"Beschäftigungstherapie für Feinde": Warum Krieg in Syrien Israel mehr nützt als Frieden

"Beschäftigungstherapie für Feinde": Warum Krieg in Syrien Israel mehr nützt als Frieden
Aus Sicht Israels, das sich formal seit 1967 immer noch mit Damaskus im Kriegszustand befindet, gibt es im Syrienkrieg keine "Good Guys". Deshalb bevorzugt der jüdische Staat Feinde, die sich gegenseitig bekämpfen.
Israels Luftwaffe greift in Syrien die Hisbollah und schiitische Verbündete Assads an. Russische Mahnungen werden überhört. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Solange Hisbollah, Assad und Sunnitenmilizen einander in Schach halten, hat Israel seine Ruhe.

Israelische Militärs führten in der Nacht zum 22. März neue Angriffe auf das Territorium Syriens durch. Das berichten israelische Medien und geben die syrische Opposition als Quelle an. Dabei wird präzisiert, dass die Luftwaffe Israels Objekte im Gebiet des Berges Dschabal Qāsiyūn angriff.

Südwestlich des Berges befindet sich Damaskus. Nicht weit von der syrischen Hauptstadt entfernt stehen auch die syrische Artillerie, ihre Radare und die Antennen des syrischen Staatsfernsehens.

Ein F-15

Zuvor hatte der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu verkündet, dass Israel seine Angriffe auf die Konvois, die die Truppen der Hisbollah in Syrien versorgen, fortsetzen wird. Eigentlich ist ein derartiges Verhalten vonseiten Jerusalems nichts Neues.

Das Land beschießt schon seit einigen Jahren iranische und libanesische Verbände, die in Syrien die legitime Regierung im Kampf gegen die Terrororganisation Islamischer Staat unterstützen. Seitdem die Hisbollah im Jahr 2013 bekannt gegeben hatte, zu Gunsten von Damaskus zu intervenieren, führt Israel regelmäßig Luftschläge auf syrischem Territorium durch. Israel befürchtet, dass die Hisbollah und iranische Verbände den Krieg in Syrien zur Aufrüstung in eigener Sache nutzen. 

Im Mai 2016 tötete die israelische Armee beispielsweise durch einen Präzisionsschlag den Hisbollah-Anführer Mustafa Badreddine, der sich zu der Zeit des Angriffs in der Vorstadt von Damaskus aufgehalten hatte. Obwohl die Leitung der Hisbollah-Bewegung niemanden offiziell der Tötung Badreddines beschuldigte, schrieben die libanesischen Medien über eine Verbindung dieses Todesfalls zu den Aktivitäten Israels in der Region.

Einige Tage nach der Beerdigung des gefallenen Anführers gab die schiitische Miliz bekannt, dass sie die Anzahl ihrer Truppen in Syrien reduzieren wird. Um den Überblick zu behalten, zog sie ihre Streitkräfte aus Aleppo und den anderen Provinzen des Landes ab und konzentrierte diese in der Umgebung von Damaskus.

Mit der Anwesenheit der Hisbollah in Syrien ist neben Israel auch die Türkei unzufrieden. Außerdem stellte die bewaffnete syrische Opposition bei den Verhandlungen in Astana die Forderung auf, dass die schiitischen Truppen Irans und der Hisbollah aus Syrien abgezogen werden sollen. Am 16. März besprachen Vertreter des Irans, der Türkei und Russlands die Frage eines stufenweisen Abzugs der schiitischen Streitkräfte.

Erst Anfang März trafen sich Putin und Netanyahu, um über die Syrien-Politik beider Staaten zu sprechen.

Netanjahus Aussagen nach war dieser Schritt eines jener Themen, die er am 9. März bei seinem Treffen mit Wladimir Putin in Moskau besprochen habe. Die Bereitschaft Hisbollahs, Syrien zu verlassen, sollte Jerusalem beruhigen.

Doch schon am 17. März beschoss die israelische Luftwaffe wieder syrisches Territorium. Die Armee Syriens machte daraufhin von ihrer Luftabwehr Gebrauch. Den Angaben von Damaskus zufolge gelang es der syrischen Luftabwehr, eines der vier angreifenden Flugzeuge abzuschießen. Israel bestreitet diese Information und behauptet, alle Flieger seien unbeschadet von ihren Einsätzen zurückkehrt. Außerdem wären die syrischen Raketen von der israelischen Raketenabwehr abgeschossen worden.

Anzumerken ist diesbezüglich, dass sich eine derartige Eskalation in der Vorwoche nicht zum ersten Mal ereignet hat. Im September 2016 berichteten syrische Medien, dass ein Flugzeug der Luftwaffe Israels im Gebiet Quneitra abgeschossen wurde. Dies wurde damals von der israelischen Seite ebenfalls bestritten.

Der Verteidigungsminister Israels, Avigdor Lieberman, drohte damit, die syrischen Raketensysteme zu zerstören, falls Damaskus sie noch einmal gegen die israelischen Kampfflugzeuge einsetzt.

Wenn die syrische Luftabwehr das nächste Mal israelische Flugzeuge angreift, wird sie vernichtet. Da wird es keine Kompromisse geben", betonte der Minister.

Bildquelle: Hisbollah

Wie aber kam es zu dem Konflikt zwischen Israel und der syrischen Armee? Für Israel ist eine Verbindung zwischen der syrischen Armee und der Hisbollah inakzeptabel, denn die Israelis haben Angst vor einer Stärkung der Miliz, merkte Irina Swjagelskaja, eine leitende wissenschaftliche Mitarbeiterin des Zentrums für Arabistik und Islamwissenschaften des Instituts für Orientalistik an der Russischen Akademie der Wissenschaften, in einem RT-Interview an. Weiter sagte die Expertin:

Das klingt vielleicht eigenartig, aber Israel und die Hisbollah haben eine wechselseitige Eindämmung erreicht. Der Beginn eines neues Krieges zwischen den beiden würde zu vielen Opfern auf beiden Seiten führen. Außerdem befürchtet Israel, dass die Miliz an der Grenze zu den Golanhöhen auftaucht. Die Perspektive, dass sie Syrien verlässt, ist bisher noch weit entfernt, denn das wird kaum vor einem Ende des aktuellen Krieges möglich sein.

Die Golanhöhen

Die Sicherung der Kontrolle über die Golanhöhen ist für Israel eine Frage der strategischen Sicherheit. Experten sind der Meinung, dass eine Regulierung der Situation in Syrien es Damaskus erlauben wird, seinen Kraftaufwand wieder auf die Rückführung der im Jahr 1967 verlorenen Territorien zu konzentrieren.

Erinnern wir uns daran, dass die fruchtbaren Böden der Golanhöhen in den Jahren 1944 bis 1967 Teil Syriens waren. Als Resultat des Sechstagekrieges hat Israel das Territorium unter seine Kontrolle bekommen. Damaskus vertritt bis heute die Position, dass die Golanhöhen ein von Israel illegal annektiertes Gebiet sind und hat Pläne zur Rückführung dieser Region bis heute nicht aufgegeben.

Es ist zudem nicht auszuschließen, dass die Intensität der israelischen Angriffe in Syrien zugenommen hat, da die Iranische Revolutionsgarde Pläne zur Bildung einer Sonderbrigade schmiedet. Diese soll zum Zwecke der Befreiung der Golanhöhen von der "Besetzung" eingesetzt werden. Dies teilte zumindest der Pressesprecher der irakischen schiitischen Gruppierung Harakat Hezbollah al-Nujaba, die von der Iranischen Revolutionsgarde unterstützt wird, in einem Interview mit der Agentur Sputnik mit.

Kämpfer der IS-Organisation Chalid ibn Walid.

Seinen Aussagen nach werden die irakischen Schiiten an der Befreiung der Golanhöhen teilnehmen, wenn sie von der syrischen Regierung diesbezüglich angefragt werden sollten. Den Informationen der Zeitung The Independent zufolge halten sich die Iranische Revolutionsgarde und Harakat Hezbollah al-Nujaba auf syrischer Seite bereits in der Nähe des Grenzgebietes zur umstrittenen Hügellandschaft auf.

Irina Swjagelskaja vertritt die Meinung, dass sich die Pläne der Iranischen Revolutionsgarde zur Eroberung der Golanhöhen nicht erfüllen werden:

Die Golanhöhen zurückzuerobern ist unmöglich. Höchstwahrscheinlich wird Israel dieses Territorium noch sehr lange kontrollieren. Das Einzige, was etwas an dieser Situation ändern kann, ist eine Art Friedensvertrag, der in einer fernen Zukunft denkbar wäre.

Bis auf Weiteres spitzt sich die Situation in dieser Gegend hingegen weiter zu. Am 19. März soll Israel den Angaben arabischer Medien nach das Gebiet Quneitra, nicht weit von den Golanhöhen entfernt, beschossen haben. Durch den Präzisionsschlag der israelischen Luftwaffe wurde ein Fahrzeug samt dessen Insassen vernichtet. Darin sollen sich regierungstreue bewaffnete Kräfte befunden haben.

Es ist nicht auszuschließen, dass Israel irgendeinen Vorfall dazu nutzen wird, um seine Streitkräfte in die südliche Pufferzone nahe der Golanhöhen zu entsenden. Anschließend würde eine territoriale Struktur auf der Basis von Siedlungen der in dieser Gegend lebenden, israeltreuen Drusen geschaffen", sagte Sergej Balmasow, ein Experte des Nahostinstituts und des Russischen Rates für Internationale Angelegenheiten, in einem Gespräch mit RT.

Ende des Krieges würde größere Risiken schaffen

Durch diplomatischen Druck gelang es Russland bisher, bestimmte Garantien für Damaskus zu erkämpfen. Die anderen in den Krieg involvierten Staaten haben ihre Idee, Syriens Präsident Assad mit Gewalt zu stürzen, immerhin fürs Erste aufgegeben und konzentrieren sich auf den Kampf gegen die Terrormilizen. Israel fordert den Rücktritt Assads ebenfalls nicht, seine Angriffe auf mit dessen Regierung verbündete Kräfte könnten jedoch die schwierige Situation in der Region weiter destabilisieren und den Krieg verlängern.

Israels Luftwaffe hat seit Ausbruch des Krieges in Syrien mehrfach Ziele jenseits der Grenze ins Visier genommen. Die Regierung in Jerusalem möchte damit verhindern, dass Waffen aus dem Kampfgebiet der libanesischen Hisbollah in die Hände fallen.

Am 20. März bestellte das Außenministerium Russlands den israelischen Botschafter Gary Koren ein. Grund war ein Angriff der israelischen Armee auf syrische Regierungstruppen nahe Palmyra, wo außerdem auch russische Pioniere Entminungsarbeit betrieben. Weder russische noch israelische Diplomaten gaben Details der Unterredung bekannt, präzisierten aber, dass es um die Situation in Syrien ging.

Den Aussagen von Irina Swjagelskaja nach ist Moskau mit dem Verhalten Israels unzufrieden, da die Interessen der beiden Staaten nicht übereinstimmen:

Es gibt keine Sicherheit darin, dass Jerusalem sich durch die Ermahnungen beeinflussen und seine Taktik ändern wird. Die israelische Führung beabsichtigt eindeutig die Durchführung einer von der Meinung von Drittstaaten unabhängigen Politik. Sie haben nicht vor, den Positionen anderer Länder Gehör zu schenken.

Tatsache ist, dass eine Fortdauer des Krieges in Syrien Israel zumindest indirekt zupasskommt. Daher wird Jerusalem auch gemäß seinen Möglichkeiten versuchen, den Status quo aufrechtzuerhalten. Die Handlungen Israels sind dabei nicht gegen Baschar al-Assad gerichtet, sondern abstrakt gegen eine Normalisierung der Situation in Syrien.

Im dortigen Krieg bekämpfen einander vorwiegend Kräfte, die entweder - wie die syrische Regierung - schon seit Jahrzehnten im formalen Kriegszustand mit Israel stehen, oder Milizen, die entweder wie Hisbollah eine aktuelle oder wie die sunnitischen Terrormilizen eine künftige Gefahr für das Land darstellen. Die Überlegung lautet: Solange unsere Feinde einander gegenseitig bekämpfen, werden sie uns nicht bekämpfen.

Israel ist sehr daran interessiert, dass sich der schiitisch-sunnitische Kampf fortsetzt und seine Feinde sich auf diese Weise gegenseitig vernichten. Solange dieser Konflikt nicht beendet ist, braucht Israel nichts zu befürchten. Die israelische Luftwaffe greift die schiitischen Truppen dort an, wo sie am Gewinnen sind. Dies gleicht die Chancen der Feinde aus und der Krieg setzt sich fort", schlussfolgerte Balmasow.     

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