"Enorme Schwierigkeiten" - Irak-Experte Gulmohamad im RT Deutsch-Interview zum Kampf um Mossul

"Enorme Schwierigkeiten" - Irak-Experte Gulmohamad im RT Deutsch-Interview zum Kampf um Mossul
Der IS hat in der sunnitischen Bevölkerung des Irak deutlich an Rückhalt verloren. Dies hat jedoch nicht zur Folge, dass die Zentralregierung in Bagdad ohne spürbare Reformen an Prestige gewinnen würde.
Der Politik-Dozent und Irak-Experte Zana Gulmohamad von der britischen Universität Sheffield sprach mit RT Deutsch über die aktuellen militärischen und politischen Entwicklungen im Irak, insbesondere die Operationen in Mossul gegen den IS und dem Eskalationspotenzial aufseiten schiitischer Milizen.

Von Ali Özkök

Die Offensive zur Befreiung der Metropole Mossul von der Terrormiliz "Islamischer Staat" kommt seit über zwei Monaten nur schleppend voran. Die Geländegewinne sind bescheiden. Was ist der Grund für das langsame Vorrücken?

Wir haben es im Irak seit Juni 2014 mit der größten Operation zu tun, die bisher gegen den IS ins Leben gerufen wurde. Die irakischen Truppen operieren in der Stadt mit der größten Einwohnerdichte unter IS-Einflussgebiet. Die Miliz hatte über zwei Jahre Zeit, sich auf diese Offensive genau vorzubereiten. Sie baute unter der Stadt ein umfassendes Tunnelnetzwerk und raffinierte Bombenfallsysteme, positionierte Scharfschützennester und startete immer wieder asychrone Gegenangriffe, um die Verteidigungslinie der irakischen Armee zu brechen.

Die Kombination dieser Faktoren macht es absolut schwierig für die irakische Armee, die Stadt einzunehmen, wenn dazu noch Zivilisten auf den Straßen sind. Es wird erwartet, dass die Angelegenheit noch um einiges schwieriger wird, sollte die irakische Armee einen Vorstoß auf die West-Seite der Stadt starten, die vom Tigris-Fluss in mehrere Teile geteilt ist. Dort befindet sich die Altstadt, wo sich die Straßen verengen und noch mehr Zivilisten als im Osten leben. Für schweres Kriegsgerät ist dort kein Platz.

Bagdad hat die von den USA ausgebildeten irakischen Spezialeinheiten der "Golden Division" nach Mossul zum Kampf gegen den IS verlegt. Zuletzt kamen Berichte auf, wonach die Einheit bei den bisherigen Zusammenstößen mit der Terrormiliz 50 Prozent ihrer Soldaten verlor. Warum ist Bagdad in Mossul so abhängig von nur einer kämpfenden Formation?

Bagdad beruft sich nicht nur auf eine einzige Einheit. Die "Goldene Division" führt die Operation an, unterstützt von der irakischen Armee und verbündeten Kräften. Der Hauptgrund, warum sie vorgeschickt werden, ist, dass sie besser ausgebildet und kompetenter in urbaner Kriegsführung sind als reguläre Kräfte.

In den Wochen vor dem Beginn der Kampagne gegen den IS in Mossul lieferten sich die Türkei und Bagdad einen "Krieg der Worte". Das geht auf die Stationierung türkischer Armeeteile nördlich der Stadt zurück. Was hat sich seitdem getan?

Die Beziehungen zwischen Bagdad und Ankara waren immer ein Stück weit zerbrechlich und wechselhaft. Der Streit um die türkische Beteiligung an der Befreiung Mossuls hat die Beziehungen nochmals verschlechtert. Ankara wollte an den Operationen zur Befreiung von Mossul und der Turkmenen-Stadt Tel Afar partizipieren. Bagdad bestand darauf, dass die Türkei dabei keine Rolle einnimmt. Der Wortkrieg zwischen Präsident Erdogan und Premierminister al-Abadi brach mit allen diplomatischen Protokollen. In den letzten Wochen ist das wechselseitige Verständnis allerdings - wenn auch in einer labilen Art und Weise - etwas gewachsen. Die Türkei schraubte ihre rhetorischen Interventionen herunter, nachdem Premierminister al-Abadi mit seinem türkischen Amtskollogen Yildirim ein relativ erfolgreiches Telefongespräch geführt hatte. Yildirim schlug schließlich die Einberufung eines strategischen Komitees zwischen Irak und der Türkei in Bagdad vor. Ich bin aber nicht sonderlich optimistisch, dass sich die Beziehungen zwischen Bagdad und Ankara in nächster Zukunft stabilisieren werden.

Quelle: DVIDSHUB/CC BY 2.0

Einige Analysten behaupten, dass die mangelnde Leistung der irakischen Armee in Mossul auf ihre schwache und falsche Ausbildung vonseiten westlicher Armeen insbesondere durch die USA zurückgeht. Was ist Ihre Meinung diesbezüglich?

Die Schwierigkeiten und Herausforderungen im Zusammenhang mit den Operationen sind enorm. Ich beziehe mich dabei auf Ihre erste Frage. Die Komplikationen haben viel mit der Fragmentierung der irakischen Militär- und Sicherheitsangelegenheiten auf vielen Ebenen zu tun.

Wie sehr ist die Annahme richtig, dass der IS von der sunnitisch-arabischen und sunnitisch-turkmenischen Bevölkerung unterstützt wird? Was könnte das für jene Kräfte bedeuten, die die islamistische Miliz bekämpfen?

Die Unterstützung für den IS hat sich in den sunnitisch dominierten Gebieten Iraks deutlich verringert. Das liegt daran, dass der IS seine Versprechen wie die Zusicherung öffentlicher Dienstleitungen nicht hielt. Die extremistische Politik und die harte Behandlung der Einheimischen trugen ebenfalls zu dieser Entwicklung bei. Im IS-Einflussgebiet gibt es keine garantierte Sicherheit. Luftangriffe und militärische Operationen führten dazu, dass der IS zuletzt einige zuvor lange Zeit von ihm kontrollierte Gebiete verlor.

Der "Islamische Staat" ist gegenwärtig der gemeinsame und verbindende Feind der irakischen Zentralregierung und der Kurden-Regierung in Erbil. Dennoch flammen zwischen beiden Körperschaften immer wieder Spannungen auf, wie wir zuletzt in Tuz Churmatu erlebten. Werden die Konflikte nach einer erfolgreichen Bekämpfung des IS weiter zunehmen?

Die jüngste militärische Zusammenarbeit zwischen Bagdad und Erbil ist historisch. Sie erleichtert die Annäherung zwischen beiden Seiten, obwohl in Tuz Churmatu Spannungen zwischen Bagdad und den Peschmerga bestehen.

Iraks Präsident Saddam Hussein vor dem Gericht, das ihn zum Tode verurteilte, Bagdad, 1. Juli 2004.

Das zukünftige Verhältnis zwischen Bagdad und Erbil hängt von zahlreichen Faktoren ab und ist vielschichtig. Dazu gehört die Frage der Zukunft von Kirkuk und anderer umstrittener Gebiete wie Diyala und Nineve. Wer die Erdöl- und Erdgasgebiete in der Autonomen Kurden-Region kontrollieren wird, ist ungeklärt. Ob Erbil ein eigenes Haushaltsbudget eingeräumt bekommt, steht zur Debatte. Die wichtigste Frage für Bagdad ist, wohin sich das Projekt der kurdischen Region im Norden entwickeln wird. Wenn es eine Unabhängigkeit von Irak will, werden es heikle Verhandlungen mit Eskalationsgefahr.

In irakischen Medien gibt es Berichte darüber, dass die sunnitischen Araber im Nordirak ebenso wie die Kurden eine von Bagdad autonome Region errichtet sehen wollen. Glauben Sie, das ein solcher Schritt der irakischen Gesellschaft dazu verhelfen würde, die ethnischen und konfessionellen Spaltungen im Land zu überwinden?

Ich gebe den Urhebern der verschiedenen Vorschläge aus sunnitischen und kurdischen Fraktionen dahingehend Recht, dass die Provinz Nineve ein neues Selbstverständnis und einen neuen Mechanismus für ihre Verwaltung braucht. Die Bevölkerung Nineves braucht ein Mitspracherecht. Eine neue Verwaltung kann nicht erzwungen oder von oben auferlegt werden. Bagdad wäre gut beraten, den Forderungen und Bestrebungen der örtlichen Bevölkerung nachzugehen. Die Autonome Kurden-Region ist ein wichtiger Akteur, wenn es um Nineve geht. Erbil muss zur Entscheidungsfindung über das Regierungssystem für Nineve hinzugezogen werden.