YPG und syrische Armee bremsen Ankara und protürkische Rebellen aus - USA und Russland billigen Pakt

YPG und syrische Armee bremsen Ankara und protürkische Rebellen aus - USA und Russland billigen Pakt
Schachmatt für die FSA und die Türkei: Ein weiterer Vormarsch der von Ankara geführten Operation Euphrat-Schild in Richtung Manbidsch wäre nur noch um den Preis einer Konfrontation mit Russland oder den USA möglich.
Eine von den USA und Russland ausgehandelte Vereinbarung zwischen der syrischen Armee und der Kurdenmiliz YPG ist ein schwerer strategischer Schlag für die Pläne der Türkei, Manbidsch einzunehmen. RT Deutsch sprach mit mehreren Syrien-Experten über die geopolitischen Auswirkungen dieser jüngsten Entwicklung.

von Ali Özkök

Die von der Kurden-Miliz YPG angeführten Demokratischen Kräfte Syriens (SDF) haben große Teile ihres Territoriums westlich der nordsyrischen Stadt Manbidsch an die syrische Armee abgetreten. Die Türkei und von ihr gesteuerte Rebellen der so genannten Freien Syrischen Armee (FSA) hatten mehrfach die YPG zum Verlassen der Stadt und zum Rückzug ans Ostufer des Euphrat aufgefordert.

Uneinheitliche Angaben machen US-amerikanische und russische Stellen bezüglich einer Luftoffensive, die sich am Dienstag in Nordsyrien ereignet und irrtümlich kurdische YPG-Einheiten getroffen haben soll.

Zuletzt drohte die Türkei mit einer Offensive auf die Stadt, die im Vorjahr durch die US-geführte Anti-IS-Koalition von der Terrormiliz "Islamischer Staat" eingenommen wurde. Die nunmehrige Vereinbarung zwischen der YPG und der syrischen Armee, die auch die Billigung der USA und der Russischen Föderation findet, scheint unterdessen den Vormarsch der protürkischen Truppen im Norden Syriens zu einem Ende gebracht zu haben.

In den vergangenen Tagen hatten von der türkischen Armee unterstützte Rebellen eine Offensive gegen Stellungen der Kurden-Miliz YPG unweit der nordsyrischen Stadt Manbidsch gestartet. Die USA unterstützten bisher die kurdischen so genannten Volksverteidigungseinheiten.

Das der in der Türkei verbotenen Kurdischen Arbeiterpartei (PKK) nahestehende Nachrichtenportal ANF titelte am Vormittag, dass der kurdisch dominierte Militärrat von Manbidsch und Russland eine Allianz in West-Manbidsch eingingen. Der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu reagierte auf diesen Wechsel in der Bündnispolitik sichtlich verärgert.

An die Adresse der USA, die die Kurden-Miliz militärisch unterstützen, sagte er:

Unser Kampf gegen die YPG oder andere Terrororganisationen sollte uns nicht zu Gegnern der USA machen.

Die türkische Tageszeitung Hürriyet zitierte Cavusoglu weiter:

Wir haben es bereits zuvor gesagt: Wir werden die YPG weiterhin angreifen, wenn sie sich aus Manbidsch nicht zurückzieht.

Syrische Armeemitglieder sichern Tadif ab. Bildquelle: Syrische Twitteraktivisten.

RT Deutsch sprach mit dem Politikanalysten des nahöstlichen Instituts der Universität Sakarya, Ömer Özdemir. Die Fragen, was sich für die türkische Armee in Syrien verändern könnte und ob die syrische Armee und die YPG eine echte Allianz eingingen, beantwortete er wie folgt:

Wir können sagen, dass die YPG mit Ausnahme kleinerer Gefechte in Kamischli und Hasakah eine Zusammenarbeit mit der syrischen Regierung pflegt. Die militärische Stärke der YPG und ihre Zusammenarbeit mit Russland und den USA sorgt dafür, dass sie unabhängiger von Damaskus sind als beispielsweise die NDF. Die Türkei wird nicht auf Statements achten, sondern auf die Gegebenheiten vor Ort. Russland hat einen Ring um die türkischen Truppen gezogen. Somit hat sie deren weiteren Vorstoß verhindert und die al-Assad-Regierung ins Zentrum der Lösungsfindung gerückt. Jedoch wissen wir auch, dass viel Akteure, insbesondere die Türkei, noch die Handlungen der Regierung Trump abwarten. Die türkischen Behörden wollen sich nicht auf Russland verlassen. Jederzeit kann Russland die türkischen Truppen bombardieren, ohne dass Ankara reagieren kann. Die Türkei wird die Risiken abwägen müssen. Militärisch haben die syrische Armee und YPG keine Chance gegen die türkischen Kräfte. Die syrische Armee wird nur symbolische Kräfte entsenden. Die amerikanischen Kräfte befinden sich dort, um Präsenz zu zeigen. Sie werden eine direkte Konfrontation vermeiden.

Der syrische Redakteur Yuscha Yuseef vom Nachrichtenmagazin Al Masdar mit engen Beziehungen zum syrischen Militär war im Gespräch der Meinung, dass die Ausrufung einer Pufferzone ein klares Zeichen an die Türkei ist, ihre militärische Intervention in Syrien endgültig einzustellen.

Die Wucht, mit der die Truppen der Operation Euphrat-Schild die kurdische YPG am Mittwoch bei Arimah angriffen, hat die kurdisch dominierte Gruppe veranlasst, die syrische Regierung um Hilfe zu bitten. Die syrische Armee schloss in weiterer Folge ein Abkommen mit den US-verbündeten Kurdeneinheiten.

Der Vereinbarung zufolge wird das YPG-Territorium westlich von Manbidsch unter die Kontrolle der syrischen Armee fallen. Die türkische Armee und die von ihr kontrollierten Rebellen dürfen nach einem bereits zuvor getroffenen Abkommen zwischen der türkischen und russischen Regierung syrische Regierungstruppen nicht angreifen. Jeder Übergriff würde in eine militärische Konfrontation mit russischen Truppen in Syrien münden. Die Türkei und Russland sind an einer solchen Eskalation nicht interessiert.

Ein Kämpfer der syrischen FSA mit einer Panzer-Abwehrrakete.

Der von der YPG kontrollierte Militärrat von Manbidsch veröffentlichte zu der jüngst getroffenen Entscheidung eine entsprechende Stellungnahme:

Um die Verteidigung von Manbidsch sicherzustellen, haben wir nach dem Erreichen einer neuen Allianz mit Russland die Verteidigung der Linie westlich von Manbidsch, wo Dörfer zwischen uns und den Banden der türkischen Armee liegen, an die syrische Armee abgegeben.

Der Terrorismus-Analyst Aldin Abazovic klärte RT Deutsch über die genaueren Hintergründe des Abkommens auf. Er sagte:

US-amerikanische und russische Militärvertreter in Syrien haben über direkte Kontakte dieses Abkommen ausgehandelt. Die Türkei könnte die syrische Armee dennoch angreifen. Dann riskiert sie aber einen Bruch ihres Abkommens mit Russland. Aus dem Norden können die Türken auch nicht vorrücken, weil diese Seite von Manbidsch durch US-Spezialeinheiten abgeschirmt wird. Die Türkei würde ihren NATO-Partner angreifen, was Washington nicht ohne Weiteres verzeihen würde.

Gegenüber RT Deutsch erklärte der Experte, dass die Türkei nun eine Intensivierung der Kämpfe im nordwestlichen Efrin erwartet, das von den USA und Russland nicht geschützt werden kann. 

Das Gebiet, das an die Syrische Arabische Armee übergeben wird, wird in gleichem Maße eine politische Pufferzone sein wie eine militärische. Die wahre Natur und der Ehrgeiz des Erdogan-Regimes in Syrien werden sich bald der Welt zeigen. Man wird sehen, ob man sich dafür entscheidet, vom syrischen Staat kontrollierte Gebiete anzugreifen oder nicht. Eine Offensive gegen Regierungskräfte würde zeigen, dass das Erdogan-Regime in Syrien eine imperialistische Agenda in direkter Verletzung der territorialen Souveränität dieses Landes und gegen die Wünsche seiner legitimen Regierung verfolgt.