Politik-Analyst aus Sanaa im Exklusiv-Interview: "Jemen ist nur einen Schritt von Anarchie entfernt"

Politik-Analyst aus Sanaa im Exklusiv-Interview: "Jemen ist nur einen Schritt von Anarchie entfernt"
Die internationale Gemeinschaft begünstigt, dass die Konfliktparteien, die auch untereinander uneinig sind, einander immer weiter bekriegen, meint Analyst Hisham al-Omeisy.
Im Interview mit RT Deutsch hat sich der Politik-Analyst Hisham al-Omeisy aus Sanaa skeptisch bezüglich der Friedensaussichten im Bürgerkriegsland Jemen geäußert. Bisherige Lösungsvorschläge wären nie inklusiv gewesen. Es drohe ein Abgleiten ins Chaos.

Von Ali Özkök

Was macht den Konflikt im Jemen so schwierig zu lösen?

Die Bildung einer Gegenregierung durch die Huthis im Jemen sei kontraproduktiv, meint Analystin Miriam Goldman Eps. Der von den Saudis gestützte Präsident el-Hadi habe eine Maßnahme dieser Art durch seine Sturheit aber gleichsam herausgefordert.

Die Beantwortung dieser Frage erfordert im Grunde die Beantwortung vieler anderer Fragen, um so die Komplexität des Konflikts genau skizzieren zu können. Ein paar dieser Fragen möchte ich beantworten. Der Konflikt hat eine zersplitternde Wirkung. Es gibt heute mehr kämpfende Fraktionen und Gruppen, als es diese noch zu Beginn der militärischen Intervention der von Saudi-Arabien angeführten Koalition im März 2015 gegeben hatte. Dies geschah, obwohl der Krieg als einen Konflikt zwischen zwei Hauptlagern begann. Auf der einen Seite stehen die schiitischen Huthis sowie Ex-Präsident Ali Abdullah Salih und auf der anderen der Präsident Abed Rabbu Mansur el-Hadi mit der saudischen Koalition. Die Realität sieht am Boden inzwischen sehr vielgestaltig aus.

Können Sie uns ein Beispiel für die Komplexität innerhalb der Lager geben?

Da gibt es das so genannte Südliche Widerstandskomitee. Dessen Kämpfer sind ein gutes Beispiel für eine Gruppe, die irrtümlicher Weise als Teil des Lagers der UN-unterstützten jemenitischen Regierung von el-Hadi gelistet wird. Gruppierungen wie das Widerstandskomitee haben oft eine eigene Agenda und nehmen keine Befehle von der UN-unterstützten Regierung an. Das einzige, was sie mit der Exil-Regierung von el-Hadi gemeinsam haben, ist, dass die Huthis und Salih die gemeinsamen Feinde sind sowie die Saudi-Koalition sie militärisch und logistisch unterstützt.

Wie wirkt sich die Zersplitterung der Lager auf den Friedensprozess aus?

Leider waren die verschiedenen Friedensinitiativen in den letzten zwei Jahren für alle beteiligten Akteure nicht inklusiv. Deshalb konnte ein ausgehandelter Waffenstillstand auch nie erfüllt werden, weil es immer irgendeine Partei am Boden gab, die nicht mit eingeschlossen wurde.

Jede vorgeschlagene Lösung, die nicht die Forderungen aller Fraktionen berücksichtigte, zog schwerwiegende Probleme nach sich. Wo ganzheitliche, ausgewogene und integrative Lösungen erforderlich waren, wurden oberflächliche und exklusive eingesetzt.

Wer ist für solche Lösungsvorschläge verantwortlich, die zum Scheitern verurteilt sind?

Die USA haben den Jemen bereits vor Kriegsbeginn ausgerüstet – WikiLeaks

Ohne ernsthaften Druck vonseiten der internationalen Gemeinschaft, den Konflikt zu beenden, ist eine Versöhnung in der gegenwärtigen Form für die einander bekämpfenden Kräfte nicht opportun. Nur Druck von außen kann die Feinde am Boden dazu drängen, wieder miteinander zu kooperieren.

Selbst wenn eine politische Lösung unweigerlich der einzige Ausweg ist, bleibt der Trend vorerst nur bei einer militärischen Konfrontation. Das Ziel der Akteure ist es, die Feinde zu schwächen und möglichst viel an Boden zu gewinnen.

Wie groß ist der Einfluss des Ex-Präsidenten Ali Abdullah Salih, der aus dem Militär kommt, auf die Huthis im Kontext einer gemeinsamen Allianz?

Sein Einfluss ist ziemlich bedeutend. Salih hat öffentlich erklärt, dass die Allianz seiner Partei, der Allgemeine Volkskongress (GPC), mit den Huthis eng kooperiert. Beide verteidigen sich gegen einen gemeinsamen Feind. Diese Partnerschaft wurde nochmals mit der Gründung eines Obersten Rats für Politik vor einigen Monaten und der neuen GPC-dominierten Regierung des "nationalen Heils" zementiert. Die Huthis riefen ihre eigene Regierung am Montag in Sanaa aus.

Immer wieder tauchen Gerüchte auf, wonach es Konflikte auch unter den regionalen Unterstützern der el-Hadi-Regierung gibt, namentlich Saudi-Arabien, Katar und die Vereinigten Arabischen Emirate. Wie könnte ein solcher Umstand die Intervention im Jemen beeinflussen?

Die vielen lokalen Akteure und vielseitigen Parteien im Jemen-Konflikt haben das Land absolut polarisiert und faktisch zerrissen. Der Zustand ist nur einen Schritt von der Anarchie entfernt.

Die von Ihnen angesprochenen Gerüchte existieren tatsächlich. Die saudisch-geführte Koalition vermochte es bisher, eine Einheitsfront aufrechtzuerhalten. Sollten interne Konflikte auftreten, die zu einer Beendigung der Koalition führen, wird sich Saudi-Arabien trotzdem wohl kaum aus dem Jemen zurückziehen. Eine solche Entwicklung wäre indes auch noch schlimmer für das Land. Streitigkeiten werden dazu führen, dass jedes beteiligte Land des Golfkooperationsrates sich sein Stück vom Kuchen in Jemen nehmen könnte. Die Konfliktparteien am Boden würden fortan einzeln finanziert werden. Das vollständige Chaos würde ausbrechen.

Kürzlich sind Berichte mit der Vermutung aufgetaucht, dass US-Truppen an der Seite der el-Hadi-Regierung in Aden kämpfen. Wie bewerten sie solche Behauptungen?

Wir haben schon viele Gerüchte gehört. Es gibt auch nicht verifizierte Berichte darüber, dass die Hisbollah, Kolumbianer, Singhalesen und viele andere im Jemen kämpfen würden. Im Endeffekt kam heraus, dass sich die meisten Artikel in dieser Richtung in Behauptungen erschöpften. Es kann auch ein Stück weit Propaganda sein, die von außen kommt. Nichtsdestotrotz ist alles möglich.

 

ForumVostok
MAKS 2017