Ein Jahr nach Russland stufen USA saudischen Rebellen-Prediger in Syrien als Terroristen ein

Ein Jahr nach Russland stufen USA saudischen Rebellen-Prediger in Syrien als Terroristen ein
Mutmaßliches Bindeglied zwischen mehreren terroristischen Vereinigungen in Syrien: Al-Qaida-Prediger Abdullah el-Muhaysini wurde nun auch von den USA auf die internationale Terrorliste gesetzt.
Die USA haben den mutmaßlichen al-Qaida-Prediger Abdullah el-Muhaysini und drei weitere führende Persönlichkeiten der "syrischen Opposition" auf die Terrorliste gesetzt. Die USA scheinen eine Ausweitung ihrer Aktivitäten nach Europa für möglich zu halten.

von Ali Özkök

Die USA haben am 10. November erklärt, dass der islamistische Prediger Abdullah el-Muhaysini und drei andere Dschihadisten auf die internationale Terrorliste gesetzt werden. Alle vier werden beschuldigt, dem syrischen Ableger von al-Qaida, bekannt als al-Nusra-Front, zu dienen. Damit kommen die USA einer zentralen Forderung Russlands nach, gezielt gegen al-Nusra-Führer in Syrien vorzugehen.

Die US-amerikanische Finanzabteilung bestätigte in ihrem Bericht, dass sich die al-Nusra-Front inzwischen in Dschabhat Fatah el-Scham (JFS) umbenannt hat. Dieser Name sei jedoch nur ein neuer Deckname. Tatsächlich geändert am Verhalten der Organisation habe sich nichts.

Gewaltlose religiös-fundamentalistische Vereinigung oder Durchlauferhitzer für den Dschihadisten-Nachwuchs? Das Bundesinnenministerium hält die Vereinigung

El-Muhaysini, der aus Saudi-Arabien kommt, beteuert stets, dass er ein unabhängiger Scharia-Gelehrter mit keinen offiziellen Zugehörigkeiten zu dschihadistischen Organisationen sei. Der Analyst Thomas Joscelyn vom Long War Journal hält dies für eine bloße Schutzbehauptung. Seiner Meinung nach ist der Saudi ein hochrangiger Scharia-Gelehrter in Diensten von al-Qaida. El-Muhaysini unterhalte entgegen anders lautenden Lippenbekenntnissen zahlreiche Verbindungen zum internationalen al-Qaida-Netzwerk. Ebenso beschreibt die US-Finanzabteilung el-Muhaysini als Schlüsselfigur bei Dschabhat Fatah el-Scham. So heißt es in ihrem Bericht:

Seit dem späten Jahr 2015 ist el-Muhaysini ein akzeptiertes Mitglied des inneren Führungszirkels der al-Nusra-Front.

Er agiere als al-Nusras "religiöser Berater" und repräsentiere die Gruppe in einem "Operationsraum der syrischen Provinz Idlib".

Joscelyn erwähnt, dass der saudische Prediger seit 2015 zudem ein wichtiger Ideologe der von Ahrar al-Scham geführten Rebellenallianz Dschaisch el-Fatah (zu Deutsch: "Eroberungsarmee") sei. In dieser Zeit hatten die Rebellen die Region Idlib eingenommen. El-Muhaysini leistet außerdem zentrale Rekrutierungsarbeit für die Organisationen des Bereiches um Idlib. Er soll dabei helfen, einen dschihadistischen Staat in Nordsyrien zu errichten, berichtet die Finanzabteilung. Sie schreibt weiter:

Im April 2016 startete el-Muhaysini eine erfolgreiche Kampagne zur Rekrutierung von 3.000 Kämpfern in Nordsyrien.

Anbei zeigt RT Deutsch ein Video von der Rekrutierungskampagne des charismatischen Predigers:

Die Freiwilligen, die er rekrutierte, kamen allen aufständischen Gruppen zugute. Die US-Regierung betont jedoch, die Anstrengungen dienten vor allem der al-Nusra-Front. Auch die Rebellen der Provinz Idlib unterstützte er mit finanziellen Mitteln. Dabei "baute er Institutionen zur finanziellen Unterstützung terroristischer Gruppen auf, darunter eine hoch erfolgreiche Kampagne, die es ihm ermöglichte, fünf Millionen US-Dollar zur Bewaffnung von Kämpfern zu realisieren". Die Provinz Idlib gilt zwar als eine al-Nusra-Hochburg, aber auch als die Heimstätte der großen Rebellenorganisationen Ahrar al-Scham und Freie Syrische Armee.

Die Vergangenheit des saudischen Predigers gibt jedenfalls einen gewissen Aufschluss über seine Prägung: El-Muhaysini war ein Schüler von Suleyman el-Alwan, eines dschihadistischen Klerikers, der verantwortlich für die Indoktrination zahlreicher hochrangiger al-Qaida-Führer war. Die 9/11-Kommission in den USA kam zu dem Schluss, dass el-Alwan einen jener Attentäter instruierte, der an den Angriffen auf das World Trade Center in New York beteiligt war.

Wiederholt verteidigt el-Muhaysini den "moderateren" der insgesamt zwei einflussreichen al-Qaida-Emire, Ayman el-Zawahiri. Anfang 2014 versuchte el-Muhaysini noch, zwischen dem "Islamischen Staat", der al-Nusra-Front und Ahrar al-Scham zu vermitteln. Eine Aussöhnung konnte nicht erreicht werden, obwohl Nusra und Ahrar grundsätzlich bereit dazu gewesen wären, behauptet Joscelyn. In diesem Zusammenhang geht aus einem der populären Twitter-Accounts el-Muhaysinis hervor, dass dieser sich wiederholt zu Gesprächen mit dem hochrangigen IS-Führer Abu Ali el-Anbari traf.

Neben der al-Nusra-Front unterhält el-Muhaysini auch wohlwollende Beziehungen zu anderen al-Qaida-nahen Gruppen wie der Türkistan Islam Partisi, einer türkischsprachigen zentralasiatischen Organisation.

In folgendem Video hält el-Muhaysini beispielsweise eine Ansprache vor türkisch-stämmigen Zentralasiaten:

Im nächsten Video werden turkestanische Kämpfer als "wahre Helden des Krieges" in Syrien gelobt:

In einem Interview kommentierte der Syrien-Experte Ömer Özkizilcik, der einen besonderen Fokus auf Rebellen- und Dschihadistenbewegungen legt, hinsichtlich el-Muhaysini:

Ja, el-Muhaysini ist eine unabhängige Persönlichkeit in Syrien, die oft eine vermittelnde Rolle zwischen den diversen Rebellen- und Dschihadistenbrigaden einnimmt und sich für deren Zusammenarbeit stark macht. Er ist aber auch der oberste religiöse Berater von Dschaisch el-Fatah.

Özkizilcik erkennt an, dass der saudische Prediger "für die al-Nusra-Kämpfer in Syrien ein wichtiger Gegenspieler zum radikaleren der beiden einflussreichsten al-Qaida-Führer, Abu Muhammed el-Maqdisi, ist". El-Maqdisi sei für seine radikalen, IS-ähnlichen Ansichten in der Szene bekannt. "Die syrische al-Qaida-Organisation erhob el-Muhaysini zu dessen Gegenpol. Er spielt in diesen dschihadistischen Kreisen eine mäßigende Rolle im Rahmen der al-Nusra-Ideologie."

Mit Blick auf die Anerkennung so genannter "moderater" Rebellen wie der Freien Syrischen Armee sagte der Syrien-Analyst über el-Muhaysini:

Einer der wichtigsten islamischen Aussprüche von ihm war, dass er im Gegensatz zur al-Nusra-Front das Hissen der Flagge der Revolution für islamisch legitim ansieht. Ein FSA-Kämpfer ist nicht schlechter als ein Dschihadist der al-Nusra.

El-Muhaysini sei ein zentraler Akteur bezüglich der Überredung al-Nusras gewesen, sich organisatorisch vom al-Qaida-Netzwerk loszueisen, schloss Özkizilcik. Er warnte, dass die USA mit seiner Einstufung einen Grund für die weitere Radikalisierung von Rebellen in Nordsyrien liefern könnten:

Seine Einstufung als Terrorist wird al-Nusra von ihrem Kurs in Richtung des eher moderaten Mainstreams abbringen und weiter radikalisieren. Zudem könnte seine Rolle im Bündnis Dschaisch el-Fatah künftig hinterfragt werden. Organisationen wie Ahrar al-Scham, Feylaq el-Scham, Adschnad el-Scham und Nurreddin Zengi werden sich nicht gerne mit einem im Westen als Terroristen eingestuften Gelehrten umgeben. Seine Stellung als Berater könnte verlorengehen.

USA listen weitere drei Persönlichkeiten als Terroristen

Neben el-Muhaysini wurden Dschamal Husein Zayniyah, Abdul Dschaschari und Aschraf Ahmed Fari el-Allak in die Terrorliste aufgenommen. Zayniyah soll vergangenes Jahr der al-Nusra-Emir für den Raum el-Kalamun zwischen Syrien und dem Libanon gewesen sein. Er führte die Aufsicht über Gefangennahmen und Verhandlungen zur Freigabe von Geiseln. Die USA vermuten, er sei "für die Entführung einer Gruppe christlicher Nonnen in Maalula" in der Provinz Damaskus verantwortlich. Auch stehe er hinter einer Gefangennahme von 16 libanesischen Soldaten.

Abdul Dschaschari ist ein al-Nusra-"Militärberater", der, so die US-Regierung, dabei half, Gelder für Familien von dschihadistischen Kämpfern zu akquirieren. Der Anführer von al-Nusra, Abu Muhammed el-Dschulani, ernannte Dschaschari demnach persönlich zum Führer der al-Nusra-Militäroperationen im Sommer 2014. Er führte die Organisation auch ein Jahr später bei "Militäroperationen in Nordsyrien" an. Dschaschari ist auch als Abu Qatada el-Albani bekannt. Er ist mutmaßlich albanischer Herkunft.

Aschraf Ahmed Fari el-Allak wiederum gilt als al-Nusra-"Militärkommandeur" in Südsyrien. Er ist vor allem in der Provinz Deraa aktiv. Er diente zuvor als "Emir von Saraya und Deraa-Stadt". In diese Funktion war er verantwortlich für die "Mobilisierung von Kämpfern und Waffen".

Die offizielle Einstufung der betreffenden Personen als Terroristen lässt sich zeitlich mit der Entscheidung des scheidenden US-Präsidenten Barack Obama zusammenführen, Schlüsselfiguren von al-Nusra künftig gezielt mit Luftschlägen auszuschalten. Bislang nahmen die USA mehrheitlich nur Dschihadisten mit langjähriger al-Qaida-Vergangenheit ins Visier. Laut einem Bericht der Washington Post hat Präsident Obama "das Pentagon beordert, Führer [von al-Nusra] zu finden und zu töten, weil die Sorge besteht, dass die Gruppe Teile Syriens als eine neue Basis für Operationen in Europa nutzen könnte".

ForumVostok
MAKS 2017