Zerschlagung von Syrien vorerst abgewendet - Teil 2

Syrische Regierungstruppen mit dem "Victory"-Zeichen. Kurz zuvor hatten sie im Südwesten von Aleppo mit russischer Luftunterstützung einen Militärkomplex zurückerobert, 5. September 2016.
Syrische Regierungstruppen mit dem "Victory"-Zeichen. Kurz zuvor hatten sie im Südwesten von Aleppo mit russischer Luftunterstützung einen Militärkomplex zurückerobert, 5. September 2016.
Die USA und ihre Verbündeten hatten mit den dschihadistischen "Rebellen" und den kurdischen YPG-Einheiten lange Zeit mehrere Optionen zur Auswahl, die ihnen vor Ort beim Agieren halfen. Dann aber unterschätzten sie die Russen und reizten die Türkei einmal zu oft.

Von einer relativ großen Anzahl an kurdischen Parteien in Syrien vor Ausbruch des Krieges im Jahr 2011 sollte sich mit Fortdauer der Kampfhandlungen die "Partei der Demokratischen Union" (PYD) mit ihrem militärischen Arm, den "Volksverteidigungseinheiten" (YPG), als die Stärkste erweisen. Diese nutzten das Machtvakuum im Nordwesten des Landes aus, das nach dem Rückzug der Syrischen Armee Mitte 2012 entstanden war, als sich diese den koordinierten Angriffen der "Freien Syrischen Armee" (FSA) im Süden widmen musste.

Die PYD schwang sich rasch zur alles beherrschenden Partei in dem nunmehrigen De-facto-Autonomiegebiet der Kurden auf. Zwischen der Regierung von Bashar al-Assad und der PYD-Führung herrschte zumindest ein stillschweigendes Übereinkommen, dass die Milizen der YPG und die Regierungstruppen einander nicht in die Quere kommen sollten. Beide waren dazu entschlossen, sich gegen die fortwährenden Angriffe vonseiten der Dschihadisten zur Wehr zu setzen und in Aleppo arbeitete man sogar Schulter an Schulter an dieser Aufgabe. Dort stellen im Stadtteil "Sheikh Maqsood" Kurden sogar die Mehrheit der Bevölkerung und die Kämpfer der YPG haben sich schnell auch zu ihren "Beschützern" aufgeschwungen.

Diese Übereinkunft zur gemeinsamen Abwehr der Angriffe des wahhabitischen Al-Qaida-Ablegers Jabhat al-Nusra in Aleppo sollte nicht von langer Dauer sein. Obwohl diese Dschihadisten sich gegen Ende 2012 im Ostteil von Aleppo festgesetzt haben und ein "Islamisches Kalifat Aleppo" ausgerufen haben, wechselte die YPG im März 2013 auf deren Seite. Gemeinsam sollten die radikalen Islamisten und der syrische PKK-Ableger in der Folgezeit den Westteil Aleppos terrorisieren.

Dieses Phänomen stellte jedoch nur eine kleine Ouvertüre zu einem Kampfgeschehen dar, das sich den komplexen Verhältnissen zwischen syrischen Kurden und Arabern auf der einen sowie den Dschihadisten entsprechend entwickelte und sich sehr wechselhaft gestalten konnte. Schließlich wurden all diese Milizen und Verbände vom Ausland für eigene Zwecke benutzt und oft manipuliert, ohne jedoch einen klaren Sieg ihrer jeweils eigenen Agenda zu erreichen - mit Ausnahme des sogenannten "Islamischen Staates".

Solange alle Beteiligten einander gegenseitig bekämpften und keine Seite dabei klare Vorteile erzielen konnte, gab es aus Sicht der Türkei keinen dringenden Handlungsbedarf. Das sollte sich spätestens mit dem von den USA betriebenen Aufbau der im Oktober 2015 gegründeten "Syrian Democratic Forces" (SDF) im kurdischen Gebiet ändern. Die Amerikaner brauchten eine schlagkräftige Truppe auf dem Boden, welche man auch offiziell mit schwerem Kriegsgerät ausrüsten konnte. Die bisherigen US-Versuche, eigene Rebellengruppen aufzubauen, scheiterten stets kläglich, zumal die erste Amtshandlung der Eigenbau-Rebellen in spe nach teurer Ausbildung und "Freisetzung" in Syrien regelmäßig im Überlaufen zu etablierten Dschihadgruppen unter Mitnahme der Waffen bestand. Diese Form der Rebellen-Unterstützung entpuppte sich ebenso als PR-Desaster für Washington. Also blieb im Grunde nur noch die kurdische YPG übrig, die sich in punkto Manpower und Erfolgen an der Front noch "kaufen" ließe.

Da aber die Türkei die YPG als Terrororganisation einstuft und keine offene US-Unterstützung für diese Gruppe dulden wollte, erschuf man eben die SDF. In der Theorie sollten unter dem Dach der "Syrischen Demokratischen Kräfte" verschiedenste Ethnien und Religionen eine Einheit bilden, was angesichts der Aufgabe und der Realität vor Ort ein Ding der Unmöglichkeit darstellte. Deshalb wurden 30.000 kampferprobte Männer der YPG in die neue Gruppe aufgenommen, die restlichen 10.000 Mann setzten sich aus diversen Stammesmitgliedern, Rebellen, ausländischen Söldnern und manchmal auch aus US-Eliteeinheiten zusammen.
Zudem erkaufte sich Washington von der YPG das Recht, die Rmeilan Air Base im östlichen Teil des von Kurden kontrollierten Gebietes in Syrien unter ihre Kontrolle zu nehmen.

Das heißt, nur um es in aller Deutlichkeit zu formulieren: Die Vereinigten Staaten von Amerika haben ohne Genehmigung durch Damaskus einen Stützpunkt für US-Soldaten auf syrischem Territorium errichtet und gehören somit nach Völkerrecht als illegaler Besatzer sogar zu legitimen Angriffszielen der syrischen Regierung.

Assad hielt sich mit Kritik jedoch zurück, da die USA versprochen haben, diesen Stützpunkt nicht als Ausgangspunkt für Angriffe auf Damaskus zu benutzen, sondern um zusammen mit den "Syrischen Demokratischen Kräften" gegen den "Islamischen Staat" vorzugehen. Monatelange wurde die Rmeilan Air Base von US-Transportflugzeugen der Armee angeflogen, um die SDF mit entsprechenden Offensivwaffen auszustatten und natürlich auch auszubilden. Für Washington hieß das Ziel "Go West", tief in das Gebiet des IS hinein. Als Stolperstein erwies sich aber die strategisch wichtige Stadt Manbidsch, keine 30 Kilometer von der türkischen Grenzstadt Karkamis entfernt und, was noch wichtiger ist, westlich des großen Flusses Euphrat gelegen.

Der erste Moment der Wahrheit stellte sich Ende Dezember 2015 ein, als SDF-Kräfte mithilfe von US-Luftunterstützung den Fluss überquerten und den wichtigen Tishrin-Damm eroberten. Von diesem Zeitpunkt an war es sowohl der Regierung in Ankara als auch dem Weißen Haus in Washington klar, dass Manbidsch demnächst folgen müsste, wenn der gemeinsame Kampf den IS nicht noch weiter zu einer Farce abgleiten sollte. Was folgte, waren lange politische Verhandlungen, bis man sich nur einen Tag vor dem Putschversuch in der Türkei auf eine Eroberung der Stadt Manbidsch einigen konnte.

Die eigentliche Offensive hingegen hatte bereits im Juni begonnen, so dass nach dem politischen Einverständnis am 20. Juli ein Ultimatum zur Aufgabe der Stadt an die IS-Führung und die Bewohner erlassen wurde. Erst am 12. August gaben die letzten IS-Kämpfer auf und zogen sich zurück.

Was dann im türkischen Fernsehen gezeigt wurde, musste Erdoğan die Zornesröte ins Gesicht treiben. Obwohl es vereinbart war, dass "Araber" die Mehrheit der SDF-Kräfte bilden würden, die den Kampf um Manbidsch führen sollen, sah man nun in Wohnzimmern und Teestuben tanzende Kämpfer(innen) der kurdischen YPG und deren wehende Fahnen in der Stadt.

In Ankara war einmal mehr von Verrat die Rede. Nur drei Tage nach der Eroberung von Manbidsch brachen Kämpfe in der Stadt Hasakah aus. Obwohl sie im kurdischen Gebiet liegt, wurde die Stadt bis zu diesem Zeitpunkt von Regierungsbehörden verwaltet. In Hasakah leben Kurden, christliche und muslimische Araber, Chaldäer, Assyrer und Armenier zusammen.

Ganz offensichtlich von dem Erfolg in Manbidsch beseelt und möglicherweise dadurch übermotiviert versuchte die YPG, auch in dieser Stadt die Kontrolle zu übernehmen. Nachdem die YPG ein Angebot der Lokalbehörde auf einen Waffenstillstand abgelehnt hatte und stattdessen ihrerseits deren Abzug aus Hasakah forderte, fing die syrische Luftwaffe zum ersten Mal an, YPG-Stellungen zu bombardieren, die sich in kurdischen Stadtteilen befanden. Wie in vielen anderen Teilen Syriens auch sieht die Mehrheit der christlichen Minderheiten in der Regierung von Bashar al-Assad die einzige Kraft, die sie vor Angriffen und Vertreibung durch andere Ethnien und Gruppierungen beschützen kann. Natürlich nützt Assad diese Tatsache auch in Gesprächen mit ausländischen Diplomaten, die sich nach wie vor in Damaskus einfinden, zur Legitimation in eigener Sache.

Die Türkei will das Grenzgebiet Nordsyriens nicht nur vom IS

Übrigens bestätigte eine erst kürzlich von einer Faktenfindungstour in Syrien zurückgekehrte Delegation des amerikanischen US Peace Council in ihrer Pressekonferenz bei den Vereinten Nationen genau das Gleiche: Dieser Krieg in Syrien sei nach ihrem Dafürhalten kein "Bürgerkrieg", sondern eine "Invasion des mächtigsten Landes der Welt, dessen mächtigster Alliierter in Europa und deren mächtigster Alliierter im Mittleren Osten", die einen "grausamen Angriff auf das syrische Volk führen".

Es sei auch noch am Rande kurz erwähnt, dass wir, die wir in der westlichen Welt leben und ganz laut verkünden, unsere christlichen Werte wiedergefunden zu haben und diese auf einmal glauben, verteidigen zu müssen, es sind, die die Wiege des Christentums durch den versuchten Regimewechsel in Syrien nahezu ausgerottet haben. Das gleiche gilt natürlich auch für den Irak, wo durch die katastrophale US-Politik (und den Irak-Iran-Krieg zuvor) zwischen 1991 und 2011 hunderttausende Christen getötet wurden, vertrieben wurden oder das Land verlassen haben. Wie sich angesichts dieser Tragödie gewisse Redakteure des Springer-Blattes BILD in aller Öffentlichkeit auf die Seite von wahhabitischen Dschihadisten stellen können, entzieht sich vollkommen meinem Verständnis. Zumal es auch in den fünf Springerprinzipien, die jeder Journalist vertraglich unterschreiben muss, heißt, man wolle "gemeinsame Werte pflegen" und "alle Formen politischen Extremismus ablehnen."

Aber zurück zur aktuellen Entwicklung in Syrien und den kurdischen Angriff auf die Stadt Hasakah. Durch die syrischen Luftangriffe auf Positionen der YPG in Hasakah kam etwas ans Tageslicht, das lieber im sogenannten "fog of war" unerkannt bleiben wollte: US-Spezialeinheiten, Seite an Seite mit Kämpfern der YPG, die teilweise sogar deren Abzeichen tragen. Von den Luftangriffen offensichtlich bedroht, baten die US-Soldaten bei ihrem Kommandostab ebenfalls um Luftunterstützung. Da sich zu diesem Zeitpunkt aber keine US-Kampfjets in der Nähe befanden, verließen die syrischen SU-24 ihr Operationsgebiet ohne Zwischenfall. Dafür brach aber im Pentagon große Unruhe über diesen Zwischenfall aus. Sprecher Jeff Davies meinte dazu:

"Es bereitet uns Sorgen, wenn wir Luftangriffe des Regimes in Hasakah sehen, in einem Gebiet, wo jeder weiß, um auch das Regime einzuschließen, dass die Koalition aktiv in Operationen gegen den IS engagiert ist."

Soso, "in einem Gebiet" also, wo "die Koalition aktiv in Operationen" gegen die wahhabitischen Dschihadisten "engagiert" ist: Dumm nur, dass in diesem Gebiet weit und breit keine IS-Positionen zu finden sind. Hasakah liegt mitten in kurdisch kontrolliertem Gebiet, mit wenigen Ausnahmen, wo syrische Regierungstruppen (Flughafen Hasakah und ein paar christliche Dörfer) die Stellung halten, wie diese Karte vom 2. Juni 2016 zeigt. (Gelb: Kurden/Rot: Regierung/Schwarz: IS/Grün: "Rebellen")

Mit freundlicher Genehmigung von @deSyracuse
Mit freundlicher Genehmigung von @deSyracuse

Ob der YPG-Sturm auf die Stadt und die Tötung von - nach kurdischen Angaben - "zig Soldaten des Regimes" unter Leitung der US-Spezialkräfte geschehen sind oder nicht, ist natürlich nicht bekannt. Fakt ist aber, dass diese bei dem Angriff in unmittelbarer Nähe dabei waren und dass es ganz sicher keine Operation gegen den IS war.
Dieser Zwischenfall zeigte aber, was sich im sogenannten "off limits"-Gebiet tatsächlich abspielt. Dieses "off limits"-Gebiet ist es, auf welches sich der Pentagon-Sprecher mit seiner Wendung "jeder weiß das" bezogen hat. Dem liegt eine Übereinkunft zwischen der russischen/syrischen und der amerikanischen Luftwaffe zugrunde, die den Luftraum über Hasakah für US-Kampfjets für deren Angriffe auf IS-Stellungen in Syrien und Irak freihält, um einander nicht gegenseitig bei den Angriffen auf Dschihadisten in die Quere zu kommen.

Dass diese Absprache aber auch als Grundlage für den Einsatz von US-Spezialeinheiten gegen Regierungstruppen instrumentalisiert würde, war sehr wahrscheinlich nicht im Sinne des Erfinders. Schon am darauf folgenden Tag wäre es beinahe zu einem Zwischenfall zwischen einer erneut auftauchenden syrischen SU-24 über Hasakah und amerikanischen F-22 gekommen, die seit dem Vortag den Luftraum "abgesichert" haben. Dazu hieß es aus dem Pentagon:
"Wir werden unsere Luftmacht nutzen, um die Kräfte der Koalition sowie unsere Partner-Operationen zu verteidigen."

Auf die Frage eines Journalisten, ob das jetzt bedeuten würde, dass die USA jedes syrische oder russische Flugzeug abschießen würden, wenn diese die "Kräfte der Koalition" oder "Partner-Operationen" beschössen, die sich im Kampf gegen Regierungstruppen befänden, gab es keine Antwort. Eine weitere Frage war, ob das jetzt eine "Flugverbotszone" darstellen solle, worauf der Sprecher mit "Nein" antwortete. Dieser Journalist wollte sich mit dieser knappen Antwort nicht zufriedengeben und hakte nochmal nach. Wie man es nicht als Flugverbotszone bezeichnen könne, wenn man Syrien sagt, dass es irgendwohin nicht hinfliegen darf. "Nennen Sie es, wie Sie wollen", war die Antwort des Sprechers.

Es ist tatsächlich egal, wie man es nennt: De facto haben die Vereinigten Staaten von Amerika eine Flugverbotszone in Syrien errichtet - innerhalb derer sich auch der US-Stützpunkt Rmeilan Air Base befindet -, die von den momentan besten Kampfjets der Welt überwacht wird. 

Zerschlagung der Arabischen Republik Syrien (vorerst) abgewendet

Diese Entwicklung ließ in Ankara sämtliche Alarmglocken läuten. Fassen wir deshalb die vielen Informationen kurz zusammen: Mitte Juli gab es einen Putschversuch gegen Erdoğan, wobei nicht unwesentliche Kräfte in Ankara die USA dafür verantwortlich machten. Fast gleichzeitig willigte die Türkei in eine von den USA unterstützte Operation gegen den IS in der Stadt Manbidsch ein.

Obwohl vonseiten der USA zugesichert wurde, dass die von der Türkei als Terrororganisation eingestuften YPG keine führende Rolle bei dieser Operation spielen würden, sah man dann doch genau diese Kämpfer/innen ihre Fahnen in der Stadt hissen. Von Deutschland wegen der Armenien-Resolution enttäuscht, gab es nur wenige Tage nach dem Putsch den Vorwurf aus Berlin, die Türkei sei eine "zentrale Aktionsplattform für islamistische Gruppierungen".

Zudem lieferte Deutschland 70 Tonnen Waffen und Munition an die Kurden im Irak. Und die USA, von denen sich die Türkei noch vor dem Putschversuch jede Menge Kritik gefallen lassen musste, errichtete eine De-facto-Flugverbotszone im kurdischen Gebiet, während US-Spezialeinheiten einem Angriff der kurdischen YPG-Kämpfer auf syrische Regierungssoldaten beiwohnten.

Was sich somit vor den Augen Erdoğans abspielte, war genau das, wovor er in den letzten zwei bis drei Jahren immer gewarnt und was er als "rote Linie" bezeichnet hat. Dass aber die USA bei der Übertretung dieser Linie tatkräftig mitgewirkt haben, muss besonders schmerzlich gewesen sein. Während dieser ganzen Zeit gab es hochrangige Sicherheitsgespräche zwischen türkischen, iranischen und irakischen Vertretern der Armee und der Geheimdienste in Bagdad.

Dort befindet sich auch das gemeinsame Hauptquartier der in Syrien auf der Seite von Präsident Assad stehenden Parteien: Russland, Iran und Hisbollah. Berichten zufolge ist man bei einem der Treffen nach dem Hasakah-Debakel dahingehend übereingekommen, dass auch Syrien künftig die PYD als PKK-Terrororganisation behandeln wird, was für die Türkei faktisch eine carte blanche für ihren geplanten Krieg gegen die Kämpfer der YPG bedeutet hat.

Im Gegenzug fing die Türkei an - was beweist, wie sehr sie tatsächlich in den Krieg in Syrien involviert war und ist -, hunderte "moderate Rebellen" von Aleppo abzuziehen, um diese über die türkische Grenze zum bevorstehenden türkischen Angriff auf die syrische Grenzstadt Dscharablus zu schleusen. Ebenso zog der türkische Geheimdienst die "Division 13" ab, die die turkmenischen Brigaden im bergigen Hinterland von Latakia organisiert hatte.

Das alles, vermutlich sogar der syrische Luftangriff auf Hasakah am 19. August, war ein feinstes Spinnweben-artiges Strategiekonzept aus russischer Planung. Elijah Magnier, einer der besten Kenner und Beobachter des syrischen Krieges, bezeichnete dieses plötzlich zutage tretende Schauspiel als "Matrjoschka-Strategie". Für Russland und für die Türkei, aber auch für Syrien, entsteht eine Win-Win-Situation.

Mit dem offiziellen und öffentlich geführten Einstieg der Türkei in das syrische Kriegsgeschehen wurde ein Staat zum Patron einer ganzen Reihe von "Rebellen", die bisher ihr eigenes Süppchen gekocht und sich dem Meistbietenden angeboten haben. Übrig geblieben sind dann jene Dschihadisten, die im Solde von Saudi-Arabien und Katar stehen und von den USA gedeckt werden.

Während für die Türkei in erster Linie der Kampf gegen die kurdischen YPG-Kämpfer und die Vereitelung eines zusammenhängenden kurdischen Gebietes im Vordergrund stand, wollte sich Russland der beginnenden Verbreitung einer US-Präsenz in Syrien entledigen. Gleichzeitig wurde von Aleppo etwas der Druck genommen, da hunderte unter der Flagge der Jabhat al-Nusra, pardon, Jabhat Fateh al-Sham kämpfende "Rebellen" unter direkte türkische Kontrolle gestellt wurden. Der Eintritt der Türkei in das syrische Chaos, der von vielen Medien als "Invasion" bezeichnet wurde - ja, auch vom syrischen Außenminister -, hält sich in Wirklichkeit an das "Adana-Abkommen" von 1999, das zwischen der Türkei, Syrien und Iran vereinbart wurde. Dies sind jene Parteien, die in Bagdad ihre größten Differenzen beiseitegelegt und somit den Grundstein für die "Operation Euphrates Shield" vonseiten der Türkei gelegt haben. 

Nach fünf äußerst blutigen und brutalen Kriegsjahren in Syrien könnte dies der erste richtige Schritt in Richtung einer politischen Lösung sein. Erinnern wir uns daran, dass eine von Katar durchgeführte Umfrage im Jahr 2012 über die Frage, wen die Menschen in Syrien an der Regierung haben wollen, nicht das Ergebnis hervorbrachte, welches man in Washington, London, Paris oder Berlin haben wollte. Von den arabischen Petromonarchien gar nicht erst zu sprechen. Es bleibt aber abzuwarten, wie die amerikanische Führung in Washington und deren "Alliierte" in Europa und auf der Arabischen Halbinsel auf diese Entwicklung reagieren werden. Die Türkei als wichtigste Drehscheibe für Waffenlieferungen, Dschihadistensammelplatz und militärische Infrastruktur zur Zerschlagung Syriens haben sie verloren.

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