Mythos Shimon Peres - Teil 2: "Vater" der israelischen Atombombe

Mythos Shimon Peres - Teil 2:  "Vater" der israelischen Atombombe
Als es darum ging, Frankreich von einer Unterstützung des israelischen Atomprogramms zu überzeugen, zog Shimon Peres in Paris alle denkbaren Register. Am Ende konnte nicht einmal mehr De Gaulle den Aufstieg des Landes zur Atommacht verhindern.

von Zlatko Percinic

Shimon Peres und die neue Außenministerin Golda Meir verstanden sehr wohl, dass das Projekt Sinai zwar gescheitert ist, aber man noch andere Geschäfte mit Frankreich geplant hatte, um die man nun fürchtete.

Nachdem die Drohung eines Militärschlages gegen Israel aus Moskau eingetroffen war, war klar, dass sich die Franzosen und Briten aus dem Schlamassel zurückziehen würden, um sich neu zu positionieren. Bereits am nächsten Morgen saßen Shimon Peres und Golda Meir im Flugzeug nach Paris, um sich mit Ministerpräsident Guy Mollet und Verteidigungsminister Bourgès-Maunoury zu treffen. Die Israelis wollten die Franzosen an ihr Versprechen von Sèvres erinnern, das Versprechen des Aufbaus eines Atomprogramms für Israel. Die Franzosen standen zu ihrem Wort und dieses Mal gab es sogar eine Absichtserklärung, die Peres und Meir auf ihre Rückreise nach Tel Aviv mitnehmen konnten.

Shimon Peres gehörte zur Generation jener Politiker, die bereits vor der offiziellen Gründung Israels zu dessen prägenden Kräften zählten.

Es sollten aber noch weitere acht Monate vergehen, bis die Verhandlungen in einer für alle Parteien annähernd zufriedenstellenden Weise gelöst wurden. Ausgerechnet der Fall der Regierung von Guy Mollet im Juni 1957 und die Wahl von Maurice Bourgès-Maunoury zum Ministerpräsidenten brachten die entscheidende Wende für Peres und Israel. Dies lag aber nicht daran, dass man sich geeinigt hätte, sondern vor allem daran, dass die Regierung von Bourgès-Maunoury bereits Ende September wieder zerbrach und auf diese Weise nur noch ein kleines Zeitfenster für einen Abschluss mit Israel offen blieb. Also flog Shimon Peres Anfang September wieder nach Paris, um das künftige Atomprogramm für Israel zu sichern.

Der Ministerpräsident war nach wie vor gewillt, die entsprechenden Bausteine für ein israelisches Atomprogramm zu liefern, aber er wollte diesen Schritt angesichts des sich abzeichnenden Zusammenbruchs seiner Regierung nicht allein durchziehen. Es ging um eine Verteilung der Verantwortlichkeit und im Bedarfsfall auch der Schuld. Bourgès-Maunoury wollte deshalb auch die Unterschrift von Guy Mollet (der in seiner Regierung Koalitionspartner war) und Außenminister Christian Pineau auf dem Vertrag haben.

Das große Problem aber war, dass der Ministerpräsident zwar wusste, was Israel mit dem Atomprogramm vorhatte, die anderen es aber nur vermuteten und sich gegen diese Vermutung abzusichern versuchten. Außenminister Pineau wollte auf gar keinen Fall, dass Israel in den Besitz einer Atombombe gelangt. Guy Mollet machte seine Entscheidung von der Meinung des französischen Chefs der Atomenergiebehörde AEC abhängig. Es sah für Peres also nicht sonderlich gut aus, zumal der Druck von Tag zu Tag wuchs und er genau wusste, dass Israel auf die Hilfe von Frankreich nicht zählen konnte, wenn dessen Regierung erst einmal auseinandergebrochen ist. Aus diesem Grund entschied sich Peres dazu, die (vermeintlichen) Interessen Israels, oder vielmehr die Interessen Ben-Gurions, zu wahren, und auf moralische Bedenken im Umgang mit seinen französischen Verhandlungspartnern zu verzichten.

Das Problem mit Außenminister Pineau löste Peres auf eine höchst fragwürdige, aber pragmatische und vor allem effiziente Art und Weise: Er übte sich in kreativem Wahrheitsmanagement. Peres versicherte Pineau, dass das israelische Atomprogramm nur für zivile Zwecke gebraucht werde, um sich von arabischem Öl unabhängiger machen zu können, und dass nicht an einer Atombombe gebastelt werden würde.

AEC-Chef Francis Perrin wiederum wurde von Abel Thomas überzeugt, der ihm mitteilte, dass es auch französischen Interessen dienen würde, wenn Israel über ein Atomprogramm verfügt, da dadurch gemeinsame Forschungsprojekte möglich werden würden. Anschließend wandte sich der AEC-Chef auf Grundlage der Angaben von Thomas an Guy Mollet und sagte ihm, "wir [Frankreich] werden Israel die Atombombe geben müssen".

Am 30. September 1957 brach die Regierung schließlich auseinander und das Volk wählte einen Helden aus dem Zweiten Weltkrieg an die Spitze der Macht: General Charles de Gaulle.

Als de Gaulle erfuhr, wie der Atomvertrag zwischen Frankreich und Israel zustandegekommen war und wie stark verwoben die Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Atomforschung zwischen den beiden Ländern wurde - so verwoben, dass sogar israelische Wissenschaftler in den Büros der französischen AEC-Forschungsanlagen ein- und ausgingen -, versuchte er einen Schlussstrich zu setzen und diese Art von Kooperation zu unterbinden.

Er lud zu diesem Zweck David Ben-Gurion nach Paris ein, um sich mit ihm über das Atomprogramm zu unterhalten. De Gaulle wollte von Ben-Gurion eine ehrliche Antwort auf seine Frage, wozu denn Israel tatsächlich einen Nuklearreaktor brauchen würde. Aber wie bereits zuvor Peres dem Minister Pineau log auch David Ben-Gurion dem französischen Staatschef ins Gesicht, als er ihm sagte, dass "der jüdische Staat nicht darauf aus ist, Nuklearwaffen zu entwickeln. Der Reaktor würde nur für friedliche Forschung benutzt werden."

De Gaulle glaubte dem alten Mann aus Israel nicht. Am 21. August 1960 informierte das französische Verteidigungsministerium den israelischen Botschafter in Paris über die Entscheidung der Regierung, die gesamte Kooperation auf dem Gebiet des Atomgeschäfts, also in der Forschung und Lieferung, per sofort einzustellen.

In Jerusalem war man geschockt. Ben-Gurion brauchte ganze drei Monate, um zusammen mit Shimon Peres und den anderen Eingeweihten eine Antwort auf diesen Entschluss Frankreichs zu finden.

Ende November reiste Shimon Peres auf eine neuerliche delikate Mission nach Paris, um sich mit Maurice Couve de Murville zu treffen, dem Außenminister in der Regierung von Charles de Gaulle. Peres hatte nicht vor, lange Verhandlungen mit dem Franzosen zu führen, sondern kam relativ schnell zum Punkt - und erpresste Frankreich.

Peres drohte damit, die Namen jener französischen Unternehmen zu veröffentlichen, die an dem Bau des Reaktors beteiligt waren, sollte sich Frankreich tatsächlich aus dem "Geschäft" rund um den Dimona-Reaktor in der Negev-Wüste zurückziehen. Dies hätte die betreffenden Unternehmen unweigerlich dem Zorn und in weiterer Folge dem möglichen Boykott vonseiten des wichtigen arabischen Marktes ausgeliefert.

Es blieb Frankreich schließlich nichts anderes übrig, als sich zu einem Kompromiss mit Israel bereitzuerklären, sofern man die Konsequenzen dieser Beteiligung nicht tragen wollte. Der ausgehandelte Kompromiss sah vor, dass Frankreich sich zwar offiziell aus Israel zurückziehen würde, aber die französischen Unternehmen ihre Arbeit beenden könnten. Frankreich würde seine Forderungen nach internationalen Inspektionen der israelischen Anlagen fallen lassen, und Israel würde in der Öffentlichkeit weiterhin den friedlichen Aspekt der Atomforschung betonen.

Es war ein seltsames Schauspiel zwischen Täuschung, Überzeugung, Übertreibung und Drohung, das Shimon Peres in den Septembertagen des Jahres 1957 sowie drei Jahre später erneut in Paris aufführen sollte, um Israel auf den Weg zur einzigen Atommacht im Mittleren Osten zu bringen. Ohne Peres und dessen situationsadäquates Schalten zwischen Diplomatie, List und Drohung wäre es für Israel um ein Vielfaches schwieriger gewesen, diesen Plan in die Tat umzusetzen. Möglicherweise wäre es sogar ganz und gar unmöglich gewesen. Das wusste auch David Ben-Gurion und belohnte Peres dafür im Dezember 1959 mit dem Aufstieg zum Vize-Verteidigungsminister.