RT Deutsch-Interview mit Nahost-Analyst Hawez: Türkei plant Bodenoffensive gegen PKK im Irak

RT Deutsch-Interview mit Nahost-Analyst Hawez: Türkei plant Bodenoffensive gegen PKK im Irak
Die Türkei will der PKK "sämtliche Rückzugsgebiete im Nahen Osten nehmen", erklärt Analyst Nicholas Heras vom Zentrum für Neue Amerikanische Sicherheit mit Sitz in Washington.
Die türkische Luftwaffe hat am Dienstag Stellungen der kurdischen PKK und verbündeter Milizen im Nordirak und Nordostsyrien angegriffen. Eine zeitnahe Bodenoffensive erscheint als wahrscheinlich. RT Deutsch sprach mit Experten über mögliche Hintergründe.

von Ali Özkök

Die türkischen Streitkräfte haben am Dienstag Luftschläge gegen die kurdische PKK und mit dieser verbündete Kurdenmilizen im Nordirak und in Nordostsyrien ausgeführt. Eine baldige Bodenoffensive erscheint als wahrscheinlich.

Die Türkei will damit offenbar das Signal an die PKK aussenden, dass diese sich nicht hinter den USA und deren Kampf gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat" verstecken kann.

So kommentierte der US-amerikanische Politikanalyst Nicholas Heras vom einflussreichen Zentrum für Neue Amerikanische Sicherheit im Gespräch mit RT Deutsch die jüngste türkische Militäroffensive.

Die türkischen Streitkräfte (TSK) haben die Operationen im irakischen Sindschar-Gebirge und im Karatschok-Gebirge in Nordostsyrien am Morgen um zwei Uhr Ortszeit durchgeführt. Die Armeeführung spricht in einer amtlichen Mitteilung von einer notwendigen Maßnahme, um "Terrorsprungbretter und den Schmuggel von Waffen" zu zerschlagen.

Der Reporter des kurdischen Nachrichtensenders Kurdistan24, Baxtiyar Goran, kritisierte auf Anfrage von RT Deutsch den türkischen Luftangriff. Er hinterfragte jedich auch die Präsenz der kurdischen PKK, die von der Türkei, der Europäischen Union und zahlreichen anderen Staaten als terroristisch eingestuft wird. Goran sagte:

Ich verurteile die türkische Aggression. Sie muss stoppen. Die Lösung des Türkei-PKK-Konflikts liegt nicht im Sindschar. Beide müssen sich aus dem Sindschar fernhalten. Sie müssen aufhören, unsere Region zu destabilisieren.

Opfer auch unter verbündeten Peschmerga

Laut YPG-Meldungen wurden 20 PKK- oder PKK-nahe Kämpfer durch die TSK getötet. Weitere 18 erlitten Verletzungen. Bei den Luftangriffen der TSK kamen auch fünf kurdische Peschmerga ums Leben, die von der Kurdischen Regionalregierung in Erbil kontrolliert werden, die mit der Türkei zusammenarbeitet. Goran forderte:

Die Türkei muss sich für die Opfer unter den Peschmerga und die zivilen Schäden entschuldigen.

"Eine Bodenoperation gegen die PKK ist sehr wahrscheinlich"

Der kurdische Politikexperte vom renommierten Kings College, Abdulla Hawez, der sich auf innerkurdische Dynamiken spezialisiert hat, erklärte gegenüber RT Deutsch:

Der Konflikt ist größer als nur die Frage um Sindschar. Jedes Abkommen im Sindschar wird auch die Stellung der PKK, die sich in Syrien PYD/YPG nennt, beeinflussen. Es ist ein harter Konflikt, denn die Kurden-Regionalregierung im Nordirak unter Führung der KDP und die PKK finden sich auch in zwei verschiedenen Regionalblöcken wieder. Die KDP steht tendenziell aufseiten der Türkei und die PKK mit aufseiten Irans. Ankara und Teheran konkurrieren um Einfluss.

Symbolbild

Hinter dem heutigen Luftschlagangriff der Türkei sieht Hawez eine "gefährliche Eskalation". Der Politikanalyst kommentiert:

Nach dem Referendum scheint Erdogan jetzt den Kampf gegen die PKK in Syrien und im Irak so richtig aufnehmen zu wollen. Bei den Luftangriffen starben Dutzende PKK-Kämpfer. Diese Luftschläge könnten Vorboten einer anstehenden Bodenoperation der türkischen Streitkräfte sein. Ich denke, das ist sehr wahrscheinlich.

Auf die Frage von RT Deutsch, ob die im Sindschar operierende Jesiden-Miliz YBS eine von der PKK unabhängige Partei darstellen würde, dementierte Hawez dies. Die PKK habe vielmehr eine mit eigenen Kämpfer durchsetzte Jesiden-Miliz aufgebaut.

"PKK/YPG kann sich nicht hinter USA verstecken"

Der Analyst Nicholas Heras vom Zentrum für Neue Amerikanische Sicherheit mit Sitz in Washington sieht hinter den Angriffen der Türkei gegen die PKK eine Strategie, die sich auch gegen die USA richtet. RT Deutsch teilte er mit:

Die TSK senden eine klare Botschaft, dass die US-geführte Koalition gegen den IS die PKK nicht schützen kann. Es gibt keine sicheren Häfen für die PKK, von wo aus sie Angriffe gegen die Türkei starten könnte.

Grundsätzlich ähnele der Ansatz der TSK jenem der USA, wenn es darum geht, "Al-Kaida-Strukturen anzugreifen, die in lokalen Gemeinden in Syrien, im Jemen, in Somalia und anderen Staaten verankert sind". Demnach geht die Türkei mit der linksmarxistischen PKK ähnlich um wie die USA mit Al-Kaida. "Die Türkei hat entschieden, Logistikrouten und Verstärkung der PKK zwischen Ost-Türkei, Syrien und Irak aggressiv zu bekämpfen. So wie die USA die syrische Dschihadisten-Gruppe Hayat Tahrir al-Scham als Al-Kaida mit anderem Namen betrachtet, tut es die Türkei mit der YPG", erklärt der Analyst.

Über den Luftangriff auf die PKK/YPG in Syrien sagte Hares:

Al-Malakiya war schon lange im Visier des türkischen Militärs. Das ist eine wichtige Stadt für das PKK-Netzwerk, Sindschar und die umliegenden Regionen. Es ist quasi eine vorgeschobene Operationsbasis für die PKK im Kampf gegen den türkischen Staat in Anatolien, Syrien oder auch im Nordwesten Iraks rund um Mossul.

Die PKK-nahe Nachrichtenagentur NRT TV berichtete, dass die USA wenige Stunden nach dem türkischen Luftangriff US-Militärvertreter in Al-Malakiya einfliegen ließen. Diese inspizierten die Einschläge und versuchten, "die Spannungen zu deeskalieren".

"Für Ankara endet der Kampf gegen die PKK nicht mehr an den türkischen Grenzen. Sie will, dass es im gesamten Nahen Osten kein Rückzugsgebiet mehr für die PKK gibt", ergänzte Heras aus Washington.

Bildquelle: IDF

Türkei will Sindschar unter KDP-Kontrolle bringen

Die PKK unterhalte im Sindschar-Gebiet eine im Vergleich kleine Präsenz. Für die Türkei sei die Bekämpfung der PKK in diesem Gebiet aber in erster Linie eine langfristige strategische Erwägung. Heras erklärte:

Die türkische Regierung hat sehr viel in eine energiepolitisch dominierte Koch-Kellner- Beziehung zu Barzani in Erbil investiert. Als Teil des Abkommens erwartet sie die Kooperation vonseiten der KDP, dass diese aggressiv gegen die PKK vorgeht und den Feind der Türkei besiegt.

Im Gegenzug offeriert Ankara, dass das Sindschar-Gebiet künftig unter den Einflussbereich der KDP fällt, fügte der Analyst hinzu.

Die PKK wurde 1978 gegründet. Der Konflikt im Südosten der Türkei kostete über 40.000 Menschen das Leben. Nach einem kurzen Waffenstillstand brach der militärische Konflikt im Juli 2015 wieder aus. Im Zuge der Wiederaufnahme der Waffengewalt sind bereits über 1.200 Sicherheitskräfte und Zivilisten gestorben. Auf der anderen Seite starben über 10.000 PKK-Kämpfer, berichtete die staatliche türkische Nachrichtenagentur Andolu im März.

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