Syrien-Experte: Rebellen werden sich vereinigen und müssen al-Nusra berücksichtigen

Syrien-Experte: Rebellen werden sich vereinigen und müssen al-Nusra berücksichtigen
Bildquelle: Twitter / World on Alert
Im Gespräch mit RT Deutsch-Redakteur Ali Özkök diskutiert Thomas Pierre, Professor für Islamwissenschaften und Nahost-Studien an der britischen Universität Edinburgh, die aktuellen Geschehnisse nach dem Fall Aleppos in Syrien. Die Rebellen könnten sich mit der ehemaligen al-Nusra-Front vereinigen, um sich in ihrer letzten Hochburg Idlib zu verschanzen.

Am Sonntag brannte mutmaßlich eine Untergruppe der salafistisch dschihadistischen Gruppe Dschund al-Aksa zahlreiche „grüne Busse“ nieder, die Zivilisten aus den schiitischen Enklaven Fua und Kafraya in der Provinz Idlib evakuieren sollten. Was ist der Grund für den Angriff?

Die Identität der Gruppe ist noch ungeklärt, die die grünen Busse verbrannte. Das macht es schwierig, tiefer greifende Schlussfolgerungen zu machen. Wenn es tatsächlich Dschund al-Aksa war, könnte die Organisation versucht sein, mögliche Fusionen zwischen Rebellengruppen, die im Gespräch sind, zu sabotieren. Das machen sie, indem sie zwischen den Rebellen Spannungen schüren.

Die zivile und militärische Opposition verurteilte den Angriff gegen die Busse weitgehend. Diese Miliz gefährdete das Leben von Zehntausenden, die noch darauf warten, aus Ost-Aleppo evakuiert zu werden.

Anbei hat RT Deutsch ein Video von Kämpfern eingebunden, die behaupten, die Evakuierungsbusse nach Fua und Kafraya niedergebrannt zu haben:

Es kursieren zahlreiche Gerüchte, dass Rebellen eine Fusion in der Idlib-Region anstreben. Was ist der Grund für diesen Schritt?

Die Spaltung der Rebellenseite in zahlreiche kleinere Gruppen und Organisationen hat die Rebellen insbesondere in Aleppo sehr viel gekostet. Aus dieser Sicht ist es nachvollziehbar, dass sie glauben, einen größeren Zusammenhalt nötig zu haben. Es ist zu vermuten, dass ein Angriff von der syrischen Armee und ihren Verbündeten auf die Rebellenprovinz Idlib ansteht.

Welche Rolle spielt die ehemalige al-Nusra-Front, Dschabhat Fatah el-Scham, in diesem Prozess?

Angesichts des militärischen Gewichts, das Dschabhat Fatah al-Scham in der Provinz hat, scheint es schwierig, für die Rebellen im Allgemeinen diese Kraft auszuschließen.

Was ist von mutmaßlichen Rebellenversuchen zu halten, die darauf abzielen die einflussreiche konservative Miliz Ahrar el-Scham von Dschabhat Fatah el-Scham abzuziehen?

Der bei einer Fusion mit Dschabhat Fatah el-Scham drohende Reputationsverlust brachte andere Rebellengruppen dazu, diesen Schritt zu überdenken. Sie schlagen eine alternative Vereinheitlichung der Front vor.

Zusammenfassend lässt sich die Dynamik unter den Rebellen derzeit wie folgt erklären. Ahrar al-Scham muss sich zwischen den offensichtlichen militärischen Vorteilen einer Fusion mit Dschabhat Fatah el-Scham und den fragwürdigen militärischen Vorteilen einer Fusion mit Gruppen wie Dschabhat el-Schamiyya entscheiden.

Dschabhat el-Schamiyya, die eine Fusion anbietet, ist derzeit stark in die von der Türkei initiierte Offensive in Nordsyrien involviert. Hinzu kommt, dass auch in diesem Fall die internationale Ebene bei einer Fusion berücksichtigt werden muss, die im Gegensatz zu Dschabhat Fatah el-Scham positiver scheint.

Der russische Präsident gab vergangene Woche Verhandlungen mit türkischen und iranischen Regierungsbeamten über einen Frieden in Syrien bekannt. Was ist ihre Meinung über diese Entwicklung für Syrien am Boden?

Die Diplomatie ist die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln. Ich glaube nicht, dass Baschar al-Assad, Iran und Russland ein ernstes Interesse daran haben, ihre militärischen Operationen zum gegenwärtigen Zeitpunkt wirklich einzustellen. Wenn sie die Möglichkeit haben, militärische Siege zu erzielen, die Gespräche über einen politischen Übergang noch irrelevanter machen als heute, dann werden sie diese auch verfolgen.

Die diplomatische Initiative zielt hauptsächlich darauf ab, den angesichts der Kampagne um Aleppo mäßig zugenommenen internationalen Druck zu bewältigen.