Überraschende IS-Offensive aus den Golanhöhen: Schwere Vorwürfe gegen Jordanien und Israel

Überraschende IS-Offensive aus den Golanhöhen: Schwere Vorwürfe gegen Jordanien und Israel
Kämpfer der IS-Organisation Chalid ibn Walid.
Der IS hat zu Beginn dieser Woche aus einem Gebiet zwischen den von Israel-kontrollierten Golanhöhen und der jordanischen Grenze einen Überraschungsangriff mit schweren Waffen gegen syrische FSA-Rebellen gestartet und zahlreiche Dörfer eingenommen. Militärexperten hinterfragen die Rolle von Israel und Jordanien bei dieser IS-Offensive.

von Ali Özkök

Die Dschihadisten der gegenüber dem IS loyalen Gruppe Dschaisch Chalid ibn Walid konnten ihre Kontrolle auf ein Gebiet ausweiten, das in Form des Yarmuk-Flusses eine natürliche Barriere zwischen Syrien und Israel darstellt. Die Islamisten überrannten die Städte Tseel, Sahim el-Golan, Adwan und Tel Jamoua.

Die IS-Terroristen führten einen Blitzangriff auf die Freie Syrische Armee aus, den keiner für möglich gehalten hätte", kommentierte FSA-Oberst Ismail Ayoub.

Die IS-Dschihadisten zwischen Golan-Höhen und jordanischer Grenze nennen sich Dschaisch Chalid ibn Walid, zu Deutsch: Armee von Chalid ibn Walid. Diese Gruppe entstand aus einer Vereinigung zweier kleinerer Terrorgruppen, die zuvor dem "Islamischen Staat" die Treue geschworen hatten und heute einen entscheidenden Streifen im Südosten der Golanhöhen kontrollieren.

Der lokale Ableger des "Islamischen Staates" griff in der Morgendämmerung von seiner Enklave aus an, wo er zuvor weitestgehend eingekesselt über zwei Jahre hinweg verharrte. Bei dem Angriff verwendeten die Dschihadisten überraschend gepanzerte Fahrzeuge und schwere Panzer. Die Islamisten überrannten regelrecht die so genannte FSA-Südfront. Schläferzellen in den eingenommenen Städten gaben den IS-Angreifern Unterstützung, sagten zwei Rebellen-Quellen.

RT Deutsch sprach mit dem syrischen Militäranalysten des At Omran Zentrums Nawar Oliver. Der Experte erklärte, dass die Entwicklung "ein Zeichen für den Kontrollverlust Israels, Jordaniens und des US-geführten Militäroperationsraums MOC über die FSA-Südfront" ist, die sich unabhängiger vom Westen machen will. Er informierte:

Als Jordanien die Grenze nach Syrien ohne Vorankündigung schloss, sagten mir Kommandeure der Südfront, dass das US-geführte Military Operations Center, kurz MOC, das militärische Hilfe kanalisiert, um sie unter Druck zu setzen, um sie wieder unter Kontrolle zu bringen.

In diesem Zusammenhang erklärte der Syrien-Experte, dass der IS-Ableger Dschaisch Chalid ibn Walid bis vor kurzem noch beträchtliche logistische Probleme hatte. Nawar Oliver skizzierte:

Die Gruppe hatte kaum Waffen und für eine Offensive dieser Art war sie überhaupt nicht gewappnet. Entweder verkauften Rebellen, was angesichts ihrer Lage in Daraa unwahrscheinlich ist, ihnen die Waffen oder jemand schmuggelte Kriegsgerät über die Grenze an die IS-Gruppe.

Auf die Frage von RT Deutsch, ob eine solche Entwicklung Jordanien oder Israel aus geopolitischen Erwägungen helfen würde, kommentierte Nawar Oliver:

Sie beschleunigt den Bedarf für eine Flugverbots- und Pufferzone in diesem Raum. Jordanien will zudem seine Flüchtlinge loswerden und das Problem auf diese Weise regeln. Hinzu kommt, dass Jordanien seine 90 Kilometer lange Grenze nach Syrien abschotten will. Mit einer Pufferzone kann Jordanien auch in Syrien reagieren.

Der Analyst fügte auf die Frage nach dem Verhältnis Jordaniens zu islamistischen Gruppen kritisch hinzu:

Obwohl der "Islamische Staat" in der Region umso gefährlicher ist für die staatliche Integrität Jordaniens und Israels, das die Golan-Höhen besetzt, gibt es keine Reaktion beider Staaten. Inzwischen kontrollieren die IS-Kämpfer rund 213 Quadratkilometer im Grenzgebiet.

Der Rebellen- und Dschihadismus-Experte Qalet el-Mudik wies RT Deutsch darauf hin, dass keiner der in Syrien involvierten Mächte, angefangen bei den USA, Israel und Jordanien, ein Interesse habe, die IS-Organisation Dschaisch Chalid ibn Walid zu neutralisieren.

Der israelische Nahost-Berater der Crisis Group Ofer Zalzberg erklärte gegenüber RT Deutsch die israelische Perspektive. Demnach sei Israel in erster Linie über die Präsenz der pro-iranischen Schiiten-Miliz Hisbollah und des Iran in Syrien besorgt, auch wenn der Salafi-Dschihadismus nicht unerwähnt bleibt. Er fügte hinzu:

Unmittelbar bedeutet die Expansion des IS in der Region kein Risiko für Israel. Solange sich der IS gen Osten ausbreitet, ist die Terrorgruppe mehr eine Gefahr für Jordanien als für Israel. Israel möchte die Interessen Jordaniens verteidigen, aber die direkte Gefahr liegt bei Jordanien. Sollte sich der IS in den Norden bewegen, dann gibt es Risiken für Israel, aber der IS könnte das Gleichgewicht im Kuneitra-Raum verändern. Dort ist es auf jeden Fall schwierig für die Hisbollah, eine offensive Infrastraktur gegen Israel zu etablieren wegen der Präsenz der syrischen al-Qaida, der al-Nusra-Front.

Medienberichten zufolge exekutierte der IS mehrere Menschen in Tseel, der größten Stadt, die am Montag unter den Einfluss der Dschihadisten kam. In dieser Stadt halten sich seit langem tausende gestrandete Binnenflüchtlinge auf. Der Nahost-Experte des Analyseportals Suriye Gündemi, Ömer Özkizilcik, der regelmäßig über Rebellengruppierungen aus Syrien berichtet, äußerte mit Blick auf die besonders fragwürdige Rolle Jordaniens in Syrien gegenüber RT Deutsch:

Jordanien spielt ein schmutziges Spiel. Zum einen drängt es die FSA-nahen Einheiten dazu, sich von Dschihadisten wie der ehemaligen Nusra-Front zu distanzieren, zum Anderen kann sich der salafistisch-dschihadistische Prediger Abu Muhammed al-Maqdisi nach Jahren in Gefangenschaft problemlos frei bewegen und predigen, der selbst für die ehemalige al-Nusra-Front zu radikal ist.

Al-Maqdisi kommt dabei eine besonders kontroverse Rolle zu, meint Özkizilcik und fügte hinzu:

Der US-Verbündete lässt einen Dschihadisten-Prediger auf eigenem Territorium gewähren. Wie kann das funktionieren? Zuletzt machte al-Maqdisi auf sich aufmerksam, als er forderte, dass man alle moderaten Rebellen massakrieren muss.

Der Syrien-Analyst hinterfragte die Außenpolitik der USA und Jordaniens. Er sagte zu RT Deutsch:

Al-Maqdisi kann auf eine große Anhängerschaft und Einfluss in der dschihadistischen Szene setzen. Im weiteren Sinne kann der palästinensisch-jordanische Dschihadisten-Prediger auch als ideologischer Mentor der Gründungsväter der heute uns als "Islamischer Staat" bekannten Terrormiliz angesehen werden, auch wenn er sich zwischenzeitlich mit den neuen starken Männern beim IS überworfen hat.

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