Syrien: Türkei greift YPG mit Panzern an, Kurden verweigern US-Forderung nach Rückzug

Syrien: Türkei greift YPG mit Panzern an, Kurden verweigern US-Forderung nach Rückzug
Das türkische Militär hat am Donnerstag die US-unterstützte Kurden-Miliz YPG südlich der Stadt Dscharablus mit Artilleriefeuer, Panzern und Kampfjets angegriffen. Das berichtete die semi-staatliche Nachrichtenagentur Anadolu. Die YPG will entgegen den Aufforderungen vonseiten der USA nicht aus der Region westlich des Euphrat-Flusses abziehen.

Eine Gruppe von YPG-Kämpfern wurde um 18 Uhr lokaler Zeit von türkischen Haubitzen ins Visier genommen, nachdem türkische Geheimdienstler sie dabei entdeckt hatten, wie sie im Begriff waren, von Manbidsch aus auf Dscharablus vorzurücken. Die USA hatten der Türkei zugesichert, dass die YPG, ihr engster Partner in Syrien, sich auf deren traditionelles Einflussgebiet östlich des Euphrats zurückziehen werde.

„US-Außenminister Kerry betonte, dass die PYD/YPG-Kräfte auf die Ostseite des Euphrats abziehen werden“, wurde ein türkischer Sicherheitsinformant von der Tageszeitung Hürriyet zitiert. Diese Bemerkungen machte Kerry bei einer Telefonkonferenz mit seinem türkischen Amtskollegen Mevlüt Çavuşoğlu.

Bei einem Besuch in Ankara am 24. August drohte der US-Vizepräsident Joe Biden, die US-Unterstützung für die YPG, die als syrischer Ableger der PKK gilt, einzustellen, sollte diese auf die türkischen Forderungen nicht eingehen. Biden sagte:

„Sie können und werden unter keinen Umständen amerikanische Hilfe erhalten, wenn sie ihrer Verpflichtung nicht nachkommen.“

Die Türkei begann am Mittwoch mit ihrer Operation mit dem Namen „Schild des Euphrats“ in Syrien. Türkische Truppen rückten mit Luftunterstützung und mehrheitlich turkmenischen Rebellen in Dscharablus ein, um den IS aus der Stadt und der Region entlang der türkischen Grenze zu drängen. Die Terrormiliz „Islamischer Staat“ besetzte die Region seit 2013. Ankara hat bei der syrischen Regierung nicht um eine Genehmigung der Operation angefragt. Diese hatte sich allerdings auch bereits vor drei Jahren faktisch komplett aus der Region zurückgezogen. Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan rechtfertigte den Schritt damit, dass die Operation die zahlreichen grenzüberschreitenden IS-Angriffe beenden werde. 

„Es geht darum, Terrorgruppen zurückdrängen, die unser Land bedrohen wie den IS oder die PYD“, so Erdoğan.

Die Operation, so hieß es aus Ankara, diene dem Erhalt der territorialen Integrität Syriens. Am Mittwoch prangerte die YPG die türkische Militäroffensive gegen die Terrormiliz „Islamischer Staat“ als „feindliche Intervention“ an. Die Organisation lehnt es ab, auf die Forderungen Ankaras zu reagieren.

„Wir werden nicht auf die Forderungen der Türkei oder anderer Mächten hören. Die Türkei kann ihre eigene Agenda, ihre eigenen Interessen nicht über uns abwälzen. Unsere Kräfte sind dort. Wir werden nicht von westlich des Euphrats abziehen“, zitierte die kurdische Nachrichtenagentur Rudaw den YPG-Pressesprecher Redur Xelil.

Fakt ist, dass bislang keine kämpfende Organisation in Syrien neben Russland so schnelle militärische Erfolge gegen die Terrormiliz „Islamischer Staat“ verbuchte wie die türkische Armee, die gemeinsam mit FSA-Rebellen gegen feindliche Stellungen vorrückt. Kritiker spekulieren nun darüber, inwieweit der schnelle Erfolg gegen den IS auch mit einer starken personellen Durchlässigkeit zwischen dem IS und anderen Rebellengruppen wie jenen im Umfeld der FSA zusammenhängen könnte. In der Vergangenheit haben zahlreiche Rebellen zwischen den so genannten „gemäßigten“ Einheiten und den auch international als terroristisch eingestuften Gruppen wie Al Nusra und IS fliegende Wechsel vollzogen. Xelil bemerkte, das Ziel der Türkei sei es, neben dem IS auch die YPG zu bekämpfen. Die Türkei bestreitet diese Ambitionen auch nicht, hat sie doch kein Interesse an der Entstehung eines geschlossenen, von der YPG kontrollierten Korridor entlang ihrer Südgrenze.

Gegenwärtig sind in Nordsyrien mindestens 20 Panzer und über 450 türkische Soldaten stationiert. An ihrer Seite kämpfen mutmaßlich 1.500 bis 2.000 FSA-Milizionäre. In der Nacht auf Freitag brachen zudem Kämpfe rund um die weiter westlich gelegenen Städte Azez, Marea und den YPG-Kanton Efrin aus, nachdem die YPG versucht hatte, die von der pro-türkischen FSA gehaltenen Städte voneinander zu isolieren. Die türkische Luftwaffe und Artillerie sollen mit intensiven Bombardements von YPG-Stellungen reagiert haben.

Der Konflikt in Nordsyrien verstärkt die Eskalation auch innerhalb der Türkei. Am Freitagmorgen soll die PKK eine Autobombe in der türkischen Grenzregion Cizre zur Detonation gebracht haben. Bei dem Anschlag starben nach ersten Berichten türkischer Zeitungen acht Polizisten. Weitere 45 Menschen wurden verletzt. Zwei befinden sich in kritischem Zustand.

Die PKK und ihre Schwesterorganisationen werden von der Türkei wegen ihrer umstrittenen Ziele und fragwürdigen militärischen Praktiken als terroristische Vereinigungen gelistet. Andere Staaten bewerten die Gefahr, die von der PKK ausgeht, zum Teil anders.