Exklusiv - Türkische Experten: US-Kooperation mit der PKK kann neue Kriege im Nahen Osten auslösen

Exklusiv - Türkische Experten: US-Kooperation mit der PKK kann neue Kriege im Nahen Osten auslösen
Die Türkei betrachtet die enge Zusammenarbeit zwischen den USA und den kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) als Akt der eklatanten Missachtung eines NATO-Partners.
Nur Stunden nach den türkischen Bombenangriffen auf kurdische Milizen trafen sich US-Kommandeure in dem Gebiet mit Kämpfern von YPG und PKK. Ankara sieht dies als Beweis für eine Kumpanei mit Feinden der Türkei. RT Deutsch sprach darüber mit Politikanalysten.

Von Ali Özkök

Am Mittwoch tauchten Bilder und Aufnahmen in den sozialen Netzwerken auf, die Abdi Ferhad Sahin, einen der in der Türkei meistgesuchten PKK-Funktionäre, Seite an Seite mit einem US-Kommandeur in der syrischen Karachok-Region zeigen. Die Aufnahmen stammen aus einem Gebiet, in dem die türkische Luftwaffe zuvor im Rahmen einer Operation Stellungen der verbotenen Kurdenorganisation bombardiert hatte.

Die Aufnahmen illustrierten, was später auch die Medien bestätigen sollten: Nur Stunden nach den türkischen Luftangriffen in Nordsyrien veranlasste Washington, dass Sondereinsatzkräfte der USA an den Angriffsort geflogen werden, den der türkische NATO-Partner ins Visier genommen hatte.

Der Pressesprecher der kurdischen so genannten Volksverteidigungseinheiten (YPG), Redur Xelil, begleitete den Kommandeur der US-amerikanischen Einsatzgruppe. Anschließend gesellte sich auch ein hochrangiger PKK-Kommandeur dazu. Der PKK-Führer Abdi Ferhad Sahin steht seit Jahr und Tag auf der "Most Wanted"-Liste des türkischen Innenministeriums. Auf Sahin ist ein Kopfgeld von vier Millionen Türkische Lira ausgesetzt.

Die YPG gelten in der Türkei als syrischer Ableger der PKK und dadurch in gleicher Weise als Terrororganisation. Dass hochrangige PKK-Funktionäre unter den Augen von US-Kommandeuren bei den mit Washington verbündeten Kurdenmilizen nach Belieben ein und aus gehen, dürfte nicht ohne Reaktion aus Ankara bleiben.

Der Chefanalyst bei der einflussreichen türkischen Denkfabrik SETA, Can Acun, kritisierte die Allianz der USA mit der YPG scharf. Im Gespräch mit RT Deutsch sagte er:

Dieses Video zeigt ganz offen, dass die PYD und ihr bewaffneter Arm YPG der syrische Ableger der PKK sind und die USA diese Terrororganisation unterstützen, obwohl ihnen diese Verbindungen ganz klar bewusst sind.

Laut türkischen Medien gehört der PKK-Kämpfer mit dem Codenamen Şahin Cilo zur Führungsriege der in der Türkei als terroristisch gelisteten linksmarxistischen Organisation. Demnach leitete Sahin über eine lange Zeit hinweg Operationen und Anschläge der PKK in Europa an.

Der Politologe Ömer Özkizilcik, der regelmäßig für RT Deutsch Ereignisse in der Türkei kommentiert, ist davon überzeugt, dass die USA mit der Unterstützung der YPG einen strategischen Fehler begehen, der den Nahen Osten in weiteres Chaos stürzen werde. Özkizilcik äußerte:

Die USA haben wieder einmal gezeigt, dass sie an ihrer Unterstützung für die YPG festhalten wollen, obwohl diese Strategie gegen die Gesetzeslage in den USA selbst verstößt. Die illegale, aber faktisch offene Unterstützung der USA für die PKK wird langfristig zu weit größeren Spannungen und sogar Kriegen in der Region führen. Die PKK und ihre Ableger arbeiten daran, die größte Volkswirtschaft des Nahen Ostens mit Bomben in die territoriale Spaltung zu zwingen.

US-Spezialeinheiten an der Seite der kurdischen YPG in Derik/Malakiya, Nordsyrien.

Der Experte geht weiter und erklärt, dass diese Außenpolitik nur den Interessen Washingtons dient. Eine nachhaltige Nahost-Politik bestehe nicht. Özkizilcik betonte:

Die USA operieren nur zu Gunsten ihrer geostrategischen Interessen und auf Kosten der Stabilität des Nahen Ostens und der Glaubwürdigkeit der USA. Es ist ein Affront gegen die NATO, dass die USA sich gegen ihren NATO-Partner mit von ihnen selbst gelisteten Terroristen solidarisieren. Dies wird sich auch auf die Zusammenarbeit innerhalb der NATO auswirken.

Während des kurzlebigen Waffenstillstands mit dem türkischen Staat zwischen 2013 und 2015 siedelte sich Sahin in Kobane, der kurdischen Grenzstadt zur Türkei an.

Nach Militärangaben tötete die türkische Luftwaffe bei Angriffen in Nordsyrien und Nordirak rund 70 PKK- oder PKK-nahe YPG Kämpfer. Kurdische Angeben gehen von geringeren Verlusten aus.

USA halten an Kurden-Miliz fest und könnten Flugverbotszone beschließen

Insgesamt 60 Millionen US-Dollar soll Katar den Nachfolgern der Terrormiliz Al-Nusra bezahlt haben, damit die dem Vier-Städte-Abkommen zustimmt. Mehrere Mitglieder der katarischen Königsfamilie befanden sich seit 2015 in der Gewalt einer Schiitenmiliz im Irak.

Im weiteren Verlaufe des Tages und angesichts anhaltender Zusammenstöße zwischen kurdischer YPG und türkischen Truppen an der syrischen Grenze veröffentlichten die USA zudem Erklärungen, die den türkischen NATO-Partner verstörten. US-Regierungsvertreter äußerten sich "ernsthaft besorgt" über die Operationen des türkischen Militärs. Über den Tod von YPG-Kämpfern hieß es aus den USA:

Die Luftangriffe führten zu dem unglücklichen Verlust des Lebens unserer kurdischen Partnerkräfte.

Der Gründer das Analysportals Middle East Briefing, Esam Aziz, sagte RT Deutsch, dass das "Timing" der Türkei falsch gewählt war. Seinen Informationen zufolge war das US-Zentralkommando "regelrecht zornig" über die nur kurzfristig angekündigten türkischen Luftangriffe gegen die PKK im Sindschar und Nordsyrien. Aziz sagte:

Wird US-General Joseph Votel jetzt eine Flugverbotszone einrichten, wie dies die YPG gefordert hat? Das ist eine zentrale Frage und würde das Verhältnis zur Türkei reflektieren. Zunächst scheint es, dass der Angriff die Rakka-Offensive der USA mit den YPG nur kurzfristig stoppen konnte.

"Ein ziemlich harter Protest wurde den Türken bereits in Bezug auf die YPG überbracht. Das wird mit deutlicheren Worten wiederholt, wenn Erdogan nach Washington kommt", fügte der Politikberater hinzu. Bevor der türkische Präsident Mitte Mai in die USA fliegt, wird Erdogan zuvor noch am 3. Mai im russischen Sotschi von Präsident Putin erwartet.

Russland könnte Schritte gegen YPG einleiten für türkisches Handeln gegen Dschihadisten

RT Deutsch unterhielt sich auch mit dem Vorsitzenden der Abteilung für Nahost-Konflikte beim Moskauer Institut für innovative Entwicklung, Anton Mardasow. Der Militärexperte sagte:

Russland kritisiert öffentlich die Türkei wie alle anderen Länder, die in Syrien Bombenangriffe fliegen. Aber wie auch bei der Operation Euphrat-Schild, die mit Moskau abgesprochen wurde, ist unklar, was hinter den Kulissen passiert.

Das russisch-kurdische Verhältnis betrachtet Mardasow als limitiert. Auf Anfrage von RT Deutsch antwortete er:

Das sind keine wirklichen Bemühungen Russlands. Moskau geht es um eine Basis-Interaktion, eine begrenzte Kooperation und die Bereitstellung von humanitärer Hilfe. Außerdem ist Russland an den YPG interessiert, weil die USA in Syrien auf sie setzen.

Mardasow, der gute Kontakte zur russischen Regierung unterhält, sagte über konkrete Schritte Moskaus im Konflikt zwischen USA und Türkei:

Russland könnte mit der Türkei wieder ins Gespräch kommen, wenn Moskau einige Maßnahmen gegen die Kurden unternimmt. Im Austausch dafür würde sich die Türkei verpflichten, mit Rebellen und türkischen Spezialeinheiten gegen Dschihadisten in der Rebellen-Region Idlib vorzugehen. Die Parteien werden ihre Zusammenarbeit fortsetzen und vielleicht sogar den Kauf von S-400-Luftabwehrsystemen beschließen.

Die Türkei will der PKK

Im Konflikt zwischen PKK und türkischem Staat sind in den vergangenen 30 Jahren über 40.000 Menschen ums Leben gekommen. Die Türkei, die Europäische Union und die USA stufen die kurdische PKK als eine Terrororganisation ein. Ankara beschuldigt die USA und die EU regelmäßig, die nationalen Interessen der Türkei als NATO-Partner nicht ernst zu nehmen und die PKK zu verharmlosen. Medienberichte in der Türkei gehen gar soweit, von einer verdeckten Allianz des Westens mit der PKK gegen eine unliebsame Regierung in Ankara zu sprechen.

Die Türkei betrachtet die syrische YPG als Ablegerorganisation der PKK vergleichbar in einem Verhältnis, das mit jenem zwischen dem internationalen Netzwerk der Al-Kaida und deren syrischem Ableger Al-Nusra-Front vergleichbar ist.

Ankara fürchtet, dass die YPG langfristig westliche Waffen, die für den Kampf gegen den IS an sie ausgeliefert wurden, auch gegen die Türkei zum Einsatz kommen könnten. Hinzu kommt, dass angesichts der großen kurdischen Minderheit in Südostanatolien die Sorge wächst, YPG-Gebiete könnten zum neuen Aufmarsch- und Rückzugsgebiet der PKK werden.

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