Aleppo: Medien nach Scheitern des "syrischen Bengasi-Plans" verstummt

Aleppo: Medien nach Scheitern des "syrischen Bengasi-Plans" verstummt
Mitte Januar: Der Wiederaufbau beginnt im Osten von Aleppo, Al Naziriya. 11. Januar 2017.
Wer Freunde hat wie die "Freunde Syriens", braucht keine Feinde mehr. Auch nach der Befreiung Aleppos fließen westliche Hilfsmittel nur an die Islamisten. An den einfachen Menschen der Stadt, die sich ihre Normalität zurückerkämpfen, haben sie kein Interesse.

von Karin Leukefeld

Aleppo! Vier Jahre lang war dieser Name in deutschen Medien das Synonym für einen geradezu mythischen Kampf zwischen Gut und Böse. Das Böse ging von der syrischen Regierung und ihren Verbündeten Russland, Iran und Hisbollah aus. Das Gute wurde repräsentiert von den so genannten Rebellen, die den Menschen angeblich gegen das Böse zur Seite standen und für die Freiheit kämpften.

An ihrer Seite, besser gesagt hinter ihnen, standen die "Freunde Syriens", eine Staatengemeinschaft, die sich im Jahr 2012 auf Initiative Frankreichs um die USA geschart hatte.

Ihren Plan bezeichneten sie als den "Sturz des Regimes", der Regierung in Damaskus. Startrampe bildeten die innersyrischen Proteste, die im Jahr 2011 begonnen hatten. Der Umsturz sollte von einer handverlesenen syrischen Opposition und mithilfe von aus dem Ausland bezahlter Söldner umgesetzt werden. Diese stattete man großzügig mit Waffen und Geld, mit Beratung und Informationen aus. Vor allem gab es politische und mediale Unterstützung.

Im Herbst 2012 hieß es in einem Bericht des US-amerikanischen Militärgeheimdienstes Defense Intelligence Agency (DIA), dass "Salafisten, die Muslimbruderschaft und Al-Qaida die "wichtigsten Kräfte" seien, die "den Aufstand in Syrien vorantreiben. Der Westen, die Golfstaaten und die Türkei unterstützen die Opposition", so der Bericht weiter, dessen Veröffentlichung im Mai 2015 von der US-Organisation "Judicial Watch" gerichtlich erstritten worden war.

Den "Freunden Syriens" war also klar, welchen Geist sie aus der Flasche gelassen hatten. Er bedrohte nicht nur die säkulare Regierung in Damaskus und die religiöse Vielfalt der syrischen Gesellschaft. Auch die Nachbarstaaten und Europa gerieten ins Fadenkreuz. Dennoch hielten die "Freunde Syriens" an ihrem Plan fest, die Zahl der Waffenlieferungen stieg und stieg.

Dabei wollte man nach dem Beispiel Libyens vorgehen. Syrien sollte geteilt werden. Wegen ihrer Nähe zur Türkei sollte die Stadt Aleppo das "syrische Bengasi" werden, die Basis einer Exilregierung und von Kampfverbänden, die in Schutzzonen gesammelt, ausgebildet und in Richtung Damaskus geschickt werden sollten. Mit humanitärer Hilfe sollte Infrastruktur wiederaufgebaut oder neu geschaffen werden, um die Bevölkerung an sich zu binden.

Die türkisch-syrische Grenze wurde von der Türkei für Waffentransporte, Kämpfer, Geheimagenten freigegeben, anstatt sie davor zu schützen, wie es das Völkerrecht fordert. Das syrische Militär wurde angegriffen und vertrieben. Hunderte Journalisten bezahlten viel Geld an Mittelsleute und reisten aus der Türkei illegal nach Aleppo-Stadt und ins Umland - in die Gebiete unter Kontrolle der Terroristen. Dies taten sie, um über das Leben dort zu berichten.

Die europäischen Kernländer Frankreich, Großbritannien und Deutschland leisteten Geburtshilfe bei den "Weißhelmen", einer angeblichen Zivilschutzorganisation an der Seite der Dschihadisten.

Aufgebaut wurde das Aleppo Media Centre (AMC). Personal, Technik und Geld wurden zur Verfügung gestellt, man leistete Ausbildung. AMC belieferte internationale Medien mit Wort, Ton und Bild, bald übernahmen sie gänzlich die Berichterstattung. Diese Berichte haben vier Jahre lang das Bild von Aleppo in der deutschen Öffentlichkeit geprägt. Was in Aleppo-Stadt und -Land sonst geschah, wurde ausgeblendet.

Aleppo – die Mutter der Welt

"Man forderte uns auf, uns den bewaffneten Gruppen anzuschließen", erinnerte sich ein Konditor, der im Jahr 2012 unter dem Druck der aufständischen Milizen sein Geschäft in der Altstadt von Aleppo aufgeben musste. Wer sich den Kämpfern nicht anschließen wollte, dessen Geschäft wurde in Brand gesetzt. Er habe keinen Grund zum Aufstand gehabt, so der Händler.

Aleppo ist die Mutter der Welt. Unser Leben war gut, es war sicher, wir hatten Arbeit. Das ist, was die Menschen hier interessiert: Sicherheit und Arbeit. Was mit uns hier passiert, hat politische Gründe. Das kommt nicht von den Leuten aus Aleppo.

Wie ihm erging es vielen Händlern, die seit Generationen Geschäfte in der Altstadt von Aleppo hatten. Und im Jahr 2012 ging alles verloren.

Aleppo galt als einer der besten wirtschaftlichen Standorte im Mittleren Osten. Es war bekannt für die Textil- und Nahrungsmittelindustrie, pharmazeutische Firmen und Chemieprodukte, für Stein- und Marmorprodukte. Die pulsierende Industriestadt Scheich Najjar nordöstlich von Aleppo wurde im Dezember 2012 wie von einem Heuschreckenschwarm verwüstet.

Hunderte Fabriken wurden geplündert, Computer, Fahrzeuge, Maschinen gestohlen und in die Türkei transportiert. Auch andere Industrieviertel wurden geplündert und zerstört. Die in der Türkei bestens vernetzten Söldner bereicherten sich. Die "Freunde Syriens" sahen zu.

Viele Geschichten von Vertreibung, Tod und Zerstörung in und um Aleppo wurden in Deutschland nie erzählt. Wie die einer jungen Frau, die die Autorin im September 2016 im Zentrum von Aleppo in einem Hotel traf. Als die Kämpfer im Jahr 2012 in ihr Viertel einmarschierten, ist sie davongelaufen, erzählte die junge Frau schüchtern, ihr Gesicht von einem schwarzen Tuch eingerahmt.

Ihre Mutter und ihre Schwester seien in der Wohnung im Ostteil der Stadt geblieben. "Sie hatten Angst, die Wohnung würde geplündert und von den Kämpfern besetzt. Darum sind sie geblieben." Vier Jahre lang lebte sie getrennt von ihrer Familie in der provisorischen Unterkunft, nahe an der Frontlinie. Die einzige Verbindung war das Handy.

Als die syrischen Truppen und ihre Verbündeten in Ost-Aleppo kurz vor Weihnachten 2016 die Kontrolle übernahmen, wird – trotz der großen Zerstörung - die Wiedersehensfreude bei ihr und ihrer Familie groß gewesen sein. So wie die des jungen Soldaten, der unter den tausenden Zivilisten, die ihnen aus dem Osten Aleppos entgegenströmten, seine Mutter wieder traf. Bewegende Bilder zeigten die unverhoffte Begegnung.

Deutsche Medien zeigten diese Bilder nicht. Dort beklagte man den "Fall von Aleppo" und die "Niederlage der Rebellen". Im UN-Sicherheitsrat warfen die Botschafter Großbritanniens, Frankreichs und der USA Russland, Syrien und dem Iran vor, bei der Einnahme der östlichen Stadtviertel von Aleppo "Massaker" und "Hinrichtungen" durchgeführt zu haben.

Aleppo sei das "Synonym für die Hölle" geworden, so der scheidende UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon. Und die US-Botschafterin Samantha Power verglich das Geschehen in Ost-Aleppo mit "Halabdscha, Ruanda, Srebrenica". Es müsse eine UN-Mission geben, die den Menschen helfen und sie evakuieren könne.

Die Außenminister Frankreichs und Deutschlands forderten freies Geleit und Sicherheit für die "Weißhelme", die seit ihrer Gründung allein von der Bundesregierung mit sieben Millionen Euro unterstützt worden waren. Kurz zuvor hatten die beiden Außenminister den "Weißhelmen" noch den "Deutsch-Französischen Preis für Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit" verliehen.

Während im UN-Sicherheitsrat die "Freunde Syriens" auf dem Rücken Aleppos noch einmal eine letzte verbale Schlacht ausfochten, flohen bereits tausende Menschen aus Ost-Aleppo in den von der Regierung kontrollierten Westen der Stadt. Mehr als 2.000 Männer legten ihre Waffen nieder und wurden in ein staatliches Amnestieprogramm eingegliedert. Etwa 5.000 vom Westen unterstützte Aufständische, die ihre Waffen nicht niederlegen wollten, wurden mit Gleichgesinnten und Angehörigen nach Idlib oder in die Türkei gebracht. Dort werden sie von humanitären Organisationen unterstützt.

Eine mögliche Annäherung zwischen Russland und den USA nach dem Amtsantritt Donald Trumps würde die Chancen erhöhen, auch auf regionaler und internationaler Ebene eine Einigung im Syrienkonflikt zu erzielen, so Assad.

Das Bundesministerium für Entwicklung und wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ) gab 15 Millionen Euro frei, um "vor allem den Evakuierten aus Aleppo-Stadt" zu helfen. Das Geld fließt nach BMZ-Auskunft "in Oppositionsgebiete", man arbeite mit "syrischen Nichtregierungsorganisationen und lokalen Verwaltungsstrukturen" zusammen. Diese Hilfe folgt einer politischen Absicht. Seinen syrischen "Bengasi-Plan" hat man offenbar noch immer nicht aufgegeben.

In Deutschland ist es still geworden um Aleppo. Medien und Regierung schweigen zu der Frage, wie es nach dem Waffenstillstand dort weitergegangen ist. Ein Arzt berichtet gegenüber der Autorin am 24. Januar 2017, die Situation sei sehr viel besser geworden, auch wenn der Beschuss durch die Dschihadisten anhalte. "Besonders vom Südwesten her gerät unser Krankenhaus täglich unter Beschuss." Die Nusra-Front, Nur al-Din al-Zenki und andere Dschihadisten schössen weiterhin Mörsergranaten und Raketen auf Aleppo ab.

Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK), der Syrisch-Arabische Rote Halbmond (SARC) und Russland versorgen die Menschen in verschiedenen Vierteln der Stadt mit Lebensmitteln und Trinkwasser, mit warmer Kleidung und Brennmaterial. Medizinische Versorgungsdienste wurden eingerichtet. Bulldozer und Lastwagen säubern die Straßen und transportieren Kriegsschutt ab. Kinder und Lehrer räumen in ihren Schulen auf, um – selbst mit zerbrochenen Tafeln – wieder zu lernen.

Was die Söldner zurückließen, wurde von russischen und syrischen Spezialkräften dokumentiert. Minenräum-Experten der russischen Armee haben nach eigenen Angaben 2.000 Hektar Land in den östlichen Vierteln von Aleppo von Landminen und Sprengsätzen gesäubert. Auf 680 Kilometern von Straßen und an 3.500 Orten - Häusern, Fabriken, Schulen, Kindergärten, Moscheen - wurden 25.000 Minen und Sprengsätze entschärft.

Randvolle Waffenlager wurden gefunden, darunter modernste Waffen und Munition aus NATO-Ländern wie der Türkei, Deutschland, Bulgarien und den USA. Massengräber und Folterkeller wurden in Ost-Aleppo gefunden, die meisten Leichen wiesen Folterspuren und Kopfschüsse auf.

Vielleicht ist es deshalb so still geworden in deutschen Medien. Weil die Verwicklung der eigenen Regierung und westlicher Waffenschmieden in den Krieg – aufseiten barbarischer Terroristen - nicht mehr als bloße Behauptung zurückgewiesen werden kann, sondern sichtbar geworden ist?

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