USA greifen „Islamischen Staat“ im Irak mit Phosphorbomben an – Auch Zivilisten?

USA greifen „Islamischen Staat“ im Irak mit Phosphorbomben an – Auch Zivilisten?
US-Streitkräfte haben im Kampf gegen die Terrormiliz „Islamischer Staat“ im Irak weißen Phosphor verwendet. Womöglich setzen die USA die chemische Waffe auch in zivilen Regionen ein. Diese Brandwaffe gilt als besonders umstritten, da sie nur unpräzise sowie flächendeckend einsetzbar ist. Bei Zivilisten verursacht sie schwerste Verletzungen.

Das Nachrichtenportal Washington Post identifizierte auf Bildern der Pentagon-nahen Webseite, Dvids, wie eine US-Artillerieeinheit mit Phosphorwaffen gegen IS-Stellungen im Irak schoss. Das Nachrichtenportal schrieb, die Einheit verwendete M825A1-Munition vom Kaliber 155 Millimeter.

Quelle: 1st Lt. Daniel Johnson / dvidshub.net
Quelle: 1st Lt. Daniel Johnson / dvidshub.net

In der Regel wird die Munition verwendet, um eine Nebelwand vor dem Gegner zu errichten. Außerdem lasse sich mit ihr Signalwirkung oder Markierungen für befreundete Einheiten umsetzen. Wenn diese Waffe gegen zivile Siedlungen eingesetzt wird, dann wird sie zu Brandwaffe, die bei Menschen schwerste Verbrennungen verursacht. Aus öffentlich zugänglichen Informationen heißt es:

Neben der Brandwirkung und den schwer heilenden Verletzungen, die ein Hautkontakt schon bei geringen Mengen verursacht, sind weißer Phosphor und seine Dämpfe hochgiftig.

Eine mit Phosphor in Kontakt gekommene Person wird versuchen, die brennenden Stellen auszuschlagen. Da Phosphor in Brandbomben jedoch mit einer Kautschukgelatine versetzt wird, bleibt die zähflüssige Masse an der bis dahin noch nicht brennenden Hand haften und wird so weiter verteilt. Da diese bei einem Angriff meist großflächig sind, sterben Betroffene langsam an ihren Verbrennungen, sofern sie nicht durch Inhalation der giftigen Dämpfe, Verbrennung der Atemwege zu Tode gekommen sind."

„Koalitionstruppen nutzen diese Geschosse mit Vorsicht und immer in Übereinstimmung mit dem Gesetz in bewaffneten Konflikten“, versicherte jedoch der Direktor für öffentliche Angelegenheiten der US-geführten Anti-IS-Koalition, Oberst Joseph Scrocca, auf Anfrage der Washington Post.

Quelle: 1st Lt. Daniel Johnson / dvidshub.net
Quelle: 1st Lt. Daniel Johnson / dvidshub.net

„Wenn M825A1-Munition zur Anwendung kommt, dann nur in Gebieten, die nicht von Zivilisten bewohnt sind, und niemals gegen feindliche Einheiten“, sagte er. Scrocca fügte hinzu, die Geschosse würden nur „zur Beleuchtung und für Signale“ benutzt.

Am Donnerstag musste der Pressesprecher der US-geführten Anti-IS-Koalition im Irak, Luftwaffenoberst John Dorrian, die Aussagen von Scrocca relativieren. Er gab an:

Die Truppen erwägen alle angemessenen Vorsichtsmaßnahmen, um die Gefahr der zufälligen Verletzung von Nichtkombattanten und die Beschädigung ziviler Strukturen zu minimieren.“

Dorrian lehnte es ab, auf die Frage einzugehen, ob die Phosphorbomben bereits gegen feindliche Einheiten verwendet wurden. Gegenüber Washington Post sagte er, die Munition „wird in den bereits beschriebenen Umständen angewendet“.

Quelle: 1st Lt. Daniel Johnson / dvidshub.net
Quelle: 1st Lt. Daniel Johnson / dvidshub.net

Mit Blick auf die Bilder von Dvids kommentierte Dorrian, die Aufnahmen wurden geschossen, während US-Truppen kurdische Kämpfer beim Vormarsch gegen den IS mit Artilleriefeuer unterstützten.

Die Operation, genannt Evergreen II, fokussierte sich darauf, den Peschmerga bei der Einnahme der Gwer-Brücke unweit der gleichnamigen Stadt im Norden des Landes zu helfen. Phosphor setzten die US-Truppen ein, um die Kurden-Offensive zu „vernebeln“, heißt es.

Fünf Billionen US-Dollar mussten US-amerikanische Steuerzahler bis dato für die Kriege in Afghanistan und im Irak aufwenden, wenn man auch die Folgekosten miteinbezieht. Zu diesem Ergebnis kam eine Untersuchung der Brown-Universität Providence.

Obwohl der Stoff von einigen Armeen verwendet wird, ist seine Legalität fragwürdig. Waffenexperten und Rechtsgruppen sind sich weithin einig, dass die Waffe besonders rücksichtslos und gefährlich für Zivilisten ist“, sagte Charles Shoebridge, ein ehemaliger Militär- und Geheimdienstoffizier, im Gespräch mit RT. „Die Waffe ist Furcht erregend, wenn sie gegen feindliche Truppen eingesetzt wird.“

„Weißer Phosphor brennt, wenn er in Kontakt mit der Luft kommt. Und bei Kontakt mit Wasser hört er nicht sofort auf zu brennen. Er brennt sich durch die Haut und Knochen. Die Verletzungen heilen nur sehr schwer und führen nicht selten zum Tod“, führte Shoebridge aus.

Der Experte betonte, dass „das humanitäre Völkerrecht, Kriegsrecht und verschiedene Protokolle ein komplexes Gebilde über die Nutzung der Waffe zeichnen“. Dabei wird lediglich betont, dass Phosphor „nicht in Gebieten verwendet werden soll, in denen Zivilisten leben“.

Der Chemiewaffen-Experte der US-amerikanischen Rice Universität in Texas, James Tour, bestätigte auf Anfrage von RT, dass internationale Konventionen den Einsatz von Phosphor gegen feindliche Kämpfer nicht ausschließen.

„Einschränkungen gelten bei der Verwendung gegen Zivilisten und in Fällen, bei denen Kämpfer direkt getroffen werden“, sagte Tour. „Wenn Phosphor in Kontakt mit feindlichen Truppen kommt, wird daraus eine chemische Waffe.“

Weißer Phosphor kommt „bei der Bekämpfung von Kräften sehr gut zur Wirkung, wenn sich diese in Bunkern verstecken. Der Phosphor konsumiert den Sauerstoff, den auch die Truppen in ihren Verstecken brauchen. Das führt dazu, dass sich die Einheiten aus ihrer Deckung begeben müssen. Feindliche Einheiten nehmen sie im Anschluss unter gezieltes Feuer.“ Laut Tour müsse es klare Regelungen für einen solchen Einsatz der Waffe geben. „Es muss jedem klar sein, wo man die Waffe einsetzen kann und wo nicht.“

Ein folgenschwerer und mutmaßlich von US-geführten Einheiten geflogener Angriff auf Stellungen der Syrisch Arabischen Armee bei Deir ez-Zor könnte die Bestandschancen der jüngst erzielten Waffenstillstandsvereinbarung schwer belasten.

Anfang des Monats gab die Menschenrechtsorganisation Amnesty International bekannt, dass auch Saudi-Arabien weißen Phosphor im Kampf gegen die pro-iranischen Schiiten-Milizen der Huthis im Jemen einsetzte. 2014 berichtete Human Rights Watch, dass die ukrainische Armee „außergewöhnlich grausame“ Brandwaffen, einschließlich weißer Phosphor, gegen Selbstverteidigungskräfte im östlichen Donezk einsetzte.

„Der Einsatz von weißen Phosphor in Bereichen, wo die Konzentration von Zivilisten hoch ist, verursacht wahllose Brände in einem weiten Bereich“, sagte Mark Hiznay von HRW.

„US-amerikanische und irakische Truppen sollten von der Verwendung des weißen Phosphors in städtischen Gebieten wie Mossul absehen, weil die schrecklichen Opfer, die entstehen, den taktischen militärischen Vorteil um ein Vielfaches überwiegen werden“, forderte er.