Exklusiv: Um Königshausmitglieder zu retten, bezahlte Katar 60 Millionen an syrische Dschihadisten

Exklusiv: Um Königshausmitglieder zu retten, bezahlte Katar 60 Millionen an syrische Dschihadisten
Insgesamt 60 Millionen US-Dollar soll Katar den Nachfolgern der Terrormiliz Al-Nusra bezahlt haben, damit die dem Vier-Städte-Abkommen zustimmt. Mehrere Mitglieder der katarischen Königsfamilie befanden sich seit 2015 in der Gewalt einer Schiitenmiliz im Irak.
Der Einfluss Katars auf Syrien, die Rebellen und sogar den Al-Kaida-Klon Hayat Tahrir al-Scham ist groß. Dies zeigte sich zuletzt bei der Evakuierung von Zivilisten aus den von Rebellen besetzten Städten Fua und Kafraya in der Provinz Idlib am 14. April. Doha benutzt seinen Einfluss auch, um nationales Interesse durchzusetzen wie bei der Befreiung von 24 Königshausmitgliedern im Irak.

Von Adi Smajic

Das starke Einwirken der Golfmonarchie Katar und deren Interessenpolitik wurden im Zusammenhang mit der Vereinbarung offenkundig. Doha war nicht nur am Rande, sondern vielmehr entscheidend daran beteiligt, den so genannten Vier-Städte-Evakuierungsdeal auf die Beine zu stellen. 

Die Vereinbarung schlossen Hayat Tahrir al-Scham und die iranischen Miliz-Ableger in der Region, es ging um die jeweils eingekesselten Schiiten-Städte Fua und Kafraya sowie die Sunniten-Städte Zabadani und Madaya.

Im Grunde ging es in diesem Zusammenhang auch um ein privates Anlegen des katarischen Staates. Die Golfmonarchie forderte die Freilassung von Geiseln des katarischen Königshauses. Die iranische paramilitärische Miliz Asaib Ahl el-Haq hatte diese im Irak festgehalten. Am vergangenen Freitag ließen die iranischen Paramilitärs die katarischen Gefangenen frei. Sie wurden insgesamt über zwei Jahre lang festgehalten.

Am Mittwoch reagierte Katar auch auf Anschuldigungen, wonach katarische Beamte laut dem irakischen Premierminister Haider al-Abadi ohne Gehmigung mit "hunderten Millionen von US-Dollar" in Bagdad eingereist wären. Doha erklärte, dass die Befreiung der 24 festgehaltenen Kataris in Abstimmung mit der irakischen Regierung erfolgte.

Iraks Premierminister al-Abadi sagte am Dienstag:

Die katarische Regierung schickte ihren Gesandten mit der Bitte, einen Privat-Jet mitbringen zu dürfen. Wir waren überrascht, dass sich im Flugzeug große Taschen, gefüllt mit Geld, wiederfanden. Es waren Millionen von US-Dollar.

Die Evakuierung der schiitischen und sunnitischen Städte in Syrien wurde in der katarischen Hauptstadt Doha zwischen Hayat Tahrir al-Scham und iranischen Vertretern ausgehandelt. Ebenso legten die Vertragsparteien im eigenen Interesse die Bedingungen für die Freilassung der katarischen Geiseln festgelegt.

Von einem Selbstmordattentäter zerstörter Bus in von

Die Verhandlungen, die von Doha angeleitet wurden, vermochten einige sonst kaum kontrollierbare Rebellenmilizen zur Einwilligung in einen neunmonatigen Waffenstillstand zu bewegen. Die Waffenruhe umfasst die beiden Städte Fua und Kafraya, aber auch Taftum, Banhasch, Taum, Broma, Zardana Schilkh, Mara Misrin, Ram Hamdan, die Provinzhauptstadt Idlib, Zabadani und Madaya. Rebellenenklaven im Raum von Damaskus sind miteinbezogen worden.

Zum Jagen gekommen - von Miliz gekidnappt

Öffentliich drehte sich das Engagement Katar um die vollständige Evakuierung der schiitischen Städte Fuah und Kafraya in 60 Tagen. Für Katar war das allerdings nur ein Vorwand. Sein Anliegen geht auf einen Vorfall aus dem Jahr 2015 zurück. Eine Gruppe von 32 Personen, die meisten davon Kataris, dazu noch sechs Kuwaitis, sechs Saudis und zwei irakische Offiziere, erhielt im Bürgerkriegsland Irak die Erlaubnis, auf Wildjagd zu gehen. Die hochrangigen Vertreter aus Königshäusern und Wirtschaft aus der Golfregion hielten sich in der Wüste von Samawah in der Provinz Muthanna auf. Nach kurzer Zeit nahm eine bewaffnete Miliz, die sich als die pro-iranische Miliz Asaib Ahl el-Haq entpuppte, die Reisegruppe fest. Die Milizionäre stellten die verhinderten Jäger in der südirakischen Stadt Basra unter Hausarrest.

Angeblicher Befehlshaber der Miliz ist General Qassim Suleimani von den iranischen al-Quds-Einheiten, einer Spezialeinheit der iranischen Revolutionsgarden. Dies geht zumindest aus öffentlich zugänglichen Informationen hervor.

Die Entführer selbst hat Qais Khazali angeführt, der bis 2004 in den Reihen der so genannten Mahdi-Armee gekämpft hatte. Die Vereinigten Staaten stufen diese neben der Madhi-Armee als größte so genannte Special Group innerhalb des Irak ein, die vom Iran finanziert wird. Im Irak kämpft die Gruppe derzeit im Bündnis al-Haschd asch-Schaʿbī gegen den IS. In Syrien nimmt sie im Bürgerkrieg an der Seite der Regierungstruppen von Baschar al-Assad teil.

Nach kurzer Zeit und wenigen Millionen Lösegeld ließ die Miliz die Mehrheit der Gefangenen wieder frei. Saudische Beamte holten die Abenteurer an der irakisch-kuwaitischen Grenze ab. Asaib Ahl el-Haq behielt jedoch einige Mitglieder der Regierungsfamilie Katars weiter ein. Ihre Namen weisen auf engste Verbindungen zum regierenden Emir al-Thani hin. Sie lauten:

Shaikh Khalid bin Ahmed Mohammed Al Thani, Sheikh Nayef bin Eid Mohammed Al Thani, Sheikh Abdul Rahman Bin Jassim Abdulaziz Jassim Al Thani, Sheikh Jassim Bin Fahd Mohammed Thani Al Thani, Sheikh Khalid Bin Jassim Fahd Mohammed Al Thani, Sheikh Mohammed Bin Khaled Ahmed Mohammed Al Thani, Sheikh Fahd bin Eid Mohammed Thani Al Thani, Sheikh Abdulaziz bin Mohammed bin Ahmed Al Thani, Sheikh Jaber bin Ahmed Al Thani.

Al-Nusra verhandelt mit iranischem Erzfeind

Bemerkenswert ist, dass die Al-Nusra-Front und ihre Nachfolgerorganisationen stets suggerieren, sie würden nie mit dem Feind verhandeln. Sie nutzte diese Rhetorik an, um die syrische Bevölkerung für sich als vermeintlich ehrliche Kraft zu gewinnen. Ein Rebellenkämpfer aus Nordsyrien teilte im Gespräch mit mir mit:

Die Al-Nusra-Front [Hayat Tahrir al-Scham] hat die Rebellenfraktionen angegriffen, unsere Hauptquartiere niedergebrannt und unsere Kämpfer festgenommen mit dem Argument, wir arbeiten mit dem Ausland zusammen. Sie kritisierten sogar die Freie Syrische Armee dafür, die Stadt Aleppo indirekt ausgehändigt zu haben. Sie sehen in jedem außerhalb Syriens einen Feind. Insbesondere Iran als größter Unterstützer Assads ist ein Erzfeind. Deshalb haben wir Hayat Tahrir al-Scham gebeten, die Verhandlungen mit Iran über Katar offenzulegen. Wenn das eine Lüge ist, dann sollen sie das sagen, aber sie lehnten es ab.

Mitte März reiste Hussam al-Schafei, der offizielle Pressesprecher von Hayat Tahrir al-Scham, die heute ein Bündnis von mehreren dschihadistischen Rebellenorganisationen koordiniert, über einen Flughafen in der Türkei nach Doha. Dort handelte er mit iranischen Beamten ein Abkommen aus, das von der Al-Thani-Familie noch einmal befeuert wurde. Katar fungierte als Vermittler.

Die Türkei will der PKK

Um den Segen der syrischen Dschihadisten unter Hayat Tahrir al-Scham zu gewinnen, musste Katar große Mengen an finanzieller Unterstützung aufbringen. Offizielle Quellen sprechen von 60 Millionen US-Dollar. In Anbetracht der Tatsache, dass das Leben von 30.000 Zivilisten und Mitgliedern der katarischen Königsfamilie in der Hand von Hayat Tahrir al-Scham lag, gehen Quellen, die anonym bleiben wollen, sogar noch von wesentlich höheren Zahlungen aus. Auch in diesem Fall ging es Katar nicht in erster Linie um die Befreiung von schiitischen Zivilisten. Der Iran hatte diese zur Bedingung gemacht. Katar wollte so schnell wie möglich alle Al-Thanis aus der Gefangenschaft befreien.

Abu Hadschar, ein Mitglied der militärischen Justizabteilung von Hayat Tahrir al-Scham, bestätigte mir gegenüber im Gespräch ein Abkommen mit Katar:

Wir wussten, dass Hussam al-Schafei nach Katar gereist ist, um in unserem Namen zu verhandeln. Unsere Kämpfer kontrollieren, was in den beiden belagerten schiitischen Städten in Idlib-Provinz passiert. Auf der anderen Seite werden Irans syrische und irakische Stellvertreter adressiert, die auch noch zahlreiche Geiseln aus dem Königshaus von Katar festhalten.

Bezüglich der Höhe des Anreizes für die Zustimmung zu der Vereinbarung fügte das Mitglied der Al-Nusra-Fortsetzungsorganisation hinzu:

Nachdem wir uns vom internationalen Netzwerk al-Qaidas verabschiedeten, hat Hussam al-Schafei versucht, noch mehr Unterstützung aus dem Golfraum zu erwirken. Die Rebellenmiliz Ahrar al-Scham und wir erhielten jeweils 30 Millionen US-Dollar. Insgesamt kamen 60 Millionen US-Dollar zusammen.

Die exklusive Informationsquelle fuhr fort und sagte:

Unsere Führer, darunter Abu Mariah Qahtani, haben zahlreiche Anknüpfungspunkte, um mit dem Staat zu kooperieren. Alles ist sehr transparent. Wir haben einen Kanal für die Kommunikation. Das ist der gleiche Kanal, den wir zu Zeiten des Rebellenschirms Dschaisch al-Fatah gegründet haben.

Katar bestreitet offiziell jegliche Kontakte mit der syrischen Dschihadistenmiliz Hayat Tahrir al-Scham. Der Außenminister des Landes, Chalid al-Attiyah, sagte Ende 2015, dass Katar mit allen Rebellen in Syrien außer der Al-Nusra-Front Beziehungen unterhält.

USA haben Vorgang zur Kenntnis genommen

Abu Husein, ein ausländischer Kämpfer von Hayat Tahrir al-Scham, der aus Bosnien kommt, sagte mir hingegen im Gespräch:

Wir erwarteten gute Nachrichten von unseren Führern und Emiren. Die Verhandlungen in Katar sind seit einer Weile im Gange. Unsere Gesamtsituation ist nicht gut, wir brauchen diese finanzielle Unterstützung. Mit der Bewegung der ersten Busse kamen auch die Verhandlungen zu einem Ende. Die gesamte Menge an Geld ist mir nicht bekannt, aber uns als Kämpfern wurde ein großer Sold versprochen.

Die USA als größter Verbündeter Katars und Leiter der Ausbildungsprogramme für syrische Rebellen müssen von den fragwürdigen Treffen in Katar gewusst haben. Insgesamt ist in diese Richtung wenig passiert. Es gibt keine offizielle Stellungnahme aus den USA zu den Aktivitäten Katars in Bezug auf den Evakuierungsdeal mit Hayat Tahrir al-Scham. Ein Mitglied der US-Sondereinsatzkräfte der Anti-IS-Koalition, der, um frei sprechen zu können, namentlich unerwähnt bleiben wollte, sprach mit mir. Derzeit in Jordanien im Dienst, sagte der US-Soldat:

Was da vorgeht, lässt sich als interne Politik und katarische Interessen kategorisieren. Unser Interesse ist es, gegen den Islamischen Staat zu kämpfen. Die berühmten Treffen in Katar sind uns bekannt. Es ist Politik. Ich kann weder Geld noch dessen Menge bestätigen, aber es wurde getan, was nötig ist, um alle Seiten zufriedenzustellen.

Der syrische Krieg geht in sein siebtes Jahr. Es ist weder ein Sieger noch eine Lösung in Aussicht. Was zunehmend hervortritt, ist, dass alle beteiligten Akteure ihr nationales Interesse zunehmend in den Mittelpunkt setzen. Wird Politik im Sinne des syrischen Volkes gemacht? Syrien ist viel eher zu einem Verhandlungstrumpf für größere Fragen im Nahen Osten geworden. Der Krieg jedenfalls geht weiter.