Irak: Erstmals irakische Spezialeinheiten in Mossul - Spannungen mit Türkei vor­pro­gram­miert

Irak: Erstmals irakische Spezialeinheiten in Mossul - Spannungen mit Türkei vor­pro­gram­miert
Die Befreiung Mossuls vom "Islamischen Staat" rückt näher. Gleichzeitig wächst jedoch die Sorge vor einer Neuauflage von Spannungen zwischen Teheran- und Ankara-treuen Milizen.
Irakische Truppen und Verbände der Anti-IS-Koalition sind erstmals in Randgebiete Mossuls eingerückt. Unterdessen zeichnet sich eine potenzielle Eskalation konfessioneller Spannungen zwischen protürkischen und proiranischen Milizen ab.

von Ali Özkök

Irakische Spezialeinheiten sind am Montag am Stadtrand von Mossul auf das Territorium der Großstadt eingerückt, die von der Terrormiliz "Islamischer Staat" gehalten wird. Das ist der erste große Durchbruch in die zweitgrößte Stadt des Iraks, den die US-geführte Anti-IS-Koalition im Zuge der seit zwei Wochen anlaufenden Operation erreicht hat, sagte ein irakischer Kommandeur. Unterdessen droht ein Machtkampf zwischen Schiiten-Milizen und der Türkei um die Vormacht in Nordirak auszubrechen.

Sie haben Mossul betreten", gab General Wissam Aradschi vom US-trainierten Anti-Terrorismus-Kommando der irakischen Armee gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters an. "Sie kämpfen nun im Hay-Viertel von el-Karama."

Die irakische Anti-Terroreinheit setzte damit am Montag ihre Offensive an der Ostfront fort. Vergangene Woche kam es zu einem zwischenzeitlichen Halt der Offensive, um die Geländegewinne für den nächsten Vorstoß zu konsolidieren, der sich auf die Stadt selbst richten soll.

Die britischen Streitkräfte überprüfen derzeit potenzielle Teilnehmer an einem neuen Trainingsprogramm für die

"Die Operation zur Befreiung der östlichen Teile Mossuls hat begonnen", geht aus einer amtlichen Mitteilung des irakischen Militärs am frühen Montag hervor. Mossul wird vom durch die Stadt verlaufenden Tigris-Fluss in zwei fast gleich große Gebiete im Osten und im Westen aufgeteilt.

Aus einer anderen Stellungnahme geht hervor, dass kurdische Peschmerga dem IS im Norden von Mossul fünf Dörfer entreißen konnten.

Irakische Sicherheitskräfte und kurdische Peschmerga-Kämpfer, unterstützt von der US-geführten Anti-IS-Koalition zu Boden und aus der Luft, haben am 17. Oktober mit einer Offensive zur Befreiung Mossuls vom IS begonnen. Türkische Quellen bestätigen, dass auch die Ninowa-Garde, die von der türkischen Armee im umstrittenen Camp Baschika ausgebildet wurde, an der Offensive teilnimmt.

Diese Offensive wird von irakischen Spezialeinheiten angeführt. Sie werden in Mossul reingehen. Sie sind gut ausgebildet", sagte Stefanie Dekker, die auch für Al Jazeera aus dem Irak berichtet. "Der Widerstand des IS ist groß, wie mir gesagt wurde. Die IS-Kämpfer führen fortwährend Bombenanschläge und andere Angriffe aus."

Bildquelle Tuto

Auch die pro-iranische Schiiten-Organisation Haschdi Schaabi, welche mittels eines Dekrets unter den formalen Befehl Bagdads gestellt wurde, schloss sich am Samstag auf einer eigenen Route den Operationen an. Diese versucht nun, durch das Wüstengebiet westlich von Mossul auf die Turkmenen-Stadt Tel Afer vorzurücken. Offiziell heißt es, es gehe darum, den IS vom Rückzugsgebiet nach Syrien abzuschneiden. Die Offensive wird von den Organisationen Kataib Hisbullah und Asaib ehli Hak angeführt.

Laut dem Irak-Experten Kirk H. Sowell erklärt sich das Vorpreschen hingegen vielmehr mit einem tiefergreifenden Konflikt um die Vormacht im Nord-Irak zwischen dem Iran, der durch die Regierung in Bagdad und Teheran-loyalen politischen sowie militärischen Eliten agiert, und der Türkei.

Während die Zentralregierung in Bagdad ihren Einfluss über die irakischen Sunniten-Gebiete wahren möchte, nehmen sich zahlreiche Vertreter sunnitischer Eliten inzwischen ein Beispiel an den Autonomieforderungen der Kurdenregierung in Erbil. Wie auch Erbil lehnen sich sunnitische politische Eliten im Norden des Landes wie der el-Nudschaifi-Clan, der von Osama el-Nudschaifi und seinem Bruder Asil angeführt wird, oder die Irakische Turkmenen-Front unter ihrem Vorsitzenden Ersat Salihi, immer stärker an die Türkei an. Osama el-Nudschaifi war lange Zeit Vize-Präsident des Irak. Asil wiederum war bis 2015 Gouverneur der Provinz Ninewa, deren Hauptstadt Mossul ist.

Ankara verspricht den Sunniten Iraks als Regionalmacht politischen und militärischen Schutz gegenüber Bagdad sowie wirtschaftliche Prosperität. Im Gegenzug erwartet man eine politisch loyale Haltung. Kritiker werfen Ankara vor, den Konflikt im Sinne einer neo-osmanischen Außenpolitik zu instrumentalisieren. Die türkische Regierung argumentiert dagegen, auf diese Weise lediglich konfessionelle Spannungen verhindern zu wollen. Für Bagdad würde eine solche Entwicklung jedoch eine Schwächung der Zentralregierung nach sich ziehen, was der Iran insbesondere mit Blick auf die Entwicklung in Syrien nicht tolerieren möchte.

Sowell erklärt, dass die Haschdi Schaabi im Grunde genommen kein Interesse an Mosul haben, da sie dort auf eine feindlich gesinnte sunnitische Bevölkerungsmehrheit stoßen würden. Tel Afer ist die einzige Region der Provinz Ninewa, die eine nennenswerte schiitische Minderheit aufgewisen hatte, bevor der IS diese vertrieb. Haschdi Schaabi könnte versucht sein, eine "permanente Basis für Operationen in Tel Afer zu etablieren". Diese könnte der Schaffung einer "logistischen Verbindung in das benachbarte Syrien und die Stadt Hasaka" dienen. Während gegenwärtig zahlreiche irakische Schiiten-Milizen die syrische Armee auch in Aleppo mit tausenden Kämpfern unterstützen, hat sich nach Übergriffen vonseiten der kurdischen YPG die Position der al-Assad-Regierung in der ölreichen nordsyrischen Region von Hasaka stark verschlechtert.

Der Sicherheitsberater der irakischen Regierung, Faleh Fayyad, bemerkte am vergangenen Samstag, dass die Haschdi Schaabi nach Einnahme von Mossul womöglich weiter nach Syrien vorrücken könnten.

Bildquelle: army.mil

Das Vorrücken der schiitischen Milizen löst in der Türkei Sorgen aus, weil es sich bei den Einwohnern von Tel Afar und der umliegenden Region eben um mehrheitlich turkmenische Stämme handelt. Diese sind historisch und kulturell sehr eng mit den Türken Anatoliens verwandt. Traditionell betrachtet sich Ankara als Schutzmacht der irakischen Minderheit. In der türkischen Medienlandschaft artikulieren Kolumnisten beinahe tagtäglich Befürchtungen, dass es zu heftigen Kämpfen zwischen den Religionsgruppen im Raum Tel Afer kommen könnte.

Die Türkei möchte bei der Rückkehr von schiitischen Turkmenen nach Tel Afar helfen, sie warnt jedoch, dass diese sich an den Sunniten für die Taten des IS rächen könnten. Seit 2014 werden die Turkmenen der Region vom IS unterdrückt. Mit Beginn der Okkupation fiel die Bevölkerung in Tel Afer von ehemals 500.000 Bürgern auf wenige 50.000.

Laut Haschdi-Schaabi-Meldungen wurden 3.000 Kämpfer für den Vormarsch auf Tel Afer bereitgestellt. Die türkische Tageszeitung zitierte Militärquellen, wonach der bekannte Kommandeur der iranischen Revolutionsgarden, Kassim Suleimani, eine Offensive in der irakischen Stadt Suleymaniyeh plane.

Am Samstag reagierte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan mit scharfen Warnungen:

Wenn die Haschdi Schaabi Terror in Tel Afer verbreiten, wird unsere Antwort darauf eine andere sein.

Außerdem wurde publik, dass die Türkei ihre Truppenstationierungen in der türkischen Stadt Silopi wegen der Haschdi-Schaabi-Offensive signifikant ausbauen werde. Von Silopi aus brauchen türkische Truppen durch das Kurden-Gebiet des Präsidenten Massud Barzani, der mit Ankara verbündet ist, weniger als zwei Stunden bis nach Tel Afer. Eine Eskalation im Schatten der Kämpfe zur Befreiung Mossuls zwischen Ankara und Bagdad sei wahrscheinlich, fürchtet Sowell.

Auch in Mossul leben bis zu 1,5 Millionen Bürger. Die Kämpfe um die Stadt werden mit jedem Kilometer, den die irakischen Truppen auf IS-Stellungen vorrücken, heftiger. Ein Häuserkampf um Mossul droht auszubrechen, was die Anwohner der Gefahr einer Vertreibung aussetzt. Im schlimmsten Fall könnten laut Hochrechnungen der Vereinten Nationen bis zu eine Million Iraker vertrieben werden. Bereits jetzt seien 17.500 Menschen geflüchtet.