USA im Zugzwang: Differenzen zwischen Verbündeten gefährden US-Einsatz in Syrien

USA im Zugzwang: Differenzen zwischen Verbündeten gefährden US-Einsatz in Syrien
Symbolbild
US-Präsident Trump hatte seinem Verteidigungsminister eine 30-Tage-Frist gesetzt, um ein runderneuertes Konzept zum Kampf gegen den IS im Irak und in Syrien zu präsentieren. Mehrere US-Politiker, Senator McCain weilen zurzeit in der Region. Unterdessen kommt Druck aus Ankara.

In wenigen Tagen läuft die 30-tägige Frist ab, die US-Präsident Donald Trump Ende Januar seinem Verteidigungsminister James Mattis gesetzt hat, um ein neues Konzept für den Kampf der US-geführten Koalition gegen die Terrormiliz in Syrien und im Irak vorzulegen.

Offenbar im Zusammenhang mit diesem Auftrag hat der Vorsitzende des US-Senatskomitees für die Streitkräfte, John McCain, in den letzten Tagen die Türkei besucht. Anschließend ist er einem Bericht der New York Times zufolge zu einem zuvor geheim gehaltenen Besuch nach Syrien weitergereist, wo er angeblich in der Kurdenhochburg Kobani nahe der türkischen Grenze Station macht.

US-Präsident Donald Trump schüttelt seinem neuen Sicherheitsberater General H.R. McMaster auf seinem Anwesen Mar-a-Lago in Palm Beach am 20. Februar 2017 die Hand.

Die USA stehen unter Zugzwang, nachdem Präsident Trump sowohl im Wahlkampf als auch nach seiner Amtseinführung eine vollständige Vernichtung der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) in Aussicht gestellt hat. Die USA hatten 2014 eine internationale Koalition gebildet, um die Extremisten zu bekämpfen. Die Erfolge blieben bislang überschaubar.

Nun soll ein Angriff auf die IS-Hochburg Rakka im Norden Syriens eine entscheidende Wende bringen. Rakka ist nicht nur die provisorische Hauptstadt des so genannten Kalifats, das der IS 2014 ausgerufen hatte. Die Stadt bietet auch Terroristen und Dschihad-Touristen aus Europa ein ruhiges Hinterland, um unbehelligt Anschläge in Europa zu planen. Parallel dazu versuchen irakische Truppen mit Unterstützung der US-Koalition, die Großstadt Mossul aus den Fängen der Terroristen zu befreien.

Dessen Vorbereitung stellt Washington jedoch vor eine Reihe schwer überwindbarer Hindernisse. Zum einen steht weder Präsident Trump noch der Großteil der Bevölkerung einer Ausweitung des US-Engagements in dem kriegsgeschüttelten Land aufgeschlossen gegenüber. Insbesondere die Vorstellung, eigene Soldaten für den Kampfeinsatz am Boden abzustellen, gilt als Tabu.

USA: Einsatz ausweiten, aber keine Bodentruppen

Zum anderen laufen die Interessen der Verbündeten der USA jenseits des Kampfs gegen den IS in unterschiedliche Richtungen, einige davon stehen einander sogar spinnefeind gegenüber. Insbesondere zwischen der protürkischen Freien Syrischen Armee (FSA) und den syrisch-kurdischen Volksverteidigungskräften (YPG) ist es bereits in der Vergangenheit mehrfach zu bewaffneten Zusammenstößen gekommen. Das Eskalationspotenzial zwischen beiden Akteuren ist chronisch hoch.

 Kampfszene aus al-Bab, Nordsyrien

Auch der höchste Kommandant der US-Armee für den Nahen Osten, Gen. Joseph Votel, ist besorgt über die Erfolgsaussichten des Einsatzes. Am Mittwoch wollte der Chef des US-Zentralkommandos der New York Times zufolge eine stärkere Eigenbeteiligung der USA nicht ausschließen:

Ich habe große Sorge, unseren Schwung aufrechterhalten zu können. […] Es könnte sein, dass wir selbst eine größere Last tragen werden. Das ist eine Option.

Derzeit befinden sich etwa 500 Sondereinsatzkräfte der USA in Syrien. Eine Aufstockung würde zusätzliches Personal aus konventionellen Kampfeinheiten erfordern, was General Votel allerdings ausdrücklich nicht empfiehlt.

Wir wollen die passenden Kapazitäten voranbringen", erklärte der General. "Nicht alle davon gehören zwingend den Sondereinsatzkräften an. Wenn wir zusätzliche Artillerie oder Dinge dieser Art benötigen, will ich jedoch die Möglichkeit haben, diese beizuschaffen, um unsere Operationen ausbauen zu können."

Es zeichnet sich also ab, dass die USA die Bodenoffensive selbst weiterhin den verbündeten syrisch-kurdischen und arabischen Kämpfern überlassen werden. Deren zusätzliche Ausstattung mit Artillerie, Granaten und Logistik könnte jedoch nach dem Vorbild der Aktion zur Befreiung Mossuls auch mit Blick auf Rakka Zustimmung in Washington finden. Donald Trump, der selbst noch keine eindeutige Ansage gemacht hat, wie er den Antiterrorkampf gegen den IS beschleunigen will, dürfte der Einschätzung der US-Generäle und des Verteidigungsministers James Mattis jedoch eine hohe Autorität zubilligen.

Aus der Türkei kommt unterdessen Druck. Sowohl der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan während seines jüngsten Treffens mit McCain als auch Verteidigungsminister Fikri Isik am Mittwoch in einem Fernsehinterview erneuerten ihre Forderung an die USA, ihre Zusammenarbeit mit der YPG auslaufen zu lassen.

Hafenarbeiter entladen einen Humvee in Beirut, August 2016.

YPG: Liebster Partner der USA, Todfeind der Türkei

Die USA sind bestrebt, dies zu vermeiden, gelten die Kämpfer der syrischen Kurdenorganisation doch als schlagkräftiger und verlässlicher Verbündeter im Kampf gegen den IS. Aus Sicht der Türkei sind die YPG jedoch eine Gefahr für die nationale Sicherheit. Ihre Stärken im urbanen Häuserkampf, die sie regelmäßig gegen die Terrormiliz ausspielen, rühren demnach daher, dass sie mit der so genannten Kurdischen Arbeiterpartei (PKK) gemeinsame Sache macht. Diese ist in der Türkei als terroristische Vereinigung verboten und hatte sich zuletzt über Monate hinweg einen blutigen Guerillakrieg mit der türkischen Armee in südosttürkischen Städten geliefert.

Um den Häuserkampf auch in Rakka erfolgreich führen zu können, müssten die YPG jedoch auch waffentechnisch noch besser ausgestattet werden, insbesondere mit Panzerfahrzeugen, schweren Maschinenpistolen oder anderen Waffen. Für die Türkei wäre so etwas inakzeptabel, da sie befürchtet, dass diese in weiterer Folge entweder gegen protürkische Einheiten in Syrien gerichtet werden könnten oder sogar gegen die Türkei selbst.

Bereits im Vorjahr hatte es in Ankara Aufregung darüber gegeben, dass der US-Sondergesandte für den Kampf gegen den IS, Brett McGurk, sich in Kobani von kurdischen Kämpfern der YPG einen Orden verleihen ließ. McGurk wird der Türkei und allen anderen Teilen der US-geführten Anti-IS-Koalition jedoch weiter erhalten bleiben. Die Regierung Trump hat ihn explizit darum ersucht, seine Aufgabe weiterhin wahrzunehmen.

Der türkische Verteidigungsminister Fikri Isik hat unterdessen die USA aufgefordert, ihr Versprechen zu erfüllen, die YPG zum Verlassen der Stadt Manbidsch zu bewegen. Widrigenfalls erwägen die Türken, selbst eine Offensive durchzuführen, die einen tiefen Riss innerhalb der Koalition zur Folge haben würde.

In dem Papier grübeln die US-Strategen darüber, wie zu verhindern ist, dass sich die syrischen Kurden Russland und Damaskus annähern.

Die US-geführte Anti-IS-Koalition hat im Vorjahr die Stadt vom IS befreien können. Anschließend kam es jedoch zu Kämpfen zwischen protürkischen und kurdischen Milizen, nachdem Letztere sich nach Abschluss der Kampfhandlungen gegen den IS geweigert hatten, abzuziehen. Ankaras erklärtes Ziel ist es, eine Präsenz der Kurdenpartei PYD und ihrer Milizen, der YPG, zu verhindern. Eine solche wäre aus Sicht der Türken ein entscheidender Schritt, um die vier mehrheitlich kurdischen Provinzen in Nordsyrien unter dem Banner des vermeintlichen PKK-Ablegers zu vereinigen.

Türkei verlangt Abzug aus Manbidsch

Für Ankara eine rote Linie. Deshalb hatte man sich mit den USA darauf geeinigt, dass diese zusammen mit ihren Verbündeten die Räumung der Stadt und einen Rückzug ans Ostufer des Euphrat vornehmen. Zu diesem vollständigen Rückzug ist noch nicht gekommen, so die Türkei.

Eines der entscheidenden Ziele der Türkei ist es, die Präsenz von PYD und PKK in Manbidsch zu beenden", erklärte Isik am Mittwoch im türkischen Fernsehen. "Wenn die USA das nicht veranlassen, wird die Türkei eine Operation überlegen müssen."

Isik soll, so schreibt die türkische Zeitung Hürriyet, an die US-Streitkräfte und die Regierung in Washington mit dem Ansinnen herangetreten sein, bei der Befreiung von Rakka auf arabische Einheiten zurückzugreifen. Verteidigungsminister Mattis habe Ankara auch zugesagt, einer Vereinigung der vier nordsyrischen Kurdenprovinzen nicht zuzustimmen.

Bildquelle: Propagandabild der FSA-Hamza-Brigade während der Offensive auf al-Bab

US-General Votel betrachtet eine mögliche Abkopplung der YPG von der Koalition oder zumindest ein Ende ihrer Ausstattung durch die USA als nicht undenkbar. Er ließ es jedoch gegenüber der New York Times offen, wie die USA weiter verfahren würden, sollten sie die YPG im Einklang mit türkischen Bedenken fallen lassen. Es gäbe jedoch auch in diesem Fall mehrere Optionen, um den Druck auf Rakka aufrechtzuerhalten. Auch den stärkeren Einsatz der US-Kräfte selbst.

Wir könnten potenziell auch mehr von unseren Beständen zum Einsatz bringen, wenn dies nötig sein sollte, statt uns auf unsere Partner zu verlassen. Das ist eine Option. […] Es könnte aber auch noch andere Kräfte geben, die wir zu diesem Zweck ins Spiel bringen könnten. Es könnte auch einen anderen Ansatz geben, um gegen die Stadt vorzugehen, auch was die Taktik anbelangt.

Ein erster Schritt wäre es möglicherweise, den Einsatz dreier Apache-Kampfhubschrauber zu verlängern, die Trumps Amtsvorgänger Barack Obama zum Ende seiner Amtszeit noch zum Zweck der Unterstützung der Rakka-Offensive bereitgestellt hatte.

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