USA drohen syrischer Regierung: "Kooperiert mit uns oder es passieren noch mehr Unfälle"

An ein pures "Versehen" mag im Zusammenhang mit den Luftangriffen auf syrische Truppen bei Deir ez-Zor auch die so genannte "Opposition" nicht wirklich zu glauben. Ein Scheitern des Waffenstillstands würde für US-Strategen neue Optionen schaffen.
An ein pures "Versehen" mag im Zusammenhang mit den Luftangriffen auf syrische Truppen bei Deir ez-Zor auch die so genannte "Opposition" nicht wirklich zu glauben. Ein Scheitern des Waffenstillstands würde für US-Strategen neue Optionen schaffen.
Seit dem Angriff von Koalitions-Kampfjets auf syrische Truppen mit rund 100 Toten am Samstag in Ostsyrien ist das Verhältnis zwischen Russland und USA eingetrübt. RT Deutsch sprach mit zwei Nahost-Analysten über die Hintergründe des Zwischenfalls.

Äußerungen der US-amerikanischen UN-Botschafterin Samantha Power, die es "schändlich" nannte, dass die russische Regierung Washington nach einem Luftangriff auf Assad-treue Truppen in Deir ez-Zor am Wochenende eine mutmaßliche US-Unterstützung für die Terrormiliz "Islamischer Staat" vorwarf, sorgten ihrerseits für deutliche russische Reaktionen.

Ein folgenschwerer und mutmaßlich von US-geführten Einheiten geflogener Angriff auf Stellungen der Syrisch Arabischen Armee bei Deir ez-Zor könnte die Bestandschancen der jüngst erzielten Waffenstillstandsvereinbarung schwer belasten.

Die Pressesprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa, lud die US-Botschafterin zu den Vereinten Nationen daraufhin ein, Syrien zu besuchen und dort aus erster Hand zu betrachten, was "Schande" bedeute.

Die US-Botschafterin sprach im Rahmen einer Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrates, die Russland einberufen hatte, um die tödlichen Luftangriffe zur Sprache zu bringen.

Laut dem russischen Außenministerium starben bei Deir ez-Zor mindestens 62 syrische Soldaten, darunter zahlreiche pro-iranische Schiiten-Milizionäre. Der Zwischenfall ereignete sich unweit des Berges al-Tharda vor den Toren der ostsyrischen Stadt.

Die Vorgehensweise der US-geführten Truppen grenze an "grobe Fahrlässigkeit" und "Direkthilfe" für den IS, kritisierte Moskau. Das Nachrichtenportal "Welt online" spricht inzwischen von rund 100 mutmaßlichen Toten. Weitere 100 Assad-treue Kämpfer dürften verletzt worden sein. Die USA informierten, dass sie den Militärkonvoi 20 Minuten lang ins Visier nahmen. Dieser soll bereits seit Tagen beobachtet worden sein.

Der IS veröffentlichte inzwischen ein Video von dem eroberten Angriffsort:

Auf die Aussage von Power antwortete die Pressesprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa, in einem Facebook-Post:

Liebe Samantha Power, um den Begriff 'schändlich' wirklich zu verstehen, würde ich sehr empfehlen, nach Syrien zu reisen und mit den Menschen vor Ort persönlich zu reden. Ich spreche da nicht von der al-Nusra-Front oder der 'moderaten Opposition'. Ich spreche von der lokalen Bevölkerung, auf deren Boden seit sechs Jahren ein Krieg wütet mit Beteiligung Washingtons."

Der vergangene Woche beschlossene und mittlerweile ausgelaufene Waffenstillstand in Syrien scheint angesichts des Angriffs vom Samstag vor dem Zusammenbruch zu stehen. Ohnehin war es immer zu vereinzelten Gefechten am Boden zwischen Rebellen und der syrischen Armee gekommen.

Die Angriffe können dabei nicht auf eine einzige Kriegspartei reduziert werden. So flog die syrische Luftwaffe weiterhin vereinzelt Angriffe. Die Rebellen lehnen den Waffenstillstand ihrerseits zwar nicht ab, lassen sich aber ihrerseits ebenfalls gerne Hintertüren offen. Sie heißen insbesondere humanitäre Hilfslieferungen nach Aleppo willkommen, lehnen aber die Bekämpfung der ehemaligen al-Nusra-Front, heute als Dschabhat Fatih al-Scham, aus militärischen Zweckmäßigkeitserwägungen ab, wie der Syrien-Analyst Charles Lister vom Middle East Institute umschreibt.

US-Spezialeinheiten in Syrien.

Am Samstag informierte das russische Verteidigungsministerium, dass vier Luftangriffe der US-geführten Anti-IS-Koalition syrische Regierungstruppen trafen, die zuvor von der Terrormiliz eingekreist worden waren. Daraufhin vermochte der IS in zahlreiche Verteidigungslinien der syrischen Armee einzubrechen und die Stellungen der Einheiten einzunehmen. Medienberichten zufolge nahmen Kampfjets aus Dänemark und Australien an dem nach Aussage der USA "versehentlichen" Angriff teil.

Am Montag kamen Berichte auf, wonach sich die militärische Lage in Deir ez-Zor weiter zuspitzt. Die syrische Armee schoss laut der Nachrichtenagentur Sputnik eine Aufklärungsdrohne der US-amerikanischen Streitkräfte ab. Medien werten den Abschuss als Vergeltung für die Luftangriffe auf regierungstreue Truppen am Wochenende.

Gegenüber RT Deutsch kommentierte der türkische Nahost-Experte der Universität Sakarya, Ömer Özdemir, die Ereignisse mit folgenden Worten:

Es könnte ein 'Unfall' gewesen sein. Wir wissen das nicht genau, aber es sieht so aus, dass die USA diesen Zwischenfall als Grundlage für eine härtere Gangart gegenüber der al-Assad-Regierung nutzen werden. Ganz nach dem Motto: 'Kooperiert mit uns oder es passieren noch mehr Unfälle'."

Der Syrien-Analyst Can Acun von der renommierten Denkfabrik SETA warnte trotz der höchst unvorteilhaften Optik davor, den Angriff der US-geführten Koalition einfach nur als IS-Unterstützung zu bewerten. Die Dynamik dahinter und Interessenlage reiche weit tiefer. Im Gespräch mit RT Deutsch bemerkte er, dass der Vorfall um insgesamt vier Dimensionen berühre, die für die USA von strategischer Bedeutung sind. Er sagte:

Die USA wollten der al-Assad-Regierung in erster Linie vorführen, welches Schicksal ihr drohe, wenn sie sich nicht an den Waffenstillstand hält. Zweitens geht es darum, dass die USA Damaskus zwingen wollen, aus den kurdischen YPG/PKK-Hochburgen in Nordsyrien endgültig abzuziehen, vor allem aus Hasaka, wo Washington zahlreiche Kommandos von Spezialeinheiten unterhält. Drittens wollen die USA hinsichtlich des Machtgleichgewichts in der Region den Status quo erhalten und last but not least geht es auch um den Gewinn des Zuspruchs vonseiten der drusischen Minderheit im Süden des Landes."

Bislang hat sich die drusische Minderheit, die sich vor allem im Süden des Landes rund um die Stadt Suweida wiederfindet, auf die Seite der al-Assad-Regierung gestellt. Sie sind ein wichtiger Stabilitätsfaktor für die Stärke der Regierung in Südsyrien, die sich im Kampf gegen die FSA-nahe Südfront befindet, welche vom jordanischen Geheimdienst und dem CIA aufgebaut wurde. Dabei spielt der populäre Brigadegeneral Issam Zahreddine eine zentrale Rolle. Er wird als Identifikationsfigur unter Drusen wahrgenommen. Issam Zahreddine und sein Bruder kommandieren die Einheiten der syrischen Armee in Deir ez-Zor.

Nichtsdestotrotz wird sie als Wackelkandidat gehandelt und ist sowohl intern als auch extern gespalten. Der Führer der Drusen im Libanon, Walid Dschumblatt, der über eine große Anhängerschaft in Syrien verfügt, gilt beispielsweise als vehementer Gegner der al-Assad-Regierung. In Suweida brachen in der Vergangenheit ebenfalls Konflikte aus, da die syrische Armee die Region als Rekrutierungsbasis betrachtet.

Auf Nachfrage von RT Deutsch informierte Can Acun, dass sich Zahreddine zum Zeitpunkt der Luftangriffe auf einer Truppenbesichtigung im südsyrischen Kuneitra befand. Der Bruder des Generals, Osama, ist der Oberbefehlshaber in dieser Gegend. Die Schwächung hochrangiger Vertreter der Zahreddine-Familie würde unweigerlich zur Stärkung der Anti-Assad-Lager in Suweida und der Schwächung der Regierung in ganz Südsyrien führen. Der Angriff könne insofern auch als Warnung der USA an die Adresse von Issam Zahreddine gedeutet werden.

Die Schaffung einer neuen Konstellation der Kräfte in Südsyrien könnte sich zu Gunsten von oppositionellen Gruppen entwickeln und Regierungstruppen verstärkt militärisch binden. Damaskus müsste die Südfront stärker im Auge behalten, die seit Monaten vergleichsweise ruhig ist. Truppen im Norden würden beim Zusammenbruch des Waffenstillstands erneut durch das von Ahrar al-Scham geführte Rebellenbündnis "Dschaisch il-Fatah" unter Druck geraten. Dies würde die Einkesselung Aleppos durch Regierungstruppen langfristig wieder in Frage stellen.

Für den Analysten Ömer Özdemir war der Waffenstillstand vom Anfang zum Scheitern verurteilt. Er sagt voraus:

Es gab einfach zu viele Angriffe in den letzten Tagen von allen Seiten; den Rebellen, Regierungstruppen und nun den USA. Es kam keine humanitäre Hilfe in Ost-Aleppo an. Der Waffenstillstand wird brechen."

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