Ehemaliger anglikanischer Vikar von Bagdad: "Es werden im Irak keine Christen mehr übrigbleiben"

Ehemaliger anglikanischer Vikar von Bagdad: "Es werden im Irak keine Christen mehr übrigbleiben"
Die Baathisten im Irak und in Syrien unterwarfen die christlichen Gemeinden den gleichen Restriktionen wie alle anderen religiösen Gruppen. Wo sie an Einfluss verloren, hatten islamische Extremisten freie Bahn, Christen zu töten und zu vertreiben. © Sputnik/Waleri Melnikow
Im Interview mit Fox News erklärte der langjährige Leiter der St. Georgs-Gemeinde von Bagdad, Andrew White, die christlichen Gemeinden im Irak haben keine Zukunft. Gab es vor 2003 noch 1,4 Millionen Christen im Land, seien es mittlerweile weniger als 250.000.

Der anglikanische Theologe Andrew White hat in der Zeit von 2005 bis 2014 die St. Georgs-Gemeinde in der irakischen Hauptstadt Bagdad geleitet. Seit das geistliche Oberhaupt der Anglikaner, Erzbischof Justin Welby, den Kanonikus nach mehreren Übergriffen und Todesdrohungen durch islamische Extremisten aus dem Irak abgezogen hat, lebt White in Jerusalem und arbeitet dort für eine Verständigung zwischen Juden und Arabern.

Christliche Syrer halten auf dem Petersplatz vor dem Vatikan Plakate gegen eine westliche Intervention in Syrien hoch. Zuvor hatte Papst Franziskus zum einem Friedensgebiet für Syrien aufgerufen, 7. September 2013.

Nun hat der als "Vikar von Bagdad" bekannt gewordene Theologe in einem Interview mit dem US-Sender Fox News eine düstere Zukunftsprognose für das Christentum im Irak abgegeben. Er sieht für die Gemeinden keine Zukunft in der Region, die historisch zu den Geburtsstätten der christlichen Religion gehört hatte. White äußerte angesichts des anhaltenden Exodus seiner Glaubensbrüder:

Die Zeit ist gekommen, wo alles vorbei ist. Es werden keine Christen mehr übrigbleiben. Einige sagen, die Christen sollen bleiben, um die historische Präsenz aufrechtzuerhalten, aber es ist sehr schwierig geworden. Die Zukunft der Gemeinschaft ist sehr beschränkt.

Noch vor 30 Jahren hatten etwa 1,4 Millionen Christen im Irak gelebt. Nach dem Sturz Saddam Husseins im Jahr 2003 fiel die Zahl auf etwa eine Million. Schätzungen aus dem Jahr 2016 sprechen davon, dass nur noch weniger als 250.000 Christen im Irak leben, mit weiter stark sinkender Tendenz. Da viele Familien auf der Flucht sind, sind exakte Zahlen nur noch schwer zu ermitteln.

Andrew White berichtet von seinen Gesprächen mit Betroffenen wie folgt:

Die Christen, die aus dem Irak und aus den IS-Gegenden des Nahen Ostens kommen, sagen alle dasselbe: Es führt niemals mehr ein Weg zurück. Sie haben genug.

Der bekannte Priester ruft die Amerikaner zur Solidarität mit ihren leidenden Glaubensbrüdern auf, diese befänden sich in großer Not. "Und es geht nicht nur darum, um den Frieden zu beten", so White weiter zu Fox News. "Sie brauchen vieles – Nahrung, Ressourcen, Kleidung, alles. Es fehlt ihnen an allem."

Islamistische Angriffe auf Christen bereits seit 1930er Jahren

Übergriffe auf die von moderaten Muslimen immerhin als "Menschen des Buches" respektierten, von Extremisten jedoch als "Ungläubige" stigmatisierten Christen im Irak hat es bereits seit Jahrzehnten gegeben. Bereits in den 1930er Jahren gingen extremistische Araber und Kurden mit größter Brutalität gegen assyrische Gemeinden vor.

Die säkulare Diktatur Saddam Husseins hat gegenüber den Christen eine ambivalente Politik verfolgt. Auf der einen Seite gab es Restriktionen und Zwangsmaßnahmen wie Umsiedlungen oder ethnische Säuberungen, auf der anderen Seite konnten Christen vereinzelt sogar hohe Staatsämter bekleiden.

Die Baathisten bekämpften jedoch vor allem den islamischen Extremismus mit harter Hand und sorgten auf diese Weise dafür, dass Übergriffe auf Christen aus diesem Segment weitgehend unterblieben. Seit der Invasion der US-geführten so genannten Koalition der Willigen häuften sich jedoch Attacken dschihadistischer Elemente auf die verbliebenen Angehörigen der religiösen Minderheit.

Nachdem die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) 2014 die Metropole Mossul eingenommen hatte, flohen tausende christliche Familien in die Kurdengebiete des Nordens oder außer Landes.

Im Juni des Vorjahres regte sich Kritik gegen Kanonikus White und er wurde vom Aufsichtsrat als Präsident der Vereinigung für Hilfe und Versöhnung (FRRME) abgesetzt, die er 2005 gegründet hatte, um humanitäre Hilfe für Kriegsopfer zu leisten und gegen konfessionelle Spannungen zu arbeiten. Anlass war ein Facebook-Post, in dem White darüber berichtete, wie er jesidische Sexsklavinnen aus den Fängen des IS befreit hatte.

Obwohl der Priester stets Anschuldigungen in dieser Richtung bestritten hatte, warfen ihm Kritiker vor, den Terroristen Lösegeld bezahlt zu haben.

Ein muslimischer Mann kniet auf dem Broadway zum Gebet anlässlicher einer Demonstration unter dem Motto:

Nach dem in England geltenden Gesetz über die Tätigkeit gemeinnütziger Organisationen ist es diesen untersagt, Verhandlungen mit Geiselnehmern oder Entführern zu führen oder diesen Lösegeld zu bezahlen.

"Es war richtig von Trump, das Einreiseverbot für Iraker aufzuheben"

Andrew White hat mehrfach den neuen US-Präsidenten Donald Trump und dessen Politik gelobt. Trump hatte im Wahlkampf und auch nach Amtsantritt angekündigt, sich für die verfolgten Christen in der Welt einsetzen zu wollen. Der Priester begrüßte auch Trumps Entscheidung, den Irak von der Liste der Länder zu nehmen, für deren Bürger temporäre Einreiseverbote in die USA gelten sollen. Dieser Schritt wäre wichtig, um die Beziehungen zwischen beiden Ländern positiv zu gestalten und einen Dialog mit der Regierung in Bagdad zu pflegen.

Obwohl White "auf keinen Fall zu denen gehört, die denken, der Islam sei ausschließlich friedlich", mahnt er dazu, sich um den Dialog gegen den Extremismus zu bemühen:

Viele denken, Amerika sei gegen sie, und die Amerikaner müssen zeigen, dass Amerika nicht gegen den Islam ist, sondern gegen den Terrorismus. […] Wir müssen gute Beziehungen pflegen, und die USA sind in einer einzigartigen und machtvollen Position, um sich als Macht für das Gute zu erweisen.

White erklärte, selbst noch des Öfteren nach Bagdad zu reisen, um sich um den Dialog zwischen Sunniten und Schiiten zu bemühen und sogar mit IS-Anhängern zu reden. Viele von diesen kenne er noch aus einer Zeit, als diese sich noch für Milizen wie die "Söhne des Irak" engagiert hätten.

Die Offensive gegen Mossul erhöhe die Gefahr terroristischer Anschläge in Bagdad. White warnt vor einem zu rücksichtslosen Vorgehen der irakischen Streitkräfte:

Sie operieren in geheimen Zellen, die über ganz Bagdad verstreut sind. Je härter die irakische Armee Mossul angreift, umso stärker werden sie Bagdad angreifen.

Es gebe aber, so betonte White in seinem Gespräch mit Fox News weiter, keinen sicheren Weg, um mit den Anhängern der Terroristen zu arbeiten. Dies wisse er aus eigener Erfahrung:

Es ist wichtig, Wege zu finden, mit ihnen ins Gespräch zu kommen, sich ihre Philosophien anzusehen. Ich habe einmal den Versuch unternommen, ein paar von den IS-Dschihadisten zum Abendessen einzuladen. Sie sagten mir, sie würden kommen, aber danach würden sie mich enthaupten. Ich dachte nicht, das sei eine nette Art, eine Dinner-Party zu beenden.

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