Anschlag in Syrien: Rolle Katars, 35 Millionen US-Dollar und ein verschwundenes Bekennerschreiben

Anschlag in Syrien: Rolle Katars, 35 Millionen US-Dollar und ein verschwundenes Bekennerschreiben
Von einem Selbstmordattentäter zerstörter Bus in von "Rebellen" gehaltenem al-Rashideen, Aleppo-Provinz, 16. April 2017.
Die Zahl der Opfer des Anschlages auf einen Buskonvoi in Al-Raschidin macht deutlich, dass die Terrormilizen nicht an der Einhaltung von Verträgen interessiert sind. Die Verhandlungen über die Umsetzung des Vier-Städte-Abkommens sollen dennoch weitergehen.

von Karin Leukefeld, Damaskus

Nach dem Anschlag auf einen Buskonvoi in Al-Raschidin, westlich von Aleppo, am vergangenen Samstag, steigt die Zahl der Toten. Die tatsächliche Opferzahl ist schwer zu verifizieren, da der Anschlag sich in einem Gebiet ereignete, das von der Nusra-Front kontrolliert wird. Rettungskräfte bergen nach wie vor Tote und bringen Verletzte in Krankenhäuser sowohl in Aleppo als auch in der Provinz Idlib. Dort spricht man mittlerweile von mehr als 200 Toten. Viele Menschen werden immer noch vermisst.

Aleppo: Mehrere Todesopfer bei Anschlag auf Busse mit Evakuierten

Die schwere Explosion, die vermutlich ein mit Sprengstoff beladener Laster ausgelöst hat, zerstörte fünf Busse eines großen Konvois, der bei Al-Raschidin von Kämpfern der Nusra-Front gestoppt und fast 48 Stunden lang festgehalten worden war.

Die Opfer - vorwiegend Kinder, Frauen und ältere Männer - stammen aus den beiden Orten Kefraya und Al Fouah, die in der Provinz Idlib liegen. Sie gehörten zu einer ersten Gruppe von 5.000 Personen, die im Zuge eines so genannten Vier-Städte-Abkommens aus ihren Heimatorten nach Aleppo gebracht werden sollen. Im Gegenzug ließen die Regierungsbehörden aus den Orten Madaya und Zabadani, die westlich von Damaskus im Libanongebirge liegen, mehr als 2.000 Menschen in die Provinz Idlib transportieren.

Trotz des Anschlags setzten die Parteien des Abkommens ihre Transporte fort. Die russische Armee - die zunächst nicht an der Umsetzung des Abkommens beteiligt war - sicherte nunmehr jedoch den Weg des Restkonvois von mehr als 90 Bussen bei Al-Raschidin großräumig ab.

Regelmäßige Verletzungen von Waffenstillstandsabkommen

Das Vier-Städte-Abkommen ist ein dynamisches. Die Konfliktparteien verhandeln über dessen Umsetzung seit September 2015 für Kefraya und Al Fouah einerseits und für Zabadani sowie Madaya auf der anderen Seite. Bei den Personen aus Kefraya sowie Al Fouah handelt es sich um schiitische Muslime. Ihre Heimatorte waren seit März 2015 von Kämpfern der so genannten Armee der Eroberung unter Führung der Nusra-Front angegriffen, beschossen und umzingelt worden.

Bei den Personen aus Madaya und Zabadani handelt es sich um sunnitisch-muslimische Kämpfer von Ahrar al-Sham und anderen Kampfgruppen, die ihre Waffen nicht abgeben wollen. Diese Orte wurden von der syrischen Armee und der mit dieser verbündeten Hisbollah umstellt.

Wiederholt handelten die Konfliktparteien unter Mithilfe verschiedener Vermittler Waffenstillstände aus, die jedoch immer wieder gebrochen worden. Die Lage der Zivilbevölkerung verschlechterte sich zusehends, da Nahrungsmittel und Hilfsgüter sie kaum erreichten.

Kefraya und Al Fouah wurden teilweise von der syrischen und russischen Luftwaffe aus der Luft versorgt. Zabadani und Madaya standen im Fokus westlicher Berichterstattung. Die UNO und das Internationale Komitee vom Roten Kreuz konnten die Menschen dort wiederholt erreichen. Im Dezember 2016 wurden Kranke und Verletzte aus Madaya und Zabadani evakuiert und reisten in die Türkei aus. Eine entsprechende Hilfsaktion für kranke und alte Menschen aus Al Fouah und Kefraya verhinderten hingegen Terrorverbände der Nusra-Front mit Gewalt. Busse, die die Menschen abholen sollten, gingen in Flammen auf.

Die Terrorkrieger machten nicht einmal einen Hehl aus ihrer Haltung zum Evakuierungsabkommen. Extremisten filmten sogar den Angriff mit einem Mobiltelefon und verbreiteten die Aufnahmen über das Internet. Stimmen priesen Gott, ein Mann rief hasserfüllt:

Gott ist groß, alle sollen sagen: Gott ist groß. Diese Busse sollen Schiiten holen, gut, dass sie brennen. Jeder wird beschossen, der diese Leute abholen will. Ihr könnt die Schiiten abholen, wenn sie alle tot sind. Dann könnt Ihr sie holen.

Regime Change und Kalifat bleiben Prioritäten der Rebellen

Der Mann, der das Video gefilmt und die Angreifer angefeuert hatte, nahm von sich ein Selfie auf: Er filmte sich selbst, während er auf der Ladefläche eines Fahrzeugs davonraste. Stolz blickt er in die Kamera, während die brennenden Busse im Hintergrund immer kleiner werden.

Die so genannte Armee der Eroberung ist ein Bündnis von Dutzenden Kampfgruppen, unter denen die Nusra-Front und Ahrar al-Sham als die stärksten gelten. Sie werden von der Türkei, Katar und Saudi-Arabien sowie deren Verbündeten in Europa und in den USA ausgerüstet sowie finanziert, humanitär, logistisch und nicht zuletzt auch propagandistisch in westlichen Medien unterstützt. Ihr massiver Vorstoß mit türkischer militärischer Deckung hatte die syrische Armee im Frühjahr 2015 enorm in Bedrängnis gebracht, was - auf Bitte des syrischen Präsidenten - zum Eingreifen der russischen Armee und Luftwaffe geführt hatte.

Ziel der Armee der Eroberung ist der Sturz der syrischen Regierung. Aus Syrien wollen sie ein islamisches Kalifat machen. Ihre politischen Unterstützer sind in der Nationalen Koalition (Etilaf, Istanbul) und in deren Auslandsvertretungen zu finden, von denen auch eine in Berlin sitzt. Über den Hohen Verhandlungsrat (HNC), auch Riad-Gruppe genannt, sind sie bei den innersyrischen Genfer Gesprächen vertreten. Die Uneinigkeit über die Unterzeichnung eines landesweiten Waffenstillstandsabkommens Ende 2016 - vermittelt von Russland, Iran und Türkei - hatte innerhalb des Terroristen-Dachverbandes im Februar 2017 zu blutigen Konkurrenzkämpfen geführt.

Katar will eigene Staatsbürger freibekommen

Das Vier-Städte-Abkommen verhandelten in den letzten Wochen Iran und Katar in Doha. Iran vertrat dabei die syrische Regierung, Katar die Kampfverbände Ahrar al-Sham und Nusra-Front. Katar war an dem Abkommen auch deshalb interessiert, weil ein Teil davon die Freilassung von katarischen Staatsbürgern vorsieht, die im Irak von Hascht al-Schaabi, einer mit dem Iran verbündeten und kampfstarken schiitischen Miliz, festgenommen worden waren. Hascht al-Schaabi hatte die Freilassung der von Katar als Diplomaten bezeichneten Personen mit dem Schicksal der Einwohner von Kefraya und Al Fouah verknüpft.

Sigmar Gabriel bespricht sich mit dem Außenminister von Katar, bin Abdulrahman al-Thani, auf einer Konferenz in Brüssel, 5. April 2017.

Ahrar al-Sham stimmte der Vereinbarung schließlich zu und willigte in den Abzug seiner Kämpfer und anderer Verbündeter aus Madaya und Zabadani ein. Arabischen Medien zufolge soll Katar der Nusra-Front 35 Millionen US-Dollar angeboten haben, damit auch sie das Abkommen unterzeichnet. Doch die rund 100 in den Städten verbliebenen Kämpfer der Extremisten lehnten ab und zogen sich in die Berge zurück.

Ob die Nusra-Front in Idlib hinter dem Anschlag auf den Konvoi steht, ist unklar. Klar war allerdings schon einen Tag vor dem Anschlag vom Karsamstag, dass nicht alle Kampfverbände, die mit der Nusra-Front verbündet sind, dem Abkommen zustimmten. Fotos im Internet zeigten Anhänger der so genannten Armee des Islam, die in der Provinz Ghouta östlich von Damaskus gegen das Abkommen protestierten und forderten, dessen Umsetzung zu verhindern.

Kurz nach dem Anschlag war dann auf der Webseite der Armee des Islam eine Erklärung des Generalkommandos der Organisation veröffentlicht worden, die von deren Sprecher Hamze Beraqdar - nicht handschriftlich - unterzeichnet war. Man werde "den Ort, wo die Ungläubigen sind, zur Hölle machen", wurde ein Vers aus dem Koran zitiert. Ein Spezialkommando habe die Busse, die die schiitischen Kämpfer aus Kefraya und Al Fouah abtransportiert haben, angegriffen, hieß es in der Erklärung. Diese Kämpfer seien "ein legitimes Ziel für unsere Kämpfer und wir werden keine Mühen scheuen und keine Gelegenheit auslassen, sie anzugreifen".

"Armee des Islam" lässt Bekennerschreiben von Webseite verschwinden

Die Erklärung, die der Autorin vorliegt und die von der Armee des Islam nach Kenntnis der Autorin nicht dementiert wurde, verschwand im Laufe des Nachmittages wieder von der Webseite. Die ersten Fotos vom Anschlagsort waren zu diesem Zeitpunkt veröffentlicht worden und zeigten, dass die Toten nicht "schiitische Kämpfer", sondern Kinder und Frauen und ausschließlich Zivilisten waren.

Housein, ein Bewohner von Al Fouah, der den Anschlag in einem weiter zurückliegenden Bus überlebte und am Sonntag in Aleppo ankam, berichtete der Autorin von einem Leben in Al Fouah unter dem permanenten Druck durch Angriffe und Morde vonseiten der Terroristen seit März 2015.

Für uns herrschte ständige Angst, Zorn, Menschen waren krank, verletzt, starben.

Viele seien an der aus ihrer Sicht mangelnden Entschlossenheit der syrischen Armee und ihrer Verbündeten verzweifelt.

Iran hat gute Beziehungen zur Türkei, warum hat der Iran keinen Druck auf die Türkei ausgeübt, um uns zu helfen?

Die Leute aus Kefraya und Al Fouah wüssten, dass es "das Ziel ist, uns zu vertreiben". Mit der Vereinbarung von Doha würden sie zu Flüchtlingen in Homs, Damaskus, Aleppo, Latakia und Hama gemacht.

Ali Haidar, der Minister für Nationale Versöhnung in Syrien, machte im Gespräch mit der Autorin in Damaskus deutlich, dass er und die Regierung nicht zufrieden mit den Verhandlungen gewesen seien. Der Abzug der Terroristen aus Zabadani und Madaya sei willkommen und lange überfällig. Doch dass die Menschen aus Kefraya und Al Fouah ihre Heimat verlassen müssten, könne nur eine vorübergehende Lösung sein, um ihr Leid infolge der Belagerung und Angriffe vonseiten der Nusra-Front zu lindern.

Die syrische Regierung ist entschlossen, jeden Teil Syriens zu befreien", so Haidar. Eines Tages würden auch die Menschen nach Kefraya und Al Fouah zurückkehren können, die "seit Generationen dort friedlich gelebt, das Land bearbeitet und ihre Familien ernährt" hätten.