Mythos Shimon Peres - Teil 1

Shimon Peres gehörte zur Generation jener Politiker, die bereits vor der offiziellen Gründung Israels zu dessen prägenden Kräften zählten.
Shimon Peres gehörte zur Generation jener Politiker, die bereits vor der offiziellen Gründung Israels zu dessen prägenden Kräften zählten.
Im Alter von 93 Jahren starb am Dienstag Friedensnobelpreisträger Shimon Peres. Der ehemalige israelische Präsident, von manchen liebevoll "Vater Israels" genannt, hat ohne Zweifel nicht nur Israel geprägt, sondern auch die Weltgeschichte.

von Zlatko Percinic

Für viele war Shimon Peres ein Staatsmann, der epochale Entwicklungen auf den Weg gebracht hat. Vielerorts wird jedoch auch auf politische Entscheidungen hingewiesen, die er veranlasst hat und die ihm weniger zum Ruhm gereichten. In diesem Artikel sollen auch diese Faktoren zur Sprache kommen. Dabei geht es nicht darum, die Leistungen eines großen Staatsmannes zu schmälern, sondern auf diese auch einen kritischen Blick zu werfen. Shimon Peres hat die Weltgeschichte geprägt. Er wird dies auch noch im Tode tun. Was aber steckt hinter den Mythos Shimon Peres, der zu Lebzeiten bereits zu einer Legende wurde?

Unter den Diplomaten dieser Welt war Peres stets ein willkommener Gast in den verschiedenen Hauptstädten. Und das liegt nicht nur an seinem hohen Alter. Seine Aussagen von Demokratie, Frieden mit den Palästinensern, seine Kritik an dem israelischen Siedlungsbau auf völkerrechtlich umstrittenem Grund und Boden oder dem Unwillen zum Frieden in Teilen der israelischen Regierung: Solche Worte sind wie Balsam auf die Seelen der westlichen Regierungschefs, Außenminister und Staatspräsidenten, die ansonsten mit den eher schroffen Ansagen des derzeitigen Ministerpräsidenten Benjamin Netanyahu vorliebnehmen müssen.

Ungeklärte Gebietsstreitigkeiten und die stetige Gefahr militärischer Eskalationen zwischen Israel und den Palästinensergruppen lähmen die Wirtschaft und schädigen vor allem die palästinensische Zivilbevölkerung.

Das Amt des Staatspräsidenten, das Shimon Peres von 2007 bis 2014 bekleidete, ist in Israel ähnlich wie in Deutschland aufgebaut: Der Präsident verfügt über keinerlei Machtbefugnisse gegenüber der Regierung, darf aber in der Welt ein gutes Bild seines Landes zeichnen und muss manchmal die harten Entscheidungen seiner Regierung mit schönen Worten rechtfertigen. Etwas abwertend und polemisch ausgedrückt, ist der Staatspräsident so etwas wie der Feuerwehrmann seiner Regierung.

Shimon Peres konnte aber auch anders. Es ist kein Geheimnis, dass ihm in seiner langen Zeit als Politiker, auf sämtlichen wichtigen Ministerposten in Israel, die er bekleidet hatte, der heutige Ministerpräsident Netanyahu als damals noch Oppositionspolitiker ein Dorn im Auge war. Peres ließ es sich dann im Frühling auch nicht nehmen, Netanyahu persönlich dafür verantwortlich zu halten, dass er bereits 2011 einen angeblich fast fertig ausgehandelten Friedensvertrag mit den Palästinensern in den Jordan beförderte, nachdem auch dieser vorerst letzte ernsthafre Versuch eines "Friedensprozesses" von Netanyahus Koalition sabotiert worden war.

Bei Auftritten vor einem Weltpublikum war Shimon Peres absolut in seinem Element, wie zuletzt auch beim Besuch von Papst Franziskus  im "Heiligen Land". Schauen wir doch mal kurz in die Rede von Peres, die er NACH dem historischen, höchst symbolträchtigen und darüber hinaus auch völlig ungeplanten Stopp des Papstes Franziskus beim israelischen Trennungswall von den palästinensischen Autonomiegebieten in der Nähe von Bethlehem gehalten hat:

Eure Heiligkeit, Sie sind angekommen im Staat Israel, wo heute Mitglieder verschiedener Religionen und Nationalitäten zusammenleben; Juden, Christen, Muslime, Drusen und Tscherkessen. Israel ist ein jüdischer und demokratischer Staat, wo die Koexistenz in Frieden implementiert wurde, und ein Staat, der sich um Frieden mit all seinen Nachbarn bemüht. Selbst wenn Frieden nach Aufopferung verlangt: Die Opfer für den Frieden sind der Gefahr eines Krieges vorzuziehen. Unsere Hand ist in Frieden ausgestreckt und wird auch in Frieden ausgestreckt bleiben, und wir sollen den richtigen Weg aussuchen, um ihn [den Frieden; d. Red.] zu erreichen. Israel ist ein Staat, in welchem es keine religiöse Nötigung oder anti-religiöse Auswüchse gibt, und wo das Recht zur freien Religionsausübung respektiert wird. Wir sind für deren Implementation verantwortlich, und wir dürfen es niemandem erlauben, diese Verpflichtung zu verletzen. 

Wir sind stolz auf die pluralistische Natur unserer Gesellschaft, wir respektieren alle unsere Bürger, unabhängig von Religion und Nationalität."

Das sind genau die Worte, die einem Staatspräsidenten gut zu Gesicht stehen und die auch in Washington, London, Paris und Berlin mit Wohlwollen aufgenommen werden.

Nur wollen sie bisweilen einfach nicht so Recht zu den tatsächlichen Umständen passen. Noch kurz bevor Shimon Peres diese schöne Rede hielt, hielt sein Gast aus dem Vatikan, immerhin religiöses Oberhaupt für über 1,2 Milliarden Menschen, vor der Sperranlage bei Bethlehem an und betete. Während des offiziellen Empfangs bei Palästinenserpräsidenten Mahmoud Abbas erklärte Papst Franziskus, dass "die Zeit gekommen ist, um dieser Situation ein Ende zu bereiten, welche zunehmend unakzeptabel geworden ist". Gemeint war damit die Besetzung völkerrechtlich umstrittener Gebiete durch Israel und von Restriktionen, die unterschiedslos die palästinensische Bevölkerung treffen. Für lange Gesichter in der Regierung Netanyahu dürfte auch die halb-offizielle Anerkennung des "Staates Palästina" durch den Vatikan gesorgt haben, als Papst Franziskus seinen Gastgeber Abbas als "Präsidenten des Staates von Palästina" bezeichnete.

Für die meisten Menschen sind solche Reden des Ex-Präsidenten Shimon Peres der Beweis dafür, dass negative Berichte über Israel, wie man sie auf vielen Blogs - und auch in europäischen Medien - vorfindet, stark übertrieben sind. Wie ließen sich schon Berichte, in denen behauptet wird, in Israel gäbe es systematische Unterdrückung, Ermordung, Vertreibung, Zerstörung und Kolonisierung, mit dem Bild vereinbaren, welches von Shimon Peres bei unzähligen internationalen Auftritten sorgfältig gezeichnet wird?

Die Antwort darauf ist simpel und komplex zugleich. Shimon Peres ist nicht nur Teil eines Systems, welches darauf bedacht ist, Rechtsbrüche zu vertuschen und nach außen hin ein blumiges Bild vob sich selbst zu zeichnen, sondern er war auch ein Mann, der das System entscheidend geprägt hat.

Wer ist Shimon Peres?

Es soll hier keine Biografie des ehemaligen Staatspräsidenten von Israel geschrieben werden, dafür gibt es genügend andere Bücher. Es sollen aber dennoch kurz einige Entwicklungen aufgezeigt werden, in welche Shimon Peres involviert war, die in der jungen Geschichte des Staates Israel von absolut großer Bedeutung waren, und die den Staat nachhaltig geprägt haben.

Shimon Peres, beziehungsweise Shimon Persky, kam 1934 als elfjähriger Junge mit seinen Eltern aus Osteuropa nach Palästina. Kaum angekommen, wurden Shimon, sein Bruder und seine Eltern durch die Jewish Agency nach Ben Shemen geschickt. Ben Shemen war zu dem Zeitpunkt eines der ersten "Jugenddörfer", in die insbesondere Kinder und Jugendliche entsandt wurden, die vor Pogromen in Osteuropa fliehen konnten. Dort schloss sich der junge Shimon schnell der Jugendorganisation einer der bedeutsamsten jüdischen Organisationen an. Er entwickelte sich schnell zum Instruktor in der sozialistischen Mapai und erregte so die Aufmerksamkeit des Anführers der Organisation, David Ben-Gurion. Ben-Gurion war nicht nur von Shimons Fähigkeit als Organisator beeindruckt, die beiden verband auch die "alte Heimat" Polen. Ben-Gurion selbst war 28 Jahre vor Shimon Persky als David Grün nach Palästina gekommen.

Der ältere David Ben-Gurion nahm den jungen Shimon Persky unter seine Fittiche und gab ihm einen Job als persönlicher Sekretär. In dieser Funktion sollte der nun ins Hebräische umgetaufte Shimon Peres - diese Namensänderungen erfolgen nach Wahl - die Beschaffung von Waffen und anderem Kriegsgerät nach Palästina überwachen. Obwohl die Waffenlieferungen an die zionistischen Milizen wie Hagana, Irgun oder die Stern-Gang gemäß den britischen Gesetzen im Mandatsgebiet von Palästina verboten waren, fanden sich immer wieder Mittel und Wege, diese Verbote zu umgehen. David Ben-Gurion fing bereits 1945 damit an, die zionistische Führung und die Hagana, den militärischen Flügel der Jewish Agency in Palästina, auf einen möglichen Krieg gegen die Araber vorzubereiten.

Am 1. Juli 1945 traf sich Ben-Gurion im Haus von Rudolf S. Sonneborn in New York mit 17 anderen von der zionistischen Idee begeisterten Juden zu einem Geheimtreffen. Was diese "Geheimgesellschaft" verband, war nicht nur ihr Glaube, sondern auch die Tatsache, dass sie allesamt mindestens Millionäre waren und entschlossen waren, alles zu tun, um die jüdischen Nationalbewegung zu unterstützen. David Ben-Gurion verlangte Millionen von US-Dollar für Waffenkäufe, welche an diesem ersten Julitag im Sommer 1945 auch genehmigt wurden. Die erste Lieferung verließ New York im Januar 1946 in Richtung Palästina, nur ein Jahr später waren es bereits 950 Lieferungen.

Shimon Peres oblag die Verantwortung für die Koordination dieser Waffenlieferungen, während Teddy Kollek, später langjähriger Bürgermeister von Jerusalem, das "Tagesgeschäft" von New York aus leitete. Als dann gegen Ende 1947 Zusammenstöße mit der arabischen Bevölkerung und beiderseitige Vertreibungen begannen, weigerte sich Peres, an Kampfhandlungen teilzunehmen und liess sich von Levi Eshkol, dem späteren Ministerpräsidenten Israels, für verschiedene Arbeiten im Hauptquartier der Hagana im Zivilbereich einspannen. Dass sich Shimon Peres weigerte, an Kampfhandlungen teilzunehmen, wurde ihm von der stark militarisierten Elite nie wirklich verziehen. Im Jahr 1949 wurde er nach New York versetzt, um dort für das Verteidigungsministerium die notwendigen Netzwerke aufzubauen. Nach seiner Rückkehr aus New York im Jahre 1952 wurde Peres trotz mangelnder militärischen Erfahrungen von David Ben-Gurion, dem ersten Ministerpräsidenten des Staates Israel, zum Vize-Direktor des Verteidigungsministeriums befördert. Ein Jahr später war Peres bereits Generaldirektor.

Der Generaldirektor des Verteidigungsministeriums verstand es wie kein Zweiter, seine mangelnde Erfahrung mit Eifer für Projekte auszugleichen, die von David Ben-Gurion zum Kern der nationalen Sicherheit erhoben wurden. Darunter war auch das Atomwaffenprojekt.

Schon früh interessierte sich David Ben-Gurion für diese "Wunderwaffe", erst recht, nachdem er von den verheerenden Folgen der Atombombenabwürfe über Hiroshima und Nagasaki erfahren hatte. Ab diesem Zeitpunkt war für Ben-Gurion klar, dass auch das von feindseligen und teilweise aggressiven Mächten umgebene Israel über solche Waffen verfügen müsse. Er lud die Spitzenwissenschaftler des Manhattan Project nach Tel Aviv ein, wo Robert Oppenheimer und Edward Teller 1952 die ersten Gespräche mit David Ben-Gurion führten. Diese Gespräche ebneten den Weg für Israel, um am Programm "Atoms for Peace" des US-Präsidenten Dwight D. Eisenhower teilzunehmen.

Im Juli 1955 wurde ein Vertrag zwischen den USA und Israel unterzeichnet, in dem sich Washington verpflichtete, einen kleinen 5000-Kilowatt-Reaktor für Forschungszwecke zu liefern. Doch die israelischen Wissenschaftler waren mit diesem sogenannten "Swimmingpool-Reaktor" nicht zufrieden, da sie auf die Produktion von waffenfähigem Plutonium aus waren. Weitere Anfragen zur Ausweitung des Programms wurden von Washington jedoch abgelehnt.

Hier kam Shimon Peres wieder zum Zug. Er überzeugte 1955 den eben erst aus seiner zweijährigen "Auszeit" zurückgekommenen David Ben-Gurion, dass Israel mit Frankreich Geheimgespräche führen sollte, weil sich dort "Elemente" im Innenministerium befinden würden, die dem jüdischen Volk und insbesondere Israel mehr als freundlich gesinnt seien. Und tatsächlich: Im April 1955 wurde Shimon Peres nach Paris entsandt, um mit den Franzosen eine Übereinkunft zur Lieferung von Waffen und schwerem Kriegsgerät zu erreichen. Außer guten Gesprächen und guten Kontakten in die französische Regierung erreichte Peres zunächst jedoch nichts. Auch die zweite Reise nach Paris im Mai 1955, mit einer konkreten Wunschliste an Waffen, war nicht mit Erfolg gekrönt.

Erst die Entwicklung in Algerien, wo mit der Nationalen Befreiungsfront (FLN = Front de Liberation Nationale) ein Gegner für die Kolonialmacht Frankreich entstand, sorgte dafür, dass sich plötzlich gemeinsame Interessen zwischen Frankreich und Israel entwickelten. Denn Paris vermutete hinter dem vermeintlich plötzlichen Aufstand gegen die Kolonialmacht eine Zusammenarbeit zwischen der algerischen FLN und dem neuen starken Mann in Ägypten, Gamal Abdel Nasser. Der charismatische Anführer der "Freien Offiziere", verlangte eine grundlegende Reformation der arabischen Welt, im Zuge derer sich jedes Land der Fesseln der Kolonisierung entledigen sollte. Für Paris war damit klar, dass Gamal Abdel Nasser somit eine unmittelbare Bedrohung für Frankreich darstellte.

Diese Sorgen teilte Israel nicht. Aber die Nachricht, dass die Tschechoslowakei einen grossen Waffendeal mit Ägypten verhandelte, bereitete den Generälen und der Regierung von David Ben-Gurion umso größere Angst. Angesichts der - aus israelischer Sicht - Verschlechterung der Sicherheitslage an der Grenze zu Ägypten, welche sich zu diesem Zeitpunkt am Gaza-Streifen befand, bedeutete eine massive Aufstockung der ägyptischen Streitkräfte unter der Führung Nassers für Jerusalem eine imminente, wenngleich zum damaligen Zeitpunkt nur eine angenommene Bedrohung.

Wie es die Ironie des Schicksals wollte, stellte ausgerechnet der ägyptische Präsident den gemeinsamen Nenner für Frankreich und Israel dar. Paris wollte wissen, wer hinter dem Aufstand in Algerien steckte, und solche Informationen konnte Israel durch sein Netzwerk in den Maghreb-Staaten liefern. Jerusalem hingegen wollte High-Tech-Waffensysteme haben, die es von den USA oder Grossbritannien nicht erhielt.

Also reiste Shimon Peres erneut im September 1955 nach Paris und traf sich dort mit einem engen Vertrauten von Innenminister Maurice Bourgès-Maunoury, dessen Ministerium für Algerien verantwortlich war. Dieser enge Vertraute war Abel Thomas, der Bürochef des Innenministers. Und noch etwas verband diese Männer, etwas, was nicht so greifbar war wie beispielsweise ein gemeinsamer Feind oder gemeinsame Interessen: Obwohl Abel Thomas, oder auch der Innenminister selbst keine Juden waren, erlebten sie selbst den Horror des Nazi-Regimes. Der Bruder von Abel Thomas kam in einem Nazi-Konzentrationslager ums Leben, er selbst kämpfte an der Seite von General Charles de Gaulle und den Freien Französischen Streitkräften gegen Hitler. Das war das tatsächliche Band, welches Abel Thomas, Maurice Bourgès-Maunoury und Shimon Peres verband, obwohl Peres nie an irgendwelchen Kampfhandlungen teilgenommen hatte.

Die Männer vereinbarten, dass ihre Treffen und Abmachungen geheim bleiben sollten. Weder das französische Außenministerium noch das israelische wussten von diesen Treffen. Es waren lediglich David Ben-Gurion, der Stabschef der israelischen Streitkräfte, Moshe Dayan, und natürlich Shimon Peres auf Israels Seite involviert.

Als in Frankreich die Regierung unter Ministerpräsident Edgar Faure aufgrund des enormen Drucks der französischen Siedler in Algerien im November 1955 auseinanderbrach, war Shimon Peres wieder in Paris. Er blieb bis zu den Neuwahlen, um die entscheidenden Kontakte zu zementieren. Er setzte seine ganze Hoffnung auf Guy Mollet, der wie Abel Thomas ein ehemaliger Kämpfer der Freien Französischen Streitkräfte war, und sicherte sich ein Versprechen von Mollet, mit neuesten Kampfflugzeugen und Panzer versorgt zu werden, sollte Mollet die Wahl gewinnen.

Peres' Taktieren sollte belohnt werden, als Guy Mollet tatsächlich die Wahl zum neuen Ministerpräsidenten für sich entscheiden konnte. Verteidigungsminister wurde Maurice Bourgès-Maunoury, der sich umgehend für eine Lieferung von französischen Mystère-Kampfjets an Israel aussprach. Doch das Außenministerium nahm aus Angst vor dem von den USA verhängten Waffenembargo für den Nahen Osten eine andere Haltung ein und weigerte sich, Israel mit solchem Kriegsgerät auszustatten. Von dieser Haltung ließ sich das Verteidigungsministerium jedoch nicht beeindrucken und entschied, in diesem besonderen Fall eine "unabhängige Politik" mit Rückendeckung des Ministerpräsidenten zu verfolgen.

Der 23. Juli 1956 war dann der große Tag des Shimon Peres. Wieder traf er sich mit einer ganzen Delegation von israelischen und französischen Generälen in Paris, um über potenzielle Rüstungsgeschäfte zu verhandeln. Peres präsentierte eine Wunschliste, die eine Maximalforderung darstellte und eher ein Ausgangspunkt für Verhandlungen sein sollte:

200 Panzer, 72 Mystère-Kampfjets, 10.000 Panzerabwehrraketen und 40.000 Mörsergranaten.

Zur Überraschung aller sagte Colonel Louis Mangin, der Bürochef des Verteidigungsministers Bourgès-Maunoury, dass man den Vertrag doch exakt so, wie es dastand, unter Dach und Fach bringen sollte. Die israelische Delegation war verblüfft, aber Shimon Peres erkannte umgehend diese einmalige Chance: Obwohl er gar keine Befugnis hatte, irgendwelche Rüstungsgeschäfte zu unterzeichnen, und die Regierung in Tel Aviv davon keine Kenntnis besass, erklärte er sich vor einem unruhigen Moshe Dayan bereit, seine Unterschrift unter den Vertrag zu setzen. "Ich wollte mir diese Chance nicht entgehen lassen", erklärte Peres Jahre später.

Verschwörung zum Sinai-Feldzug gegen Ägypten

Nur drei Tage nach dem Sensationsdeal von Paris führte eine Nachricht aus Kairo dazu, dass die westlichen Staaten - insbesondere aber Frankreich und Grossbritannien - in Schockstarre verfielen. Gamal Abdel Nasser verkündete am 26. Juli die Verstaatlichung des Suez-Kanals, nachdem sich die USA und Grossbritannien geweigert hatten, vereinbarungsgemäß den Assuan-Staudamm zu finanzieren. Der Suez-Kanal "gehörte" seit der absichtlich herbeigeführten Verschuldung der ägyptischen Monarchie 1875 der britischen Krone, später beteiligte sich auch die französische Regierung an den Kosten und erlang so eine Teilhaberschaft an der Universal Suez Ship Canal Company.

Mit der Verstaatlichung des Kanals wollte Nasser nicht nur den anderen arabischen Ländern beweisen, dass man sich von der Kolonisierung des eigenen Landes befreien konnte, sondern er versuchte, die Transitgebühren, die von nun an für die Durchquerung des Suez-Kanals zu bezahlen waren, für den Bau des Assuan-Staudamms zu benutzen. Mit diesem Schritt allerdings bekräftigte Nasser die schlimmsten Befürchtungen in London und Paris, die den ägyptischen Präsidenten bereits mit Hitler verglichen.

Bereits am 27. Juli, einen Tag nach der Verstaatlichung des Kanals, lud der französische Verteidigungsminister Bourgès-Maunoury Shimon Peres zu einem Treffen im Generalstab der Armee ein. Unverblümt fragte er Peres, wie lange Israel brauchen würde, um die Sinai-Halbinsel zu überrennen, und ob er (also Israel) überhaupt daran interessiert wäre, den Sinai zu erobern. Peres bejahte die letzte Frage und gab an, dass "Israels Truppen zwei Wochen brauchen würden", ohne vorher irgendwelche Pläne mit dem israelischen Generalstab abgesprochen zu haben.

Frankreich wollte Krieg, aber es fehlten noch die Alliierten. Moshe Dayan lag Ben-Gurion schon einige Zeit in den Ohren und versuchte ihn von einem Erstschlag gegen Ägypten zu überzeugen. Er ließ auch die französischen Generäle wissen, dass er am liebsten losschlagen würde. Also wandte sich Paris logischerweise an London. Immerhin teilten sich die beiden Länder die Konzession für den Suez-Kanal, und Frankreich schlug einen gemeinsamen Angriff auf Ägypten vor. Die Briten zeigten sich grundsätzlich bereit für solch einen Angriff, wollten aber nicht als Aggressor dastehen. Dieser Schwarze Peter sollte Israel zufallen. Genau davor fürchtete sich aber David Ben-Gurion, umso mehr, als Israel sich gerade heftige Scharmützel mit Jordanien lieferte und Großbritannien signalisierte, im Rahmen des Verteidigungspakts mit Jordanien diesem zu Hilfe zu eilen, um die israelischen Angriffe auf jordanische Positionen zu stoppen.

Es war ein paradoxes Dilemma für Ben-Gurion: Einerseits wollte auch er diesen Krieg gegen Nasser, weil er sich vor den Konsequenzen der ägyptischen Aufrüstung fürchtete, dafür brauchte er aber Frankreich UND Grossbritannien. Andererseits aber drohte ihm der gleiche potenzielle Alliierteim Falle eines Krieg gegen Ägypten selbst mit einem Krieg wegen Jordanien.

Die französische Regierung versicherte Ben-Gurion aber, dass man die Briten schon dazu bringen würde, nichts gegen Israel zu unternehmen, wenn sich Israel dafür im Gegenzug für diesen Krieg gegen Gamal Abdel Nasser einspannen liesse. Noch nicht endgültig überzeugt, stimmte Ben-Gurion einem geheimen Gipfeltreffen mit britischen, französischen und israelischen Vertretern im französischen Sèvres am 21. Oktober 1956 zu. Auf israelischer Seite reisten nur David Ben-Gurion, Moshe Dayan und Shimon Peres in den Vorort von Paris.

Die Israelis präsentierten den anderen Teilnehmern ihre Bedingungen für einen Einsatz israelischer Truppen:

1. Israel darf nach eigenem Ermessen den Suez-Kanal benutzen.

2. Israel darf die Meerenge von Tiran frei benutzen.

3. Israel erhält die Kontrolle über den Landkorridor entlang des Roten Meers vom israelischen Eilat bis nach Sharm el-Sheikh.

Das war nur der Teil, der für alle Ohren bestimmt war. Als sich am Abend die britische Delegation in ihre Hotelzimmer zurückgezogen hatte, diskutierten Shimon Peres und die Franzosen noch weiter. Es gab noch eine Bedingung, diese betraf aber ausschließlich Frankreich und Israel selbst. Israel wollte ein Atomprogramm, und Frankreich sollte die notwendigen Bausteine dafür liefern. Verteidigungsminister Bourgès-Maunoury und Außenminister Christian Pineau segneten auch diese Forderung ab.

Am 24. Oktober wurde der Geheimvertrag von Sèvres von Grossbritannien, Frankreich und Israel unterzeichnet. Der Plan sah vor, dass Israel die Sinai-Halbinsel überrennt und bis ans Ostufer des Suez-Kanals vorrückt. Großbritannien und Frankreich würden Israel als Aggressor ein Ultimatum zum Abzug vom Suez-Kanal stellen, genauso wie sie es von den ägyptischen Truppen auf der Westseite des Suez verlangen würden, um eine "neutrale Zone" schaffen zu können. Die Planer gingen davon aus, dass sich Nasser diesem Ultimatum nicht beugen würde und somit ein Grund zum Eingreifen der britischen und französischen Luftwaffe und Fallschirmjäger gegeben wäre. Am Ende würden alle Parteien das erhalten, was sie haben wollten, zum Preis einer internationalen Verurteilung Israels - die aber ohnehin ohne Konsequenzen bleiben würde.

Man rechnete zwar mit einer scharfen Reaktion aus Moskau, aber da der Plan der Verschwörer ihrer Meinung nach auch Washingtons Interessen entsprach, würde die eine Supermacht die andere in Schach halten und der Fall wäre erledigt gewesen. Man hielt es auch nicht für nötig, die USA in diese Pläne miteinzuweihen, da sich zur selben Zeit ganz andere, wichtigere Ereignisse, zum Beispiel der Aufstand in Ungarn, zutrugen, die Washington in Atem hielten.

Die Mobilisierung der israelischen Streitkräfte wurde in den USA zwar registriert, jedoch waren die Analysten der verschiedenen Geheimdienste davon überzeugt, dass es sich dabei um eine Reaktion auf die Krise mit Jordanien handelte und nicht um die Vorbereitung auf einen Angriff auf Ägypten.

Nur fünf Tage nach der Unterzeichnung des Vertrags von Sèvres rollten jedoch israelische Panzer über die Grenze in die Sinairegion hinein, während gleichzeitig ein Bataillon von israelischen Fallschirmjägern in der Nähe des strategisch wichtigen Mitla-Passes abgesetzt wurde, um diesen zu erobern. Wer den Mitla-Pass in den Händen hielt, hatte auch die Ebene auf der anderen Seite bis zum Suez-Kanal im Griff. Bereits nach einer Woche standen israelische Einheiten auf der Ostseite des Suez-Kanals, mit dabei auch ein gewisser Ariel Scharon. Für Paris und London lief also alles nach Plan; sie erließen wie vereinbart das Ultimatum an die israelischen und ägyptischen Streitkräfte, um den Suez-Kanal zu räumen. Ebenso verlief auch die Reaktion der Ägypter nach Plan.

Während in Washington und Moskau die Drähte wegen dieses unnötigen Krieges im Mittleren Osten heiss liefen, und es eine reale Gefahr für einen Nuklearschlag gab, hielt am 6. November der Generalstabschef der israelischen Streitkräfte, Moshe Dayan, eine von David Ben-Gurion vorbereitete Siegesrede in Sharm el-Sheikh.

"Yotvat, auch als Tiran bekannt, wird wieder Teil des Dritten Königreichs von Israel sein", hiess es darin.

David Ben-Gurion hatte in irgendeinem Buch gelesen, dass auch dieser Teil der Sinai Halbinsel irgendwann einmal zum Königreich Israel gehört haben soll, obwohl es für diese Behauptung niemals irgendwelche Beweise gab und selbst innerhalb der jüdischen Quellen als fragwürdig behandelt wird.

Auch Ben-Gurion liess es sich nicht nehmen, am nächsten Tag im israelischen Parlament, der Knesset, eine Rede zu diesem Sinai-Feldzug zu halten. Diese Rede war, wie viele andere auch, nur darauf bedacht, die israelische Aggression rechtzufertigen und gleichzeitig die Absicht bekannt zu geben, die eroberten Gebiete auch zu behalten. Wie heuchlerisch (auch die Bezeichnung "verlogen" wäre nicht übertrieben) diese Rede angesichts der Fakten war, zeigte insbesondere dieser Teil der Rede:

"Es gibt kein Volk auf der Welt das so tief besorgt über die Prinzipien von Frieden und Gerechtigkeit ist, welche in der Charta der Vereinten Nationen enthalten sind, wie das jüdische Volk. Nicht nur weil diese Prinzipien Teil unseres antiken spirituellen Erbes sind und durch uns in die zivilisierte Welt gebracht wurden, sondern weil die gesamte Zukunft unseres Volkes grösstenteils von dem Gesetz des Friedens und Gerechtigkeit auf dieser Welt abhängt."

Nur Stunden nach dieser Rede in der Knesset erhielt David Ben-Gurion eine Drohung aus Moskau, welche vom sowjetischen Premier Nikolai Alexandrowitsch Bulganin unterzeichnet wurde:

"Israel spielt unverantwortlich und kriminell mit dem Schicksal des Friedens und deren Bürger, und stellt die eigene Existenz von Israel als Staat in Frage."

Auch die UN war in der Vollversammlung wie auch im Sicherheitsrat eindeutig: die Kampfhandlungen müssten umgehend eingestellt werden, und die Truppen vom ägyptischen Staatsgebiet abgezogen werden.

Der Krieg in Ägypten fand ausgerechnet während den Präsidentschaftswahlen in den USA statt, so dass aus Washington keine raschen Schritte erfolgen konnten. Aber als am 6. November Präsident Dwight D. Eisenhower die Wiederwahl gewonnen hat, erreichte auch die Warnung aus dem Weissen Haus die Israelis. Die neue/alte Eisenhower-Administration warnte Israel davor, sämtliche Hilfszahlungen einzustellen und sich für Sanktionen gegen Israel vor dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen einzusetzen.

Obwohl Israel von allen Seiten dazu gezwungen wurde, sich von der Sinai-Halbinsel zurückzuziehen, dauerte es doch einige Monate, bis der Rückzug klar geregelt wurde. Moshe Dayan ging dann sogar so weit, und gründete am 14. Dezember 1956 die erste jüdische Siedlung bei Sharm el-Sheikh, die er "Ofira" nannte. Für Israel war der Traum vom Dritten Königreich noch nicht ausgeträumt.

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