Eskalation zwischen Türkei und Syrien: Pro-türkische Rebellen greifen Regierungstruppen an

Eskalation zwischen Türkei und Syrien: Pro-türkische Rebellen greifen Regierungstruppen an
Syrische Armeemitglieder sichern Tadif ab. Bildquelle: Syrische Twitteraktivisten.
Pro-türkische Rebellen haben syrische Regierungstruppen in Nordsyrien angegriffen. Zuvor hatte die syrische Armee in Manbidsch die von der Türkei unterstützen Milizen eingeschlossen. Damit schafft die syrische Armee einen Korridor zu den kurdisch kontrollierten Gebieten.

von Ali Özkök

Die Gefechte ereigneten sich am Sonntag in Nordsyrien, wo die Türkei und die syrische Armee in getrennten Operationen gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat" kämpfen. Russland, das die syrische Regierung unterstützt, hatte zuvor interveniert, um die Konfliktparteien zur Waffenruhe zu bewegen.

 Kampfszene aus al-Bab, Nordsyrien

Der jüngste Zwischenfall fand in der Nähe von al-Bab statt. Rebellen der so genannten Freien Syrischen Armee hatten den Ort in der vergangenen Woche vom "Islamischen Staat" befreit. Am Sonntagabend erklärte die syrische Armee ihrerseits, dass sie die Stadt Tarif vom IS eingenommen hat. Sie liegt kaum zwei Kilometer von al-Bab entfernt.

Zu diesem Zeitpunkt hatten sich die FSA-Rebellen bereits am nördlichen Stadtrand von al-Bab positioniert. Die von der Türkei unterstützten Milizen eröffneten nach übereinstimmenden Beichten das Feuer auf die Truppen der offiziellen Regierung. Ein Rebellenkommandant erklärte gegenüber dem Nachrichtenportal Middle East Eye, dass die Regierungstruppen versucht hätten, von Tadif weiter in das von pro-türkischen Rebellen kontrollierte Gebiet vorzustoßen.

Laut einer Stellungnahme der FSA wurden bei dem Zusammenstoß 22 syrische Soldaten getötet. Eine syrische Militärquelle gab an, dass die Rebellen "unsere Kräfte in Tadif mit Artillerie und Maschinengewehren angriffen".

Am Montag rückte die syrische Armee daraufhin nach Osten vor. Die Regierungstruppen nahmen die Dörfer Nabatah und Dschub al-Sultan östlich von al-Bab ein. Diese Entwicklung stellt die türkische Militärintervention vor ein schwieriges Dilemma. Da die syrische Armee auf diese Weise eine geografische Verbindung zu den von den USA unterstützten Demokratischen Kräften Syriens errichten konnte, ist die türkische Operation Euphrat-Schild faktisch isoliert.

Die syrische Armee hat mit dem heutigen Vorstoß eine räumliche Verbindung zu den von der Kurden-Miliz YPG angeführten Demokratischen Kräften Syriens geschaffen.

RT Deutsch sprach mit Military Advisor, einem Analysezentrum für Konfliktregionen, über die weiteren Aussichten für die Region al-Bab. Dort können pro-türkische Einheiten, syrische Regierungstruppen und kurdische YPG-Kämpfer jederzeit aufeinanderprallen. Das Zentrum sieht in den aktuellen Vorfällen ein Ergebnis der türkischen Strategie:

Al-Bab war Gegenstand eines Abkommens zwischen Russland und der Türkei. Im ersten Abkommen einigte man sich darauf, dass die Türkei einen Korridor zwischen syrischer Armee und Kurden errichten soll, während die syrische Armee al-Bab einnimmt. Die Türkei entschied sich allerdings für al-Bab und gegen einen Korridor, der syrische Armee und YPG voneinander trennt. Es war die türkische Entscheidung.

Auf die Frage hin, ob die Türkei nunmehr die kurdische YPG, den syrischen Ableger der türkisch-kurdischen PKK, im Raum von Manbidsch angreifen könnte, argumentiert die Pressestelle von Military Advisor:

Die Türkei könnte die Stadt Arimah im YPG-Gebiet angreifen, aber nur, wenn die USA ihr grünes Licht dafür geben. Das Gebiet ist Teil eines US-Projekts. Die USA werden das letzte Wort haben.

Das Analysezentrum für Konfliktregionen stellte RT Deutsch eine Frontverlaufskarte aus der al-Bab-Region zur Verfügung. Rot gekennzeichnet ist der Einflussbereich der syrischen Armee, grün jener der FSA und der türkischen Armee, gelb jener der kurdischen YPG. Das übrige Territorium ist weiterhin vom IS besetzt.

Der Militäranalyst mit besonderem Fokus auf Entwicklungen in Syrien, Kelat el-Mudik, erläutert gegenüber RT Deutsch die möglichen Auswirkungen einer geografischen Verbindung zwischen der syrischen Armee und der kurdischen YPG:

Die YPG hat mit dieser Entwicklung eine indirekte Verbindung zu ihrem Kanton Efrin im Westen des Landes hergestellt. Nun kann die YPG über das Territorium der syrischen Armee ihre Versorgung organisieren. Hauptsächlich geht es um Nahrungsmittel und Treibstoff.

Für die Operation Euphrat-Schild wird dies einen möglichen Angriff auf die YPG in Manbidsch erschweren. Die syrische Armee könnte kleinkalibrige Waffensysteme an die YPG weitergeben, um dem Euphrat-Schild entgegenzuwirken.

Die Türkei, der einflussreichste Unterstützer von Rebellen in Nordsyrien gegen den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad, begann vergangenes Jahr, in Syrien mit Russland zu kooperieren. Russland überredete die Regierung in Ankara, einem Waffenstillstand in der syrischen Metropole Aleppo zuzustimmen. Fortan nehmen von Ankara kontrollierte Rebellen in Westsyrien auch an den Friedensgesprächen im zentralasiatischen Astana teil.

Ein Rebellen-Vertreter sagte, dass türkische Einheiten an den Zusammenstößen in Tadif nicht beteiligt waren. Stattdessen versuche die syrische Regierung, die Widerstandsfähigkeit der Rebellen in al-Bab zu testen:

Die syrische Armee erwartete wohl nicht diese heftige Reaktion.

Eine syrische Militärquelle wiederum erklärte, der Zwischenfall beweist, dass die "wichtigste Absicht der Rebellen nicht der Kampf gegen den IS ist, sondern darauf zielt, andere Ziele zu realisieren, unter anderem: Die syrische Armee zu stören".