"Saudi-Arabien will eigene Pufferzone" - Luftabwehrraketen erreichen syrische Rebellen

"Saudi-Arabien will eigene Pufferzone" - Luftabwehrraketen erreichen syrische Rebellen
Wird die Regierung Obama ihre letzten zwei Monate im Amt noch nutzen, um gemeinsam mit ihren Verbündeten syrischen Rebellen moderne Waffensysteme zugänglich zu machen, ehe Nachfolger Donald J. Trump deren Unterstützung beenden könnte?
Eine syrische Rebellengruppe hat sich mit Schulter-gestützten Flugabwehr-Lenkwaffen präsentiert. Das ist einer der ersten Beweise dafür, dass es MANPADs in den Reihen syrischer Oppositionskräfte gibt. Auch die USA könnten noch mal ihre Restriktionen lockern.

Von Ali Özkök

Mitglieder der Rebellenorganisation Ansar el-Islam-Front zeigten sich am 20. November mit Flugabwehr-Lenkwaffen. Sie testeten dabei die infrarotgelenkte Luftabwehrrakete vom Typ SA-7 Strela-2. Das Rebellen-nahe Nachrichtenmedium Orient News dokumentierte die Waffenschau.

John Kirby, der Sprecher des U.S. State Department, will lieber nicht auf Fragen von RT antworten - aus Gründen.

Die Gruppe teilte mit, sie habe eine "gute Anzahl" an Waffensystemen dieser Art zur Verfügung, die an Ansar el-Islam und andere Formationen der Freien Syrischen Armee verteilt wurden. Ziel ist es, Flugzeuge der syrischen Armee in Daraa und Quneitra im Süden des Landes abzuschießen.

Der erste Kämpfer im Video sagt:

Wir, die Ansar el-Islam-Front, haben zahlreiche Luftverteidigungspunkte eingerichtet, um jedem Versuch des Eindringens von syrischen Kampfflugzeugen und Helikoptern mit unseren Raketen, die in der Provinz Kuneitra aktiv sind, entgegenzuwirken.

Ein zweiter Kämpfer, der sich im Video "Ebu Bilal" nennt, sagte:

Wir von der Ansar al-Islam-Front und den Fraktionen der FSA verteilen unsere Ausrüstung und Soldaten auf die Gebiete von Tell el-Hara, Maschara, Sandaniya und Dschabata. In den nächsten Tagen werdet ihr gute Neuigkeiten aus Kuneitra und Umgebung hören.

Erlauben die USA den Transfer neuer Waffen nach Syrien?

Die Versorgung von Rebellen mit Boden-Luft-Raketen widerspricht der bisherigen Selbstverpflichtung der USA, deren Verbreitung in Syrien zu verbieten. Die USA befürchteten bisher, dass diese Waffen in die Hände von Gruppen wie dem "Islamischen Staat" oder der al-Nusra-Front gelangen könnten. Diese könnten versucht sein, auch US-amerikanische Ziele oder die zivile Luftfahrt ins Visier zu nehmen.

Mutmaßliches Bindeglied zwischen mehreren terroristischen Vereinigungen in Syrien: Al-Qaida-Prediger Abdullah el-Muhaysini wurde nun auch von den USA auf die internationale Terrorliste gesetzt.

Eine hochrangige Rebellen-Informationsquelle bemerkte gegenüber Medien Ende September allerdings, dass die USA verbündeten Nationen diesbezüglich den Weg freimachen würden. Diese dürften fortan verbündete Rebellengruppen mit schweren Luftabwehrsystemen versorgen, während die syrische und russische Luftwaffe ihre Angriffe in Nordwestsyrien intensivieren.

Gegenüber dem Middle East Eye sagte die namentlich nicht genannte Rebellen-Quelle:

Die USA bestätigten, dass durch das grüne Licht Versorgungswege durch Jordanien und die Türkei geöffnet wurden. Rebellen wurde geboten, nur auf syrische Hubschrauber zu zielen, nicht auf russische. Aber es ist unklar, ob diese sich daran halten werden.

Die Rebellenquelle sagte, dass die USA den Golfstaaten Katar und Saudi-Arabien erlaubt hätten, mit den Lieferungen zu beginnen.

Im gleichen Zeitraum zitierte die Nachrichtenagentur Reuters US-Beamte, wonach Luftangriffe auf Aleppo die Möglichkeit "erhöhen" würden, dass die Obama-Regierung das Verbot aufhebt. Obama wird noch bis 20. Januar 2017 das Amt des US-Präsidenten bekleiden. Von seinem designierten Nachfolger Donald J. Trump, der sich über deren Unterstützung mehrfach kritisch geäußert hat, wird im Umgang mit den syrischen Rebellen eine Kehrtwende erwartet.

Im Gespräch mit RT Deutsch sagte der Professor für Sicherheitspolitik der türkischen Universität Sakarya, Ömer Özdemir, über das mögliche Ziel hinter der Auslieferung dieser strategischen Waffen:

Es könnte sein, dass Jordanien und das Königreich Saudi-Arabien versucht sind, eine eigene Pufferzone in Syrien zu errichten, wie es die Türkei mit der Operation "Euphrat-Schild" vorgemacht hatte.

Auf die Frage, ob nunmehr mehr Dynamik von der ansonsten vergleichsweise ruhigen Süd-Front, die von der Freien Syrischen Armee angeführt wird, zu erwarten ist, sagte der Analyst:

Erstmal nicht. Das könnte sich graduell ändern. Sie müssten mit Hit-and-Run-Angriffen beginnen, um eine Großoffensive wieder zu starten.

Warum gerade die Rebellen im Süden des Landes diese neuen Luftabwehrraketen erhielten, erklärte er wie folgt:

Die internationalen Gönner der Rebellen konkurrieren auch miteinander und sind sich nicht immer einig. Jordanien und Saudi-Arabien haben nur limitierten Einfluss auf die Rebellen im Norden des Landes. Stattdessen sind dort die Türkei und Katar sehr stark.

Außerdem wies Özdemir daraufhin, dass Ankara angesichts der jüngsten Annäherung an Russland kein besonderes Interesse an einer Eskalation in Aleppo hat, wo Rebellen russisches Kriegsgerät ins Visier nehmen könnten.

Bisher gibt es keine eindeutigen Beweise dafür, dass Luftabwehrraketen auch Aleppo erreicht hätten. Die Versorgungswege in die Stadt jedenfalls wurden von syrischen Regierungstruppen mithilfe schiitischer Milizen geschlossen.

Die Ansar el-Islam-Front gehört mutmaßlich zu Dutzenden weiteren Rebellengruppen, die in der Vergangenheit US-amerikanische Panzerabwehrlenkwaffen vom Typ BGM-71 erhielten. Die Lieferungen wurden mit US-Erlaubnis über saudische Kanäle vermittelt.

MANPADs bedrohen Bewegungsfreiheit von Hubschraubern, nicht absolute Lufthoheit

Das Luftabwehrsystem SA-7 wurde von der Sowjetunion in den 1960er Jahren entwickelt. Die Waffe zählt zur ersten Generation tragbarer Luftabwehrwaffen. Es existieren zahlreiche modifizierte Versionen des SA-7-Systems. Die SA-7 ist bis heute im Einsatz und die weltweit am weitesten verbreitete und meistgenutzte Flugabwehrrakete.

Auf Anfrage von RT Deutsch sprach der renommierte türkische Rüstungs- und Raketenexperte Arda Mevlütoglu über die technischen Details der sowjetischen SA-7. In Bezug auf ihre Einsatzfähigkeit sagte er:

Ein-Mann-Boden-Luft-Raketen (MANPADS) wie die SA-7 sind besonders gegen relativ langsam fliegende Flugobjekte wie Hubschrauber und Frachtflugzeuge auf niedriger Höhe wirksam. Sie sind sehr leicht zu pflegen und zu betreiben. Ein 30-minütiger Crash-Kurs reicht in der Regel aus, um ein MANPAD dieser Art effektiv verwenden zu können.

Mevlütoglu unterstützt die Andeutungen des Sicherheitsexperten Özdemir über die sich anbahnende Vorgehensweise der FSA in Südsyrien unter Berücksichtigung der MANPAD-Waffen:

Die Raketen funktionieren über ein Infrarot-Leit- und Kontrollsystem (IR). Die Raketen selbst emittieren keine Wärme oder Energie vor ihrem Abschuss. Es ist fast unmöglich, sie davor zu erkennen. In Kombination mit ihrem einfachen Transport und der leichten Nutzung eignet sich diese MANPAD ideal für den "Hit-and-Run"-Krieg einer aufständischen oder terroristischen Gruppierung gegen Kampfhubschrauber.

Der Rüstungsexperte, der auch internationale Waffenfirmen berät, warnt:

Die meisten heutigen Konflikte sind von ihrer Art asymmetrisch. Das heißt, kleine bewaffnete Gruppen konfrontieren reguläre Armeen in einem meist städtischen Umfeld. Die MANPADs bedrohen Flugobjekte, die die reguläre Armee im Operationsgebiet unterstützen. Sie zwingen diese, das Operationsgebiet zu meiden oder weit höher zu operieren. Je höher ein Hubschrauber oder Kampfflugzeug fliegen muss, umso ungenauer wird die Zielidentifizierung, wenn keine anspruchsvollen Zielsysteme angeschafft werden.

Dass diese ungenauere Zielidentifizierung das Risiko ziviler Kollateralschäden erhöht, liegt auf der Hand.

Wie genau so eine "Hit-and-Run"-Taktik aussehen könnte, beschrieb Yusuf Akbaba, Analyst für nahöstliche Kriegsstrategien, im Interview mit RT Deutsch:

Die Rebellen werden versuchen, in kleinen Gruppen von drei bis fünf Mann Regierungsgebiet zu infiltrieren und sich in der Nähe von Flughäfen in Position bringen. Mit Mehrfachraketenwerfersystemen von einer Reichweite zwischen 20 und 40 Kilometern könnten daraufhin Landebahnen blockiert oder Kampfflugzeuge sowie Hubschrauber zum Start gezwungen werden. Dann kommen die MANPADs zum Einsatz.

Der Sicherheitsanalyst Oytun Kan wies daraufhin, dass die syrischen Rebellen ähnlich vorgehen könnten wie die kurdische PKK im vergangenen Mai gegen türkische Sicherheitskräfte. Eine kleine Gruppe, bewaffnet mit einer moderneren SA-18 Luftabwehrwaffe, schoss auf diesem Wege einen Kampfhubschrauber vom Typ Cobra AH-1W ab. Anbei das veröffentlichte Video vom Angriff, das ein "Lehrbuchbeispiel" für die Nutzung von MANPADs sei: