Eskalation zwischen Türkei und Syrien: Türkische Soldaten sterben bei Angriff syrischer Luftwaffe

Eskalation zwischen Türkei und Syrien: Türkische Soldaten sterben bei Angriff syrischer Luftwaffe
Bildquelle: SANA
Die syrische Luftwaffe hat am frühen Donnerstagmorgen bei einem Angriff in der Aleppo-Provinz drei türkische Soldaten getötet, berichtet der türkische Generalstab in einer amtlichen Mitteilung. Die IS-Hochburg al-Bab droht zum Pulverfass aller beteiligten Konfliktparteien des syrischen Bürgerkrieges zu werden.

Von Ali Özkök

Neben den drei getöteten Soldaten wurden weitere zehn weitere Soldaten am 93. Tag der sogenannten „Euphrat Schutzschild“-Operation verletzt, heißt es. RT Deutsch-Informationen zufolge handelt es sich bei den Angegriffenen um Angehörige türkischer Sondereinsatzkräfte „Özel Kuvvetleri“.

„Die Auswertung hat ergeben, dass ein Luftangriff der syrischen Regierung um 3:30 Uhr Ortszeit am 24. November zur Folge hatte, dass drei unserer heroischen Soldaten getötet und 10 weitere Soldaten verletzt wurden“, teilten die türkischen Streitkräfte in einer offiziellen Erklärung mit.

Syrische Behörden haben noch keine offizielle Stellungnahme zu diesem Zwischenfall veröffentlicht.

Der Angriff stellt den ersten Angriff der syrischen Regierungstruppen gegen türkische Soldaten am Boden dar, die sich seit Monaten im Norden der arabischen Republik aufhalten. Seit dem Einrücken türkischer Streitkräfte haben diese ihre Einflusszone auf über 1.800 Quadratkilometer ausgedehnt. Sie operieren in den Nachbarland gemeinsam mit der Freien Syrischen Armee.

Die syrische Reaktion den zweiten syrisch-türkischen Zwischenfall nach dem Zusammenstoß am 22. Juni 2012, als die syrische Luftwaffe einen türkischen Aufklärungsjet vom Typ F-4 Phantom abschoss. Dieses verletzte seinerzeit den syrischen Luftraum.

RT Deutsch sprach mit dem Geopolitik- und Sicherheitsanalysten, Michael Horowitz, von der israelischen Risikoberatungsgesellschaft Prime Source über mögliche Konsequenzen eines solchen Übergriffs. Er sagte:

„Ich denke die Konsequenzen hängen wirklich davon ab, ob dieser Angriff von Russland genehmigt wurde oder nicht. Hinzu kommt die Frage, ob es der Beginn einer breiten Regierungsoffensive auf al-Bab ist und nur ein einzelner Angriff war. Wenn das mehr als nur ein ‚isolierter‘ Vorfall war, könnte dies ernsthaft die Spannungen zwischen syrischer Armee, Russland auf der einen Seite und der Türkei auf der anderen Seite eskalieren. Es wäre aber eine Fehlkalkulation zu denken, dass sich die Türkei einfach aus al-Bab zurückzieht. Sie wird nicht zulassen, dass die kurdisch-geführte SDF die Stadt erobert. Aus diesem Grund denke ich, dass dies eine ‚Warnung‘ sein könnte aus Damaskus und Moskau, nicht näher an Aleppo vorzurücken. Das war ein Versuch, eine ‚rote Linie‘ zu ziehen.“

Auf die Frage, wie sehr der Angriff die neuerlich wieder guten Beziehungen zwischen Russland und der Türkei verschlechtern könnte, sagte Michael Horowitz:

„Wenn der Angriff also von Russland bestätigt wurde, was nicht unwahrscheinlich ist, dann könnte das die Kontakte zwischen Ankara und Moskau tatsächlich belasten. Der Zwischenfall steht unter dem Eindruck des türkischen Abschusses eines russischen Bombers im türkisch-syrischen Grenzgebiet vergangenes Jahr. Das könnte eine Art der Rache sein.“

Die deutsche Nahost-Analystin, Juliane Meyer, mit Sitz im Irak warnt, dass Schlüsse lieber nicht voreilig gezogen werden sollten. Im Gespräch merkte sie an:

„Es könnte auch unbeabsichtigter Eigenbeschuss gewesen sein. Aber wenn Ankara diesen Verlust bereits bestätigt hat, sieht es nach mehr aus. Bei einem Versehen wäre man wohl eher ruhig geblieben.“

In Bezug auf Optionen, die Ankara hat, um in Syrien mit Gegengewalt zu reagieren, sagte die Nahost-Analystin:

„Viel kann Ankara nicht tun. Russland hat vor zwei Wochen schon einmal eine Flugverbotszone für türkische Jets verhangt. Das Problem, das Ankara hat, sind die S-400-Luftabwehrbatterien und Kurzstrecken-Luftabwehrsysteme vom Typ Panzir-S1 Russlands. Gegen diese kann die Türkei nur limitiert vorgehen. Will man in Syrien operieren, sollte die Türkei besser mit Russland ein Abkommen schließen. Ansonsten könnte das böse ausgehen.“

Laut eigenen Angaben besteht das Ziel der türkischen Truppen darin, die Terrormiliz „Islamischer Staat“ zu bekämpfen. Außerdem kommt es zu Konflikten mit den von der USA geführten Demokratischen Kräften Syriens, die von der kurdischen YPG angeführt werden. Das erhöht die Sorge in einem ohnehin brandgefährlichen Konflikt zwischen den beteiligten Regional- und Weltmächten.

Nachdem das türkische Militär und FSA die Städte Dscharablus und Dabik vom IS befreiten, wandten sich die Einheiten al-Bab zu. Die Stadt ist aus mehreren Gründen zentral für die beteiligten Kräfte in Syrien. Während die kurdischen Kräfte versuchen, über al-Bab einem zusammenhängenden kurdischen Staat zu verwirklichen, will Ankara dies auf jeden Fall verhindern.

Wird die Regierung Obama ihre letzten zwei Monate im Amt noch nutzen, um gemeinsam mit ihren Verbündeten syrischen Rebellen moderne Waffensysteme zugänglich zu machen, ehe Nachfolger Donald J. Trump deren Unterstützung beenden könnte?

Zum einen soll ein YPG beherrschtes Kurdistan verhindert werden, zum anderen gilt al-Bab als wichtigste Stadt im Nordosten der zweigeteilten und umkämpften Stadt Aleppo. Pro-türkische Rebellen beherrschen weitgehend die gesamte südliche Provinz Aleppos, weitere sind im Osten der Stadt Aleppo verschanzt und im Norden baut die Türkei sukzessive einen FSA-Raum auf, der laut dem türkischen Präsidenten eine „Zone von 5.000 Quadratmetern umfassen“ soll.

Über al-Bab ließe sich das Vakuum schließlich in Ost-Aleppo füllen, dass der IS, der sich auf dem Rückmarsch befindet, schon bald hinterlassen könnte. In der Zwischenzeit kommen Berichte auf, wonach syrische Regierungstruppen eine eigene Offensive auf al-Bab vorbereiten würden. Diese werde vom Luftwaffenstützpunkt Kuweiris aus vorbereitet. Der türkische Sputnik-Reporter für den syrischen und irakischen Raum, Hikmet Durgun, schrieb am 17. November, dass die syrische Armee große Truppenverschiebungen nach Kuweiris unternimmt. Der syrische Kampfjet soll seinen Angriff in al-Bab von der Kuweiris-Luftwaffenbasis gestartet haben, behauptete der Syrien-Korrespondent Cihat Arpacik.

 

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