanaa´s; Jemen, 8. Mai 2017.

Stillhart zufolge zerstörte die Militärintervention der saudi-arabisch angeführten, vom Westen unterstützen Koalition sunnitischer Staaten gegen schiitische Rebellen im Jemen insgesamt 160 Krankenhäuser und andere medizinische Einrichtungen. Das jemenitische Gesundheitssystem sei „ernsthaft geschwächt.“

Der Vertreter des Roten Kreuzes gab außerdem der saudi-arabischen Luft- und Wasserblockade gegen den Jemen die Schuld für die Hungersnot und das Elend im Land, die den Ausbruch der Cholera ermöglicht haben. Mittlerweile riefen die jemenitischen Verantwortlichen den Notstand aus.

Die Menschen wurden nicht nur durch die direkten Konsequenzen des Konfliktes beeinflusst: Auch die Wirtschaft hat sich erheblich verlangsamt, weil es sehr teuer ist, Güter über die Frontlinien durch das Land zu bringen. Dazu gibt es die Luftblockade, und es ist schwer, Lebensmittel in einige Häfen zu bringen,“ sagte Stillhart.

Er erklärte, dass das IKRK „mehrfach die Konfliktteilnehmer dazu aufgerufen hat“, humanitären Lieferungen vollen Zugang zu ermöglichen. Seinen Schätzungen zufolge benötigen 17 Millionen Jemeniten, etwa zwei Drittel der Bevölkerung, humanitäre Unterstützung. Zehn Millionen seien auf dringende Nahrungsmittelhilfe angewiesen.

Aufgrund des wirtschaftliches Zusammenbruchs erhalten die jemenitischen Beamten seit acht Monaten ihre Löhne nicht. Auch die Kanalisation und die Müllentsorgung seien lahmgelegt. Inzwischen fließt dreckiges Wasser durch die Straßen von Sanaa, wenn es regnet, sagte Sara Tesorieri, Mitarbeiterin des Norwegischen Flüchtlingsrates. Dies seien die perfekten Bedingungen für Cholera, die in den entwickelten Staaten nahezu ausgelöscht ist.

Die siebenjährige Jamila Ali Abdu in einem Krankenhaus in Hudaida - sie starb vor Tagen an den Folgen ihrer Unterernährung.

Cholera ist vermeidbar. Wenn es Gesundheitssysteme und Reaktionsmechanismen gibt, dann ist ihre Verbreitung kontrollierbar, aber die Systeme dort wurden vor Kurzem zerstört. Und die Behörden verfügen im Gegensatz zu vor vier Monaten nicht über ausreichende Kapazitäten,“ erklärte Tesorieri gegenüber RT.

Die humanitäre Aktivistin befindet sich derzeit im Jemen. Sie sagte, dass internationale Organisationen versuchen, die Probleme zu überwinden, die sich in einem Land mit vielen Frontlinien ergeben. Sie legte nahe, dass einige Konfliktteilnehmer bewusst den Zugang internationaler Organisationen erschweren. Zuvor hatten Experten gewarnt, dass die Hungersnot und die Krankheiten unter der Zivilbevölkerung absichtlich als Kriegstaktiken genutzt werden.

Es gibt das Problem der Verhinderung der Importe. Das beeinflusst einigermaßen die humanitäre Hilfe, aber vor allem beeinflusst es, wie groß die Hilfsbedürftigkeit ist. Der Jemen importiert 90 Prozent seiner Lebensmittel, also gefährdet jegliche Blockade das Land sehr ernsthaft,“ erklärte Tesorieri.

Auch die Behörden erschweren unsere Arbeit und die einfache Tatsache, dass die Kämpfe andauern, behindert uns. Es ist schwer, in einige Gebiete zu gelangen.“

Menschen können kein sauberes Wasser kaufen,“ sagte der Humanitäre Koordinator der UN im Jemen Jamie McGoldrick gegenüber RT. „Wir können einfach nicht erkennen, wie wir diese Situation schnell beheben können. Und Zeit ist hier sehr wichtig, weil die Cholera nicht auf uns wartet.“

Der saudische Kronprinz Mohammed Bin Nayef schüttelt Angela Merkel die Hand. Das findet sie sehr bemerkenswert. Immerhin geht es um große Geschäfte; Dschidda, 30. April 2017.

Alle drei Experten warfen den führenden internationalen Mächten vor, es versäumt zu haben, genügend diplomatische und finanzielle Ressourcen für die Beendigung des Konfliktes ausgegeben haben.

Wir haben weniger als 20 Prozent unseres Hilfeaufrufs gesichert, obwohl es eine Hilfskonferenz vor zwei Wochen in Genf gab, auf der mehr als 1,1 Milliarden US-Dollar zugesagt wurden. Wir haben das Geld noch nicht erhalten. Und bis wir das Geld erhalten, können wir nicht die Gefahr der Hungersnot im weiteren Verlauf des Jahres angehen und, was noch wichtiger ist, auch nicht die derzeitige Choleraepidemie,“ erklärte McGoldrick

Das alles ist völlig vermeidbar,“ sagte Tesorieri. „Das von der Cholera verursachte Sterben und Elend, die drohende Hungersnot – das sind die Konsequenzen des Konflikts und der Entscheidungen der Konfliktparteien und der Parteien, die sie unterstützten, nämlich, die Kämpfe fortzuführen. Das führt zum Kollaps des Jemens.“

Obwohl ein führender UN-Verantwortlicher die Lage im Jemen

die schlimmste humanitäre Krise seit 1945“

nannte und trotz der angegebenen Bemühungen der Organisation, einen Waffenstillstand vor dem muslimischen Fastenmonat Ramadan, der im Mai anfängt, zu arrangieren, warnte Stillhart dass die Lage im Jemen sich in den kommenden Monaten noch weiter verschlechtern wird.

Meine größte Sorge ist, dass kein Ende der Kämpfe in Sicht ist. Die Situation wird sich verschlechtern. Es ist absolut wichtig, dass die internationale Gemeinschaft dem Konflikt mehr Aufmerksamkeit schenkt und eine Lösung findet. Im Falle, dass dies nicht geschehen sollte, ist es dennoch wichtig, das internationale humanitäre Recht zu befolgen,“ sagte er RT.