Syrien: Protürkische Rebellen wollen YPG in Dscharablus zuvorkommen

Syrien: Protürkische Rebellen wollen YPG in Dscharablus zuvorkommen
Von der Türkei unterstützte Rebellen werden auf der türkischen Seite der syrischen Grenzstadt Dscharablus zusammengezogen. Diese sollen in Kürze mit türkischer Artilleriehilfe und Luftunterstützung der "Anti-IS-Koalition" eine Großoffensive auf die von der Terrormiliz „Islamischer Staat“ gehaltene Stadt durchführen. Ankara möchte damit auch verhindern, dass Truppen der von den USA unterstützten, kurdischen YPG auf die strategisch wichtige Stadt vorrücken.

„Die Truppen versammeln sich auf türkischem Territorium in einem Bereich in der Nähe der syrischen Grenze“, sagte ein Kämpfer der Freien Syrischen Armee gegenüber Reuters. Eine andere Rebellenquelle bestätigte die militärischen Bewegungen an der türkischen Grenze. Die Einheiten agieren unter dem losen Schirm der Freien Syrischen Armee. Ankara zieht die Einheiten mutmaßlich in einem Militärcamp unweit der Stadt Karkamis zusammen, das vor den Toren von Dscharablus liegt.

„Jeden Tag kommen Gruppen von Kämpfern über einen geheimen Grenzübergang in die Türkei zur Basis, von wo aus die Offensive auf Dscharablus vorbereitet wird“, teilte die namentlich nicht genannte Quelle der internationalen Nachrichtenagentur mit.

RT Arabic berichtete, dass zwischen 600 und 700 Kämpfer bereitstehen würden, um Dscharablus zu stürmen. Der libanesische Fernsehsender Al Mayadeen berichtete, dass bereits Dutzende militärische Fahrzeuge aus Syrien in der Türkei angekommen seien.

Laut Medienberichten der türkischen Presse sind die folgenden Milizen an der Operation beteiligt:

Festakim Kema Umirt, die 13. FSA-Division, Ahrar Scharkiye, Feylak us-Scham, Liwa Ahrar, Dschabhat al-Schamiye und die große Turkmenen-Brigade Sultan Murat.

Es wird erwartet, dass die Offensive in den nächsten Tagen beginnen soll, bevor die US-unterstützten Demokratischen Einheiten Syriens (SDF), die hauptsächlich aus den kurdischen YPG bestehen, eine Offensive auf die Stadt vom Süden aus starten können.

Die Einnahme der Stadt von der Terrormiliz „Islamischer Staat“ gilt allerdings als nicht ganz einfach. Der IS habe die Stadt weiträumig vermint. Die Zivilbevölkerung soll größtenteils evakuiert worden sein. Stattdessen sollen in der gesamten Stadt Sprengfallen verlegt worden sein. Der IS positionierte womöglich in den zahlreichen Winkeln der Stadt Scharfschützennester.

Laut türkischen Militärquellen werden die FSA-Einheiten von der internationalen Anti-IS-Koalition aus der Luft unterstützt. Zu Boden sollen türkische Spezialeinheiten die Offensive der Rebellen gegen den „Islamischen Staat“ ergänzen.

Schlüsselpositionen könnten durch die Elitesoldaten eingenommen werden, damit es den FSA-Einheiten gelingt, die Stadt schneller zu infiltrieren. An der Grenze wurden zahlreiche türkische Artilleriestellungen aufgestellt, die Bewegungen außerhalb der Stadt im Blick haben werden.

Die türkischen Streitkräfte könnten den Rebellen außerdem IS-Bewegungsdaten über Radardaten und Drohnenüberwachung zukommen lassen. Gegen die Minengefahr sollen an der Grenze Minenräumfahrzeuge stationiert worden sein. Sie könnten den anrückenden FSA-Einheiten voranrücken.

Auch die von den USA unterstützten kurdischen YPG-Einheiten versuchen nach der Eroberung von Manbidsch im Südwesten von Dscharablus auf die Stadt vorzurücken. Dscharablus gilt als wichtige Schmuggelroute für Waffen und andere Güter der Terrororganisation in die selbsternannte Hauptstadt Rakka. Die YPG sollen keine 20 Kilometer vom südlichen Stadtrand von Dscharablus entfernt sein.

Ankara ist seit Langem über die an Substanz gewinnenden Unabhängigkeitsforderungen der YPG in Syrien besorgt. Die Milizen machten seit 2014 mit signifikanter US-Unterstützung auf Kosten des IS und anderer dschihadistischer Gruppen große Geländegewinne in Nordsyrien.

Die Kurdenorganisation kontrolliert inzwischen fast den gesamten türkischen Grenzstreifen zu Syrien. Ankara befürchtet, die Erfolge der YPG in Syrien könnten die PKK, ihre Schwesterorganisation, in der Türkei beflügeln. Seit Juli 2015 bekämpfen türkische Sicherheitskräfte die PKK im Südosten Anatoliens, wo eine große kurdische Minderheit lebt.

Während Ankara offenbar eine YPG-Präsenz östlich des Euphrat-Flusses zu akzeptieren scheint, lehnt man diese im Westen ab. Mit der Einnahme von Manbidsch überschritt die YPG allerdings diese „rote Linie".

Die PKK und YPG werden von der Türkei als terroristische Vereinigungen betrachtet, aber nicht von den USA. Die Türkei fürchtet, die YPG könnte anschließend auf Efrin vorrücken und damit ihre drei Kantone - Efrin, Kobani und Cizîrê - geografisch miteinander verbinden.

Am Samstag kündete der türkische Premierminister Binali Yildirim an, dass Ankara in Syrien in den nächsten sechs Monaten eine „aktivere“ Rolle spielen werde.

„Wir sagen, das Blutvergießen muss ein Ende haben. Babys, Kinder, unschuldige Menschen sollen nicht sterben. Das ist der Grund, warum die Türkei versuchen wird, in den nächsten sechs Monaten die Gefahr zu stoppen“, so der Premier wortwörtlich.

Eine Quelle der dschihadistischen Rebellenmiliz Ahrar al-Scham bestätigte gegenüber Reuters, dass die türkische Artillerie bereits seit Freitag IS-Stellungen an der türkischen Grenze bei Dscharablus bombardiert.

Von dort aus scheint die FSA Dscharablus mit der Turkmenen-Stadt al-Rai, auch Cobanbey, die erst vergangene Woche vom IS befreit wurde, weiter westlich verbinden zu wollen. Damit würde die gesamte türkische Grenze erstmals seit Gründung der Terrororganisation in Syrien frei von IS-Stellungen sein.

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