Syrien: "USA haben Islamischen Staat bei Palmyra-Offensive indirekt unterstützt"

Syrien: "USA haben Islamischen Staat bei Palmyra-Offensive indirekt unterstützt"
Syrische Soldaten sichern nach der Befreiung von Palmyra im Juli 2016 die historischen Grabanlagen und Bauwerke.
Der IS ist in Syrien mittels Kämpfern aus dem Irak wieder in die Offensive gegangen. Die Terroristen sind auf Raubzüge angewiesen. Experten rechnen nun damit, dass Hisbollah-Einheiten die syrische Armee bei der Befreiung Palmyras unterstützen werden.

von Ali Özkök

Während die syrische Armee vor einem endgültigen Sieg im Kampf um Aleppo und damit um die zweitgrößte Stadt des Landes steht, hat die Terrormiliz "Islamischer Staat" mit ihrer Offensive auf die antike Stadt Palmyra unterstrichen, dass der komplexe Konflikt im Bürgerkriegsland noch lange nicht ausgestanden ist.

Die syrische Regierung, unterstützt von Russland und pro-iranischen Schiiten-Milizen ist seit Tagen in heftige militärische Auseinandersetzungen mit dem IS im Osten der Provinz Homs verwickelt. Die Truppen al-Assads versuchen die am Sonntag verlorene Stadt Palmyra zurückzuerobern.

Der russische Verteidigungsminister Sergei Schoigu

Der Überraschungsangriff der Miliz widerspricht allen über die letzten Monate im Mainstream aufgestellten Behauptungen, wonach der IS in der Defensive wäre. Inzwischen rückte die Gruppe auf den wichtigen Militärflughafen T4 unweit von Palmyra vor. Der Flughafen liegt rund 50 Kilometer westlich der symbolträchtigen Stadt. Im Gespräch mit RIA Nowosti sagte ein syrischer Militärvertreter, dass die Regierungstruppen den Vormarsch des IS vorerst stoppen konnten:

Die syrische Armee hat die Kontrolle über einige Anhöhen unweit der T4-Basis zurückgewonnen. Darunter fallen einige Militärbaracken.

Im Gespräch mit RT Deutsch sagte der Politik-Doktorand der belgischen Leuven-Universität Pieter Van Ostaeyen über den Angriff des IS:

Das Regiment in Palmyra wurde vom IS überrascht und ist nur spärlich für einen solchen Übergriff gewappnet. Daher haben sie sich vorerst so weit zurückziehen müssen.

Mit Bezug auf die jüngsten Geländegewinne der syrischen Armee in Aleppo kommentierte Van Ostaeyen:

Ich glaube nicht, dass sich der Vormarsch allein deshalb ereignet hat, weil Regierungstruppen und russische Einheiten mit Aleppo beschäftigt sind. Aber das dürfte zum schnellen Kollaps der Front beigetragen haben.

Das Ziel des IS, der eine "asynchrone Kriegsführung" verfolgt, sei strategischer Art. Auf die Frage, warum sich die sunnitische Terrororganisation nicht auf die Verteidigung der belagerten oder bedrohten Gebiete wie Rakka oder Mosul konzentriert, sagte der belgische Syrien-Experte:

Rakka und Mosul sind bedeutsam für den IS. Die Eroberung von neuen Territorien ist aber umso wichtiger, als der IS unter anderem auf das Erbeuten neuer Ressourcen angewiesen ist, darunter auch Waffen.

Die Frage, inwieweit sich diese Abhängigkeit des IS auch auf den Zugang zu Ölquellen beziehen lässt, beantwortete Van Ostaeyen wie folgt:

Auch die reichen Erdölquellen rund im Palmyra könnten den IS dazu bewogen haben, wieder eine offensivere Strategie zu fahren. In den vergangenen Monaten verlor der IS Provinzen, die den Kämpfern den Zugriff auf wichtige Finanzmittel eröffnet hatten.

Der ehemalige Militärgeheimdienstoffizier und Analyst beim US-Think-Tank Washington Institute, Jeff White, bestätigte:

Der IS lebt von seinem erbeuteten Material. Diese Strategie ist ein Schlüsselelement seines Logistiksystems. Sich auf Beutezüge zu fokussieren, wird langfristig zur empfindlichen Schwäche. Das führt dazu, dass der IS auf offensive Erfolge angewiesen ist, um seine operativen Fähigkeiten beizubehalten.

Man versteht sich. Oder doch nicht? Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen mit dem saudischen Sicherheitsexperten Turki ibn Faisal. Manama, Bahrain, 10. Dezember 2016.

Yuscha Yuseef, Redakteur beim al-Assad-nahen Nachrichtenportal Al Masdar mit engen Kontakten zu den syrischen Kommandoeinheiten "Tiger Forces", sieht die Entwicklungen in Aleppo und Rakka in einem engeren Zusammenhang. Seiner Meinung nach unterstützen die USA zumindest indirekt Zusammenstöße des IS mit der syrischen Armee und damit verbundenen Kräften. Yuseef äußerte gegenüber RT Deutsch:

Der IS sucht nach neuen sicheren Regionen. Im Norden Syriens verliert die Organisation gegen die von der Türkei unterstützte Operation Euphrat-Schutzschild und die US-gedeckte kurdische YPG an Boden. So wie ich das sehe, möchte die US-geführte Anti-IS-Koalition Druck auf die syrische Armee in Aleppo ausüben, wo al-Assad-treue Truppen dominierendes Gewicht erhalten haben. Die SAA [Syrisch Arabische Armee] muss Einheiten nach Palmyra abziehen.

Bezüglich der Überlegung, ob die USA damit dem IS geholfen haben, sagte Yuseef:

Die USA freuen sich sicherlich über die Einnahme von Palmyra durch den IS. Die USA hätten die IS-Konvois und deren Verstärkung mit Leichtigkeit auf dem Weg in die Stadt bombardieren können. Das haben sie jedoch nicht getan. Ich würde nicht so weit gehen, zu behaupten, die USA unterstützen damit den IS, aber indirekt ließ man die Gruppe unter dem eigenen wachsamen Auge gegen die syrischen Regierungstruppen walten.

Der Militärforscher des Omran-Politikzentrums, Nawar Oliver, klärte RT Deutsch indessen über die mögliche nächste Schlagrichtung des "Islamischen Staates" auf. Alle Zeichen deuten ihm zufolge auf ein "Vordringen nach Zentralsyrien in den Westen der Provinz Homs" hin. Wie in der Vergangenheit könnte der IS auf diese Weise "neue Angriffe auf Qaryatin und Ost-Kalamun starten".

Er führte aus:

Gegenwärtig hat die Terrormiliz den T4-Militärflughafen im Visier. Von dort aus ist es für die Gruppe naheliegend, eine Schneise nach Qaryatin durchzuschlagen, sollte sie nicht aufgehalten werden.

Qaryatin ist das letzte Bollwerk der syrischen Armee entlang der Autobahnstrecke, die Damaskus mit dem Norden Syriens verbindet.

Über die genaue Zahl der Kämpfer, die der IS in der Region Palmyra in seinen Reihen hat, konnte Oliver keine Angaben machen. RT Deutsch teilte er nichtsdestotrotz mit:

Den Angriff auf den Osten der Stadt Tadmor führten meinen Informationen nach 200 Kämpfer aus. Bemerkenswert ist nicht die Anzahl, sondern die Herkunft der Dschihadisten. In Rakka, el-Bab oder Deir ez-Zor ist der IS gebunden. Mit großer Wahrscheinlichkeit kommen die Einheiten aus dem Irak.

Kreml bezeichnet Genozid-Meldungen an Zivilisten in Aleppo als Lügengeschichten

Eine westliche Sicherheitsquelle, die namentlich nicht genannt werden will, wies ebenso darauf hin, dass der IS-Angriff auf Palmyra durch irakische Mitglieder erfolgte, die aus Qaim und der westlichen Wüste des Irak stammen. Gegenüber RT Deutsch bemerkte die Quelle:

Es ist nicht unwahrscheinlich, dass Moskau entgegen anderslautenden Meinungen von dem IS-Angriff Wind bekommen hat. Russland unterhält gute Beziehungen zu Bagdad.

Mit Blick auf die Annahme, dass die syrische Armee die Palmyra-Region in naher Zukunft zurückerobern könnte, sagte der Militärforscher Nawar Oliver:

Eine Rückeroberung wird in naher Zukunft nicht erfolgen. Die syrische Armee kann sich derzeit nicht den Luxus leisten, Truppen von Aleppo nach Tadmor abzuziehen.

Unterdessen berichtet der Militärwissenschaftler mit Fokus auf Rebellen-Bewegungen in Syrien, Kalet el-Mudik, unter Berufung auf iranische Medien, dass Teheran Kämpfer der pro-iranischen Schiiten-Brigade Fatimiyun nach Palmyra verlegen werde. Die westliche Sicherheitsquelle mit Sitz in Bagdad wies RT Deutsch darauf hin, dass die libanesische Hisbollah ihre sogenannten Ridwan-Spezialeinheiten für den Einsatz in Palmyra mobilisiert.

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