Gefahr der Eskalation an iranischer Grenze: USA wollten mit Spionageflug "Reaktionsfähigkeit testen"

Bislang konnte eine Eskalation vermieden werden. Der jüngste Zwischenfall mit zwei US-Aufklärungsflugzeugen an der iranischen Grenze war jedoch nicht die erste unerquickliche Begegnung zwischen den Streitkräften beider Länder im Persischen Golf.
Bislang konnte eine Eskalation vermieden werden. Der jüngste Zwischenfall mit zwei US-Aufklärungsflugzeugen an der iranischen Grenze war jedoch nicht die erste unerquickliche Begegnung zwischen den Streitkräften beider Länder im Persischen Golf.
Angeblich, um die Reaktion des Irans zu testen, näherten sich am Samstag zwei US-Aufklärungsflugzeuge dessen Grenze. Nach dem Zwischenfall warfen US-Militärs dem Iran zunächst "unprofessionelles Verhalten" vor und warben dann dafür, verbindliche Einsatzregeln festzulegen.

Zwei US-Aufklärungsflugzeuge haben sich am Samstag bis auf eine Meile dem iranischen Luftraum angenähert. Daraufhin drohte Iran mit dem Abschuss, sollten die Flugzeuge in das Hoheitsgebiet der islamischen Republik eindringen.

US-Militärvertreter reagierten auf den Zwischenfall mit Aussagen, wonach sich Teheran "unprofessionell" und "unsicher" verhalten hätte. Die USA hätten lediglich die Reaktionsfähigkeit der iranischen Luftabwehr "austesten" wollten.

In den letzten Monaten war es bereits mehrfach zu Konfrontationen zwischen US-Streitkräften und dem Iran im Nahen Osten gekommen, die teilweise heikle Ausmaße angenommen hatten.

In Anbetracht des Risikos, Teheran könnte von seinem legitimen Recht Gebrauch machen, fremde Kampfflugzeuge im eigenen Hoheitsgebiet abzuschießen, lenkte die US-Marine ein, in deren Verantwortung der Einsatz stand.

Gleichzeitig rief sie zur Implementierung von Einsatzregeln auf. Solche Rules of Engagement (RoE) umschreiben einsatzbezogene Regeln für Streitkräfte im Zusammenhang mit der Anwendung militärischer Gewalt im Rahmen weltweiter nationaler und multinationaler Militäroperationen. Sie tragen rechtlichen, politischen, militärstrategischen sowie operativen Vorgaben Rechnung. Im Falle der USA sollen sie Zusammenstöße im Persischen Golf und damit einen potenziellen neuen Flächenbrand im ohnehin kriegsgeschüttelten Nahen Osten verhindern.

Einige Vertreter des US-amerikanischen Verteidigungswesens, die anonym bleiben wollten, äußerten sich in Gesprächen mit den US-Fernsehsendern Fox und CNN am Wochenende auf sehr ungewöhnliche Weise über den Zwischenfall. Sie bestätigten, dass iranische Militärs die Besatzung der Aufklärungsflugzeuge vom Typ Boeing P-8 Poseidon und EP-3 Aries gewarnt hatten, den iranischen Luftraum nicht zu verletzen. Widrigenfalls würden sie Gefahr laufen, abgeschossen zu werden.

Ein US-amerikanischer Verteidigungsbeamter rechtfertigte im Interview mit Fox die mutmaßliche Spionage-Operation an der iranischen Grenze wie folgt:

Wir wollten die iranische Reaktion testen. Immer drohen sie, jemanden abzuschießen. Wir sehen das nicht als professionell an."

Auch andere US-Beamte bezeichneten Teherans Warnung gegenüber Fox News als "unprofessionell" und "unsicher". Der Sender selbst hatte allerdings zuvor einen Bericht zitiert, wonach Iran in der besagten Grenzregion keine Luftabwehrsysteme stationiert habe.

Die US-Luftwaffe führte bislang vorliegenden Berichten zufolge die Aufklärungsflüge am 10. September 13 Meilen von der Küste Irans durch. Ein weiterer US-Vertreter erklärte gegenüber Fox News, die US-Flugzeuge ignorierten die Warnungen und führten ihre Mission weiter aus. Sie vermieden es allerdings, dem iranischen Luftraum allzu nahe zu kommen, fügte er hinzu. Angesichts der nach wie vor nicht restlos ausgeräumten Spannungen zwischen Teheran und den USA besteht ungeachtet dessen die Gefahr, dass der Iran das Vorgehen Washingtons als provokativ, wenn nicht sogar als Akt der Aggression auslegen könnte.

Bereits Anfang des Monats hatte der iranische Brigadegeneral Abdullah Reschadi erklärt, dass die Luftverteidigung Irans fortwährend den nationalen Luftraum auf der Suche nach feindlichen Aktivitäten überwache.

"Unsere Radarüberwachung im Persischen Golf und im Golf von Oman erkennt die Bewegungen von Aufklärungsflugzeugen", äußerte Reschadi. "Wir erkennen unmittelbar Aktivitäten in der Luft und liefern taktische Reaktionen in weniger als zwei Minuten."

Der jüngste Vorfall im Persischen Golf ereignete sich in einer Zeit, da die USA den Iran beschuldigen, US-Kriegsschiffen in der Region nachzustellen. Laut Medienberichten fanden alleine in diesem Jahr bereits 30 kritische Begegnungen zwischen der iranischen und der US-amerikanischen Marine statt, hauptsächlich im Bereich der iranischen Seegrenze.

Erst vergangene Woche zwang ein iranisches Flugzeug das US-Kriegsschiff USS Firebolt, den Kurs zu ändern. Der iranische Jet näherte sich dem Patrouillenboot im Persischen Golf auf 91 Meter. Der Zwischenfall markierte den bereits vierten militärischen Zusammenstoß beider Nationen im Laufe eines Monats.

Am Sonntag wies der iranische Militärsprecher die US-Behauptung zurück, wonach Irans Streitkräfte den USA fortwährend nachstellen würden. Er betonte, Irans Aktivitäten entsprechen dem internationalen Recht.

Kampfschiffe der Islamischen Republik Iran sind sich des internationalen Rechts und dessen Regeln bewusst. Sie agieren stets auf Basis vereinbarter Standards. Die US-Unterstellungen sind nicht nur fiktiver Natur, sondern entstammen auch ihrer Angst vor der Macht der Streitkräfte Irans", erklärte der stellvertretende Generalstabschef der iranischen Streitkräfte, Brigadegeneral Massoud Jazayeri.

Teile des US-Admiralskorps zeigen sich mittlerweile besonnener. Um weitere Zusammenstöße mit dem Iran im Golf zu vermeiden, forderte der oberste US-Admiral John Richardson nun die gemeinsame Vereinbarung von Einsatzregeln mit Teheran.

Das sind potenziell destabilisierende Ereignisse, bei denen eine taktische Fehlkalkulation oder ein menschlicher Fehler immer größere Auswirkungen nach sich ziehen könnte", warnte Richardson. "Es ist wichtig, diese Art im Zuge unserer Aktivitäten zu beseitigen. Es gibt ansonsten nicht Gutes, das daraus entstehen könnte."

"Wenn wir eine solche Art von Regelwerk mit den Iranern umsetzen würden, wäre dies auch hilfreich, um Rahmenbedingungen für nützlichere Begegnungen zur See zu schaffen", fügte der Admiral hinzu.

Die Straße von Hormuz ist ein wichtiger Seeweg, durch den in etwa ein Fünftel der weltweiten Ölversorgungsströme verlaufen. Anfang des Jahres nahm die iranische Küstenwache zehn US-Matrosen fest, bei denen es sich um mutmaßliche Angehörige von Spezialeinheiten handelte. Diese hatten sich offenbar unweit der Farsi-Inseln mit zwei Militärbooten der Grenze genähert und iranische Hoheitsgewässer verletzt. Die USA führten den Vorfall offiziell auf ein mechanisches Versagen der Boote zurück. Vermutlich um eine Eskalation zu vermeiden, ließ Teheran die US-Soldaten in weiterer Folge wieder frei.