Syrien: Türkische Panzer rücken gegen Dscharablus vor – Massive Angriffe gegen Stellungen des IS

Syrien: Türkische Panzer rücken gegen Dscharablus vor – Massive Angriffe gegen Stellungen des IS
Die türkische Armee hat am Mittwochmorgen grenzüberschreitende Operationen gegen die Terrormiliz „Islamischer Staat“ in Dscharablus gestartet. Türkische Spezialeinheiten, gefolgt von Turkmenen-Milizen der Freien Syrischen Armee, bilden die Frontspitze. Mittlerweile rücken türkische Streitkräfte auch mit Panzern auf Dscharablus vor. Kurdische Nachrichtenagenturen sprechen von zahlreichen toten Zivilisten im Zuge der Operation, Damaskus kritisiert Verletzung seiner territorialen Souveränität.

Die Intervention erfolgt mit Unterstützung der US-geführten Anti-IS-Koalition und zumindest der Billigung Russlands. Türkische Kampfjets dringen erstmals seit dem Abschuss eines russischen Su-24-Bombers im November 2015 in den syrischen Luftraum ein.

Die Operation unter dem Namen „Fırat Kalkanı“  („Schild des Euphrats“) begann um vier Uhr morgens, als türkische Artillerie-Batterien innerhalb von nur zwei Stunden 224 Schuss auf 63 Stellungen der Terroristen abfeuerten. Daraufhin flogen türkische und Koalitionskampfflugzeuge Einsätze auf IS-Ziele. Wie Militärquellen informieren, wurden zwölf Ziele bei der Luftoperation ausgeschaltet. Außerdem seien weitere 70 Ziele infolge von Raketenbeschuss neutralisiert worden. Laut Berichten der kurdischen Nachrichtenagentur Firat sollen im Zuge der türkischen Invasion bisher 29 Zivilisten getötet worden sein.

Es war das erste Mal, dass türkische Kampfjets vom Typ F-16 eine Luftoperation in Nordsyrien starteten, seit die türkische Luftwaffe unter bis heute dubiosen Umständen am 24. November 2015 einen russischen Bomber abgeschossen hatte. Russland drohte daraufhin seinerseits lange Zeit mit dem Abschuss türkischer Kampfflugzeuge über Syrien. Nach der Aussöhnung zwischen beiden Staaten im Juni scheinen diese sich über eine gemeinsame Bekämpfung der Terrormiliz „Islamischer Staat“ einig geworden zu sein.

Inzwischen teilte Washington mit, man werde der türkischen Operation Luftunterstützung zukommen lassen. Die Amerikaner versprachen dabei eine „Synchronisierung“ mit Ankara.

Zur gleichen Zeit rückten am Boden schwere Kampfpanzer ein. In die Stadt, die zuvor vom IS abgeriegelt und befestigt wurde, sickerten türkische Spezialeinheiten ein. Diese gehören der Elitetruppe der so genannten Bordo Bereliler an. Die Bordo Bereliler sind als Luftlande- und Bodenstreitkräfte einsetzbar. Sie führen verdeckte Operationen hinter feindlichen Linien zur Informationsgewinnung und verschiedene Kommandooperationen durch.

Während Spezialeinheiten bereits vorrückten, ist eine breitere Bodenoffensive offenbar nur noch eine Frage der Zeit. Auch hochrangige türkische Militärs deuteten dies Reuters gegenüber an. Türkische Kampfjets versuchen derweil, eine sichere Passage für die einrückenden Einheiten herzustellen.

Über 500 Rebellen nehmen an der Operation teil. Andere Analysten sprechen von über 1.500 Kämpfern. Sie gehören mehrheitlich zu den Rebellenformationen: Nureddin el-Zingi, Sultan Murat-Brigade, Dschaisch el-Tahrir und dem Turkmenischen Märtyrer Bataillon. Diese sind mehrheitlich turkmenisch geprägt und unterhalten exzellente Beziehungen zur Türkei.

Eine Bildergalerie von Turkmenen-Kämpfer, die an der Seite der türkischen Armee auf Dscharablus vorrücken:

Laut Aussagen der türkischen Regierung führt die Armee die Operation aus, um die türkische Grenze zu Syrien von IS-Präsenzen zu reinigen. Diese Aktivitäten stärken die Grenzsicherheit und unterstützen die territoriale Integrität Syriens, heißt es aus Ankara.

Die Operation zur Befreiung von Dscharablus werde nicht länger als zwei Wochen andauern, erklärte der türkische Fernsehsender NTV unter Berufung auf türkische Militärquellen.

Gleichzeitig führten Antiterroreinheiten Razzien gegen IS-Mitglieder auf der asiatischen Seite der Metropole Istanbul durch, berichtete die Nachrichtenagentur Doğan. Die Polizeirazzien begannen fast simultan zu den Militäroperationen in Nordsyrien.

Die Entscheidung, in Dscharablus einzumarschieren, sei angeblich auf Mörser- und Raketenangriffe des IS auf türkische Wohngebiete an der Grenze zu Syrien zurückzuführen.

Zahlreiche Analysten weisen allerdings auch auf eine geopolitische Komponente des Schritts hin. Demnach versucht die Türkei, den US-unterstützten Milizen der YPG unter dem Bündnis 'Demokratische Kräfte Syriens' in Dscharablus zuvorzukommen und diese dauerhaft an jedweder Festigung westlich des Euphrats zu hindern. Eine YPG-Präsenz östlich des Euphrats wird hingegen toleriert. Damit wolle Ankara verhindern, dass die YPG, die als Ableger der PKK gilt, fast die gesamte türkische Grenze zu Syrien kontrolliert. Unterdessen führt die Türkei seit über einem Jahr in Südostanatolien einen Krieg gegen die PKK. Sie befürchtet, die in mehreren Ländern als terroristisch eingestufte Kurden-Organisation könnte das YPG-Gebiet in Syrien als Rückzugs- und Aufmarschgebiet gegen die Türkei nutzen.

Inzwischen berichtete der türkische Fernsehsender CNN Türk, die türkische Armee werde nach der Einnahme von Dscharablus eine 70 Kilometer lange Linie, sprich Pufferzone, zwischen Marea und Dscharablus schaffen, die sie absichern wird. Inzwischen tauchen auch Meldungen auf, wonach türkische Militäroperationen im kürzlich von Turkmenen eroberten al-Rai, westlich von Dscharablus, stattfinden. Es ist zu vermuten, dass in der Region a) ein Korridor für Flüchtlinge geschaffen werden könnte und b) dieser YPG-Ambitionen, einen geografischen Raum zum dritten Kanton Efrin zu schaffen, einen Riegel vorschiebt.

Laut dem Syrien-Analysten Ömer Özkizilcik rücken türkische und FSA-Einheiten konzentriert von Westen auf Dscharablus zu. Dörfer und Stellungen werden westlich der Stadt aufgerollt. Dennoch lassen die Einheiten dem IS einen offenen Korridor. Seiner Meinung nach ist abzuwarten, ob es unter diesem Eindruck auch zu Konfrontationen mit der YPG kommt, wenn der IS nur geringen Widerstand in Dscharablus leistet.

Bildquelle: Twitter / Ömer Özkizilcik
Bildquelle: Twitter / Ömer Özkizilcik