Stratfor: Nach Befreiung von Aleppo keine Chance für militärischen Sieg der Islamisten

Stratfor: Nach Befreiung von Aleppo keine Chance für militärischen Sieg der Islamisten
Russischen Soldaten kontrollieren mutmaßliche Dschihadisten und Zivilisten, die Ost-Aleppo verlassen, al-Ramousah-Brücke, Aleppo, 16. Dezember 2016.
Aleppo ist befreit. Für die bewaffneten Dschihadisten besteht keine realistische Chance mehr, den Krieg in Syrien zu gewinnen. Ein rasches Ende ist dennoch nicht in Sicht. Der US-Informationsdienst Stratfor sieht sogar Chancen für einen Verhandlungsfrieden.

Einer Analyse des bedeutenden US-amerikanischen Informationsdienstes Stratfor zufolge hat der Fall von Aleppo die Wahrscheinlichkeit einer Verhandlungslösung für Syrien erhöht. Angesichts der aktuellen Situation habe der amtierende Präsident Baschar al-Assad gute Chancen, weiter im Amt zu bleiben.

Die vollständige Rückeroberung der symbolträchtigen Stadt stellt demnach den größten und wichtigsten Sieg der Regierung Assad seit dem Ausbruch der Kampfhandlungen im Jahr 2011 dar. Gleichzeitig handelt es sich um die schwerste Niederlage der bewaffneten islamistischen Gruppen, die seit dieser Zeit seinen Sturz betreiben.

Mit der vollständigen Rückeroberung Aleppos haben sich die Hoffnungen auf einen militärischen Sieg über Damaskus de facto zerschlagen, und auch am Verhandlungstisch wird ihre Ausgangsposition dadurch schlechter. Nicht nur in Aleppo selbst, auch darüber hinaus ist es der Armee gelungen, in signifikantem Ausmaß Territorien zurückzugewinnen.

Die Regierung und ihre Verbündeten halten damit die überwältigende Mehrheit aller urbanen Ballungsräume des Landes. Der Sieg in Aleppo hat entsprechend auch die Entschlossenheit der Regierung gesteigert, auf militärischem Wege ein Ende des Krieges zu erzwingen, glaubt Stratfor. Die Dschihadisten stellen keine existenzielle Gefahr mehr für Damaskus dar.

Sie werden voraussichtlich dazu übergehen, noch so weit es möglich ist die Rebellion am Leben zu erhalten, möglicherweise durch Terroranschläge auf Infrastruktureinrichtungen. Die syrische Armee und ihre Verbündeten werden im kommenden Jahr namhafte Anstrengungen unternehmen, um weitere von den radikal-islamischen Kräften gehaltene Gebiete des Landes zurückzuerobern.

Allerdings macht Stratfor auch deutlich, dass der Krieg mit dem Fall von Aleppo noch lange nicht vorbei ist. Ein flächendeckender militärischer Sieg der Armee wäre demnach – wenn überhaupt – erst nach Jahren möglich. Es fehle Damaskus schlicht und einfach an Mannschaftsstärke, um die Kontrolle über das gesamte syrische Staatsgebiet schnell und umfassend zurückzuerlangen.

Der Überfall der Terrormiliz IS auf Palmyra, wo eine kaum trainierte Garnison am 11. Dezember wieder den Extremisten überlassen werden musste, illustriert dieses Problem auf sehr anschauliche Weise. Auch ausländische Hilfstruppen, wie sie Damaskus infolge des hohen Anteils an fremden Söldnern in den Reihen der "Revolutionäre" anwarb, können den Ausfall durch Todesopfer, Deserteure und Abgängige nicht vollständig ausgleichen.

Auch sei die Russischen Föderation laut Stratfor nicht "unbegrenzt" bereit, Assad und die syrische Armee im derzeitigen Ausmaß aktiv militärisch zu unterstützen. In ähnlicher Weise dürften auch die übrigen Verbündeten, der Iran und die Hisbollah, wenig Interesse haben, eine dauerhafte Präsenz in Syrien aufrechtzuerhalten. Dies gilt auch, wenn die Regierung Assad wieder fest im Sattel sitzt. Das Ziel einer nachhaltigen Stabilisierung sei zwar erreicht. Russland wird jedoch nicht bereit sein, der Armee bei der Rückeroberung jedes einzelnen Winkels des Landes behilflich zu sein.

Auch die syrische Regierung, die hinsichtlich ihrer militärischen Schlagkraft stark von ausländischer Hilfe abhängt, wird deshalb mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Kosten-Nutzen-Abwägung hinsichtlich der Frage treffen, wie stark die militärische Lösung noch forciert werden soll. Immerhin ist die syrische Wirtschaft nach so vielen Jahren des Krieges und der Zerstörung in einem katastrophalen Zustand.

Die von der Regierung gehaltenen Territorien waren dabei noch diejenigen, in denen das Alltagsleben noch am ehesten funktionierte. Neben der abschreckenden Brutalität der dschihadistischen Söldner war es vor allem dieser Faktor, der die Loyalität der Bevölkerung zu Präsident Assad aufrechterhielt und sogar stärker werden ließ.

Die Überlegung, die noch vorhandene Wirtschaft und Infrastruktur nicht weiter übermäßig durch Militärausgaben zu belasten, wird das Interesse Assads an einer Verhandlungslösung wachsen lassen. Gleichzeitig wäre für jenen Teil der Rebellen, der tatsächlich aus Syrien stammt, eine ausverhandelte Friedensvereinbarung, die Assad die Macht erhält, zumindest eine Chance, ein paar wenige Konzession zu erlangen.

Stratfor hält es für denkbar, dass es zu einer solchen Entwicklung kommen wird – auch wenn der Fall Aleppos die Neigung der Regierung zu einer militärischen Lösung stärken dürfte. Der Informationsdienst gibt aber auch zu bedenken:

Obwohl die Einnahme Aleppos ein entscheidender Augenblick im syrischen Bürgerkrieg war, wird sie unter keinen Umständen einen Wendepunkt darstellen, der den Konflikt zu einem schnellen Ende bringen wird.

Trends: # Krieg in Syrien