"Heuchlerisch": Nahostexperte kritisiert gegenüber RT deutsche U-Boot-Lieferung an Ägypten

"Heuchlerisch": Nahostexperte kritisiert gegenüber RT deutsche U-Boot-Lieferung an Ägypten
Bildquelle: Verteidigungsministerium Ägypten
Ägyptens Marine hat am Mittwoch ihr zweites U-Boot der Klasse 209 erhalten. Das deutsche Rüstungsunternehmen Howaldtswerke-Deutsche Werft hat es gebaut. RT Deutsch sprach mit dem Nahost-Experte Pervez Bilgrami über seine Einschätzung deutscher Nahostpolitk.

von Ali Özkök

Die Marine des ägyptischen Staatschefs Abdel-Fattah al-Sisi hat am Mittwoch ihr zweites U-Boot der Klasse 209 erhalten. Das U-Boot erreichte an diesem Tag seinen künftigen Heimathafen Ras el-Tin in Alexandria an der Mittelmeer-Küste.

Insgesamt erhält die Armee des umstrittenen Generals a.D. und Präsidenten, der sich 2013 an die Macht geputscht hatte, aus Deutschland vier U-Boote. Das Unternehmen Howaldtswerke-Deutsche Werft, das seit 2012 offiziell ThyssenKrupp Marine Systems GmbH heißt, baut Kampf-U-Boote dieses Typs in Kiel.

Im Anschluss an den Transfer veröffentlichte das Verteidigungsministerium in Kairo ein Video. Dieses zeigt, wie das neue U-Boot vor der Küste Alexandrias von weiteren Kriegsschiffen begleitet wird.

Der Analyst und Kolumnist beim World Bulletin, Pervez Bilgrami, kritisiert die Auslieferung des Kriegssystems. Seiner Meinung nach handelt Berlin im Nahen Osten heuchlerisch. RT Deutsch teilte er mit:

Viele westliche Staaten, einschließlich Deutschlands, sind damit beschäftigt, den Putschführer Ägyptens Abdel-Fattah al-Sisi zu umgarnen, der im Nahen Osten wegen seiner zahlreichen Menschenrechtsverletzungen und ungeklärten Morde in der Kritik steht. Der Verkauf von tödlichen Waffen wie U-Booten an einen Diktator zeigt, wie ehrlich es Deutschland tatsächlich mit der Demokratie, den Menschenrechten und der Rechtsstaatlichkeit meint.

Auf die Frage, warum Deutschland zwar Ägypten unterstützt, aber die Türkei scharf kritisiert, antwortete Bilgrami:

Das Problem für Deutschland ist, dass sich die Türkei der Hegemonie des Westens nicht unterordnen will. Präsident Erdogan verfolgt seinen eigenen Kurs und schaut dabei nicht auf die Forderungen Europas. Deshalb ist al-Sisi, der seiner innenpolitischen Probleme wegen ein willfährigerer Führer ist, ein willkommener Kooperationspartner des Westens.

Der Geopolitik-Experte aus Israel, Oded Berkowitz, wies zudem auf die strategische Bedeutung von Ägypten hin. Gegenüber RT Deutsch erläuterte er:

Viele Faktoren machen Ägypten geopolitisch bedeutsam. Es hat riesige Erdgasvorkommen. Die Position am Mittelmeer und der Suezkanal sind wertvoll. Noch bedeutsamer ist eine Kooperation mit Kairo und al-Sisi, um dem wachsenden regionalen Einfluss Russlands zu begegnen. Außerdem gibt es noch den Faktor "Islamischer Staat". Während der Staat um das wirtschaftliche Überleben kämpft, entstehen viele potenzielle Investitionsmöglichkeiten.

Das U-Boot, das die ägyptische Marine in Empfang nehmen konnte, ist 61,2 Meter lang und erreicht eine Unterwassergeschwindigkeit von 22 Knoten. Seine Bewaffnung umfasst schwere Raketen und Torpedos. Das Kriegsgerät ist zudenm mit modernsten deutschen Navigations- und Kommunikationssystemen ausgestattet.

Ägypten hatte 2011 einen Auftrag zur Lieferung zweier U-Boote ausgelobt. Im Jahr 2014 erweiterte Kairo den Auftrag um weitere zwei U-Boote. Offiziell behauptet Kairo, dass die Lieferung der nationalen Sicherheit dienen würde.

Im Jahr 2013 stürzte General al-Sisi den ersten demokratisch gewählten Präsidenten des Landes, Muhammed Mursi. Seitdem und unter dem Eindruck des Arabischen Frühlings steht Ägypten im Ausnahmezustand. Politisch mischt sich Kairo seit 2014 aktiv in Libyen ein. Militärisch kämpft es gegen lokale Ableger der Terrormiliz "Islamischer Staat" auf der Sinai-Halbinsel. Die Dschihadisten verüben immer wieder schwere Terroranschläge in Ägypten, zuletzt gegen die christliche Minderheit der Kopten.